Schöpfung – oder vom Vertrauen in das Gute

Nein, die Schöpfung geschah nicht in sieben Tagen, wie man bei einem nur oberflächlichen Lesen der ersten Schöpfungserzählung im Genesisbuch meinen könnte. Denn dieser Schöpfungserzählung geht es nicht um naturwissenschaftliche Aussagen, sondern um Sinn- und Glaubensfragen.

Naturwissenschaftliche Beobachtungen und Berechnungen legen es nahe, dass es vor etwa 13,8 Milliarden Jahren einen Urknall gab, aus dem unser Sonnensystem entstand. Die Kosmologie fragt mit naturwissenschaftlichen Mitteln, wie das Universum am zeitlichen Anfang (lateinisch initium) entstand und sich daraus entwickelte.

Altorientalische und biblische Schöpfungserzählungen fragen nach ganz anderem:1 Sie fragen nicht, was am zeitlichen Anfang geschah. Sie fragen vielmehr: Was hat es zu bedeuten, dass es eine Welt voller Leben, mit Menschen und Tieren gibt – und nicht vielmehr nichts gibt? Und: Wie erfahren wir diese Welt, heute und solange wir zurückdenken können? Wie erleben wir uns als Menschen – «von Anfang» an (lateinisch principium), das heisst grundsätzlich, immerschon («im Prinzip»)? Zudem: Wie wollen wir unser Leben und alles, was ist, deuten? Worauf wollen wir hoffen, worauf vertrauen?

Erst wenn wir diese völlig andere Fragestellung von naturwissenschaftlicher Forschung und altorientalischen Schöpfungserzählungen wahrnehmen, können wir erkennen, wie tiefsinnig und stark die biblische Schöpfungserzählung ist.

Inmitten der Krise

Es spricht vieles dafür, dass die erste Schöpfungserzählung im Genesisbuch (Kapitel 1,1–2,4a)2 in einer grossen Krisenzeit des jüdischen Volkes entstand: im babylonischen Exil (587–539 v. Chr.) oder kurz danach. Die damalige Grossmacht Babylon hatte Jerusalem und seinen Tempel komplett zerstört. Tausende Jüdi*innen waren umgebracht worden, tausende nach Ägypten geflohen oder nach Babylon verschleppt worden.

Die Menschen jüdischen Glaubens hätten in dieser katastrophalen Situation allen Grund gehabt, am Sinn des Lebens sowie an Gott zu zweifeln und am erfahrenen Leid zu zerbrechen. Viele werden auch daran zerbrochen sein. Andere haben in diese Situation hinein die erste Schöpfungserzählung geschrieben.

«Löwe von Babylon» – Sinnbild für die Herrschaft

Vertrauen ins Leben – trotz allem

Das Erstaunlichste ist, dass die Schöpfungserzählung trotz der Erfahrung von Schrecken, Krieg und Leid sieben Mal formuliert, die Welt und alle Lebewesen seien gut (hebräisch tov):

  • Vers 4             «Und Gott sah, dass das Licht gut war…
  • Vers 10            … Und Gott sah, dass es gut war.
  • Vers 12            … Und Gott sah, dass es gut war.
  • Vers 18            … Und Gott sah, dass es gut war.
  • Vers 21            … Und Gott sah, dass es gut war.
  • Vers 25            … Und Gott sah, dass es gut war.
  • Vers 31            Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte,
  •                          und siehe, es war sehr gut.» (Genesisbuch 1,4-31)

Die Menschen, welche diese Schöpfungserzählung schrieben, hatten kein übernatürliches Wissen, wie es am zeitlichen Anfang war. Sie formulierten vielmehr ihr Vertrauen und ihre Hoffnung, dass die Welt und alle Lebewesen – trotz aller gegenteiligen Erfahrungen – grundlegend gut und von Gott gesegnet sind. Sie setzten ihr ganzes Vertrauen darauf, dass die Welt einen guten Ursprung in Gott hat – und damit auch in ihrer gegenwärtigen Situation eine gute Zukunft haben soll. Dieses Vertrauen half ihnen, an den katastrophalen Erfahrungen nicht völlig zu zerbrechen.

Was heisst denn «gut»?

Als wie gut die Schöpfungserzählung den Menschen und die Tiere sehen will, wird an einer oft übersehenen Aussage erkennbar. Tiefsinnig und humorvoll wird erzählt, welche Nahrungsmittel die Menschen und Tiere von Gott bekommen. Zum Menschen spricht Gott:

«Seht, ich gebe euch alles Kraut auf der ganzen Erde, das Samen trägt, und alle Bäume, an denen samentragende Früchte sind. Das wird eure Nahrung sein.» (Genesisbuch 1,29)

Und zu den Tieren sagt Gott in dieser Schöpfungserzählung:

«Und allen Wildtieren und allen Vögeln des Himmels und allen Kriechtieren auf der Erde, allem, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Kraut zur Nahrung. Und so geschah es.» (Genesisbuch 1,30)

Menschen und Tiere sollen vegetarisch leben! Die Leute, welche die Schöpfungserzählung schrieben, waren nicht naiv oder dumm. Mehr als wir heute waren sie bedroht durch Raubtiere und sie wussten genauso wie wir, dass bei vielen Tieren ein «Fressen und Gefressenwerden» herrscht.

Aber sie formulierten eine Vision: Eine Welt, wie sie ein guter Schöpfergott will, kennt kein Blutvergiessen! Daher soll eine Welt ohne Blutvergiessen erreicht werden, denn erst sie ist tatsächlich gut.3

Vom Urchaos zum Lebensraum für alle

Der erste Vers der Schöpfungserzählung kann als Überschrift verstanden werden:

«Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.» (Genesisbuch 1,1)

Nach dieser Überschrift beginnt die Schöpfungserzählung dann mit der Beschreibung eines «Urchaos» vor dem eigentlichen Schöpfungshandeln:

«Die Erde war wüst und leer/wirr [hebräisch tohu wabohu] und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.» (Genesisbuch 1,2).

Hier wird, wie auch in andern altorientalischen Schöpfungserzählungen, ein «Urchaos» angenommen. «Gottes Geist» (hebräisch ruach elohim) steht dem gegenüber für Gottes schöpferische Kraft (wie in Psalm 104,27-30). Das schöpferische Handeln schafft im Folgenden aus dem Urchaos heraus die Möglichkeiten zum Leben: Zeit, Lebensräume, Lebewesen.

Vertrauensbekenntnis

Viele altorientalische Schöpfungserzählungen vergleichen die Entstehung der Erde mit einer Geburt oder mit einem Kampf oder mit der Töpferei. Die erste Schöpfungserzählung der Bibel beginnt mit einem «Sprechen» Gottes:

«3 Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis. 5 Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.»(Genesisbuch 1,3-5)

Jene, die diese Schöpfungserzählung schrieben, waren der Überzeugung, dass «Urchaos» und «Finsternis» – anders gesagt: das Lebenzerstörende – nicht von Gott kommen. Sie bringen diese Überzeugung zum Ausdruck, indem sie nur das Licht als von Gott geschaffen und als «gut» bezeichnen, nicht aber die «Finsternis».

Ausruhen

Von Gott kommt gemäss ihrem Glauben das Lebenschaffende, das Lebenermöglichende und zwar jeden Tag. Erzählerisch bringen sie das damit zum Ausdruck, dass sie ihre alltägliche Einteilung der Woche in sechs Arbeitstage und dem siebten Tag als Ruhetag (vgl. Exodusbuch 23,12) zum Vorbild auch für das schöpferisches Handeln Gottes nehmen: An jedem Tag erschafft Gott – ausser am Schabbat, da ruht selbst Gott aus.

Das ist mit Humor und Augenzwinkern gemeint. Es wird nicht behauptet, Gott habe an 6×24 Stunden die Welt und alle Lebewesen erschaffen. Es wird vielmehr zum Ausdruck gebracht: Die ganze Zeit, jeder Tag, ist gut und von Gott getragen, von Gottes Leben und Lebensraum Schaffen erfüllt. Und auch der siebte Tag als Ruhetag für alle Menschen und Tiere – eine damals hervorragende sozial-ethische Errungenschaft der Israelit*innen – ist von Gott gewollt und gesegnet.

Existentiell verstanden

Die Menschen, die die erste Schöpfungserzählung schrieben, weitererzählten und immer wieder in ihren Gottesdiensten lasen – fanden in ihr die Kraft, das babylonische Exil und viele weitere Krisen zu überwinden. Sie wussten um die Schrecken der Welt. Aber sie wollten an eine gute Welt, an einen guten Gott als Ursprung allen Lebens, an eine gute Gegenwart und eine gute Zukunft glauben.

Schienen zum Konzentrationslager Auschwitz

Sie waren mit diesem Glauben, diesem Vertrauen in das Leben nicht dumm oder naiv. Sie waren genauso wenig naiv, wie beispielsweise der Jude Viktor E. Frankl (1905-1997, Neurologe, Psychiater und Begründer der Logotherapie). Ihm half das Vertrauen und der Wille, «trotzdem Ja zum Leben» zu sagen, das Konzentrationslager zu überstehen.4

Auch der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der sich sehr früh und engagiert am Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus beteiligte, war weder weltfremd noch leichtgläubig, als er im Gefängnis kurz vor seiner Ermordung das Gebet formulierte:

«Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.»5

Um dieses Vertrauen geht es der ersten Schöpfungserzählung im Genesisbuch.

 

 

  1. Vgl. hierzu und zum Folgenden ausführlich André Flury: Erzählungen von Schöpfung, Erzeltern und Exodus (STh 1,1), Zürich 2018, S. 125-146.
  2. Eine andere, zweite Schöpfungserzählung findet sich im Genesisbuch 2,4b-24.
  3. Eine entsprechende Vision für Gegenwart und Zukunft findet sich im Jesajabuch 11,6-9; 65,25.
  4. Vgl. sein gleichnamiges Buch: Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 9. Aufl. 2009.
  5. Z. B. in Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten. Gebete und Gedichte, hg. v. Johann Hampe, Gütersloh 15. Aufl. 2011, 42f.

    Bildnachweise Titelbild: iStock/studio023; Bild 1-2, 4-5: unsplashBild 3: wikimedia commens, NJR ZA (Nick), CC BY-SA 3.0.

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