Es war einmal – und weiter?

Ein Geschichtenerzähler

Jesus war offenbar einer, der gerne Geschichten erzählte und die Zuhörer:innen mit seinen Worten zu fesseln vermochte. Die Leute blieben stehen – da sprach einer unverbraucht und einfach von Gott. Die Geschichten nahmen überraschende Wendungen und hinterliessen Nachdenklichkeit. Und sie waren keineswegs fromm, im Gegenteil. Da hörte man von Gaunern und Verschwendern, von aufsässigen Witwen, rücksichtslosen Richtern und kaputten Familien, von Klugen und Dummen, von Unverschämten und Vielbeschäftigten, von spielenden Kindern und hungrigen Männern und Frauen – vom Leben halt. Denn was Jesus vom Gottesreich zu erzählen hatte, hat mit dem Leben seiner Mitmenschen zu tun. Und dieses war nicht perfekt.

Es war einmal eine Witwe, die fiel aus der Rolle

Witwen hatten in der damaligen Gesellschaft einen prekären Stand. Die Witwe etwa, von der das Lukasevangelium in Kapitel 18 erzählt, erfährt gar ein doppeltes Unrecht. Sie wurde Opfer von Gewalt und gerät in ihrer Not an einen gottlosen, korrupten Richter. Dieser weigert sich, ihr Recht zu verschaffen. Möglich, dass er bestochen wurde. Vielleicht pflegt er gute Beziehungen zum Angeklagten und will diese wegen einer armen Witwe nicht aufs Spiel setzen. Eine alltägliche Geschichte also. Stadtbekannter Mann in guter Position weist das (Rechts-)Begehren einer unbedeutenden Frau zurück. Er sitzt am längeren Hebel und will das Ganze wohl einfach aussitzen. Dann aber nimmt die Geschichte eine nicht ganz alltägliche Wende. Die Frau wird dem Richter lästig. Sie fällt aus der ihr zugeschriebenen Rolle und weigert sich, das wehrlose Opfer zu spielen. Sie ist aufsässig, kämpferisch und wird – so ist zu vermuten – wohl auch öffentlich laut. Diese Grenzüberschreitungen setzen dem Richter zu und lösen Angst aus: «Der Frau ist es zuzutrauen, dass sie mich vor allen ins Gesicht schlägt!» (18,5) Um sie loszuwerden, verschafft er ihr Recht. «Da sagte Jesus: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Wird Gott etwa seinen Erwählten kein Recht verschaffen, die Tag und Nacht zu ihm schreien?» (18,8)

Damit sie lernten, nicht zu verzweifeln

… und zu jeder Zeit zu beten, erzählt Jesus seinen Jünger:innen diese Geschichte. (18,1) Gott ist doch kein ungerechter Richter, der willkürlich «Recht» spricht. Im Wissen, dass Gott gerecht und barmherzig ist, findet die Witwe Kraft, hartnäckig um ihr Recht zu kämpfen. Im Vertrauen, dass sie gehört wird, schweigt sie nicht, sondern schreit ihr Unrecht in die Welt hinaus. Ihr Verhalten verdeutlicht, was Widerstand gegen Unrecht und Schreien zu Gott bedeutet. Jesus weiss, dass seine Zuhörer:innen unter der Not im Land leiden und sich nach Befreiung und Frieden sehnen. Das Gleichnis von der Witwe und dem Richter macht die Not sichtbar und ist Jesu Antwort auf die Sehnsucht. Gebt nicht auf, seid beharrlich, widerständig, unverschämt. Denn Gott ist nahe. Es ist eine Geschichte von der Trotzmacht des Geistes. So schreibt der Neutestamentler Hermann-Josef Venetz: «Unser Glaube darf durchaus etwas Lästiges, Aufsässiges, Trotziges, ja, Unverschämtes an sich haben.»

Wunschdenken!?

Immer wieder verkündete Jesus, dass das Gottesreich nahegekommen, ja, schon mitten unter den Menschen ist. Diese Aussage irritiert und provoziert nicht erst heute, wo die Nachrichten uns jeden Tag mit Bildern des Elends konfrontieren. Auch damals herrschten Armut und Gewalt; und wir können nicht davon ausgehen, dass Jesus der Ansicht war, dass sich dies bald ändern würde. «Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.» (Markus 10,42) Damit aber ist nicht das letzte Wort über die Wirklichkeit gesprochen. «Bei Euch soll es anders sein.» Jesus gibt sich mit dem, was faktisch gilt, nicht einfach ab. Er macht in seinem Handeln und Sprechen auf die Unmenschlichkeit von Strukturen aufmerksam, deckt andere Handlungsmöglichkeiten auf und zeichnet so ein Gegenbild. Wenn Gott und Welt sich berühren, dann… Die Geschichten sind eine Einladung an unsere Phantasie, nach neuen Wegen zu suchen. Denn nichts muss so bleiben, wie es ist. Nichts muss so weitergehen. Dass die Menschen im Gottesreich aus ihrer Rolle fallen dürfen, zeigt auch das folgende Gleichnis.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

Da erzählt Jesus von einem Gutsbesitzer, der mehrmals am Tag Arbeiter für seinen Weinberg einstellt (Matthäus 20,1-16). Den ersten am Morgen verspricht er den Tageslohn von einem Denar. Immer wieder holt er weitere Arbeitslose vom Markt, bis in den späten Nachmittag hinein. Als es abends zur Lohnauszahlung kommt, erhalten die zuletzt Gekommenen, die nur noch eine Stunde gearbeitet haben, ihren Lohn zuerst: einen Denar. Als diejenigen an die Reihe kommen, die am längsten gearbeitet haben, erwarten sie, dass sie mehr bekommen. Doch auch sie erhalten einen Denar. Da protestieren sie. Doch der Gutsbesitzer weist die Vorwürfe zurück: «Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich (zu anderen) gütig bin?»

Raum für Gottes Wirklichkeit

Es erstaunt nicht, dass eine solche Lohnpolitik als ungerecht empfunden wurde. Doch Jesus möchte zum Nachdenken anregen. Hier wird nicht gefragt, was hat jemand verdient, sondern was braucht er zum Leben? Ein Denar reichte damals knapp für das, was eine Familie an einem Tag zum Leben brauchte. Das heisst, er war das Existenzminimum. Und darauf sind alle angewiesen, egal ob sie Arbeit finden oder nicht! Und der Gutsbesitzer gesteht ihnen das auch zu. Unabhängig von der individuellen Leistung. Dass ein Chef sich an den Bedürfnissen seiner Mitarbeitenden orientiert anstatt rein auf die erbrachten Leistungen fixiert zu sein, war damals so ungewöhnlich wie heute. So öffnet Jesus mit seinen Gleichnissen einen Raum für Gottes Wirklichkeit in den alltäglichen, den gewohnten, den «normalen» Erfahrungen. Genau dort ist Gottes Wirklichkeit zu finden! «Mit was soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es ist wie der Sauerteig, den eine Frau unter einen grossen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.» (Lukas 13,21)

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