Lydia, erste Christin Europas

Lydia hat keinen Namen. Sie ist ganz einfach eine Frau aus Lydien, jenem Gebiet am Mittelmeer, das der Insel Lesbos gegenüberliegt und heute zur Türkei gehört. Meist waren es Sklav*innen, die nicht mit ihrem Namen gerufen, sondern bloss nach ihrer Herkunft oder dem Ort des Verkaufs benannt wurden.

Die Lydia, von der die Apostelgeschichte in einigen wenigen Sätzen erzählt, war Purpurhändlerin in Philippi und spielte eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung des neuen Glaubens. Sie war die erste Christin auf europäischem Boden und gehörte zu den Frauen, die in der frühen Kirche eine Gemeinde leiteten und uns deutlich machen, dass Paulus ein Teamworker war.1

Vor den Toren der Stadt Philippi

Auf Lydia treffen wir etwas ausserhalb der Stadt Philippi, wo sie mit anderen Frauen am Fluss weilt. Philippi in Mazedonien ist keine Grossstadt, doch an der Via Egnatia, einem der Haupthandelswege zwischen Kleinasien und Griechenland gelegen, nicht unbedeutend. Paulus kommt auf seiner zweiten Missionsreise um ca. 50 n. Chr. zusammen mit Silas in die Stadt:

«[…] Philippi, eine führende Stadt des Bezirks von Mazedonien, eine Kolonie. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf. 13 Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten. Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die sich eingefunden hatten. 14 Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte. 15 Als sie und alle, die zu ihrem Haus gehörten, getauft waren, bat sie: Wenn ihr wirklich meint, dass ich zum Glauben an den Herrn gefunden habe, kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie drängte uns.» (Apostelgeschichte 16,13-15)

Lydia – eine Gottesfürchtige

Die Bevölkerung von Philippi ist bunt gemischt, was zu einem Nebeneinander der Religionen führt. Paulus und Silas gehen hinaus an den Fluss in der Hoffnung, vor dem Stadttor auf Jüd*innen zu treffen. Ob es sich bei der «Gebetsstätte» (grie. proseuhē) um eine Synagoge handelt, wird kontrovers diskutiert, da nur Frauen anwesend sind.2 Die kurze Bemerkung ruft uns auf jeden Fall in Erinnerung, dass die Jesusbewegung eine jüdische Bewegung ist. Das «Christsein» des Paulus und des Barnabas stellt eine messianische Spielart des Judentums dar: Sie und die von ihnen gegründeten Gemeinden wollen ein Leben gemäss der Torah im Glauben an den Messias Jesus führen.3

Lydia wird als «Gottesfürchtige» vorgestellt, das heisst, sie gehört zu den Menschen nicht-jüdischen Glaubens, die mit dem Judentum sympathisieren und eine jüdische Lebensweise angenommen haben. Sie hört zu, Gott «öffnet ihr das Herz» (Apostelgeschichte 16,4) und sie lässt sich umgehend «mit ihrem Haus» taufen. Mit Lydia aus Thyatira wird die (paulinische) Vision lebendig: Kirche/Judentum als eine inklusive Gemeinschaft, in der Männer und Frauen unterschiedlich­ster Herkunft ihren Platz finden – und Zuflucht und Schutz. Lydia bittet, ja drängt Silas und Paulus in ihr Haus, da sie weiss, dass diese beiden als Angehörige einer beargwöhnten Minderheit in der römischen Kolonie gefährdet sind.4 Die Fortsetzung des Berichts erzählt denn auch, wie Silas und Paulus als Juden vor die Verantwortlichen der Stadt gezerrt, geschlagen und ins Gefängnis geworfen werden (vgl. Apostelgeschichte 16,21-24).

Die Purpurhändlerin und «ihr Haus»

Ob Lydia eine Sklavin war, wissen wir nicht, doch vieles spricht dafür. Der griechische Ausdruck für Purpurhändlerin, porphyrópolis, beinhaltet mehr als Handel und Verkauf. Es geht vom Herstellen der Farbe, Wolle färben, weben bis zu Kleiderherstellung und -verkauf.

Vermutlich war Lydia eine Freigelassene, die zusammen mit anderen – mit ihrem Haus – diese schwere und niedere Arbeit verrichtete.5 Ihre Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, ihr Haushalt, wird zum Ort der messianischen Gemeinde in Philippi. Lydia ist nicht die einzige Frau, die einer paulinische Gemeinde vorsteht. Eine wichtige Rolle in der Leitung spielen Apphia in Kolossä (Philemonbrief 2), Prisca und Aquila in Korinth, Ephesus und Rom (Römerbrief 16,3 u.a.), Nympha von Laodizäa (Kolosserbrief 4,15) und Phoebe in Korinth (Römerbrief 16,1).Dass im frühchristlichen Netzwerk so viele Frauen auftauchen, hat auch damit zu tun, dass es die Kleinen und Unmündigen sind, die in der Gesellschaft wenig zu sagen haben, die sich offen zeigten für die jüdisch-christliche Botschaft einer «Anderswelt» (Jacqueline Keune).

Lydias Hauskirche, zu der auch Männer gehören (vgl. Apostelgeschichte 16,40), hat Paulus nach seiner Abreise weiter unterstützt. Eigenartigerweise taucht im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde aus dem Jahr 56 der Name Lydia nicht mehr auf. Es gibt jedoch zwei Frauen, von denen der Brief erzählt, dass sie eine heftige Meinungsverschiedenheit austragen. Lydia, die Frau aus Lydien, könnte eine dieser Frauen sein. Paulus scheint auf jeden Fall viel daran zu liegen, den Konflikt zwischen Syntyche und Euodia beizulegen. Denn sie haben beide «mit ihm für das Evangelium gekämpft» (Philipperbrief 4,3).

In politischen und kirchlichen Kreisen wird gerne vom christlichen Europa und seinen Werten gesprochen. Das christliche Europa fängt mit Lydia an, einer Geschäftsfrau, aus dem Ausland zugezogen, ehemalige Sklavin. Sie lebt ein offenes und solidarisches religiöses Haus.

 

  1. Paulus hat mit anderen zusammengearbeitet, er war mit anderen zusammen unterwegs und hat mit anderen zusammengewohnt. Manche sind schon vor ihm zum Glauben an Jesus gekommen. In der Grussliste, die Paulus an die Gemeinde in Rom schickte, ist das Netzwerk gut sichtbar geworden. Es werden viele Frauen genannt: Phöbe, Prisca, Maria, Junia, Tryphäna und Tryphosa, Persis, Julia, zudem die Mutter des Rufus und die Schwester des Nereus (vgl. Römerbrief 16). Vgl. u.a. Heft 4, Frauen in der frühen Kirche. Bibel und Kirche 65 (2010), sowie Sabine Bieberstein/Daniel Kosch: Paulus und die Anfänge der Kirche (Studiengang Theologie II,2), Zürich 22016 und der etwas ältere, leicht lesbare fiktive Bericht aus den paulinischen Gemeinden von Hermann-Josef Venetz / Sabine Bieberstein: Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten aus seinen Gemeinden, Würzburg 1995.
  2. Ivoni Richter Reimer hat darauf hingewiesen, dass die rabbinische Vorschrift des Minjan, d.h. des Quorums von 10 Männern für einen jüdischen Synagogengottesdienst jünger als Apostelgeschichte 16 und im Judentum dieser Zeit eine Auseinandersetzung im Gange ist, was Frauen erlaubt sei. Vgl. Ivoni Richter Reimer: Die Apostelgeschichte. Aufbruch und Erinnerung, in: Luise Schottroff / Marie-Theres Wacker (Hg.): Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, S. 542-556, hier S. 551.
  3. Vgl. Claudia Janssen: Paulus. Grenzgänge zwischen Traditionen und Zeiten, in: Claudia Janssen / Ute Ochtendung / Beate Wehn (Hg.): GrenzgängerInnen. Unterwegs zu einer anderen biblischen Theologie. Ein feministisch-theologisches Lesebuch, Mainz 1999, S. 49-57.
  4. Vgl. Ivoni Richter Reimer: Apostelgeschichte, S. 552.
  5. Zur Frauenarbeit vgl. die sozialgeschichtliche Untersuchung von Luise Schottroff: Lydias ungeduldige Schwestern, Gütersloh 1994. Lydia gehört mit Prisca zu den wenigen Handwerkerinnen und Erwerbsarbeiterinnen, die im Neuen Testament sichtbar werden. In der Auslegung wird ihre konkrete Arbeit jedoch oft wieder unsichtbar gemacht: «Frauenarbeit wird auch dort in den Texten, wo sie vorkommt, nicht wahrgenommen. An die Stelle der arbeitenden Frau wird die wohlhabende Frau gesetzt.» (Luise Schottroff: Lydias ungeduldige Schwestern, S. 134)

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