Der Schrei der Armen und der Erde – Laudato Si’ (I)

Die ökologische Frage ist nicht zuletzt eine ethische Frage: Wie sollen wir dieses unser gemeinsames Haus (grie. oikos) der Welt bewohnen? Wissenschaftler*innen und Jugendliche weltweit sowie Menschen aus dem Süden mahnen seit längerem die Dringlichkeit des Themas an. Die Enzyklika Laudato Si’ von Papst Franziskus, die bei ihrer Veröffentlichung 2015 weit über die katholische Kirche hinaus grosse Beachtung fand, liefert wichtige Impulse.

Papst Franziskus argumentiert aus der christlichen Tradition, insbesondere mit der katholischen Soziallehre, die er in bedeutender Weise weiterentwickelt. Doch er spricht ganz bewusst alle Menschen an. Die Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung benötige Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen:

«Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle.»1

Wertschätzend bezieht Franziskus sich auf die ökologische Bewegung und hält fest, dass Lösungsansätze nicht allein durch die Mächtigen der Welt, sondern ebenso sehr durch die Interesselosigkeit und Gleichgültigkeit der breiten Bevölkerung blockiert würden. Und so fordert er in seinem Schreiben nichts weniger als eine Umkehr der Herzen und einen radikalen Systemwechsel.2

Tagebau Inden bei Weisweiler

Eine einzige Krise

Laudato Si’ verknüpft Umweltfragen von Beginn weg mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Die Überzeugung, dass die Menschheit vor einer einzigen Krise steht, die sich in verschiedenen Problem­feldern äussert (Ernährung, Wasser, Klima, Migration), zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Enzyklika. Franziskus knüpft ausserdem an seine Wirtschaftskritik an, die er im Schreiben Evangelii gaudium unter dem Stichwort «diese Wirtschaft tötet»3 formuliert hat. Zu den vernachlässigten und ausgebeuteten Armen dieser Welt zählt in besonderer Weise «unsere Schwester, Mutter Erde».

Inspiration für das Zusammengehen von Ökologie und Achtsamkeit für die Schwachen findet Papst Franziskus bei Franz von Assisi (1182-1226), dem Schöpfer des Sonnengesangs.

«An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind.» (LS 10)

Der Schrei der Erde und der Armen hören

Die Zerstörung der Umwelt trifft die Armen auf besondere Weise, da sie unmittelbar auf intakte Böden und sauberes Wasser angewiesen sind. Sie haben weder das Geld noch die Technologie, um sich der Umweltverschmutzung zu entziehen oder ihre Folgen abzuschwächen. In ihren Siedlungen und an ihren Arbeitsplätzen sind sie dem Rauch fossiler Brennstoffe, illegalen Mülldeponien und der Vergiftung von Erde, Luft und Wasser ungeschützt ausgesetzt und sterben millionenfach einen frühzeitigen Tod4.

«Wir kommen […] heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage (den Schrei) der Armen ebenso zu hören wie die Klage (den Schrei) der Erde.» (LS 49)

Germiston, Südafrika. Offizielle Müllhalde von Johannesburg. Menschen suchen im Abfall nach rezyklierbaren Materialien

Ungleichheiten und eine ökologische Schuld

Die ökologische Krise betrifft die gesamte Menschheit also in höchst unterschiedlicher Weise. Es werden Verletzlichkeiten und Ungleichheiten sichtbar, die sich zunehmend verschärfen. Franziskus warnt vor sozialen Konflikten und Kriegen, hervorgerufen durch Ressourcenknappheit und der damit verbundenen Tendenz zur Privatisierung öffentlicher Güter wie beispielweise des Wassers. Die Ausbeutung der Welt komme an ihre Grenzen, ohne dass das Problem der Armut auch nur annähernd gelöst sei. Was die Welt dringend brauche, ist mehr Verteilungsgerechtigkeit. Es fehle, so hält Franziskus angesichts der Ressourcenverschwendung fest, «das Bewusstsein der Schwere dieses Verhaltens in einem Kontext gro­sser Ungleichheit» (LS 30).

 «Wir müssen uns stärker bewusst machen, dass wir eine einzige Menschheitsfami­lie sind. Es gibt keine politischen oder sozialen Grenzen und Barrieren, die uns erlauben, uns zu isolieren, und aus ebendiesem Grund auch kei­nen Raum für die Globalisierung der Gleichgül­tigkeit.» (52)

Papst Franziskus spricht von einer «ökologischen Schuld» (LS 51) der Industrienationen, die Einzelne und Gemeinschaften in eine besondere Verantwortung ruft. Er meint damit nicht allein den überproportionalen Verbrauch natürlicher Ressourcen, sondern spielt auch auf die ökologischen Schäden an, die der Abbau einiger Rohstoffe für den Export wie Gold oder Kupfer im Süden verursacht.

«Es ist notwendig, dass die entwickelten Länder zur Lösung dieser Schuld beitragen, indem sie den Konsum nicht erneuerbarer Energien in bedeutendem Mass einschränken und Hilfsmittel in die am meisten bedürftigen Länder bringen, um politische Konzepte und Programme für eine nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen.» (LS 52)

Arbeiter in einer Goldmine in Nordsudan

Wem gehört die Atmosphäre?

Zu den dringlichsten ökologischen Herausforderungen der Weltgemeinschaft zählt der Klimawandel.

«Die Menschheit ist aufgeru­fen, sich der Notwendigkeit bewusst zu werden, Änderungen im Leben, in der Produktion und im Konsum vorzunehmen, um diese Erwärmung oder zumindest die menschlichen Ursachen, die sie hervorrufen und verschärfen, zu bekämpfen.» (LS 23)

Die Erwärmung der Erdatmosphäre muss in den nächsten Jahren durch eine massgebliche Reduzierung der Treibhausgase gestoppt werden. Laudato Si’ betont die globale Bedeutung bestimmter Gebiete wie des Amazonas und des Kongobeckens als Lungen unserer Erde.

Russische Arktis, in der Nähe des Franz-Josef-Landes

Interessanterweise spricht Franziskus in der Enzyklika vom Klima als einem «gemeinschaftlichen Gut»5 und von kollektiven Umweltgütern. Eine solche Bezeichnung als Gemeinschaftsgut impliziert eine Schutzwürdigkeit und somit verbindliche Regelungen.6 Laudato Si’ hält denn auch fest:

«Wir brauchen also letztlich eine Vereinbarung über die Regelun­gen der Ordnungs- und Strukturpolitik für den gesamten Bereich des sogenannten ‹globalen Gemeinwohls›.» (LS 174)

Franziskus argumentiert damit ganz auf der Linie der katholischen Soziallehre, die das Gemeinwohl über das Privateigentum stellt. Die Atmosphäre gehört nicht einfachhin den wirtschaftlich Stärkeren. Das Amazonasgebiet wie auch die Ozeane sind vor Übernutzung zu bewahren – um den Klimawandel abzuwenden und die Ärmsten der Armen zu schützen.

  1. Papst Franziskus: Laudato Si’. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, 25. Mai 2015, auf: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (10.04.2020) Die Enzyklika Laudato Si’ (im Folgenden LS) wird nach den Abschnittsnummern zitiert; hier LS 14.
  2. Eine theologisch reflektierte Zusammenfassung der Enzyklika von Norbert Mette findet sich auf: https://www.itpol.de/laudato-si-ueber-die-sorge-fuer-das-gemeinsame-haus-eine-zusammenfassung-der-neuen-enzyklika-von-papst-franziskus/ (10.04.2020)
  3. Papst Franziskus: Evangelii gaudium. Über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute,  Nr. 53. Greifbar auf http://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html (10.04.2020)
  4. Vgl. LS 20.
  5. LS 23: «Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut [in der englischen Fassung: common good] von allen und für alle. Es ist auf globaler Ebene ein kompliziertes System, das mit vielen wesentlichen Bedingungen für das menschliche Leben verbunden ist.» Und ähnlich LS 95: «Die Umwelt ist ein kollektives Gut, ein Erbe der gesamten Menschheit und eine Verantwortung für alle.»
  6. Vgl. dazu Otmar Edenhofer: Der Kampf um die globalen Gemeinschaftsgüter, in: Concilium 54 (2018), S. 491-499.

    Bildnachweise: Titelbild: iStock/AscentXmedia; Bild 1: IAMphotography / photocase.de; Bild 2: Maciek67; Bild 3: thegift777/iStock; Bild 4: iStock/SeppFriedhuber

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Kommentare

2 Kommentare zu “Der Schrei der Armen und der Erde – Laudato Si’ (I)

  1. 02.10.20

    Herbert Schantl

    Genug der Worte. Ich möchte Taten sehen.

  2. 29.01.21

    Angela Büchel Sladkovic

    Lieber Herr Schantl, entschuldigen Sie meine späte Reaktion. Sie haben Recht, es braucht Taten. Die Kirchen wie auch wir alle sind herausgefordert, uns stärker und radikaler für die Schöpfung, die Tiere und die Pflanzen einzusetzen. Die europäischen Kirchen haben 1989 mit dem Slogan „Die Zeit drängt“ einen grossen Prozess gestartet, der dann leider um die Jahrtausendwende wieder etwas versandet ist. Zum Glück gibt’s den Weckruf der Jugend, die von den Mächtigen Verantwortung fordert. Welches Engagement wünschen Sie sich denn konkret von den Kirchen?
    Ich persönlich bin Papst Franziskus dankbar für die klaren Worte zur ökologischen Krise. Auch dass er immer wieder darauf hinweist, dass sie technokratisch nicht zu lösen ist, sondern es auch um Gerechtigkeit geht und eine andere Art zu leben und zu wirtschaften notwendig ist. Viele kirchliche Initiativen, Männer und Frauen stellen sich gegen Ausbeutung und Abholzung im Amazonas und anderswo.

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