Leben in und mit Krankheit und Schmerz

«Das Wichtigste ist doch, dass man gesund ist.» Viele würden diesem Satz sicher zustimmen. Meine 90-jährige Gesprächspartnerin widerspricht entschieden: «Gesundheit ist nicht das Wichtigste!» Sie blickt zurück auf ein Leben, das über viele Jahre geprägt war von der schweren Krankheit ihres Mannes. Dennoch bilanziert sie: «Wir haben wunderbare Sachen miteinander unternommen. Wir konnten einander so viel geben. Wir waren eine glückliche Familie.»

Ist Gesundheit vielleicht also doch nicht das Wichtigste, um ein sinnvolles und glückliches Leben führen zu können? Pauschale und vorschnelle Antworten sind hier sicher fehl am Platz, schon gar nicht aus meiner Perspektive als einer, die sich einer guten Gesundheit erfreut. Aber Paulus ist einer, der mit einer Krankheit leben musste, die er nicht los wurde. Das zumindest legen einige Stellen in seinen Briefen nahe, aus denen schon seit der Zeit der frühen Kirche geschlossen wurde und wird, dass er unter einer schmerzhaften und vermutlich chronischen oder periodisch wiederkehrenden Krankheit gelitten haben muss, von der er nicht geheilt werden konnte.1

Die Krankheit des Paulus

Was das genau für eine Krankheit gewesen sein könnte, darüber wurde schon viel gerätselt. Paulus selbst äussert sich in seinen Briefen nur in einigen Andeutungen. Im zweiten Brief nach Korinth beschreibt er das, was ihn quält, wie einen Stachel, der ihm ins Fleisch gestossen wurde (2 Korintherbrief 12,7). Das lässt auf einen stechenden, qualvollen Schmerz schließen. In seinem Brief nach Galatien bestätigt er den Gemeindeangehörigen, sie hätten sich, als er krank und schwach bei ihnen gewesen sei, «die Augen ausgerissen, um sie mir zu geben» (Galaterbrief 4,15), wenn es möglich gewesen wäre. Daraus hat man auf ein Augenleiden oder auf ein anderes schmerzhaftes Leiden im Bereich des Kopfes geschlossen. Gesichert ist das jedoch nicht. Aber auch wenn eine genaue medizinische Diagnose nicht möglich ist, so ist es doch berührend zu sehen. wie Paulus mit seinem Leiden umgegangen ist und was es für sein Leben bedeutete.

Beten um Befreiung vom Schmerz

Paulus muss sehr mit diesem Leiden gerungen haben. Einfach hingenommen hat er es jedenfalls nicht. Dreimal, so sagt er in seinem zweiten Brief nach Korinth (2 Korintherbrief 12,8), habe er den «Herrn» (griechisch: kyrios) angefleht, dass er davon befreit werde. Ganz ähnlich wie in den Psalmen abgrundtiefe Not zur Sprache kommt, so hat auch Paulus seine Not ins Wort gebracht und um Befreiung gebetet. Mit dem «Herrn» muss an dieser Stelle bei Paulus der Messias Jesus gemeint sein.

Antonio Corradini, Dama velata (Marmorskulptur, geschaffen 1717-1730)

Dass er dreimal gebetet hat, lässt zunächst das dreimalige Gebet Jesu in Getsemane anklingen. Ausserdem galt das dreimalige Gebet als besonders intensives und wirksames Gebet. Zudem umschliesst die Zahl drei Anfang, Mitte und Schluss, so dass damit zum Ausdruck kommt, dass dieses Gebet um Befreiung jetzt endgültig abgeschlossen ist. Denn Paulus hat zwar Antwort erhalten – doch sah diese anders aus als erhofft:

«Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet.» (2 Korintherbrief 12,9)

Die Bitte des Paulus um Befreiung von diesem Leiden bleibt also definitiv unerfüllt. So muss er lernen, mit den Schmerzen zu leben – so wie viele Menschen damals und heute mit einer unheilbaren Krankheit, mit chronischen Schmerzen oder anderen Leiden zurechtkommen müssen.

Was kann im Leiden und im Schmerz Kraft geben?

Bereits in der oben zuerst zitierten Passage aus dem zweiten Brief nach Korinth lässt sich eine erste Weise der Leidverarbeitung erkennen: Hier deutet Paulus die Schmerzen als (pädagogisches) Mittel gegen die Gefahr der Selbstüberhebung angesichts der aussergewöhnlichen Offenbarungen, die ihm zuteil geworden waren (2 Korintherbrief 12,7). Es ist klar: Eine solche Deutung kann und darf nur vom Betroffenen selbst kommen. Würde sie von aussen an einen chronisch kranken Menschen herangetragen, womöglich noch mit erhobenem Zeigefinger, wäre sie schlicht zynisch.

Plüschwelt ohne Schmerz, irreal. Chromo Sapiens – Hrafnhildur Arnardóttir

An anderen Stellen in den Paulusbriefen finden sich andere Deutungsweisen für das Leiden. So kann Paulus davon sprechen, mit dem Leiden des Messias Jesus gleichgestaltet zu sein (2 Korintherbrief 4,10). Dies hat nichts mit Leidens-Sehnsucht oder Leidens-Mystik zu tun, sondern ist ein Versuch, im eigenen Leiden auf das Leiden des Messias Jesus zu blicken und Kraft darin zu finden, im Leiden mit ihm verbunden zu sein.

An anderer Stelle wird deutlich, dass Paulus Kraft daraus schöpft, sich auf das endgültige Kommen des Messias Jesus auszurichten und die kommende Herrlichkeit zu erwarten:

«Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in masslosem Übermass ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare blicken […]» (2 Korintherbrief 4,17-18; vgl. Römerbrief 8,18)

Dies ist keine billige Vertröstung auf ein «das wird schon wieder» oder gar auf ein «Jenseits». Vielmehr geht es darum, im Leiden die Hoffnung nicht zu verlieren, sondern daran festzuhalten, dass das, was das Leben jetzt schwer macht, nicht das letzte Wort haben wird. Not, Schmerz, Leid und Tränen werden nicht vergessen. Vielmehr werden sie aufgehoben sein bei Gott. Und sie werden verwandelt werden. Paulus gibt diese Perspektive die Kraft, das Schwere in seinem Leben jetzt durchzustehen.

Marco Basaiti (1470 ca. – 1530), Ausschnitt aus: Cristo morto tra due angioletti

Neue Kraft (dynamis)

Und schliesslich lässt Paulus in seinem zweiten Brief nach Korinth noch eine weitere Weise erkennen, wie er Kraft in seinem Leiden findet: Gerade in seiner Schwachheit erfährt er die Kraft des Messias Jesus (2 Korintherbrief 12,9-10). Das griechische Wort für «Kraft» (dynamis) wird in den Evangelien vor allem in Heilungsgeschichten verwendet. Hier ist die dynamis des Messias Jesus zu erfahren, wenn Krankheit und Einschränkungen weichen. Es ist berührend, dass auch Paulus von dieser Kraft des Christus spricht, und gerade dort, wo er mit der Endgültigkeit seiner Qualen konfrontiert ist. Für Paulus ist die nicht erfolgte Heilung also weder ein Zeichen für die Machtlosigkeit des Messias Jesus (oder Gottes), noch dafür, dass dieser sich dem Betenden nicht zugewandt habe (oder sich sogar von ihm abgewandt habe). Im Gegenteil: Die Kraft des Christus kommt gerade dort zum Tragen, wo es allem äusseren Anschein widerspricht. Auch diese Antwort ist eine, die nur vom Kranken selbst entwickelt werden kann. Würde sie einem Kranken von aussen übergestülpt, wäre sie nicht zu ertragen. Hier aber kommt sie vom Betroffenen selbst. Er erfährt offenbar trotz aller – oder vielleicht besser: in allen – Einschränkungen durch die Krankheit, dass es Räume und Wege zum Leben und Handeln gibt.

Seine Schmerzen und seine Krankheit werden von Paulus also weder als Makel gedeutet noch als Hinderungsgrund für sinnvolles Wirken. Vielmehr werden sie umgedeutet, so dass sich gerade in dieser Gebrochenheit die Macht des Messias Jesus erweist. Dies entspricht dem Paradox der Botschaft vom Gekreuzigten, die «denen, die verloren gehen, Torheit, uns aber, die gerettet werden, Gottes Kraft» ist (1 Korintherbrief 1,18). Ebenso kann Paulus davon sprechen, das Todesleiden des Messias Jesus auf seinem Körper zu tragen – doch gerade darin das Leben Jesu sichtbar zu machen (2 Korintherbrief 4,10-11).

Menschen nicht auf Krankheit und Behinderung festlegen

Ein solcher Blick auf den grossen Völkerapostel Paulus ist vielleicht ungewohnt. Es gilt, ihn mit seinem Schmerz und mit seiner Erfahrung der Begrenztheit wahrzunehmen – aber auch mit seinen Visionen, seiner Kraft und der erfahrenen Nähe Gottes beziehungsweise des Messias Jesus, auf den er vertraut.

Paulus machte offenbar auch die Erfahrung, dass seine Krankheit und sein Anderssein in Korinth Ängste und Abwehrreaktionen ausgelöst haben. Er wurde stigmatisiert und in Frage gestellt. Offenbar war es für viele in der Gemeinde schwer zu ertragen, dass er nicht dem Bild eines perfekten Verkünders entsprach. Das hat ihn verletzt, und es hat ihn viel Anstrengung gekostet, sich von diesen Zuschreibungen zu befreien und andere Bilder dagegen zu setzen.

Heute käme gewiss niemand (mehr) auf die Idee, Paulus ausschliesslich unter dem Aspekt seiner Krankheit wahrzunehmen und ihn darauf festzulegen. Zu offensichtlich sind die vielen anderen Dimensionen seines Lebens und seiner Arbeit. Gerade deshalb könnte der Blick auf Paulus helfen, auch hinsichtlich anderer Menschen, die in irgendeiner Weise als eingeschränkt, behindert, mit einem Makel behaftet oder krank gelten, einen offeneren Blick zu üben: um sie nicht auf diesen einen Aspekt zu reduzieren, sondern sie mit all ihren Möglichkeiten zum Leben und Handeln zu sehen und dabei ihre Freude und ihre Trauer, ihren Schmerz und ihre Sehnsucht zu respektieren.

Ich denke noch einmal an meine Gesprächspartnerin und ihre entschlossene Aussage, dass Gesundheit nicht das Wichtigste im Leben sei. Ich bin sicher, dass auch für sie Gesundheit ein hohes und kostbares Gut ist. Aber als es sich abzeichnete, dass die Krankheit ihres Mannes nicht heilbar war, ist es ihnen gelungen, ihr Leben so zu gestalten, dass trotz aller Begrenzungen und in allen Einschränkungen eine Fülle von guten und sinnstiftenden Erfahrungen möglich waren. Bestimmt ist das in jeder einzelnen Geschichte anders. Aber wo es gelingt, sich auch in der Krankheit getragen und angenommen zu wissen und Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen, ist dies ein kostbares Geschenk.

  1. Vgl. ausführlich: Sabine Bieberstein: Der nicht geheilte Paulus. Oder: Wenn Gottes Kraft in der Schwachheit mächtig ist, in: Bibel und Kirche 61 (2006), 83–87.

     

    Titelbild: Der verwundete Engel, Hugo Simberg, Öl auf Leinwand (1903), Ateneum (Finnische Nationalgalerie), Helsinki / Bild 2: Schmerz Schrei, iStock/Marjan Apostolovic / Bild 3: Antonio Corradini, Dama velata, Marmor, Skulptur (geschaffen 1717-1730), Museo del Settecento Veneziano, Ca‘ Rezzonico, Venedig / Bild 4: Plüschwelt ohne Schmerz, irreal. Chromo Sapiens – Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter, isländischer Pavillon, Kunstbiennale Venedig 2019 / Bild 5: Marco Basaiti (1470 ca. bis nach 1530), Ausschnitt aus: Cristo morto tra due angioletti (Öl auf Holz), Gallerie dell’Accademia (Venedig) / Bild 6: Frau mit rosa Schal, Gelpi/photocas.de

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