Zur Freiheit befreit

Paulus umschreibt seine Erfahrung mit Christus mit den Worten «zur Freiheit befreit». Simone Weil entdeckt als Fabrikarbeiterin in der Erfahrung von Ausbeutung und Rechtlosigkeit ihre Zugehörigkeit zu Christus. Dabei versteht sie das Christentum nicht als «übernatürliches Heilmittel gegen das Leid», sondern als Weg des Mitleidens und der Solidarität.

Mose führt das Volk Israel durch das Meer – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180).

Das Christentum sei «vorzüglich die Religion der Sklav*innen», hält die Gewerkschafterin und Philosophin Simone Weil (1909-1934) fest.1 Es ist eine Anspielung auf den Denker Friedrich Nietzsche (1844-1900), der im Christlichen Sklavenmoral und eine Lust am Negativen diagnostizierte. Damit signalisiert Simone Weil nicht nur keinerlei Interesse an einer privilegierten Freiheit der Glücklichen, sondern macht deutlich, dass in dieser unserer Realität Gott nicht unberührt von Schmerz und Leid zu haben ist. Ihre Option für die Leidenden hängt mit ihrem Gottesbild zusammen. Sie steht damit ganz auf dem Boden ihrer Ursprungsreligion, dem Judentum.

Exodus – Gott befreit

Die Herausführung der Israelit*innen aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum, die Gründungserzählung des jüdischen Volkes. Es ist ein Auszug in die Freiheit, erzählt im Buch Exodus. Die Erzählung spiegelt zum einen den politischen Kampf Israels, eingezwängt zwischen den Grossmächten, und erinnert zum anderen in ihrer Dramatik an die stete, grundsätzliche Gefährdung der Freiheit. Vor allem aber: Gott offenbart sich Israel als ein Gott der Befreiung. Gott definiert sich gewissermassen durch befreiendes, rettendes Handeln. «Ich bin JHWH deine Gottheit, weil ich dich aus Ägypten, dem Haus der Sklavenarbeit befreit habe.»2 Not und Unfreiheit wiederum lassen nach Gottes rettender Gegenwart rufen. So ist «die schlimmste Sünde nicht die Verehrung anderer Gottheiten, sondern die Verwandlung des Exodusgottes in ein goldenes Gottesbild und damit die Pervertierung von Freiheit (Ex 32).»3 Die Torah und der Dekalog sind ein Weg, Freiheit zu bewahren und zu gestalten.

Auf der Basis dieses Glaubens- und Gottesverständnisses spricht Jesus von Nazareth vom Joch, das leicht ist (Matthäusevangelium 11,29), und dass Gottes Kommen die Armen, die Hungernden und die Weinenden glücklich machen wird (Lukasevangelium 6,20f.). In Jesu Geschichten scheint Gottes befreiende Nähe auf, wird spürbar in heilenden Begegnungen und im Teilen des Brotes.

 «Zur Freiheit befreit»

Jesus wollte uns das «Herz Gottes offenbaren», sagt der lateinamerikanische Theologe Juan Luis Segundo.4Paulus habe einen anderen Fokus, wenn er von der Freiheit spricht. Er schaue stärker auf den Menschen:

«Zur Freiheit hat uns der Messias befreit. Steht also aufrecht und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei fangen.» (Galaterbrief 5,1)5

Für Paulus sind wir durch das Christusereignis befreit zur Geschwisterlichkeit. Die todbringenden Strukturen der Sünde haben keine Macht mehr über uns: Wir sind frei, einander auf Augenhöhe zu begegnen, befreit zu Vergebung, Teilhabe und Liebe. Die Freiheit, von der Paulus spricht, ist umfassende schöpferische Freiheit: die Freiheit, furchtlos, solidarisch und erfinderisch Gottes Welt voranzubringen. Wir sind Töchter und Söhne Gottes, Mitarbeiter*innen «im Ackerfeld Gottes und am Bau Gottes» (1 Korinther 3,9). Unsere Freiheit ist es, Teil eines Befreiungs- und Erlösungsprozesses zu sein und nicht Rädchen in einem göttlichen Plan.

Paulus’ Aussage im Galaterbrief wurde lange antijüdisch gelesen. Doch Paulus geht es nicht um die Befreiung vom Gesetz, der Torah, im Gegenteil. Die von ihm verkündete Freiheit besteht gerade darin, Gottes Weisung zu leben und den Weg der Gerechtigkeit zu gehen – sei man Jude oder Grieche. Zentral für Paulus ist der Glauben an den befreienden, rettenden Gott, oder wie es bei ihm heisst, «das Vertrauen in Jesus Christus»:

«Ihr alle nämlich seid Gottes Kinder im Messias Jesus durch das Vertrauen. Denn alle, die ihr in den Messias hineingetauft seid, habt den Messias angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich noch weiblich.» (Galaterbrief 3,26-28)

Sklav*innen in den frühchristlichen Gemeinden

Galater 3,28 wie auch andere Schriftstellen weisen darauf hin, dass zu den ersten Hausgemeinden Sklav*innen gehörten. Feministische und sozialgeschichtliche Forschungen der letzten Jahrzehnte gehen von einer starken Beteiligung Versklavter in der frühchristlichen Bewegung aus. In der Grussliste beispielsweise, die Paulus nach Rom schickt, finden sich unter den 26 namentlich erwähnten Frauen und Männern 9-13 Sklav*innen.6

Versklavung im römische Reich bedeutete absolute Rechtlosigkeit. Sklav*innen waren der totalen Verfügungsmacht ihrer Herren ausgeliefert. Was bedeutet die paulinische Freiheitsrede in diesem Kontext? Auf jeden Fall ging es um mehr als eine «innere» Freiheit. Auch wenn eine Freilassung von Sklav*innen aus ökonomischen oder andere Gründen nicht möglich war, so konnten Sklav*innen mit christlichen Besitzer*innen mit einem anderen Umgang rechnen. Für alle aber galt, innerhalb der Gemeinde waren sie als Freigelassene Christi gleichgestellt. Sie waren nicht Objekte der Fürsorge, sondern Akteure des Glaubens. Gerade die Grussliste in Römerbrief 16 zeigt, dass Sklav*innen in den Gemeinden leitende Funktionen innehatten.

Doch Paulus’ Rede ist ambivalent, da er in metaphorischer Weise auch von der Sklaverei der Sünde spricht oder sich selbst als Sklaven Christi bezeichnet (vgl. Römerbrief 6,15-23; 1,1). Eine Ambivalenz, die sich durch die weitere Geschichte des Christentums zieht und an der sich unter anderem Nietzsche gerieben hat. Dagegen hält das Johannesevangelium fest:

«Ich nenne euch nicht mehr Knechte / Sklav*innen […] Vielmehr habe ich euch Freunde genannt» (Johannesevangelium 15,15).

Theologie der Befreiung

Vor die Frage, was es heisst, Freund*innen Christi zu sein, sah sich die lateinamerikanische Kirche in den 1960er Jahre gestellt angesichts des Elends der Bevölkerung und der Ungerechtigkeit, die man zunehmend strukturell begriff. Konnte man mit dem Rücken zur Realität die Frohe Botschaft verkünden? Was war geschehen, dass die christliche Rede von «Heil», «Erlösung» und «Freiheit» so schal oder gar bitter klang? Die Kirche − Ordensfrauen, Bischöfe, Katecheten − stellte sich gegen alle inneren und äusseren Widerstände auf die Seite der Armen und lernte von ihnen, die Bibel neu zu lesen. Befreiung wurde zum zentralen Begriff. Und damit Vertrauen und Hoffnung:

«Ich bin JHWH deine Gottheit, weil ich dich aus Ägypten, dem Haus der Sklavenarbeit befreit habe.» (Exodus 20,2)

  1. Vgl. Simone Weil: Zeugnis für das Gute. Traktate, Briefe, Aufzeichnungen, München 1990, S. 92.
  2. Exodus 20,2, zit. nach Frank Crüsemann / Luise Schottroff: Art. Freiheit, in: Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009, S. 157.
  3. Frank Crüsemann / Luise Schottroff: Freiheit, in: Sozialgeschichtliches, S. 157.
  4. Juan Luis Segundo: Freiheit und Befreiung, in: Ignacio Ellacuría / Jon Sobrino (Hg.): Mysterium Liberationis. Grundbegriffe der Theologie der Befreiung, Luzern 1990, S. 361-381, hier S. 372.
  5. Hier und im Folgenden: Übersetzung nach / in Anlehnung an die Bibel in gerechter Sprache.
  6. Römerbrief 16,1-16. Vgl. Luise Schottroff / Siegried Kreuzer: Art. Sklaverei, in: Sozialgeschichtliches, S. 527. Zur besonderen Situation der Sklavinnen vgl. Luise Schottroff: Lydias ungeduldige Schwestern. Feministische Sozialgeschichte des frühen Christentums, Gütersloh 1994.

     

    Bildnachweise Titelbild. Foto: iStock/JDawnInk; Bild 1: Mose führt das Volk Israel durch das Meer – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180). Wikimedia; Bild 2: Juan Carlos Distéfano: «The Rebellion of Form», Argentinischer Pavillon, Kunstbiennale Venedig 2015; Bild 3: Foto: Michael Dziedzic/Unsplash; Bild 4: Joep van Lieshout, Renegade, Bronze 2019, kr; Bild 5: Antonio Manuel, André Komatsu, Berna Reale: «So much that it doesn’t fit here», Brasilianischer Pavillon, Kunstbiennale Venedig 2015; Bild 6: Foto: Nordreisender / photocase

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