Paulus (III) – Heilige Geistkraft konkret

An Pfingsten stellt sich die Frage besonders drängend: Was ist das eigentlich, diese Heilige Geistkraft? Paulus und die ersten Gemeinden sind überzeugt: Wer getauft ist, hat diese Heilige Geistkraft erhalten. Das hat spürbare Folgen: Denn die Geistkraft schenkt Begabungen und Fähigkeiten, die alle Getauften in der Gemeinde einsetzen sollen – egal ob Mann* oder Frau*, einheimisch oder fremd, versklavt oder frei geboren.

Schon im Alten/Ersten Testament ist an vielen Stellen von dieser Geistkraft Gottes die Rede. Das hebräische Wort ist ruach und bedeutet eigentlich «Wind» oder «Atem», oder noch genauer: die Kraft, die im Wind oder im Atem da ist. Wenn das Wort in Verbindung mit «Gott» steht, wird es üblicherweise als «Geist Gottes» übersetzt, und auch hier geht es um die Kraft, die in diesem göttlichen «Geist» da ist und etwas bewirkt. Interessant ist, dass das Wort ruach in den meisten Texten weiblich ist. Dieser «Geist» Gottes ist also eine «weibliche» Kraft. Darum übersetzen wir es im Deutschen öfters als «Geistkraft», um diese weibliche Dimension schon in der Sprache bewusst zu machen.

Diese Geistkraft ist Gottes schöpferische Kraft.1 Sie kann nach ersttestamentlicher Vorstellung Menschen erfüllen und sie zu aussergewöhnlichen Taten befähigen. Sie kann in Königen ebenso wirken wie in anderen charismatischen Gestalten. Sie kann Prophet*innen packen, «im Geist» an andere Orte transportieren und sie dort Visionen sehen lassen.2 Sie kann Ekstase und Entrückungen bewirken, lebendig machen und mit Leben erfüllen. Und sie wird für die Heilszeit als Geschenk für alle erwartet. Besonders deutlich ist dies beim Propheten Joel:

«Danach aber wird Folgendes geschehen: Ich werde meinen Geist ausgiessen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgiessen in jenen Tagen.» (Joel 3,1-2)

Wirksame Geistkraft

Auch die Evangelien rechnen mit dem Wirken der Geistkraft, die im Griechischen to pneuma heisst, was ebenfalls etwas wie «Wind», «Hauch» oder «Atem» bedeutet. Johannes der Täufer, Elisabet und Zacharias sind nur einige Beispiele von Geistträger*innen im Lukasevangelium. Sie bringen mutig und kraftvoll zur Sprache, was – im Namen Gottes – gesagt oder besungen werden muss. Aber dann zeigt das Lukasevangelium natürlich vor allem Jesus, wie er in der Kraft des Geistes handelt. Er ist es auch, der als Auferstandener den verschreckten Jünger*innen in Jerusalem verheisst, dass sie alle mit der «Kraft aus der Höhe» erfüllt werden sollten (Lukasevangelium 24,49). Die Apostelgeschichte erzählt schliesslich, wie sich dies an Pfingsten erfüllt (Apostelgeschichte 2) und wie aus der mutlosen Gruppe von Jesusnachfolger*innen kraftvolle Verkündiger*innen werden, die das Evangelium bis in den letzten Winkel der Erde tragen.

Hände empfangen den Heiligen Geist der, nach Matthäusevangelium 3,16, mit einer Taube dargestellt wird

Die Apostelgeschichte wurde etwa um das Jahr 90 n. Chr. geschrieben und blickt zurück auf diese Zeit des Anfangs. Die Paulusbriefe sind Zeugnisse aus dieser frühen Zeit. Geschrieben etwa 55-65 n. Chr., geben sie Einblick in das Leben der ersten christusgläubigen Gemeinschaften. Auf beeindruckende Weise zeigen sie, wie diese Frauen* und Männer* mit dem Wirken der Geistkraft rechnen. Sie sind überzeugt: Wer zum Christusglauben kommt und sich als Zeichen dafür taufen lässt, erhält die Geistkraft. Alle Getauften sind also Träger*innen der Geistkraft. Dies ist kein blosses theoretisches Wissen; vielmehr schenkt diese Geistkraft ganz konkrete Begabungen und Fähigkeiten, die die Getauften in die Gemeinde einbringen können und sollen:

«Allen aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.» (1 Korintherbrief 12,7)3

Diese Gaben der Geistkraft heissen auf Griechisch charismata und in der Einzahl charisma. Damit greift Paulus ein selten gebrauchtes griechisches Wort auf, das so etwas wie Gunsterweis, Gabe oder willkommenes Geschenk bedeutet. Für Paulus ist dieser Begriff von zentraler Bedeutung, wenn er über Gemeinde spricht. Als «Charisma» oder in der Mehrzahl «Charismen» ist er in unserem Sprachgebrauch bis heute lebendig.

Was man sich unter diesen «Charismen» vorstellen kann, zeigt Paulus in zwei Listen, in denen er diese Gaben der Geistkraft zusammenstellt, wie er sie in den Gemeinden wahrnehmen kann. Im ersten Brief an die Gemeinde von Korinth liest sich das so:

«Den einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, den anderen durch denselben Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, anderen in demselben Geist Glaubenskraft, anderen – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, anderen Kräfte, Machttaten zu wirken, anderen prophetisches Reden, anderen die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, anderen verschiedene Arten von Zungenrede, anderen schliesslich die Gabe, sie zu übersetzen. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; allen teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.» (1 Korintherbrief 12,8-11)4

Es ist eine grosse Vielfalt an Begabungen, die Paulus da in der Gemeinde von Korinth identifizieren kann: Es sind Gaben, die mit Erkenntnisfähigkeit und Verkündigung zu tun haben, dazu kommen handfest-praktische Gaben wie die Fähigkeit, in der Kraft des Glaubens zu heilen, es sind aber auch Gaben einer prophetisch-kritischen Stimme in der Gemeinde. An späterer Stelle wird die Gabe der Leitung ebenso benannt wie die des Helfens (1 Kor 12,28). Im Brief an die Gemeinde in Rom kommen das Trösten und Ermahnen, das Vorstehen und Barmherzigkeit üben hinzu (Römer 12,8).

Es wird deutlich: Alle diese Gaben sind Geschenke. Man kann sie weder «machen» noch käuflich erwerben. Es ist die Geistkraft, die wirkt und zuteilt. Durch sie nimmt Gott Menschen auf die ihnen entsprechende Weise in Dienst und befähigt sie, diese Begabungen in der Gemeinde fruchtbar werden zu lassen.

Die sechs Eigenschaften des Heiligen Geistes gemäss Jesaja 11,2-3: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis und Ehrfurcht vor Gott (letztere wird in der griechischen Septuaginta zusätzlich als Frömmigkeit übersetzt, daher zeigt das Fenster 7 Eigenschaften); Christ Church Cathedral Dublin (ca. 1870)

Befähigung aller

Nochmals eindrücklicher werden diese Listen von Charismen, wenn wir bedenken, dass die ersten Gemeinden ja nicht aus den gebildeten, wohlhabenden und einflussreichen gesellschaftlichen Kreisen stammten, sondern aus den unteren gesellschaftlichen Schichten kamen:

«Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist …» (1 Korintherbrief 1,26-29)

Genau diese «Niedrigen», «Verachteten», «Schwachen» und «Törichten» sind es, die die Mehrheit der Gemeinde von Korinth bilden: Arme, Versklavte, Freigelassene, abhängige Lohnarbeiter*innen und Handwerker*innen. Und genau diese werden von Gottes Geistkraft mit all diesen Begabungen versehen. In den Texten spiegeln sich Erfahrungen von Wertschätzung und Würdigung. In der Gemeinde Gottes stehen diese Menschen im Zentrum, ihnen gilt Gottes besondere Zuwendung, und das spiegelt sich in einem Miteinander, das von Wertschätzung und Respekt geprägt ist.

Handfeste Konflikte

Dass in einer solchen Gemeinschaft von Geistbegabten auch Konflikte nicht ausblieben, das zeigen die Paulusbriefe ebenfalls in aller Deutlichkeit. Besonders der erste Brief an die Gemeinde in Korinth liest sich wie eine Zusammenstellung von Konfliktfeldern in der Gemeinde. Eigentlich ist das nicht verwunderlich. Denn in Korinth kamen unterschiedliche Menschen zusammen, die aus verschiedenen Teilen der Welt in diese Hafenstadt gespült worden waren und ihre Kulturen und Traditionen mitgebracht hatten, es waren Menschen, die in der jüdischen Tradition aufgewachsen waren und Menschen, die aus den griechisch-römischen Kulten kamen, es waren Bettelarme und solche, die etwas mehr zu ihrer Verfügung hatten. Und so weiter. Und alle versuchten, in einer Umgebung, die nach ganz anderen Regeln funktionierte, die Botschaft Jesu zu leben. Dass es darüber unterschiedliche Ansichten gab, wie dies realisiert werden sollte, liegt auf der Hand.

Einige Männer in der Gemeinde fanden zum Beispiel, dass man ruhig zu Prostituierten gehen könne, andere sahen das anders (1 Kor 6,12-20). Manche wollten angesichts der hoch gespannten Erwartung, dass Jesus Christus bald kommen würde, ihre Ehen aufgeben oder gleich gar nicht mehr heiraten. Paulus sieht das differenzierter (1 Kor 7). Manche fanden, dass man das Fleisch aus den Tempeln, das auf den Märkten verkauft wurde, ruhig essen könne, weil es ja diese Götter ohnehin nicht gebe. Für andere war das ein grosses Problem (1 Kor 8–10). Einige Frauen* und Männer* mit prophetischen Begabungen nahmen die Zusage aus dem Tauflied, dass es in Christus nicht mehr «männlich und weiblich» gebe, so ernst, dass sie die äusseren Zeichen ihrer Geschlechtsrollenidentität ablegten, so dass einige Gemeindemitglieder die Geschlechtergrenzen verschwimmen sahen und um das Ansehen der Gemeinde fürchteten (1 Kor 11,2-16). Einige besser gestellte Gemeindemitglieder feierten in einer Weise das Mahl, dass die Armen zu kurz kamen (1 Kor 11,17-34). Da sieht Paulus den Christus selbst in Mitleidenschaft gezogen.

Zwar kennen wir in all diesen Konfliktfeldern nur die Perspektive des Paulus und nicht die Sichtweisen der verschiedenen Konfliktparteien. Doch ist im gesamten Brief nach Korinth sehr gut zu erkennen, wie Paulus argumentiert und um angemessene Antworten ringt, wie er wirbt und zu überzeugen versucht. Immer wieder versucht er die Gemeindemitglieder auf das Zentrum des gemeinsamen Glaubens zurückzuführen: auf den Messias Jesus selbst. In allem aber bleibt er dabei: Diese Gemeinde ist Gemeinde Gottes (1 Kor 1,2). Sie bleibt als Ganze sein Gegenüber als Gemeinschaft derer, die getauft sind. Und Paulus bleibt bei seiner Überzeugung: Alle Getauften haben die Geistkraft empfangen und sind entsprechend zu würdigen.

Pentecoste (Pfingsten), Giotto (1304-1306 n.Chr., Scrovegni Kapelle, Padua, Italien)

Zusammengehörigkeit in Vielfalt

Genau in dieser Geistkraft sieht Paulus auch den tiefsten Grund für die Zusammengehörigkeit all dieser verschiedenen Menschen in Korinth:

«Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.» (1 Korintherbrief 12,13)

In der Taufe haben alle die Geistkraft erhalten – und in dieser Geistkraft bilden die Getauften zusammen den Leib des Christus:

«Ihr aber seid der Leib des Christus, und jede*r Einzelne ist ein Glied an ihm.» (1 Korintherbrief 12,27)

Paulus denkt die Gemeinde als «Leib» – wörtlich: «Körper» – des Christus. Alle Getauften verkörpern gemeinsam diesen «Leib» des Christus, und jedes einzelne Gemeindemitglied wird als ein Körperglied verstanden.

Wie kaum ein anderes Bild ist das Bild eines Körpers dazu geeignet, die Zusammengehörigkeit all der unterschiedlichen Glieder – und das heisst: all der verschiedenen Gemeindemitglieder – plausibel zu machen. Nicht umsonst malt Paulus dieses Bild gerade in seinem Brief nach Korinth, wo es all diese Unterschiedlichkeiten und die genannten Konfliktfelder gab, so anschaulich aus (1 Kor 12,12-27). Mit diesem Bild kann er zeigen, dass es eine Vielheit an Gliedern – und das heisst: eine Vielheit von Menschen, Funktionen, Fähigkeiten – nicht nur gibt, sondern auch braucht, dass die Glieder zusammenhängen und zusammenwirken, voneinander abhängen und aufeinander angewiesen sind, gemeinsam ein Ganzes bilden und ohne einander nicht überlebensfähig sind.

Paulus hebt die Bedeutung jedes einzelnen Körpergliedes hervor und zeigt, wie gerade diejengen, die nach landläufigem Urteil weniger geachtet werden, doch umso wichtiger sind. Dabei geht es ihm nicht darum, bestimmten Menschen bestimmte Befugnisse zuzuteilen oder vorzuenthalten. Vielmehr sollen alle mit ihren speziellen Begabungen zum Zuge kommen und sich einbringen. Ein «Haupt» des Leibes kommt in seinem Bild interessanterweise nicht in den Blick. Auch der Christus fungiert bei ihm nicht als das «Haupt» dieses Leibes. Das ist erst in nachpaulinischen Briefen der Fall.5 Für Paulus ist die Gemeinde Ausdruck und Verkörperung des Messias in der Welt. Der auferweckte Messias ist im «Leib» der Gemeinde in der Welt präsent und kann hier konkret erfahren werden. Höher lässt sich von Gemeinde kaum denken.

Das zeigt: Die Geistkraft ist für Paulus und die ersten Gemeinden eine höchst lebendige und im Alltag erfahrbare Kraft, die die Getauften untereinander verbindet und sie zu Gliedern im «Leib des Christus» macht. Sie beschenkt die Getauften mit Gaben und befähigt sie, diese für die Gemeinde einzusetzen. Alle, Männer* und Frauen*, Einheimische und Fremde, auch und gerade die Machtlosen und Randständigen sind Träger, Trägerinnen dieser Geistkraft. Die Paulusbriefe zeigen, wie all diese Menschen alle Aufgaben und Funktionen in den Gemeinden tatsächlich übernahmen.6 Von diesen vielfältigen Möglichkeiten des Anfangs können wir uns noch heute inspirieren lassen.

  1. Als solche wird sie gleich zu Beginn der Bibel in Genesis 1,2 erwähnt oder auch im Psalm 104,29-30.
  2. Besonders deutlich beim Propheten Ezechiel, zum Beispiel in Ez 8,1-3; 11,1; 37,1 oder – im Neuen Testament – im Buch der Offenbarung in Offb 21,10.
  3. Der erste Korintherbrief wird abgekürzt mit 1 Kor.
  4. Die Liste wird fortgesetzt in 1 Korintherbrief 12,28-30. Eine zweite Liste findet sich im Römerbrief 12,4-8.
  5. Im Brief an die Gemeinde in Kolossä (1,18; 2,18-19) sowie im Brief an die Gemeinde in Ephesus (1,22f; 4,15f; 5,23).
  6. Vgl. dazu Sabine Bieberstein: Paulus (II) – Für die gleiche Würde aller, auf: https://glaubenssache-online.ch/2020/05/13/paulus-ii-fuer-die-gleiche-wuerde-aller/ (4.5.2020).

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