Betend Gott begegnen

Beim Beten ist der Mensch mit Gott «auf Du». Es findet im Gebet eine Begegnung statt. Dabei sucht der Mensch Worte, um sich und seine Welt damit vor Gott zu bringen. Oder aber er findet sich in Worten wieder, welche Frauen* und Männer* vor ihm formuliert haben und die mittlerweile zum festen Gebetsschatz der Kirche zählen.

Die Kommunikation zwischen zwei Menschen gleicht einem Ballspiel: Ich sage etwas und spiele dann meinem Gegenüber das Wort zu. Solange ich nicht im Besitz des Balles beziehungsweise des Wortes bin, höre ich besonders aufmerksam zu, was vom Gegenüber kommt. Ich greife das Wort auf, wenn es mir wieder zugespielt wird, und versuche dort anzuknüpfen, wo unser Gespräch mittlerweile steht. So wie es verschiedene Arten von Ballspielen gibt, kann auch die Kommunikation unterschiedliche Gestalten annehmen: Sind wir ein Team, so geht es darum, möglichst harmonisch zusammenzuspielen. Treten wir gegeneinander an, kann es auch mal vorkommen, dass ich meinem*r Gesprächspartner*in den Ball aus der Hand spiele und das Wort wieder wegnehme. Doch selbst in diesem Falle gilt es, fair zu spielen und dem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen.

Und mit Gott?

Mit Gott gestaltet sich die Kommunikation nicht ganz so anschaulich. Gott will mir ein Gegenüber sein – und lässt sich doch nicht auf meine Augenhöhe beschränken. Ich darf all das vor Gott in Worte fassen, was mich beschäftigt – und kann doch nicht mit einer akustisch vernehmbaren Antwort rechnen.

Genau dies aber bleibt die spannendste – und manchmal spannungsvoll auszuhaltende – Frage: Was will mir Gott sagen? Welches sind Gottes persönliche Worte an mich? Wie spricht Gott zu mir?

Der Jesuit und Theologe Karl Rahner (gest. 1984) hat in seinen Überlegungen zum Gebet ganz grundsätzlich angesetzt: Was Gott dem Menschen sagt, sind zunächst nicht einzelne Worte und Sätze, die auf konkrete menschliche Fragen und Anliegen antworten. Das, was Gott sagt, ist der Mensch selbst und seine Welt.1Gott spricht, und Leben entsteht (vgl. Genesis 1).

Jeder Mensch kann demnach «Wort Gottes» genannt werden; denn jedem Menschen wendet Gott sich Leben schaffend und Beziehung stiftend zu.

Das erste und ursprünglichste Wort, das Gott an mich richtet, bin also ich selbst, so wie ich bin: Ich habe mich nicht selbst ins Leben gerufen und mein So-Sein kreiert, sondern ich bin mir geschenkt, anvertraut – manchmal zugemutet. Warum ich so bin, wie ich bin, und warum ich überhaupt bin, ist keine Frage, die sich gedanklich oder kommunikativ klären und auflösen lässt. Mein Sein gründet in einem Geheimnis, das viele «Gott» nennen.

Beten

Beim Beten macht sich ein Mensch bewusst, dass er von Gott als diesem Geheimnis herkommt – und auf Gott zugeht. Wer betet, darf gewiss sein, dass das erste Wort von göttlicher Seite her bereits gesprochen wurde. Nicht ich eröffne den Dialog, indem ich mich und meine Welt vor Gott ins Gespräch bringe, sondern ich beginne zu sprechen, weil Gott mich bereits bei meinem Namen genannt und ins Dasein gerufen hat. Meine Gebetsworte sind selbst Antwort auf mein Geschaffen-Sein und damit auf Gottes Lebens-Zusage an mich. Wenn ich mich im Gebet an Gott wende, antworte ich darauf, dass Gott mich «gesagt» hat. Und ich nehme bewusst an, dass Gott sich selbst mir zugesagt hat als der Grund, die Quelle und das Ziel meines Daseins.

Für sein eigenes Beten zieht Karl Rahner daraus den Schluss: «Ich sollte doch nicht Worte beten oder Gedanken oder Entschlüsse, sondern mich selbst!»2

Mehr als ein frommer Brauch

So verstanden und praktiziert, ist das Gebet weit mehr als ein frommer Brauch, der zu bestimmten Zeiten im Tag oder an einem bestimmten Tag in der Woche vollzogen wird. Beten wird zu einem Grundvollzug des Lebens, zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit mir selbst und der Welt. Diese Auseinandersetzung findet aber nicht im Selbstgespräch statt; in meinem betenden Reden vertraue ich darauf, dass da ein Gegenüber ist und dass dieses Gegenüber göttlich-geheimnisvoll da ist. Und ich vertraue mich diesem göttlichen Geheimnis an in meinen Gedanken, Worten und Gesten. Mich betend an ein «Du» zu wenden, kann mir helfen, dass ich mich nicht um mich selbst im Kreis drehe und dabei Gefahr laufe, jeden Halt zu verlieren.

Das Gebet ist dann der Ort, an dem ich zu Wort kommen und ins Wort bringen kann, was mein Leben reich sein lässt und mich beschwingt, aber auch was mich in diesem Moment belastet und mir das Leben schwer macht. Alles, was mich gerade beschäftigt und bewegt, findet seinen Platz im Gebet: das grosse Ganze meines Lebens wie die konkreten Kleinigkeiten des Alltags. Von Gott wird es gesehen – und von Gott werde ich (an)gehört.

Was «sagt» Gott?

Und was «sagt» nun Gott, dieses geheimnisvolle Gegenüber dazu: zu mir, zu meinen Worten, zu meinem Erleben?

Allgemein lässt sich diese Frage kaum beantworten, ansonsten wäre die Antwort keine richtige Antwort, die tatsächlich auf meine aktuellen und konkreten Worte eingeht und diese aufnimmt. Zwei Spuren lassen sich bei Karl Rahner allerdings finden, die zumindest eine Richtung weisen, aus der mir eine Antwort entgegenkommen kann.

In Jesus von Nazareth hat Gott sich den Menschen zum greifbaren Gegenüber gemacht, mit dem seine Zeitgenoss*innen auf Augenhöhe in einen Dialog treten konnten. Für Karl Rahner ist Gottes Menschwerdung ebenfalls ein Wortgeschehen; Jesus Christus ist ein Wort Gottes, das kurz und verständlich ist, und das doch alles sagt: «Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.»3

Betend lotet Rahner aus, weshalb Gott im eigenen Leben so oft zu schweigen scheint. Er richtet sich an Gott mit einer Frage, die bereits die Antwort erahnt:
«Oder hörst du doch meinem Wort aufmerksam zu, hörst du vielleicht mein Leben lang zu, bis ich mich ganz dir gesagt habe, mein ganzes Leben herausgesagt habe? Schweigst du gerade, weil du stille lauschend zuhörst, bis ich wirklich fertig bin, um mir dann dein Wort zu sagen, das Wort deiner Ewigkeit, um dann endlich einmal den lebenslangen Monolog eines armen Menschen im lastenden Dunkel dieser Welt zu beenden mit dem leuchtenden Wort des ewigen Lebens, in dem du selber dich mir ins Herz hineinsagen wirst?»4

Wenn das ganze Sein verstanden wird als Geschenk Gottes, als Wort, das Gott in die Wirklichkeit ruft, dann kann das Leben in all seinen Vollzügen auch Gebet sein: «Ich bete» bedeutet im weitesten Sinne, dass ich meinen Alltag gestalte im Bewusstsein und im Vertrauen, dass mein Leben von Gott her kommt und zu Gott hinführt. Dieser Bewusstseinsvollzug und Vertrauensakt kann wortreich sein – oder aber wortarm, vielleicht auch mal wortlos. Immer aber darf sich mein Beten auf ein Wort stützen, das vor mir war: Gottes «Ja» für mein Sein. Und es darf darauf hoffen, dass Gottes Antwort auf mein eigenes Leben mit all seinen Worten und Taten ein «Amen» sein wird.

  1. Vgl. Karl Rahner: Gebet – Zwiegespräch mit Gott?, in: Ders.: Sämtliche Werke, Bd. 23: Glaube im Alltag. Schriften zur Spiritualität und zum christlichen Lebensvollzug. Bearbeitet von Albert Raffelt, Freiburg i. Br. 2006, S. 216‐224.
  2. Karl Rahner: Worte ins Schweigen, in: Ders. / Hugo Rahner: Worte ins Schweigen – Gebete der Einkehr, Freiburg i. Br. 1973, S. 13‐76, hier S. 28.
  3. Karl Rahner: Gott ist Mensch geworden. Das Geheimnis von Weihnachten, Freiburg i. Br. 1992, S. 103.
  4. Karl Rahner: Worte ins Schweigen, S. 27 (Hervorhebung im Original).

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