Maria Magdalena

Maria Magdalena ist die herausragende Zeugin der Auferstehung Jesu und wird daher zurecht als Apostelin der Apostel bezeichnet. Im Laufe der Kirchengeschichte wurde Maria Magdalena einerseits hoch verehrt, andererseits aber auch vielfach zurückgedrängt, verkannt, verleugnet und schlecht gemacht. Es ist an der Zeit, ihre tragende Bedeutung für die Entstehung des christlichen Glaubens gemäss den Evangelien wieder anzuerkennen.

Frauen spielen in den biblischen Schriften häufig eine viel bedeutendere Rolle, als es die meisten späteren Ausleger wahrhaben wollten. Bereits die Schöpfungserzählung im Genesisbuch gibt der Frau die genau gleiche Würde wie dem Mann: Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, männlich*weiblich schuf er sie.1 Ebenso bedeutend wie die Erzväter sind die Erzmütter für die Entstehung des Volkes Israels.2 Die grosse Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten wird zuallererst von Frauen in Gang gebracht.3

Insgesamt war die altorientalische und antike Gesellschaft – wie fast alle Gesellschaften der Vergangenheit und auch die meisten der Gegenwart – eine patriarchale Gesellschaft, ein Herrschaft von (wenigen) Männern über die andern Menschen, besonders die Frauen, und viele biblische Aussagen bleiben darin verhaftet. Dennoch wird in zahlreichen biblischen Aussagen das Patriarchale aufgebrochen und die Bedeutung von Frauen in Religion und Geschichte betont. So legte beispielsweise die Jerusalemer Prophetin Hulda im 7. Jh. v. Chr. dem König Joschija das Gesetz / die Torah aus (2 Könige 22,14–20) und Alexandra Salome bewirkte als Königin Jerusalems (76–67 v. Chr.) nach jahrzehntelangen Bürgerkriegswirren eine Friedenszeit.

Diakonin Phoebe und Apostelin Junia

Auch im Neuen Testament spielen Frauen eine bedeutende Rolle. Der Apostel Paulus grüsst im Römerbrief eine Frau namens Phoebe und bezeichnet sie als «Diakonin der Gemeinde von Kenchreä» (Römerbrief 16,1f). So wie Paulus die Bezeichnung diakonos andernorts verwendet, ist davon auszugehen, dass Phoebe die christliche Gemeinde in Kenchreä (bei Korinth) leitete und das Evangelium verkündete. Möglicherweise überbrachte sie zudem den Römerbrief an die christliche Gemeinde in Rom. Nebst der Diakonin Phoebe grüsst Paulus auch eine Frau namens Junia. Von Junia und ihrem männlichen Partner Andronikus sagt Paulus: «sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt» (Römerbrief 16,7). Jahrhunderte lang war klar, dass es sich bei Junia um eine Apostelin handelte – bis spätere «Interpreten» ihr einen männlichen Namen Junias (mit «s») andichteten. Dies fand leider Eingang in die Bibelübersetzungen bis ins 20. Jh. n. Chr. In der neue Einheitsübersetzung von 2016 findet sich endlich wieder die sachgerechte Nennung von Junia als Apostelin.4

Hans Memling, Szenen aus dem Leben Mariä (1471 n. Chr., Ausschnitt: Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen)

Jüngerinnen – Nachfolgerinnen

Gemäss allen vier Evangelien befanden sich in der Nachfolge Jesu nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen, die ihm bereits «in Galiläa nachgefolgt waren» (Markusevangelium 15,40-41).5 Für die damalige Zeit nicht unbedingt selbstverständlich. Im Matthäus-, Lukas- und Johannesevangelium sind daher bei der Erwähnung «der Jünger» (grie. hoi mathetai) auch diese Frauen mitgemeint (inklusive Sprache). Beim Markusevangelium, dem ältesten Evangelium, ist das wichtigste Kriterium in der Beziehung zu Jesus die Nachfolge (grie. akoloutheo):6 So werden zu Beginn des Markusevangeliums vier Männer als Jünger berufen, um Jesus nachzufolgen (Markusevangelium 1,16-20), später folgen Levi und dann «die Zwölf». Um diese herum gibt es weitere Menschen, die Jesus nachfolgen. Zu diesen Nachfolger*innen gehören auch Frauen und diese sind im Markusevangelium entscheidend: Denn bei der Passion Jesu – der Verhaftung, dem Leiden und der Kreuzigung Jesu – versagen die männlichen Jünger in der Nachfolge allesamt (siehe unten). An ihre Stelle treten drei namentlich genannte sowie viele weitere Frauen, welche die Nachfolge über den Tod Jesu hinaus verwirklichen (Markusevangelium 15,41ff).

Maria Magdalena predigt der Fürstenfamilie in Marseille (Schule von Aragon, spätes 15. Jh. n. Chr.)

Maria Magdalena

Bei den Frauen, die Jesus nachfolgten, spielte Maria von Magdala (= Maria Magdalena) eine herausragende Rolle.7 Sie wird in den neun Evangelientexten, welche die vielen Frauen in der Nachfolge Jesu aufzählen, als einzige jedes Mal namentlich genannt und bis auf eine Ausnahme immer an erster Stelle. Maria Magdalena ist nach Maria, der Mutter Jesu, die am häufigsten genannte Frau im Neuen Testament: Ihr Name wird zwölf Mal genannt, womit sie neben Petrus, Jakobus, Johannes und Judas zu den am häufigsten erwähnten Personen aus der Gefolgschaft Jesu zählt.

Der Name Maria, vom hebräischen Mirjam, war zurzeit Jesu ein sehr beliebter Name, den auch im Neuen Testament verschiedene Frauen tragen. Um Verwechslungen zu vermeiden, sind diese Frauen namens Maria weiter gekennzeichnet. Interessanterweise wird Maria Magdalena nicht über die (verwandtschaftliche) Beziehung zu einem Mann näherbestimmt. Vielmehr wird sie mit ihrem Herkunftsort verbunden: Maria aus Magdala. Das damals blühende Fischereistädtchen Magdala lag am See Gennesaret, nur 30 km von Jesu Heimatort Nazareth entfernt und nur 8 km südlich von Kafarnaum, woher wohl Simon Petrus und Andreas stammten und wo Jesus sich wahrscheinlich am häufigsten aufhielt.

Aufgrund der Näherbestimmung von Maria mit ihrem Herkunftsort Magdala ist zu vermuten, dass Maria Magdalena eine selbständige Frau war, nicht verheiratet und ohne Kinder, denn andere Frauen wurden damals gewöhnlich mit der Nennung ihres Mannes oder ihrer Kinder oder ihres Vaters oder ihres Bruders näher bestimmt.8

Gemäss dem Markus- und Lukasevangelium hatte Jesus Maria Magdalena von «sieben Dämonen» geheilt.9 Krankheiten, deren Ursachen man damals nicht kannte, wurden gewöhnlich dem Wirken von «Dämonen» oder «bösen Geistern» zugeschrieben. Die Evangelien erzählen häufig, dass Jesus solche Krankheiten heilte und die «Dämonen» vertrieb. Wenn von Maria Magdalena die Heilung von «sieben Dämonen» erwähnt wird, so wird damit wahrscheinlich eine besonders schwere Krankheit gemeint sein, von der Jesus sie heilte. Maria Magdalena war also eine Geheilte, die Jesus bereits in Galiläa nachfolgte, und dann mit ihm nach Jerusalem zog, wo sie die massgebliche Zeugin von Tod und Auferstehung wurde.

Das ist es, was man gemäss den Evangelien historisch zu Maria Magdalena für die Zeit Jesu sagen kann.

Wer Maria Magdalena nicht war

Maria Magdalena ist gemäss den Evangelien nicht die «Sünderin», von der das Lukasevangelium 7,36-50 erzählt: Von dieser Frau, die Jesu Füsse mit ihren Tränen benetzte, sie mit ihren Haaren trocknete, küsste und mit Öl salbte, ist kein Name überliefert. Im Unterschied dazu ist es ja gerade ein Kennzeichen von Maria Magdalena, dass ihr Name immer genannt wird. Jesus verteidigt die ohne Namen genannte «Sünderin» gegen den Pharisäer Simon und vergibt ihr ihre Sünden. Es ist nicht nur der Name dieser Frau unbekannt, es ist auch unbekannt, was ihre «Sünden» gewesen waren. Erst spätere Ausleger haben sie als Prostituierte bezeichnet – warum auch immer.

Georges de La Tour, Büssende Magdalena (um 1637 n. Chr.)

Maria Magdalena ist auch nicht die Maria aus Bethanien, die Schwester der Martha und des Lazarus, von der das Johannesevangelium erzählt, sie habe Jesus kurz vor seinem Einzug in Jerusalem und seiner Festnahme ebenfalls die Füsse gesalbt (Johannesevangelium 12,1-11).10

Erst spätere Ausleger verbanden Maria Magdalena mit diesen zwei anderen Frauen. Die ersten schriftlichen Belege für diese Vermischung finden sich ab dem 4. Jahrhundert. n. Chr. Es ist dies die Zeit, in der das Christentum allmählich zur neuen Staatsreligion des Römischen Reiches wurde. Nach den Verfolgungen, die Christ*innen in den ersten Jahrhunderten erleiden mussten, wurde ihnen nun von politischer Seite zunehmend Macht zuerkannt. Das Zurückdrängen von Maria Magdalena und anderer Frauen in der Kirche steht im Zusammenhang mit dem Kampf um diese Macht und der Behauptung einer patriarchalen Struktur der «Grosskirchen». Maria Magdalena wurde zur «reuigen Sünderin» gemacht, zur Prostituierten, und zur Schwester des Lazarus und der Martha. Verschiedene Kirchenväter trugen dazu bei. Schliesslich setzte Papst Gregor der Grosse in seinen Magdalenenpredigten (ca. 591 n. Chr.) Maria Magdalena explizit mit der Sünderin aus dem Lukasevangelium gleich und deutet die sieben Dämonen als «sämtliche Laster»11. Auch wenn Gregor die Gnade Gottes betonte, die Maria Magdalena widerfuhr, sowie ihre Bedeutung als Verkünderin der Osterbotschaft ebenfalls sah, so galt nun Maria Magdalena in der Westkirche bis zum 2. Vatikanischen Konzil hauptsächlich als magna peccatrix poenitens (grosse, büssende Sünderin)dies im Gegensatz zu den Ostkirchen, welche diese Vermischung von Maria Magdalena anderen neutestamentlichen Frauen nicht machten.12

Etwa zeitgleich zu Papst Gregor d. Gr. betonten in der Ostkirche Leontius von Byzanz (ca. 485-543 n. Chr.) und Gregor von Antiochien (Ostkirchlicher Patriarch in Antiochia von 571-593 n. Chr.) den Vorrang von Maria Magdalena als Verkünderin der Auferstehung gegenüber Petrus, der als Vertreter der Westkirche gilt. Gregor von Antiochien betont in einer Predigt, in der er das Matthäusevangelium 29,8f kommentiert, das Versagen der Jünger. Er lässt zudem der Maria Magdalena und weiteren Frauen einen erweiterten Verkündigungsauftrag Jesu zukommen:

«Verkündet meinen Jüngern, welche Mysterien ihr gesehen habt. Werdet die ersten Lehrer der Lehrer. Petrus, der mich verleugnet hat, soll lernen, dass ich auch Frauen zu Aposteln wählen kann» (PG 88, 1869).

Fra Angelico, Noli me tangere (um 1440 n. Chr.)

Das Versagen der Jünger / der Zwölf

Zurück zu den Evangelien der Bibel: Wie bereits erwähnt, erzählt das Markusevangelium besonders deutlich, dass die Jünger Jesu allesamt versagten, als es um Leben und Tod ging: Am Ölberg, im Garten Getsemani, schliefen die Jünger drei Mal ein, statt mit Jesus zu wachen und zu beten.13 Einer der Jünger verriet Jesus an seine Gegner. Als Jesus verhaftet wurde, verliessen ihn alle Jünger und flohen, einer sogar nackt. Petrus folgte Jesus zwar von Weitem, doch er verleugnete ihn drei Mal indem er behauptete, Jesus nicht zu kennen.

Die Angst der Jünger ist nachvollziehbar. Denn auch ihnen drohte die Kreuzigung durch die römische Besatzungsmacht, wenn sie sich zu Jesus bekannt hätten, wenn sie ihm wirklich nachgefolgt wären. Doch das taten sie nicht. Sie flohen. Die Jünger, die Zwölf, hatten gemäss dem Markusevangelium keinen Bestand.

Maria Magdalena bleibt bei Jesus

Ganz anders die Frauen mit Maria Magdalena. Sie folgten gemäss dem Markusevangelium Jesus auch in seiner schwersten Stunde nach. Dies zeichnet Maria Magdalena und die anderen Frauen als treue und mutige Jüngerinnen bzw. Nachfolgerinnen Jesu aus. Alle vier Evangelien berichten davon, dass Maria Magdalena und andere Frauen in der Todesstunde Jesu anwesend waren:

«40 Auch einige Frauen sahen von Weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome; 41 sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.» (Markusevangelium 15,40f)14

Manche Ausleger nehmen an, die Jüngerinnen hätten im Unterschied zu den Jüngern bei der Kreuzigung Jesu sein können, weil es für sie weniger gefährlich gewesen sei. Doch dem ist historisch wahrscheinlich nicht so: Gemäss dem jüdischen Historiker Josephus Flavius (37/38-100 n. Chr.) wurden von der Römischen Besatzungsmacht auch Frauen und Kinder gekreuzigt. Es ist daher davon auszugehen, dass die Frauen ihr Leben riskierten, indem sie Jesus nachfolgten und auch bei seinem Tod zu ihm standen. Wer als Anhänger*in in der Nähe der Hinrichtung eines «Aufrührers» entdeckt wurde, musste mit dem eigenen Tod rechnen. Wahrscheinlich erzählen die Evangelien deshalb, dass die Frauen «von Weitem» zusahen.

Enguerrand Quarton, La Pietà de Villeneuve-lès-Avignon (um 1455 n. Chr.)

Maria Magdalena bei der Bestattung Jesu

Trotz Lebensgefahr blieben Maria Magdalena und die anderen Frauen auch nach dem Tode Jesu in seiner Nähe. Maria Magdalena und eine andere Maria, die Mutter des Joses, beobachteten, wie der Josef von Arimathäa, ein Mitglied des Hohen Rates, für die Bestattung von Jesus in einem Felsengrab sorgte (Markusevangelium 15,47). Gemäss dem Matthäusevangelium hielten Maria Magdalena und die andere Maria sogar Grabwache (Matthäusevangelium 27,61).

Maria Magdalena als erste Auferstehungszeugin

Alle vier Evangelien nennen Maria Magdalena unter den ersten Zeugen der Auferweckung Jesu. Sie entdeckte zusammen mit anderen Frauen – im Johannesevangelium alleine – das leere Grab und erfuhr die Botschaft des Engels:

«Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wohin man ihn gelegt hat. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.» (Markusevangelium 16,6f)

Maria Magdalena, Maria und Salome erfahren die Auferstehungsbotschaft vom Engel (Eglise de Chapaize, Altarbild, 16. Jh. n. Chr.)

Die Frauen erhalten also den Auftrag, den andern Jünger*innen / Nachfolger*innen die Osterbotschaft weiterzugeben. Gemäss dem ursprünglichen Schluss des Markusevangeliums schwiegen sie vor Furcht und Schrecken zunächst (16,8). Gemäss den andern Evangelien verkündeten die Frauen die Botschaft der Auferstehung Jesu (Matthäusevangelium 28,8; Lukasevangelium 24,9).15 Im Matthäusevangelium erscheint gar der Auferstandene den Frauen selbst und wiederholt den Auftrag der Engel (Matthäusevangelium 28,9f).

Am ausführlichsten beschreibt das Johannesevangelium 20,1-18 die herausragende Rolle der Maria Magdalena als Verkünderin der Auferstehung:16 Sie kommt als Erste am Ostermorgen zum Grab, entdeckt, dass es leer ist und berichtet davon. Sie sieht als Erste den Auferstandenen und wird von ihm gesandt, um als Erste die Auferstehungsbotschaft der Gemeinschaft der Jünger*innen zu verkünden.

Martin Schongauer, Noli me tangere (um 1485 n. Chr.)

Konflikte und Herabsetzungen

Bereits in neutestamentlichen Schriften wird die Bedeutung der Maria Magdalena und der anderen Frauen teilweise zurückgestuft oder verschwiegen, so vor allem im Lukasevangelium und bei Paulus:

Das Anliegen des Lukasevangeliums ist es wahrscheinlich, dass die Zwölf als neues Sinnbild für die alttestamentlichen «zwölf Söhne Jakob» stehen, welche das Sinnbild für das ganze Volk Israel darstellten. Zudem kann vermutet werden, dass für die Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte Frauen als unübliche, in der damaligen Zeit nicht anerkannte Zeuginnen galten. In der patriarchalen Gesellschaft auch der griechischen und römischen Zeit waren Frauen in der Regel rechtlich unmündig und ihr Zeugnis bedeutete wenig. Daher betont das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte den Zwölferkreis der Apostel und die Führung des Petrus und lässt auch Petrus eine Erscheinung zuteilwerden (Lukasevangelium 24,34).17

Ganz ähnlich wird es bei Paulus aussehen: Er lässt in seiner Auflistung von Menschen, denen der Auferstandene Christus erschien, Petrus an erster Stelle stehen und sich selbst an letzter (1. Korintherbrief 15,3-9). Maria Magdalena nennt er nicht namentlich. Es kann spekuliert werden, ob Paulus von Maria Magdalena und ihrer Botschaft der Auferstehung Jesu gar nichts wusste – Paulus hatte ja auch Jesus zu dessen irdischer Lebzeiten nie gesehen.

Historisch verhielt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch so, dass Maria Magdalena und die Frauen die entscheidende Rolle bei der Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung hatten und dann im Nachhinein, weil das Zeugnis von Frauen in der Antike wenig galt, zurückgestuft wurden. Das Umgekehrte, dass die Frauen nachträglich eine bedeutende Rolle im Zeugnis der Kreuzigung, der Grablegung und der Auferstehung bekommen hätten, ist äusserst unwahrscheinlich.

Berühmte – und verschwiegene – Apostelin im 2. / 3. Jahrhundert n. Chr.

Wie ungewöhnlich es war, dass sich eine neu entstehende Religion massgeblich auf das Zeugnis von Frauen berief, zeigt eine Auseinandersetzung des Kirchenlehrers Origenes (ca. 185-254 n. Chr.) mit einem Philosophen namens Celsus. Gemäss Origenes warf Celsus dem christlichen Glauben vor, das Auferstehungszeugnis sei nichts wert, weil es von einer «wahnsinnigen Frau»18 stamme. Origenes wehrte sich gegen diesen Vorwurf, indem er die Zeugnisse von Männern (Petrus, Paulus usw.) betont und behauptet, Maria Magdalena und christliche Kreise seiner Zeit, die sich auf sie beriefen, nicht zu kennen. Wahrscheinlich schweigen die meisten Kirchenväter im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. aus diesem Grund von Maria Magdalena.

Ganz anders sieht es jedoch in vielen christlichen Schriften aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. aus, welche sich als Evangelien und Offenbarungen Jesu verstehen, aber nicht Eingang ins Neue Testament fanden (sogenannte apokryphe Evangelien / Schriften): In vielen dieser Schriften, besonders in gnostischen, spielt Maria Magdalena eine wichtige Rolle, worauf hier nur kurz eingegangen werden kann:19

So gibt es ein eigenes «Evangelium nach Maria (Magdalena)», das etwa 150-200 n. Chr. entstand. Darin ermutigt Maria Magdalena die junge Kirche, die Botschaft Jesu weiterzutragen. Während die andern Jünger verzagen, vertritt Maria Magdalena hier den Erlöser, erhält von ihm eine Vision und wird von ihm selbst in besonderer Weise gelehrt. Von Petrus jedoch wird Maria Magdalena heftig angegriffen aufgrund ihres Frauseins. Ein Jünger namens Levi verteidigt sie wiederum:

«Wenn aber der Erlöser sie würdig gemacht hat, wer bist denn du [Petrus], sie zu verwerfen? Sicherlich kennt der Erlöser sie genau. Deswegen hat er sie mehr als uns geliebt.» (BG 18,10-15)

Auch im Philippusevangelium, das etwa 180-230 n. Chr. entstand, ist Maria Magdalena die Lieblingsjüngerin Jesu. Mehrmals wird dort erwähnt, dass Jesus Maria küsst, womit im damaligen Kontext gemeint sein wird, dass Jesus ihr in hervorragender Weise spirituelles Wissen weitergab, sie also eine besondere Erkenntnis von Jesus Christus besitze.20

Lucas Cranach d. Ältere (zugeschrieben), Christus und – wahrscheinlich –  Maria Magdalena (um 1515 n. Chr.)

Der Konflikt mit Petrus, der für die männlich dominierte entstehende «Grosskirche» steht, und Maria Magdalena, die neben dem Neuen Testament vor allem in gnostischen Gemeinden eine führende Rolle spielte, wird auch in anderen apokryphen Schriften thematisiert.21 Es wurde anhand des Konflikts zwischen Petrus und Maria Magdalena im 2. / 3. Jahrhundert n. Chr. die Frage diskutiert, welche Stellung und Ämter Frauen in der entstehenden Kirche innehaben. Leider setzte sich – der damaligen patriarchalen Zeit entsprechend – insgesamt in der Ost- und Westkirche eine Hierarchie von Männern durch,22 wobei Frauen immer wieder und über Jahrhunderte Funktionen und Ämter in den Kirchen ausübten, welche lange Zeit vergessen beziehungsweise verdrängt waren.23

Apostelin der Apostel

Gemäss den biblischen Evangelien nach Markus, Matthäus und Johannes war Maria Magdalena die herausragende Zeugin von Tod und Auferstehung Jesu und die erste Verkünderin der Auferstehungsbotschaft. Indem Maria Magdalena – und andere Frauen – die Auferstehungsbotschaft den andern Aposteln verkünden, werden sie zu «Aposteln der Apostel» (lat. apostola apostolorum) Erstmals findet sich dieser Ausdruck bei Hippolyt von Rom (gest. 235/6 n. Chr.) in Bezug auf Maria Magdalena und auf Martha:

«und Apostel der Apostel wurden sie, von Christus gesandt. Zu welchen die Engel redeten: ‘Gehet hin und sag den Jüngern: Er geht vor euch her nach Galiläa’. Aber damit sie nicht, von einem Engel gesandt, keinen Glauben hätten, begegnet Christus selbst sendend, damit auch Frauen Apostel Christi werden»24.

Im 11. und 12. Jahrhundert n. Chr. findet sich die Bezeichnung «Apostelin der Apostel» in zahlreichen lateinischen christlichen Schriften und es entstehen eigene Legendenkreise für Maria Magdalena, bis hin zu ihrer Verehrung als «Apostelin Frankreichs».25

Heute ist es an der Zeit, die Bedeutung Maria Magdalenas gemäss den Evangelien als Apostelin der Apostel wieder anzuerkennen. Neben vielen anderen Argumenten kann und soll dies auch für die Stellung der Frauen in der katholischen und den orthodoxen Kirchen ein neues «Auferstehen» bewirken: eine völlige Gleichberechtigung der Frauen in den Kirchen.

Maria Magdalena: Apostelin der Apostel (Albani-Psalter, 12. Jh. n. Chr., St. Godehard, Hildesheim)

 

  1. Vgl. André Flury: Erzählungen von Schöpfung, Erzeltern und Exodus (STh 1,1), Zürich 2018, S. 125-139, mit weiteren Literaturangaben.
  2. Vgl. André Flury: Erzählungen, S. 186-250, mit weiteren Literaturangaben.
  3. Vgl. André Flury: Erzählungen, S. 275-284, mit weiteren Literaturangaben.
  4. In der Einheitsübersetzung 1980 noch Junias = männlich; ebenso in der Lutherbibel 1984; korrekt als Junia = weiblich wiedergegeben in der Guten Nachricht 1997; Zürcherbibel 2007; Einheitsübersetzung 2016; Lutherbibel 2017.
  5. Vgl. Lukasevangelium 8,1-3; Matthäusevangelium 27,55.
  6. Vgl. Mercedes Navarro Puerto: Jüngerinnen bei Markus? Problematisierung eines Begriffs, in: dies. / Marinella Perroni (Hg.): Evangelien. Erzählungen und Geschichte (Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie 2,1), Stuttgart 2012, S. 140-166.
  7. Die Bedeutung von Maria Magdalena wurde in den vergangenen gut 20 Jahren intensiv erforscht, vgl. u. a. Silke Petersen: Maria aus Magdala. Die Jüngerin, die Jesus liebte, Leipzig 2011; Andrea Taschl-Erber: Maria von Magdala –erste Apostelin? Joh 20,1-18: Tradition und Relecture, Freiburg im Breisgau 2007; Claudia Büllesbach: Maria Magdalena in der frühchristlichen Überlieferung. Historie und Deutung, Hamburg 2006; Susanne Ruschmann: Maria von Magdala im Johannesevangelium. Jüngerin – Zeugin – Lebensbotin (Neutestamentliche Abhandlungen NF 40), Münster 2002; Erika Mohri: Maria Magdalena. Frauenbilder in Evangelientexten des 1. bis 3. Jahrhunderts (Marburger theologische Studien 63), Marburg 2000.
  8. Z. B. «Maria, die Frau des Klopas» (Johannesevangelium 19,25); «Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und von Joses» (Markusevangelium 14,40); «Johanna, die Frau des Chuza» (Lukasevangelium 8,3).
  9. Vgl. Lukasevangelium 8,2; Markusevangelium 16,9; zu «Dämonen» in der Antike / im NT vgl. Christian Wetz: Dämonen / Dämonenbeschwörung (NT), auf: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/46933/ (18.4.2019).
  10. Vgl. zur Salbung im «Haus Simon des Aussätzigen» durch eine Frau, die weder als Sünderin noch als Maria, der Schwester Lazarus, bezeichnet wird: Matthäusevangelium 26,6-13; Markusevangelium 14,3-9.
  11. Vgl. Papst Gregor d. Gr., evang. 33,1; ebenso in seinem Trostbrief (um 600 n. Chr.) an Gregoria, einer Kammerfrau der Kaiserin (epistolae VII,25).
  12. Vgl. Eva Maria Synek: «Die andere Maria». Zum Bild der Maria von Magdala in den östlichen Kirchentraditionen, in: OrChr 79 (1995), S. 181-196; dieselbe: Heilige Frauen der frühen Christenheit. Zu den Frauenbildern in hagiographischen Texten des christlichen Ostens (Das östliche Christentum 43), Würzburg 1994.
  13. Vgl. Markusevangelium, Kap. 14–16, sowie die Parallelstellen bei den andern Evangelien.
  14. Vgl. Matthäusevangelium 27,55f; abgeschwächt bei Lukasevangelium 23,49: «Alle seine Bekannten aber standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm von Galiläa aus nachgefolgt waren»; im Johannesevangelium 19,25 findet sich eine eigene Darstellung: Am Kreuz sind «seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas und Maria von Magdala», zudem der «Jünger, den er liebte».
  15. Im zweiten, später hinzugefügten Schluss des Markusevangeliums (16,9-20) erfolgt die Verkündigung durch Maria Magdalena und die Frauen ebenfalls.
  16. Vgl. grundlegend Andrea Taschl-Erber: Maria von Magdala.
  17. Auch im Johannesevangelium wird wohl der Wettlauf von Petrus und dem Lieblingsjünger (Johannesevangelium 20,1-10) hinzugefügt worden sein, um diesen beiden männlichen Jüngern in Bezug auf die Auferstehungsbotschaft eine Bedeutung zuzumessen. Umgekehrt wird im Markusevangelium durch den ebenfalls hinzugefügten Schluss (Markusevangelium 16,9-20), die Bedeutung von Maria Magdalena betont.
  18. Vgl. Origenes:Contra Celsum, 2,55f. Ähnliche Vorwürfe sind von dem neuplatonischen Philosophen Porphyriosbekannt, der ca. 301-305 n. Chr. in Rom wirkte (vgl. Porphyrios: Contra Christianos, 64,8).
  19. Vgl. dazu Erika Mohri: Maria Magdalena, S. 189-376; Claudia Büllesbach: Maria Magdalena, 147-340; Andrea Taschl-Erber: Maria von Magdala, S. 479-588; Silke Petersen: Maria aus Magdala, S. 90-180.
  20. In gnostischen Schriften wird häufig eine strenge Askese, welche eine Ablehnung von Sexualität beinhaltet, als Ideal verkündet.
  21. Unter anderem im Thomasevangelium, Log 114; in der Pistis Sophia, 36; 72.
  22. V. a. die Kirchenväter des 4.-6. Jh. werteten das Zeugnis der biblischen Frauen und die Stellung von Frauen in der Kirche insgesamt ab; in Bezug auf Maria Magdalena vgl. dazu Andrea Taschl-Ebel: Maria von Magdala, S. 589-613.
  23. Vgl. für einen Überblick Hubert Wolf: Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte, München 2. Aufl. 2015.
  24. Hippolyt von Rom: In Cant 25,6, zit. nach Claudia Büllesbach: Maria Magdalena, S. 313; vgl. Andrea Taschl-Ebel: Maria von Magdala, S. 590-592.
  25. Vgl. den Überblick mit weiteren Literaturangaben bei Andrea Taschl-Ebel: Maria von Magdala, S. 614-640.

Das Markusevangelium

Das älteste Evangelium im Neuen Testament ist das Markusevangelium. Es wurde geschrieben, als die Römer gerade den jüdischen Aufstand in Judäa blutig niedergeschlagen…

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