Gott im Leid

Es ist die wohl schwerste Herausforderungen für den Glauben an einen guten Gott, die Frage: Warum gibt es soviel Leid und wo ist Gott in alledem?

Die Schöpfung ist voller Leben und Schönheit. Das Staunen über das Wunder des Lebens und des Universums bewirkt bei Menschen aller Zeiten den Glauben an eine gute höhere Macht, die dies hervorbrachte. Doch wenn alles, was ist, von einem guten Schöpfergott ins Leben gerufen wurde – warum gibt es trotzdem so vieles, das Leben verletzt, verhindert, zerstört und damit Leid und Schmerz verursacht?

Gewiss, es gibt viel Leid, das wir Menschen selbst verursachen, für das wir selbst verantwortlich sind, im Kleinen wie im Grossen. Doch es gibt ebenfalls sehr viel nicht von Menschen verursachtes Leid: viele Krankheiten, Todesfälle, Naturkatastrophen sind nicht von Menschen verursacht, sind nicht selbstverschuldet.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse

In altorientalischer, biblischer Zeit konnte man vielleicht noch überzeugt sein, dass ein Gott oder Götter irgendwie von ausserhalb der Erde direkt Einfluss nehmen auf die Geschehnisse auf Erden: Blitze, Erdbeben, Tsunamis aber auch unerklärliche Krankheiten konnten als solche direkten Einwirkungen Gottes verstanden werden – ebenso wie das «Verschont-Werden» von solchen Ereignissen. Dies anzunehmen, ist heute meiner Überzeugung nach nicht mehr möglich.

Denn die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrhunderte in Bezug auf die Entstehung des Universums und auf die Evolution des Lebens zeigen in aller Deutlichkeit, dass das Lebenszerstörende immer schon innerhalb des Universums, innerhalb der Schöpfung war: 1 Es gab immer schon Naturkatastrophen sowie Zerstörung von Leben, und die Entwicklung der Lebewesen war und ist ein langer Überlebenskampf auf Kosten anderer Lebewesen («Fressen und Gefressenwerden»; «survival of the fittest»). Hinzu kommt, dass auch die ferne Zukunft nicht gerade vielversprechend ist: Naturwissenschaftliche Forschung rechnet insgesamt damit, dass unser Sonnensystem in etwa acht Milliarden Jahren nicht mehr bestehen wird.

Wir wissen es nicht

Angesichts dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnisse können wir heute meines Erachtens nicht mehr sagen, das Universum und unsere Erde seien «die beste aller möglichen Welten», wie es das Universalgenie Gottfried W. Leibnitz (1646-1716 n. Chr.) noch versuchte, zu vertreten. Seine Begründung – gewisses Gutes sei nur da, weil es gewisse Übel gebe (z. B. Mitleid, Hilfsbereitschaft) – war meiner Meinung nach schon damals nicht überzeugend. Dementsprechend widersprachen ihm auch verschiedene Zeitgenossen.

Auch die vielen weiteren Erklärungsversuche, warum es trotz der Annahme eines guten Gottes dermassen viel Leid und Lebensvernichtung gibt, können allesamt nicht überzeugen. Beispielsweise sind die nicht durch Menschen verursachten Übel keine Folge der «menschlichen Freiheit», und die Vorstellung, Gott lasse uns Schmerzen erfahren, damit unsere Seele «gebildet/geformt» werde (Irenäus), ist allzu menschlich, allzu «pädagogisch» von Gott gedacht. Aus meiner Sicht ist es auch keine Lösung zu sagen – wie es manche in Anlehnung an östliche Religionen tun –, Schmerz und Leid und Tod gehörten einfach zum Leben, das sei weder «gut» noch «böse». Natürlich gehört all dies zum Leben, wie wir es erfahren – leider – , und natürlich ist es nicht «böse» oder «gut» in einem moralischen Sinne. Aber auch wenn wir es nicht so erfahren: Ein Leben ohne Leid, Schmerz und Tod ist denkbar und wünschenswert, und es wäre bestimmt nicht weniger sinnvoll, als unser jetziges real erfahrbares Leben. Zudem haben ja gerade auch östliche Religionen das Ziel, dass das Leid aufhöre.

Etwas hart, aber der Sache nach mit Recht betonte der katholische Theologe Herbert Vorgrimler (1929-2014), dass wir auf logischer, theoretischer Ebene Gott nicht rechtfertigen können, angesichts des Elends:

«Das Theodizee-Problem ist definitiv unlösbar. Es gibt keine theoretisch-systematische Rechtfertigung Gottes angesichts des menschlichen Elends, und alle diesbezüglichen Versuche, ob sie nun ‹Preis der Liebe› heißen oder ähnlich, demonstrieren nur menschlich-zynische Unsensibilität.»2

Es wird wohl nicht nur Unsensibilität sein, sondern auch eine Art Überlebensstrategie: man klammert sich an vermeintliche Antworten, um am unsäglichen, unerklärlichen Leid in der Welt nicht ganz und gar zu zerbrechen. Doch auf die Frage, warum es immer schon Naturkatastrophen und unverschuldetes Leid gibt, haben wir Menschen auch aus theologischer Sicht keine Antwort, die überzeugen könnte. Wir wissen es schlichtweg nicht. (Genauso wenig wissen wir letztlich, warum Naturgesetze so sind, wie sie sind und nicht ganz anders.) Dieses Nichtwissen ist schwer auszuhalten.

Die Frage nach Gott

Hinzu kommt die Frage, wo Gott ist in all dem Leid beziehungsweise was Gott tut (oder nicht tut), angesichts des Leids. Traditionellerweise geht man in jüdischer und christlicher Theologie (ebenso im Islam) davon aus, dass Gott allgütig, allwissend und allmächtig ist – und zudem irgendwie verlässlich und nicht willkürlich und völlig unverständlich für uns Menschen. Dann stellt sich die bleibende Frage, die schon der griechische Philosoph Epikur (341-270 v. Chr.) formulierte: «[…] Wenn er aber will und kann, was allein sich für Gott ziemt, woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?»3

Warum Gott die Übel (das Lebensfeindliche, das Böse) nicht «wegnimmt», beschäftigt Menschen immer schon. Viele Psalmen schreien zu Gott: «Wie lange noch…?», «Wo bist du…?» Das biblische Buch Hiob ringt mit der Ungerechtigkeit, dass es vielen rechtschaffenen, ehrlichen Menschen miserabel geht, während dem sich viele Tyrannen und Verbrecher bester Gesundheit und des Lebens freuen. Hiob, der dies Gott klagt und Gott sogar anklagt, bekommt im Hiobbuch Recht. Seine Freunde, die meinen, sie könnten diese Ungerechtigkeit erklären und Hiob sei bestimmt selbst schuld, liegen falsch.

Mark Rothko, ohne Titel (1942 n. Chr.)

Vertrauen – trotz allem

Viele Menschen verlieren angesichts des Leids in der Welt den Glauben an Gott. Andere halten trotz des Leids oder gerade im Leid am Glauben an Gott fest.

Der jüdische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel (1928-2016) hatte die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebt und engagierte sich ein Leben lang gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus. Auch die Frage nach Gott liess ihn nie los. Angesichts der Schoah (den Holocaust), dem Völkermord an sechs Millionen Jüd*innen durch die Nationalsozialisten,  spricht Elie Wiesel vom Schweigen, vom Entsetzen und von der Entrechtung Gottes, und sagte einmal:

«Jude zu sein, bedeutet sämtliche Gründe in der Welt dafür zu haben, keinen Glauben zu haben an Sprache, an Singen, an Gebete und an Gott; aber fortzufahren, die Geschichte zu erzählen, den Dialog weiterzutragen, und meine eigenen stillen Gebete zu haben und meine Auseinandersetzungen mit Gott.»4

  1. Dies gilt, obwohl auch in der Kosmologie manches hypothetisch ist und immer bleiben wird. Für allgemeinverständliche Überblicke vgl. beispielsweise Hans-Joachim Blome / Harald Zaun: Der Urknall. Anfang und Zukunft des Universums (C.H. Beck Wissen 2337), München 3. Aufl. 2015; und Winfried Henke / Hartmut Rothe: Menschwerdung (Fischer Kompakt 15554), Frankfurt a. M. 2003.
  2. Herbert Vorgrimler: Der Tod als Thema der neueren Theologie, in: Theologische Berichte 14, Zürich 1990, S. 13. Das griechische Wort Theodizee bedeutet «Gerechtigkeit / Rechtfertigung Gottes» (angesichts des Leids).
  3. Zitiert nach Epikur: Von der Überwindung der Furcht. Katechismus, Lehrbriefe, Spruchsammlung, Fragmente, eingel. und übertr. von Olof Gigon, München 1983, S. 136.
  4. Zitiert nach Johanna Kohn: Haschoah – christlich-jüdische Verständigung nach Auschwitz, mit einem Vorwort von Günther Bernd Ginzel (Fundamentaltheologische Studien 13), München 1986, S. 27.

     

    Bildnachweise wikiart fairuse. Titelbild: Marc Chagall, Weisse Kreuzigung, 1938. Art Institute of Chicago. 2020, ProLitteris, Zürich

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