Reich Gottes? Gottes neue Welt!

Von Gottes Anderswelt spricht die Theologin Jacqueline Keune in ihren poetischen Texten. Die Gute Nachricht in ihrer Bibelübersetzung nennt es Gottes gerechte Welt. Beide reagieren darauf, dass der Ausdruck «Reich Gottes» nicht kirchlich sozialisierte Menschen kaum anzusprechen vermag und heute falsch verstanden werden kann. Das damit Bezeichnete aber ist für das Christentum zentral.

Das Herzensanliegen des Jesus von Nazaret

Jesus geht es vorrangig um das «Reich Gottes». Es ist das Herzstück seiner frohen Botschaft, rund 150-mal ist in den synoptischen Evangelien davon die Rede. Das Markusevangelium weist auf die Wichtigkeit hin, wenn es Jesus gleich zu Beginn seines öffentlichen Wirkens verkünden lässt:

«Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.» (Markus­evan­gelium 1,15)

Edward Hicks, Königreich des Friedens (eine von 62 erhaltenen Versionen)

«Reich Gottes» ist die Übersetzung eines griechischen Ausdrucks (basilea tou theou), der sich auch als «Königtum oder Königsherrschaft» Gottes wiedergeben lässt.1 Den Zuhörer*innen Jesu war dieser Ausdruck aus der hebräischen Bibel vertraut. Die Idee des Königtums Gottes zielte nicht auf die Errichtung einer Theokratie oder auf politische Macht, sie war im Gegenteil herrschaftskritisch. Sie richtete sich gegen die absolutis­ti­schen Könige der altorientalischen Zeit, häufig auch gegen die eigenen Könige des Volkes Israels, wenn diese Unrecht taten. Sie gründete in der Erfahrung einer rettenden Macht, die über allem steht und aus jeglicher Sklaverei herausführt. Daraus formte sich der Glaube an eine königliche Gottheit, die nicht die Unterwerfung will, sondern den aufrechten Gang aller Menschen. Wo Gott «regiert», erfahren Menschen Befreiung, Gerechtigkeit, Friede und Glück.

Zur Zeit Jesu war die Not unter der römischen Besatzungsmacht wieder sehr gross. Die Befreiungserfahrung des Volkes, die Exoduserfahrung, lagzunehmend in einer fernen Vergangenheit. Gottes königliche Herrschaft schien in der gegenwärtigen Welt unmöglich und wandelte sich mehr und mehr in eine Hoffnung, in die Erwartung eines grossen Friedens, der am Ende der Zeiten anbrechen wird. Dann wird Gottes Reich Wirklichkeit werden.

Es ist da!

Für die Menschen des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung ist Jesu Predigt vom Reich Gottes also keineswegs befremdlich. Sie verknüpfen mit dem «Reich Gottes» bestimmte und wohl auch unterschiedliche Erwartungen. Jesus setzt nun einen eigenen überraschenden Akzent, wenn er die die Nähe, ja die Gegenwart des Gottesreiches behauptet. Es ist für ihn nicht etwas rein Zukünftiges oder Jenseitiges, sondern nahegebracht, gegenwärtig, da!

Dies ist eine erstaunliche Aussage, denn Jesus war kein religiöser Schwärmer, kein Fantast, der die politischen und sozialen Zustände ignoriert oder kleinredet. Jesus zeigt einen äusserst realistischen Blick auf die Welt, wenn er den Jünger*innen gegenüber festhält: «Ihr wisst, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken sie, und ihre Grossen setzen ihre Macht gegen sie ein.»2 Wie also kommt Jesus angesichts von Gewalt und Not im römischen Reich dazu, von der Gegenwart des Königtums Gottes zu sprechen und was meint er damit?

Vlastimil Hofman, Königreich Gottes

Von Brot, Würde und Solidarität

Jesus erklärt nirgends, was das Reich Gottes ist. Aber er redet in Gleichnissen davon, wie es sein könnte, wenn Gottes Reich die Gegenwart erfasst: Da schaut einer nicht weg – «who cares?» –, sondern lässt sich von der Not eines Fremden bewegen und kümmert sich (vgl. Lukasevangelium 10, 25-37). Im Haus findet sich Sauerteig und eine Frau bäckt Brote, die den Hunger vieler für die nächsten Tage stillen werden (vgl. Matthäusevangelium 13,33). Tagelöhner wiederum finden eine Arbeit, von der sie leben können (vgl. Mattäusevangelium 20). Und eine Frau lädt ihre Nachbarinnen zum Fest, da sie das verlorene Geldstück wiedergefunden hat (vgl. Lukasevangelium 15,8-10)

Jesus verknüpft in seinen Geschichten «Gottes Reich» mit dem Alltag und den Sorgen der kleinen Leute. Ihre Lebens­situationen sind prekär, oft verstörend und ausweglos. Manche Gleichnisse sind denn auch hart und lassen nicht mehr aufscheinen als einen stillen Protest und die Sehnsucht nach Brot und Rosen. Andere erzählen von gelebter Solidarität, Nachbarschaftshilfe, einer glücklichen Fügung oder geschenkter Würde. «Reich Gottes» zeigt sich in allen Gleichnissen als ein Raum, in dem Unerwartetes geschehen und Undenkbares Wirklichkeit werden kann. Und immer ist es so, dass Gottes «Herrschaft» die Dinge zum Guten hin verändert. Leben zeigt sich als offen auf das Gute hin. Mehr noch, es offenbart sich darin verborgen eine heilsame Kraft. Die Reich Gottes-Vorstellung gründet in «der Entdeckung, der Überzeugung, dass diese positiven Möglichkeiten, wo sie Wirklichkeit werden, nicht ungewollt und ‹zufällig› sind, sondern letztendlich mit einem machtvollen Willen zusammenhängen, der inmitten allen Geschehens wirksam werden will.»3

Die Gleichnisse laden ein, neu zu sehen und die Welt als einen Ort zu erkennen, der bereits von Gottes Heilshandeln geprägt ist.

Sichtwechsel

Inmitten aller Lebensfeindlichkeit und Not ist «Gottes Reich» da: es kann sichtbar werden und wirksam, auch wenn es sich letztlich unserer Verfügung entzieht. Kein Blitz- und Donnerschlag, kein Umsturz der Verhältnisse künden die neue Welt Gottes an. Denn sie ist schon da, unscheinbar und leise, und vielleicht ganz anders als erwartet. Am deutlichsten begegnet uns «Gottes Reich» wahrscheinlich da, wo Menschen sich entfalten und ihr Glück finden. In den Befreiungs- und Heilerfahrungen leuchtet es auf.

«Den Übergang von solchen Erfahrungen zum Reich Gottes in seiner Vollgestalt schildert die Jesustradition nicht. Gleichnisse, die davon handeln, betonen nicht das Wachstum, sondern den Kontrast vom winzigen Senfkorn und dem grossen Baum (Mk 4,30-32 parr). Und sie lenken die Aufmerksamkeit der Hörerinnen und Leser nicht auf die Endgestalt, sondern auf die unscheinbaren Anfänge.»4

Die Evangelien laden uns ein, den Anfängen zu vertrauen. Friede und Gerechtigkeit sind hier und jetzt möglich. Wenn wir daran glauben und uns auf sie einlassen, wird Gottes neue Welt Wirklichkeit. Jesus verknüpft die Ansage des Reiches Gottes mit dem Ruf, umzukehren und ganz neu zu leben: «Kehrt um und glaubt an das Evangelium.» (Markusevangelium 1,15) Was diese Umkehr (grie. metanoia) und das Vertrauen in die frohe Botschaft meinen, wird in einem nächsten Artikel Thema sein.

Vincent van Gogh, Sternennacht

Geliebt und gehalten

Zum Schluss sei nochmals die Frage aufgegriffen, was Jesus wohl bewogen haben mag, so «kontrafaktisch» das Reich Gottes und seine Gegenwärtigkeit gegen all die vielen negativen Erfahrungen der Realität zu behaupten. Die Vermutung, er habe über ein besonderes Wissen oder eine besondere Offenbarung verfügt, widerspricht der theologischen Aussage, dass Jesus ein Mensch unter Menschen ist. Jesu Reich-Gottes-Predigt entspringt einer Erfahrung, die Jesus im Tiefsten berührt haben muss. Auf seine Weise deutet das Markusevangelium dies an, wenn es bei der Taufe Jesu eine Stimme aus dem Himmel sagen lässt: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden» (Markusevangelium 1,11). Bedingungsloses Angenommensein und Menschenfreundlichkeit zeichnen Jesu Erfahrung aus und stehen auch im Zentrum seiner Predigt und Praxis. Immer wieder vergleicht Jesus  das Reich Gottes mit einem Fest. Varianten­reich schildert er die übergrosse Freude, die jene packt, die Gottes Reich erfahren haben. Der nordamerikanische Theologe Frederick Buechner bringt es in seinem kleinen Buch mit dem so wunderbaren Titel «Wunschdenken» treffend auf den Punkt:

«Es sei so, sagt Jesus, wie wenn man in einem Acker eine Million findet oder einen Edelstein, der ein Königreich wert ist. Oder wenn du etwas Kostbares wiederfindest, das du für immer verloren geglaubt: ein Andenken, ein verirrtes Schaf, ein verlorenes Kind. Wenn das Reich Gottes wirklich kommt, dann könnte das verlorene und wiedergefundene Gut – du selber sein.»5

 

  1. Das Matthäusevangelium spricht vom Himmelreich bzw. der Königsherrschaft der Himmel, da es den Gottesnamen in jüdischer Tradition nicht ausspricht, sondern umschreibt. Zu den Übersetzungen: Mit «Reich Gottes» übersetzen die Lutherbibel, die Zürcher Bibel und die Einheitsübersetzung und geben damit eher räumlichen Vorstellungen Gewicht. Vom «Königtum Gottes» spricht Fridolin Stier in seiner Übersetzung des Neuen Testaments (aus dem Nachlass veröffentlicht 1989 bei Kösel). Die Bibel in gerechter Sprache wiederum variiert und überträgt mit «gerechte Welt», «Welt Gottes» und «Gottes Herrschaft».
  2. Markusevangelium 10,42 in der Übersetzung der Zürcher Bibel.
  3. Meinrad Limbeck: «Dein Reich komme…» (Mt 6,10). Der Himmel ist schon da, in: Franz Kogler: Stolpersteine in der Bibel VI, Linz 2002, S. 31.
  4. Daniel Kosch: Die Gottesherrschaft erreicht das Jetzt. Eine Annäherung an Mk 1,15 und Lk 11,2 par Mt 6,10, in: Bibel und Kirche 62 (2007), S. 85-88, hier S. 86.
  5. Frederick Buechner: Wunschdenken. Ein religiöses ABC, Zürich 2007, S. 99

    Bildnachweise. Titelbild: Chewy, Unsplash / Bild 1: Edward Hicks, Königreich des Friedens (eine von 62 erhaltenen Versionen), Öl auf Leinwand, 1830, Metropolitan Museum of Art, The Met Fifth Avenue, Gallery 751 / Bild 2: Vlastimil Hofman, Königreich Gottes, Öl auf Leinwand 1911, Nationalmuseum Warschau / Bild 3: Nick Fewings, Unsplash / Bild 4: Vincent van Gogh, Sternennacht, Öl auf Leinwand 1889, Museum of Modern Art, New York, USA /

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