«Liquid Spirit» – Die kreative Kraft christlicher Gottesrede

«Liquid Spirit» heisst ein Album des amerikanischen Soulsängers Gregory Porter. Im gleichnamigen Titelsong – «ein Funkstück, angetrieben durch klatschende Hände und einen schneidenden Bläsersatz»1 – singt er vom Durst der Menschen nach der Lebendigkeit des Lebens, nach Musik und Freiheit. Die Lebensgeister, von Menschen eingezwängt in künstliche Bahnen und somit kraftlos, wollen fliessen: «Unreroute the rivers / Let the damned water be / There’s some people down the way that’s thirsty / So let the liquid spirit free.»

Der Song Porters, der als Kind mit seiner Mutter in der Kirche Gospel sang, lässt mit der Metapher des Wassers biblische Texte anklingen und verbindet sie mit der Erfahrung des Flow, des Fliessens, in der Musik. Zudem erinnert das Bild des eingezwängten Wassers an die Rassentrennung und das bis heute schwierige Leben Farbiger in den USA. Porter findet eine Sprache für die oft unbestimmte Sehnsucht. Er benennt den Durst und macht durch den Rhythmus und die Musik die Macht des «liquid spirit» zugleich spürbar: «Go `head and clap your hands now.»

Das Geheimnis des Lebens ins Wort bringen

Für mich ist Gregory Porters Song voller Spiritualität. Einem Gottespoeten gleich bringt Porter Gottes Lebensmacht zum Ausdruck. Dies gelingt durch eine Wortschöpfung, durch die Kreation eines neuen, unverbrauchten Bildes, das Assoziationen freizusetzen vermag: Flüssiger Geist – trinkbar, erfrischend; fliessender Geist – durchströmend, nährend, befreiend, mittragend, mitreissend. Es ist ein Bild, eine Metapher, die dem Geheimnis des Lebens Raum gibt.

Gottesrede ist auf Metaphern angewiesen. Seit jeher stehen gläubige Menschen vor dem Problem, dass Gott nicht sichtbar und hörbar und doch in ihrem Leben gegenwärtig ist. Wie können sie von Gott sprechen? Die Frage stellt sich selbst dann, wenn eine lange religiöse Tradition und ein reicher Schatz an Gottesnamen vorhanden sind. «Die Geschichte der christlichen Gottesrede – der ‹Theo-Logie› im wahrsten Sinn des Wortes – zeigt», so Hildegund Keul, «dass es immer eine Differenz gibt zwischen der vorgegebenen Rede von Gott und der Herausforderung, die in den spezifischen Problemen einer Zeit liegt.»2 Die bekannten, alltäglichen Worte greifen nicht mehr und vermögen das Besondere der Erfahrung unter Umständen nicht auszudrücken. «Nun gebricht mir mein Deutsch, und Latein kann ich nicht», schrieb Mechthild von Magdeburg im 13. Jh. n. Chr.3 Gotteserfahrungen setzen einen kreativen Sprachprozess in Gang, immer wieder neu. Gottesrede ist nie gegenständlich-fixierend, sondern ähnlich der Lyrik schafft sie Sprachbilder, sogenannte Metaphern, die wie Brücken fungieren, die das Unsagbare ins Wort kommen lassen.

Die Mystik und «Das fliessende Licht der Gottheit»

Die Mystiker*innen des Mittelalters waren in besonderer Weise sprachschöpferisch tätig. So ist bei Mechthild die Gottheit «der Brunnen ohne Grund, der niemals versiegt».4 Ähnlich paradox spricht Jan van Ruusbroec, ein Schüler Eckharts, vom finsteren Licht. Das Licht spielte in der Kunst des Mittelalters eine wichtige Rolle. Die neuen gotischen Kathedralen in Saint-Denis, Chartres und Paris sind lichtdurchflutet.

Auch bei Mechthild ist das Licht eine allgegenwärtige Metapher. Dies täuscht leicht darüber hinweg, dass Mechthild die abgeschirmte, «heile» Welt ihrer Kindheit auf der Burg verliess, um sich in Magdeburg der Armutsbewegung der frommen Frauen, den sogenannten Beginen, anzuschliessen. Ihr mystisches Werk entstand in Konfrontation mit dem Elend, das ihr die Stimme verschlagen hatte. Sie wusste nicht, wie sie Gott in der um sich greifenden Armut verkündigen sollte. In Bedrängnis und Not offenbarte sich Mechthild die Kraft der Liebe zum Leben. Solidarisch mit den Elenden entdeckte sie, dass jenen, die sich beharrlich dem Leben zuwenden, eine Macht zufliesst. Wie durch einen Spalt in der Mauer kommt den Menschen das fliessende Licht der Gottheit entgegen.

Sprachlosigkeit als Ort biblischer Gottesrede

Die Erfahrung der Sprachlosigkeit verbindet die Mystik mit der biblischen Gottesrede. Den ersten Namen erhielt Gott von Hagar, der von Sara und Abraham ausgebeuteten Sklavin, die in die Wüste flieht: «Du bist El-Roï – Gott schaut auf mich.» (Genesis 16,13b) Dem des Totschlags schuldig gewordenen Mose offenbarte sich Gott überraschend als der «Ich bin, der ich bin» (Exodus 3,14). Die Zweifel Mose‘ an seiner Sendung waren aber gross: «Aber bitte, Gott, ich bin keiner, der gut reden kann, weder gestern noch vorgestern, noch seitdem du mit deinem Knecht sprichst.» (Exodus 4,10)

Verschlägt es den Menschen die Sprache, spricht die Stille Gottes Wort.

 

 

  1. So Patrik Böhler (Ferment 3/2016), dem ich den Hinweis auf den Song verdanke.
  2. Hildegund Keul: Wo die Sprache zerbricht. Die schöpferische Macht der Gottesrede, Mainz 2004, S. 48.
  3. Zitiert nach Hildegund Keul: Sprache, S. 49.
  4. Vgl. zur Gottesrede Mechthilds auch «Das fliessende Licht der Gottheit», Buch 1, Kapitel 20: «Du bist mein Spiegelberg, meine Augenweide, ein Verlust meiner selbst, ein Sturm meines Herzens, ein Fall und Untergang meiner Kraft, meine höchste Sicherheit» (zitiert nach Angela Büchel Sladkovic: Freundin des Lebens. Frauengebetbuch, Fribourg 2016, S. 13).

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