«Ihr seid zur Freiheit berufen.»

Gottes Wille oder der eigene Wille?

Was heisst eigentlich: «Gottes Willen tun»? Kann Gott nur in der Geschichte wirken, wenn die Menschen, die er ruft, auf ihren eigenen Willen verzichten? Die Frage ist nicht müssig, sondern trifft den Kern des Selbstverständnisses heutiger Menschen. Sie wollen und müssen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Ein Glaube, eine Religion, die als Bevormundung daherkommen, sind für sie nicht akzeptabel. Die Menschen haben sich befreit von den Ansprüchen einer Kirche, die Gottes «Wille» verkündet, dabei aber oft genug die Menschen gegängelt und eingeengt hat. Auf solche Freiheit mag keine(r) mehr verzichten.

Ein Gott, der meine Freiheit, mein Glück will

Und doch haben Menschen zu allen Zeiten nach diesem Willen Gottes gesucht, darum gebetet, ihn zu finden. «Lehre mich, deinen Willen zu tun; denn du bist mein Gott», (Psalm 143,10) spricht ein Beter (oder Beterin) in den Psalmen. «Dein Wille geschehe» heisst es im Vaterunser. Dahinter steckt eine im ersten Moment paradox klingende Erfahrung des Glaubens. Ein Mensch, der sich auf Gott einlässt, der den Willen Gottes sucht und tut, der erfährt nicht weniger, sondern mehr Freiheit. Gott hat den Menschen erschaffen und will, dass sein Leben gelingt. Das ist nur möglich, wenn Menschen frei sind. Wenn sie selbst die Verantwortung für ihr Leben tragen können und dürfen. Deshalb ist es gegen den Willen Gottes, wenn Menschen unfrei sind. Wenn die soziale, wirtschaftliche oder politische Situation Menschen daran hindert, ihr Leben frei gestalten zu können. Und so haben die ersten Christinnen und Christen ihren Glauben als neue Freiheit, als Befreiung erfahren. Als Befreiung von Schuld und Krankheit. Als Niederreissen der Schranken zwischen Sklaven und Freien, Reichen und Armen, Juden und Heiden. Als Befreiung von der Angst um sich selbst. Befreiung von Mächten und Dämonen. Als Freiheit von Todesangst. «Ihr seid zur Freiheit berufen.» (Galater 5,13), so fasst es Paulus zusammen.

Es ist die Erfahrung, dass dort, wo einer bedingungslos «Ja» sagt zu mir, mir eine neue Freiheit geschenkt ist. Dass ich befreit bin von der Angst, nicht anerkannt zu sein. Befreit vom Zwang, anderen gefallen zu müssen. Befreit vom Druck, mir und anderen durch Leistung oder Wohlverhalten beweisen zu müssen, dass ich es «wert» bin, geliebt und anerkannt zu werden. Das ist die grundlegende Freiheit des Glaubens. Und sie ist viel grundlegender als alle Regeln oder Gebote, die auch zum christlichen Glauben gehören. Sie wollen diese grundlegende Freiheit in eine Lebensform bringen, die mir und den anderen Freiheit erlaubt.

Ein Gott, der sich abhängig macht von der Freiheit der Menschen

Deshalb kommt Gott, wenn er in die Geschichte «eingreifen» will, auch nicht an der Freiheit vorbei. Im Gegenteil. Wenn Gott in diese Welt hineinwirken will, wenn er Menschen trösten, befreien, ermutigen, stärken will, dann kann er das nur durch Menschen. Er ist, er macht sich abhängig vom Willen und der Freiheit von Menschen. Das gilt für Mose. Nur wenn er «Ja» sagt zum Ruf Gottes, wenn er seine Hemmungen und Ängste überwindet, kann Gott sein Volk befreien aus Ägypten. Das gilt beispielhaft auch für Maria, die Mutter Jesu. Wenn sie nicht «Ja» sagt zur Botschaft des Engels, kann Gott nicht Mensch werden. Kann er nicht in Geschichte der Menschen treten. Gott will, er kann keinem Menschen seinen Willen aufzwingen (wie könnte er dann noch die Freiheit des Menschen wollen!). Und deshalb respektiert er auch das Zögern, den Widerspruch, das Ausweichen, die Umwege des Menschen. Seine Angst, selbst seine Schuld. Im Talmud, einer Schrift der jüdischen Tradition, heisst es: «Der Mensch wird des Wegs geführt, den er geht.» Das will heissen: Wir glauben an einen Gott, der unsere Lebenswege mitgeht. Auch die Umwege, ja, selbst die Irrwege. Eine Berufung geht nicht an den Fähigkeiten und Möglichkeiten eines Menschen vorbei. Sie fordert ihn heraus, aber sie überfordert ihn nicht. Gott ruft uns, in unsere Möglichkeiten und in die Freiheit.

Freiheit für alle

Gerade die Berufung des Mose macht aber eines deutlich. Wenn Gott ruft, dann geht es nicht nur um die Freiheit und das Glück des jeweils Gerufenen, sondern für alle Menschen. Gerade darin liegt die Herausforderung. Mose musste seine Gewohnheiten, seine Ängste, seinen vorgezeichneten Lebensweg hinter sich lassen, um Führer und Befreier seines Volkes zu werden. Der Ruf Gottes führt nie in eine bequeme religiöse Kuschelecke. Sondern sie fordert heraus zu einem Einsatz für mehr Freiheit, für mehr Gerechtigkeit und Solidarität. Deshalb ist es Menschen oft nicht leicht gefallen, ihrer «Berufung» zu folgen. Oft liegt der Ruf Gottes quer zu unseren Vorstellungen, Plänen oder Wünschen. Die Menschen wussten, dass ihre Berufung sie in Konflikte führen konnte. Auch in Leiden oder Schmerzen. Es mag nicht immer bequem sein, dem Willen Gottes zu folgen. In jedem Fall aber lohnend! Die Geschichte des Christentums ist voll von Gestalten, die sich teilweise bis zum Äussersten für andere eingesetzt haben, und dennoch freie und glückliche Menschen waren. Abbe Pierre, Mutter Teresa sind solche Beispiele. Sie sind ihrem Ruf gefolgt, haben ihren Platz im Leben, ihre Aufgabe gefunden. Meine/unsere Berufung mag weniger grossartig sein. Aber es kommt nicht darauf an, wie weltbewegend meine Berufung ist, sondern dass ich ihr folge.

Eine chassidische Weisheitsgeschichte über einen Rabbi Susja drückt das wunderbar aus:

«In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen:
Warum bist du nicht Mose gewesen?
Man wird mich vielmehr fragen:
Warum bist du nicht Susja gewesen?
Man wird mich nicht fragen:
Warum hast du nicht das Maß erreicht, das der grösste und gewaltigste Glaubende unserer Religion gesetzt hat?
Sondern man wird mich fragen:
Warum hast du nicht das Mass erfüllt, das Gott dir ganz persönlich gesetzt hat?
Warum bist du nicht das geworden, was du eigentlich hättest werden sollen?»

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