Mensch sein heisst verletzbar sein

Die Corona-Pandemie führt uns täglich schmerzlich vor Augen: Wir haben das Leben nicht in der Hand. Menschliches Leben ist zerbrechlich, es ist bedroht von Krankheit und Schmerz, gekennzeichnet durch Verletzbarkeit und Tod. Natürlich wussten wir dies bereits vor der Pandemie. Doch sind wir in diesen Zeiten noch unerbittlicher als sonst damit konfrontiert.

Natürlich weiss auch die Bibel um diese Verletzbarkeit des Menschen. Sie bezeichnet diese mit dem Wort «Schwachheit». In den Evangelien und in der Apostelgeschichte werden mit diesem Wort oder anderen Begriffen wie «schwach sein» oder «Schwache» diejenigen Menschen gekennzeichnet, die Heilung von ihren vielfältigen Gebrechen und Krankheiten – eben ihren «Schwächen» oder «Schwachheiten» – suchen. Die Heilungsgeschichten in den Evangelien machen deutlich: Krank und schwach zu sein ist ein Zustand, der nach Veränderung schreit, weil er das Leben von Menschen einschränkt und belastet. Und Jesus zeigt mit seiner Zuwendung zu diesen Kranken und Schwachen: Wo Gottes neue Welt – das «Reich Gottes» oder auch «Himmelreich» – sich ausbreitet, dort soll all das, was Menschen nicht leben lässt, keinen Platz mehr haben. Darum gehört es zur Praxis Jesu, sich Kranken und Schwachen heilend zuzuwenden. Ebenso gehört es zum Auftrag derjenigen, die von Jesus ausgesandt werden, das «Reich Gottes» zu verkünden – und: Kranke zu heilen:

«Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke [wörtlich: Schwache], weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!» (Matthäusevangelium 10,7-8)

Wo dies geschieht, dass Menschen aufatmen dürfen und Heilung erfahren, dort ist die neue Welt Gottes, die Jesus verkündet, hautnah erfahrbar und zum Greifen nah.

Nicht alle Krankheiten sind heilbar

Nun wissen wir alle: Nicht jede Krankheit kann geheilt werden. Nicht immer wird alles wieder gut. Viele Menschen bleiben chronisch krank oder leiden dauerhaft an Schmerzen. Auch Paulus musste dies am eigenen Leib erfahren. Vielleicht ist er deshalb so sensibel dafür, dass menschliches Leben durch «Schwachheit» gekennzeichnet ist. Seine eigene Existenz als Verkünder beschreibt er als «schwach» und meint damit einerseits, dass sie von vielfältigen Mühen und Leiden geprägt ist. Andererseits kann er nicht anders als «in Schwachheit» auftreten, weil er zum Messias Jesus, dem Gekreuzigten und von Gott Auferweckten gehört. Denn wer ausgerechnet in einem gekreuzigten Messias etwas vom tiefsten Geheimnis Gottes erkennt, kann von diesem nicht unerschüttert und in strahlender Perfektion verkünden, sondern wird nur tastend und die Gebrochenheit des Lebens ernst nehmend davon sprechen. Darum will Paulus in seiner Verkündigung und in seiner Rhetorik gar nicht den herkömmlichen Erwartungen an einen glänzenden Redner entsprechen. Vielmehr ist sein Auftreten von «Schwäche und Furcht und grossem Zittern» geprägt (1. Korintherbrief 2,1-5). Umso mehr erfährt er in all dieser Gebrochenheit Gottes Kraft, die gerade in der Schwachheit wirksam ist, so dass Paulus sagen kann: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.» (2. Korintherbrief 12,10). So kann er die eigene Verletzlichkeit und Schwachheit annehmen und das Leben im Vertrauen auf Gottes Kraft gestalten.

Was versehrt ist, wird verwandelt

Überhaupt blickt Paulus ganz realistisch auf das menschliche Leben, wenn er es in seinem grossen Auferstehungskapitel im 1. Korintherbrief als hinfällig, vergänglich und schwach kennzeichnet. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass Menschen verletzlich sind, krank werden, altern und sterben, aber auch, dass sie Unrecht, Gewalt und Zerstörung ausgesetzt sind. Aber Paulus ist überzeugt: Genau diese verletzlichen, versehrten und bedürftigen Menschen sind es, die durch Gottes Leben schaffende Macht auferweckt und verwandelt werden in eine neue, heilvolle Existenz, die gekennzeichnet ist durch Unvergänglichkeit, Herrlichkeit und Kraft:

«Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit;
gesät wird in Niedrigkeit, auferweckt wird in Herrlichkeit;
gesät wird in Schwachheit, auferweckt wird in Kraft (…)»
(1. Korintherbrief 15,42-43)1

Wenn Paulus hier das Bild des Säens verwendet, kann er dadurch einerseits ausdrücken, dass die Auferstehungswirklichkeit etwas ganz Anderes ist als die irdisch-körperliche Existenz. Denn alle wissen: Was aus einem Samenkorn entsteht, ist etwas ganz Anderes als das Samenkorn selbst. Andererseits kann Paulus mit dem Bild zeigen, dass die Auferstehungswirklichkeit in Kontinuität zur irdisch-körperlichen Existenz steht. Denn die Pflanze, die aus einem Samenkorn entsteht, steht in einem Zusammenhang mit diesem Samenkorn, und ohne dieses Samenkorn gäbe es sie nicht. Was gesät wird, das Samenkorn, wird «verwandelt», so dass etwas Neues entstehen kann. Übertragen auf die Auferweckung heisst das, dass die Auferweckungswirklichkeit die ganze Person mit ihrer Geschichte, mit all ihren Verletzungen und ihrem Schmerz, aber auch mit den Erfahrungen von Glück und Hoffnung in sich birgt. Alles, was das menschliche Leben ausgemacht hat, geht nicht einfach verloren, sondern wird aufgehoben in die Auferstehungswirklichkeit hinein, aber verwandelt und heil. So stellt Paulus die menschliche Schwachheit und Verwundbarkeit in den Horizont von Gottes Leben schaffender Kraft und der Hoffnung auf das von Gott geschenkte Leben in Fülle.

Kein negatives Menschenbild

Nun könnte die biblische Rede von der menschlichen Schwachheit zu einem ganz und gar negativen Menschenbild führen, etwa in dem Sinne, dass Menschsein nur als defizitär und unvollkommen wahrgenommen wird und das, was das Menschsein ausmacht, die Körperlichkeit und Endlichkeit, nur abgewertet wird. Dies ist in manchen Phasen der christlichen Theologiegeschichte durchaus zu beobachten. Darum darf es aber nicht gehen. Vielmehr lehren die biblischen Texte, die menschliche Geschöpflichkeit und Körperlichkeit und damit auch die Schwachheit und Verletzbarkeit als menschliche Grundgegebenheit anzunehmen. Das heisst zunächst: Den Menschen sind Grenzen gesetzt, sie haben nicht alles in der Hand und können nicht alles «machen». Das heisst aber auch: Menschen verdanken sich und ihr Leben nicht sich selbst, sondern jemand anderem: ihren Eltern und letztlich Gott. Sie sind nicht unverbunden und unabhängig von allen und allem, sondern aufeinander angewiesen und miteinander verbunden, eingebunden in die Schöpfung und verwiesen auf Gott.

Wer sich so verstehen lernt, wird anders auf sich und die Mitwelt schauen. Zwar macht Verletzbarkeit angreifbar. Doch auch berührbar. So können aus der Verletzbarkeit auch neue Möglichkeiten entstehen:

«Sie [= die Verletzbarkeit] ist Voraussetzung für Empathie und Solidarität, für Freundschaft, Liebe und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Selbst das Stiften von Frieden, eine der wichtigsten humanen Kompetenzen, ohne die die Menschheit keine Überlebenschance hätte, gelingt nur in Öffnung, in Verletzlichkeit.»2

Vielleicht ist dies nicht das Schlechteste, was das Leben in Pandemiezeiten wieder neu lehren kann. Ja, wir stossen an Grenzen, und ja, wir müssen alles tun, um das Virus in Schach zu halten und Mittel gegen seine Gefährlichkeit zu finden. Doch gleichzeitig kann die Erfahrung, dass unsere Macht begrenzt ist und dass nicht alles machbar ist, uns sensibler werden lassen für uns selbst und unsere Begrenztheit, für andere und ihre Grenzen und überhaupt für die Gebrochenheiten des menschlichen Lebens. Es gilt, tastend und vorsichtig das Leben zu gestalten, offen für Momente von Liebe und Glück, von Freude und Sinn, achtsam gegenüber sich selbst und anderen, in Verantwortung füreinander und in wechselseitiger Verbundenheit, im Vertrauen und in der Hoffnung auf die lebendige Gegenwart Gottes, auch und gerade, wenn eine Pandemie vieles in Frage und auf den Kopf stellt.

  1. Übersetzung nach Sabine Bieberstein: Der Erste Korintherbrief. Der Erste Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth aus dem Urtext übersetzt und kommentiert, in: Paulus schreibt den Gemeinden. Die sieben Briefe des Apostels aus dem Urtext übersetzt von Sabine Bieberstein, Martin Ebner, Hildegard Scherer und Stefan Schreiber, hg. v. Anneliese Hecht, Bd. 1, Stuttgart: Katholisches Bibelwerk 2020, S. 342.
  2. Hildegund Keul / Thomas Müller (Hg.): Verwundbar. Theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Vulnerabilität, Würzburg 2020, S. 9.

    Bildnachweise: Titelbild: iStock/Nes; Bild 2 und 3: Lou, Olivia, Duna, Sanna II, Laura III: Alabaster-Skulpturen des Künstlers Jaume Plensa. Alabaster. Installation «Together». Kollateral-Event an der Kunstbiennale Venedig 2015. Benediktinerabtei San Giorgio Maggiore, Officina dell’Arte Spirituale; Bild 4: iStock/Daisy-Daisy

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