Gottes Frage an Jona – und an uns

Die Erzählung über den Propheten Jona ist alles andere als ein Geschichtlein für kleine Kinder – sie ist ein theologisch-politisches Statement.

Wer das Jonabuch nur oberflächlich kennt, meint wahrscheinlich, die «Moral der Jona-Geschichte» sei: Tu’ was Gott verlangt, sonst wirst du von einem Walfisch verschluckt. Und wenn du dann doch mal verschluckt wirst, so bete fromm und brav, dann wirst du schon wieder gerettet werden. Doch diese «Moral» hat nichts mit der Jona-Erzählung zu tun – ganz im Gegenteil.

Das Jonabuch wurde etwa im 4. Jahrhundert v. Chr. geschrieben. Es erzählt keine historischen Ereignisse, sondern ist vielmehr eine erfundene Lehrerzählung (eine Art Gleichnis), die sich tiefgreifenden Fragen stellt: Wie sollen sich gläubige Menschen gegenüber ihren Feinden verhalten? Konkret: Wie sollen sich die Israelit*innen zu verfeindeten Grossmächten, die ihr Land besetzen und zerstören, verhalten? Und was sollen sie sich von Gott in dieser Situation erhoffen?

Historischer Hintergrund

Jona dient in der Erzählung als Beispielfigur für eine besonders fromme Person: für einen Propheten, der ja von Amtes wegen vorbildlich gottesfürchtig sein sollte. Das Jonabuch nimmt dazu einen Propheten namens Jona ben Amittai, der in viel früherer Zeit einmal gelebt hatte und von dem man nichts weiter weiss (vgl. 2 Könige 14,25), als Hauptfigur für seine Lehrerzählung. In der Jona-Erzählung verlangt nun Gott, dass Jona in die Stadt Ninive gehe und dort verkünde, die Schlechtigkeit Ninives sei bis zu Gott heraufgedrungen.

Ninive war im 8.-7. Jh. v. Chr. die Hauptstadt des assyrischen Weltreichs gewesen. Die Assyrer hatten 722 v. Chr. das Nordreich Israel und 701 v. Chr. fast ganz Juda grausam verwüstet und in die Vasallenschaft gezwungen. Im etwa 300 Jahre später geschriebenen Jonabuch steht Ninive daher als Paradebeispiel für eine äusserst aggressive, zerstörerische Grossmacht.

Der Assyrische König Tiglatpileser III. (8. Jh. v. Chr.) belagert eine Stadt – gepfählte Feinde im Hintergrund

Und zu dieser feindlichen Grossmacht wird Jona von Gott geschickt. Die Rollen scheinen klar verteilt: Hier Jona als gerechter und gottesgläubiger Prophet, dort die gewalttätigen, grausamen Assyrer.

Doch das Jonabuch wirbelt diese verfestigte Vorstellung von eigener Frömmigkeit und Gerechtigkeit und von der Bosheit der Feinde überaus selbstkritisch durcheinander. Wie humorvoll-ironisch dies geschieht, zeigt sich, wenn man das kurze Jonabuch als Ganzes liest. 1

Jonas Berufung und Flucht

Entsprechend einer Prophetenberufung beginnt das Jonabuch mit einem Auftrag Gottes an Jona:

«Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der grossen Stadt, und rufe über sie aus, dass ihre Schlechtigkeit zu mir heraufgedrungen ist.» (Jona 1,2)

Aufgrund der früheren geschichtlichen Ereignisse stimmen die israelitischen Leser*innen diesem Wort Gottes bestimmt zu: Ninive ist der Inbegriff des Erzfeindes, der bösen Weltmacht.

Anders Jona: Er flieht vor Gott und seinem Auftrag und geht genau in die entgegengesetzte Richtung: Er will nach Tarschisch, dem äussersten Westen der damals bekannten Welt. Warum Jona flieht, erfahren wir hier noch nicht. Naheliegend wäre anzunehmen, dass er sich vor den grausamen Assyrern fürchtet. Doch der Bibeltext sagt dies nicht.

Der Fortgang der Erzählung ist bekannt (Jona 1,4-16): Gott lässt einen Seesturm entstehen und das Schiff droht unterzugehen. Kaum bekannt ist, wie überraschend unterschiedlich das Verhalten des frommen Jona und der Seeleute, die zu unterschiedlichsten Völkern und Religionen gehörten, beschrieben wird: Die Seeleute, die für ihr ausschweifendes Leben und anderes mehr verpönt waren, tun das, was eigentlich Jona tun sollte, sie ‹beten und arbeiten›: Ein jeder schreit zu seinem Gott und sie werfen Lasten über Bord, um sich und das Schiff zu retten.

Jona hingegen tut keines von beidem: Er verkriecht sich zuunterst im Schiff und schläft. Selbst als der Kapitän ihn auffordert, ebenfalls zu beten, bleibt Jona stumm. Erst als das Los Jona als den Schuldigen erweist, bekennt er widerwillig:

«Ich bin ein Hebräer und verehre Gott (Jhwh), den Gott des Himmels, der das Meer und das Festland gemacht hat.» (Jona 1,9)

Und vor diesem Gott will Jona fliehen? Und wie sieht es mit Jonas Verehrung Gottes tatsächlich aus, wenn er vor Gott und seinem Auftrag flieht?

Jona wird über Bord geworfen (Bagdad, um 1600 n. Chr.)

Die Seeleute

Die Seeleute fragen, was sie mit Jona tun sollen, damit sich das Meer beruhigt. Spätestens hier würde man erwarten, dass Jona zu beten beginnt und Gott um Verzeihung für seine Flucht bittet. Doch keine Spur davon:

«Jona antwortete ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, damit das Meer sich beruhigt und euch verschont. Denn ich weiss, dass dieser gewaltige Sturm durch meine Schuld über euch gekommen ist.» (Jona 1,12)

Traut Jona Gott nicht zu, dass er ihm barmherzig sein könnte? Will Jona etwa gar nicht, dass Gott ihm gnädig ist? Wirft Jona sein Leben lieber weg, als einen verzeihenden Gott anzunehmen?

Die Seeleute verhalten sich weiterhin vorbildlich: Sie werfen Jona nicht über Bord, sondern rudern mit aller Kraft. Erst als ihnen kein anderer Ausweg mehr bleibt, rufen sie – die Seeleute! – zu Gott (Jhwh), dem Gott der Israeliten:

«Ach Gott, lass uns nicht untergehen wegen dieses Mannes und rechne uns, was wir jetzt tun, nicht als Vergehen an unschuldigem Blut an.» (Jona 1,14)

Jona wird ins Meer geworfen und das Meer hört auf zu toben. Die Seeleute aber kommen zum Glauben an den einen Gott Jhwh (Jona 1,16).

Ein komisches «Gebet im Fischbauch»

Dann schickt Gott bekanntlich den «grossen Fisch», der Jona verschlingt (Jona 2,1; im Hebräischen Text wird kein «Walfisch», sondern einfach ein «grosser Fisch» genannt). Dort erst, zuunterst angekommen, betet Jona zu Gott.

Häufig wird Jonas Gebet als echte Umkehr zu Gott interpretiert, worauf die Rettung erfolge. Doch es gibt Grund zur Annahme, dass Jona selbst im Fischbauch noch nicht erkennt, wie verkehrt er sich religiös verhält. Es ist doch seltsam, wenn Jona Gott vorwirft: «Du hast mich in die Tiefe geworfen» (Jona 2,4). Jona selbst hat die Seeleute ja dazu aufgefordert! Seltsam auch, wenn Jona betet: «Ich dachte: Ich bin aus deiner Nähe verstossen» (Jona 2,5). Er selbst ist ja geflohen! Seltsam ist überhaupt, dass Jona ein Dank- und kein Bittgebet formuliert und dass er immer in der Vergangenheitsform betet: «Das Wasser reichte mir bis an die Kehle, die Urflut umschloss mich» (Jona 2,6) – Jona befindet sich zur Zeit des Gebets doch mitten in der Urflut und ist vom Tod bedroht. Komisch bis grotesk wirkt auch die Aussage: «Wer nichtige Götzen verehrt, der handelt treulos.» (Jona 2,9) Die Seeleute mit all ihren unterschiedlichen Religionen hatten durchaus treuevoll gehandelt. Jona hingegen war treulos.

Meinem Verständnis nach wollen die Erzähler*innen des Jonabuchs mit alledem zum Ausdruck bringen, dass Jona auch noch bei diesem Gebet in seinen Fehleinschätzungen gegenüber sich, gegenüber Gott und den Seeleuten verharrt. Er betet einfach seine «Formeln» runter, ohne Einsicht in Gottes Willen und in seine vom Tode bedrohte Situation im Fischbauch. Bei solch frömmlerischer Fehleinschätzung, wird es selbst dem Fisch übel:

«Da befahl Gott dem Fisch und dieser spie Jona an Land.» (Jona 2,11)

Jan Brueghel d. Ä. um 1595 n. Chr., Jona wird an Land gespuckt

Glaube in Ninive

Nun endlich geht Jona nach Ninive und ruft: «Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!» (Jona 3,4) Eine äusserst knappe Botschaft – mit völlig überraschender Wirkung:

«Und die Leute von Ninive glaubten Gott.» (Jona 3,5)

Ninive, der Erzfeind, die böse Weltmacht, kommt aufgrund eines einzigen Prophetenwortes zum Glauben. Die Bewohner*innen Ninives beginnen zu fasten, der König steigt vom Thron und befiehlt gar den Tieren zu fasten und sich in Bussgewänder zu hüllen. Alle sollen sich von Unrecht und Gewalttätigkeit abwenden (Jona 3,5-9). Darauf heisst es:

«Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht.» (Jona 3,10)

Jona missfällt es

Jeder Prophet, ja jeder fromme Mensch müsste sich nun freuen, dass sich die Erzfeinde vom falschen Weg, von Unrecht und Gewalttätigkeit abwenden. Nicht so Jona: «Das missfiel Jona ganz und gar und er wurde zornig» (Jona 4,1). Mehr noch, Jona wirft Gott vor:

«3 Ach Gott, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich ja nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. 4 Darum, Gott, nimm mir jetzt lieber das Leben!» (Jona 4,3f)

Endlich erfahren wir, warum Jona geflohen ist: Er hat Mühe damit, dass Gott gnädig und barmherzig ist! Mühe damit, dass Gott auch dem ärgsten Feind, der von seinen Gewalttaten ablässt, verzeihen kann. Man stelle sich das vor, diese religiöse Enge und Verhärtung Jonas. Er tut einem fast schon leid.

Rembrandt, um 1654, Jona vor den Mauern Ninives

Gottes Frage an Jona

Gott fragt Jona: «Ist es recht von dir, zornig zu sein?» (Jona 4,4) Jona gibt keine Antwort. Er geht weg um abzuwarten, was mit der Stadt geschieht. Und dann folgt die humorvolle Episode mit dem Rizinusstrauch: Gott lässt einen Strauch wachsen, der zu Jonas Freude Schatten spendet. Am Tag darauf schickt Gott einen Wurm, der den Strauch annagt, sodass er verdorrt. Und wiederum, zum dritten Mal, wünscht sich Jona den Tod. Darauf sagt Gott zu ihm:

«10 Du hast Mitleid mit einem Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht grossgezogen hast. Über Nacht war er da, über Nacht ist er eingegangen. 11 Soll ich da nicht Mitleid haben mit Ninive, der grossen Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die zwischen rechts und links nicht unterscheiden können – und ausserdem so viel Vieh?» (Jona 4,10f)

Das Jonabuch endet mit dieser Frage. Es ist das einzige Buch der Bibel, das mit einer Frage endet. Es lässt damit offen, was Jona antworteten und wie es mit ihm weiter gehen könnte. Durch diesen offenen Schluss stellte das Jonabuch den damaligen Israelit*innen die selbstkritischen Fragen, wie sie mit Fremden, mit verfeindeten Menschen oder Völkern umgehen, und wie sie es mit der Barmherzigkeit Gottes halten.

Fragen an uns

Diese Fragen stehen im Raum und können auch als Fragen an uns heute verstanden werden. Individuell (im Kleinen) gefragt, heisst das: Wie gehe ich mit Menschen um, die mich verletzt haben; die mir Böses wollen oder antaten; die mir zu Feinden geworden sind. Und: Wie sieht Gott diese meine Feinde?

Das Jonabuch lädt zu einem zweifachen Zutrauen ein: Zum ersten soll Gott zugetraut – wenigstens zugebilligt – werden, dass Gott sich allen Menschen erbarmen will. Zum zweiten soll ich jedem Menschen, gerade einem mir zum Feind gewordenen Menschen zutrauen, dass er sich zum Positiven verändern kann.

Mit diesem zweifachen Zutrauen ist nicht gemeint, dass man Ungerechtigkeit und Verletzung, die einem andere zufügen, einfach schlucken soll und sich ducken muss. Keinesfalls: Es braucht Zivilcourage, immer schon und gerade auch heute! Auch Ninive wird mit seiner Schlechtigkeit (Gewalttat und Unrecht) konfrontiert.

Das Jonabuch behauptet jedoch, dass es dieses zweifache Zutrauen braucht, damit wir nicht in unseren Feindbildern verharren und erstarren.

Wenn wir zum einen auf Gottes Barmherzigkeit für jeden Menschen vertrauen lerne und zum andern auch jedem Menschen zutrauen, dass er sich zum Positiven verändern kann, dann werden wir stark genug, um uns für die Gerechtigkeit einzusetzen, stark genug, um uns für die eigene Würde und die Würde aller Menschen zu wehren, dann finden wir den rechten Ton, um andern gegenüber unsere Haltung deutlich zu machen.

Und so lädt uns das Jonabuch ein, zu glauben und zu vertrauen, dass Gott mit uns und mit unsern Mitmenschen barmherziger ist, als wir uns das vorstellen können.

  1. Vgl. zum Folgenden André Flury: Jona und der Erzfeind (Jona 3,1-5.10; Mk 1,14-20), in: Die siebzig Gesichter der Schrift, Bd. 1: Auslegung der alttestamentlichen Lesungen des Lesejahres B, hg. v. Schweizerisches Katholisches Bibelwerk, Fribourg 2011, S. 89-93; für weitere Auslegungen vgl. Meik Gerhards: Jona / Jonabuch, auf: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/22740/(22.1.2019).

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