Wo ist Gott?

Sie ist so alt wie die Religionen, vielleicht so alt wie die Menschheit, die Frage: «Wo ist Gott?» Und sie gehört zu ernsthaftem, selbstkritischem Glauben. Denn sie ist verbunden mit der Frage: Gibt es Erfahrungen, die wir vernünftigerweise mit Gott in einen Zusammenhang bringen können?

Es wurde schon oft und zurecht betont, dass Gott von uns Menschen nicht bewiesen werden kann. Wenn ein Mensch meinte, Gott beziehungsweise Gottes Existenz beweisen zu können, so wäre das «Bewiesene» bestimmt nicht Gott. Denn es ist ja gerade das Eigentümliche des Glaubens: Wer glaubt, vertraut und hofft darauf, dass es etwas Grösseres, Höheres und Anderes gibt, etwas, das unsere Vernunft und unsere beschränkten Möglichkeiten des Erkennens übersteigt. Von unserer menschlichen Vernunft her sind wir völlig frei, an einen Gott (oder an mehrere Götter) zu glauben oder nicht zu glauben – und Menschen sollen in dieser Entscheidung auch frei sein.

Wenn sich jemand für den Glauben an Gott entschieden hat, so stellen sich unzählige weitere Fragen: An was für einen Gott glaube ich? Wie ist Gott (das Göttliche, die höhere Macht usw.)? Wo ist Gott? Gibt es Erfahrungen, die mich auf Gott verweisen? Welche Erfahrungen stellen meinen Glauben infrage? Welche bestärken meinen Glauben an Gott? Im Folgenden will ich auf einige Wege hinweisen, die gläubige Menschen mit der Frage: «Wo ist Gott?» schon gegangen sind.

Vom kindlichen zum erwachsenen Glauben

Kinder haben oft einen unmittelbareren Zugang zu den grossen Fragen des Lebens. So fragte mich auch meine damals etwa 3-jährige Tochter eines Morgens unvermittelt: «Papa, wo ist eigentlich Gott?» Etwas überrumpelt, aber immerhin mit einigen biblischen Kenntnissen, sagte ich: «Gott ist in deinem Herzen, wenn du liebst» (vgl. 1. Johannesbrief 4,16). Die Antwort schien ihr zu genügen – für den Moment. Anderntags wollte meine Tochter dem jedoch auf den Grund gehen: Sie nahm eine Schere, ging auf meine Frau zu, und sagte: «Mama, ich muss dir hier aufschneiden und dein Herz sehen – weisst du, ich will wissen, wie Gott aussieht.»

Meine Tochter glaubte ihrem damaligen Alter entsprechend: Wortwörtlich. Auch viele Erwachsene glauben noch so, wenn sie zum Beispiel die Arche-Noah per Flugzeug irgendwo in der Türkei suchen. Oder wenn sie meinen, die Welt sei wortwörtlich in sieben Tagen erschaffen worden.

Doch die biblischen Zeugnisse sind sehr viel reflektierter und tiefsinniger, als viele Leute heute meinen. Sie beziehen sich nicht auf Mess- und Berechenbares, sie sind zuallermeist keine historischen und schon gar keine naturwissenschaftlichen Berichte, sondern geistvolle, inspirierte Erzählungen: Sie fragen nach Gott in dem grossen Ganzen und im Kleinen, nach dem Urgrund des Seins, nach Lebenssinn, nach Hoffnung und Liebe, nach dem, was uns und unsere Welt am Leben erhält.

Erwachsener Glaube kennt auch kritisches Fragen und Zweifeln: Wo ist denn Gott in all dem Leid? Wo ist Gott in dem schier oder scheinbar oder tatsächlich unendlichen Universum? Gibt es überhaupt einen Gott? Und wenn ja: Gibt es Erfahrungen, von denen wir glauben (hoffen, vertrauen) können, dass sie eine Begegnung mit dem Göttlichen, mit Gott sind?

In der Befreiung

Die in geschichtlicher Hinsicht wahrscheinlich grundlegendste Erfahrung, welche die Menschen jüdischen Glaubens als Gotteserfahrung annehmen, ist die Befreiung ihres Volkes aus der Sklaverei in Ägypten (vgl. Exodusbuch 1–18). Wie auch immer diese Befreiung historisch ausgesehen haben mag: Die Exoduserzählung bezeugt den Glauben an einen Gott, der keine Herrschaft von Menschen über Menschen will, der auf den Schrei von unterdrückten Menschen hört, und der aus der Sklaverei befreit. – Gott ist da, wo Befreiung aus jeder Art von Sklaverei geschieht.

Im ethischen Denken und Handeln

Verbunden mit der Befreiung aus der Sklaverei ist die Erfahrung der ethischen Weisungen, der Torah: Zur Bewahrung der Freiheit erhalten die Israelit*innen die ethischen Weisungen / Gebote Gottes am Berg Sinai (vgl. Exodusbuch 19 bis Numeribuch 10). In moderner Sichtweise würden wir wohl sagen: Die Menschen einigten sich auf ethische Richtlinien, die unbedingt einzuhalten sind. Um diese unbedingte Gültigkeit zu betonen, wurde im Alten Orient, auch in der Torah, sowie in den meisten bisherigen Epochen der Menschheit gesagt, dass diese Gebote von Gott gegeben wurden.

Und auch diese Sichtweise hat ihre Berechtigung: Denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass sich Menschen auf ethische Richtlinien einigen und sich verpflichten, danach zu handeln. Überhaupt ist es nicht selbstverständlich, dass im Menschen etwas ist, das zu ethischem Handeln auffordert – selbst wenn dieses ethische Handeln mit persönlichen Nachteilen verbunden sein kann. Insofern dies alles nicht selbstverständlich ist, darf es nach wie vor als ein Wunder, als Gottes Wirken bei und in den Menschen angesehen werden.

Gerade weil die biblischen ethischen Gebote nicht in plumper Weise vom Himmel fielen, sondern mit und durch unzählige Menschen hindurch entstanden, kann gesagt werden: Gott ist da, wo Menschen nicht dem bequemsten, eigennützigsten Weg, nicht dem «survival of the fittest» folgen, sondern nach dem ethisch richtigen Weg suchen und ihn gehen.

Im Exil – im Leid

In den Religionen des Alten Orients wurde geglaubt, dass Gott im Heiligtum, im Tempel, wohnt. Auch in Israel/Juda war diese Überzeugung verbreitet.1 Aufgrund von Gottes Gegenwart im Tempel glaubte man an den Schutz und Segen für den eigenen König und das eigene Volk.

Umso schwerer war für die Menschen jüdischen Glaubens die Erschütterung, als der Tempel von Jerusalem im Jahre 587 v. Chr. durch die Grossmacht Babylon zerstört wurde. Tausende Jüd*innen wurden umgebracht und verschleppt. Das eigene Königtum, der eigene Staat war verloren. Der Glaube an Gottes Gegenwart und Segen infrage gestellt.

Manche waren der Meinung, Gott habe Juda/Israel ganz und gar verlassen. Andere glaubten sogar, Gott habe sich selbst gegen Juda gewandt wegen der falschen Politik ihrer Könige. Wiederum andere hielten jedoch an der Überzeugung fest, dass Gottes Zuwendung (Bund, Treue) weiter besteht und Gottes Gegenwart nicht auf den Tempel beschränkt ist. Sie betonten die Gegenwart Gottes wieder neu in familiären religiösen Ritualen, in den schriftlichen Überlieferungen der Torah und der Propheten oder im Psalmengebet/-gesang.

Jahrhunderte später wiederholte sich die Geschichte: Diesmal zerstörte die römische Weltmacht 70 n. Chr. den wiederaufgebauten Tempel erneut und 135 n. Chr. ganz Jerusalem. Die Stadt wurde als römische Stadt namens Aelia Capitolina mit einem Jupitertempel aufgebaut. Menschen jüdischen Glaubens wurde der Zutritt verwehrt. Sie mussten erneut ins Exil, in alle Welt fliehen. Diesmal war klar, dass diese Zerstörung und die Vertreibung der Jüd*innen eine sehr lange Zeit dauern wird. Und wiederum stellte sich die Frage: Wo ist Gott?

Schekinah – «Einwohnung Gottes»

Wahrscheinlich begannen die Rabbinen – ab 70 n. Chr. die massgeblichen jüdischen Lehrer der biblischen Überlieferungen – in dieser Zeit der Verzweiflung und Ohnmacht von der Schekinah zu reden – der «Einwohnung Gottes» bei den Menschen.

Im Unterschied zur Antiken Welt, die nach wie vor den Tempel als hauptsächlichen Wohnsitz Gottes ansah, waren Rabbinen zur Überzeugung gelangt, dass Gottes «Wohnung», das heisst Gottes Gegenwart, mobil ist, und vor allem, dass Gott solidarisch mit den vertriebenen, geflüchteten Menschen mitzieht:

Rabbi Jehoschua ben Levi sagte: Wenn ein Mensch zu dir sagt: Wo ist er, dein Gott? dann sage zu ihm: In der grossen Stadt, in Edom [hier = Rom]. Was ist der Beleg? «Mein Gott ruft von Seir…» (Jesaja 21,11).
Rabbi Schimon ben Jochaj lehrte: An jeden Ort, an den Israel in die Verbannung zog, zog die Schekinah mit ihnen in die Verbannung. Sie zogen nach Ägypten, da zog die Schekinah mit ihnen in die Verbannung […] Sie zogen in die Verbannung nach Babel, da zog die Schekinah mit ihnen in die Verbannung […] Sie zogen in die Verbannung nach Rom, da zog die Schekinah mit ihnen in die Verbannung. Was ist der Grund? «Mein Gott ruft von Seir: Wächter, wie weit ist die Nacht?» (Jes 21,11).2

Hier wird der Glaube bezeugt: Gott ist nicht bei den «Siegern der Geschichte», nicht bei den Grossmächten und Herrschern dieser Welt, die andere Menschen und Völker nach Belieben ausbeuten oder vernichten. Nein. Gott ist vielmehr bei den Vertriebenen – hier konkret beim jüdischen Volk –, bei den Menschen auf der Flucht. Gott ist solidarisch mit jenen, denen Unrecht getan wurde, solidarisch mit den Heimatlosen.

 

 

Lesen Sie demnächst die Fortsetzung in Teil 2.

 

  1. Vgl. z. B. Exodusbuch 25,8; 29,45; Numeribuch 5,3; Psalm 74,2; für den Tempel in Jerusalem Simone Papagini / Annett Giercke-Ungermann: Zion / Zionstheologie, auf: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/35418/(23.12.2019).
  2. pTaan 1,1 (palästinischer Taanit), zitiert in Anlehnung an Arnold Goldberg: Untersuchungen über die Vorstellung von der Schekhinah in der frühen jüdischen Literatur. Talmud und Midrasch (SJ 5), Berlin 1969, Ziffer 138c.

    Bildnachweis Titelbild: Kazimir Malevich (1878-1935), Weiss auf Weiss, 1917-1918, wikiart

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