Von fremden Sterndeutern und dem neugeborenen König

Wer kennt sie nicht, die Erzählung von den «Weisen aus dem Morgenland»? Sie ist Teil der Erzählungen über die Geburt und frühe Kindheit Jesu im Matthäusevangelium und wird jedes Jahr am Dreikönigstag erinnert. Sie steckt voller Motive, die zeigen, wie Jesus in der Sicht des Matthäus verstanden werden soll.1

Die Erzählung über die Geburt Jesu, die Matthäus an den Anfang seines Evangeliums stellt, ist vermutlich lange nicht so bekannt wie die Erzählung aus dem Lukasevangelium mit der Steuerschätzung des Augustus, der Krippe im Stall von Betlehem, den Hirten auf dem Feld und dem Lobgesang der Engel. Eher nebenbei kommen bei Matthäus die besonderen Umstände der Geburt Jesu zur Sprache (Matthäusevangelium 1,18-25). Im Zentrum steht vielmehr die Botschaft, dass der Ursprung Jesu von der Heiligen Geistkraft gewirkt und alles in Übereinstimmung mit den Heiligen Schriften geschehen sei. Wie einen Refrain wiederholt Matthäus in jeder Etappe seiner Kindheitsgeschichte diesen Bezug zu den Schriften und lädt damit Leser*innen ein, innezuhalten, das Erzählte zu bedenken und im Licht der Schriften zu vertiefen und zu deuten.

Ausländische Sterndeuter*innen machen sich auf den Weg

Nachdem nun also von der Geburt des Messiaskindes erzählt worden ist, stellt sich die Frage, wer dieses Kind als erstes erkennt. Nach dem Lukasevangelium sind das die Hirten. Ausgerechnet Hirten: die Randsiedler der Gesellschaft. Doch für Lukas ist es wichtig, von Anfang an zu zeigen, wie Jesus in besonderer Weise zu den Armen und Randständigen gesandt ist. Das Matthäusevangelium setzt einen anderen Akzent: Hier sind es «Magier» von weit her, «aus dem Osten». Ausgerechnet Fremde sind es also, die sich von einem Stern in Bewegung setzen lassen, um den «neugeborenen König der Juden» zu suchen und zu finden. Für Matthäus ist es wichtig, von Anfang an zu zeigen, wie das Heil, das mit Jesus gekommen ist, alle Völker mit einschliesst. Deshalb hatte er auch in seinen Stammbaum ganz zu Beginn seines Buches vier ausländische Frauen mit eingeflochten, die die Geschichte der Väter und Söhne unterbrechen und den Blick auf die Völker öffnen (Matthäusevangelium 1,2-17). Und deshalb ist Jesus nach dem allerersten Satz im Matthäusevangelium nicht nur der «Sohn Davids» – das heisst: der erwartete Messias Israels –, sondern auch der «Sohn Abrahams» – denn Abraham gilt nicht nur als der Stammvater Israels, sondern auch als Vater der Völker (Matthäusevangelium 1,1):

«3 Und Gott redete mit Abraham und sprach: 4 Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern. 5 Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt. 6 Ich mache dich über alle Maßen fruchtbar und lasse dich zu Völkern werden; Könige werden von dir abstammen.» (Genesisbuch 17,3-6)

Im Matthäusevangelium sind es also «Magier» (griechisch: magoi) aus dem Osten, die sich als erste auf den Weg zum neugeborenen Messiaskind machen. Als magoi wurden ursprünglich persische Priester, dann aber auch andere Gelehrte aus den Gebieten der Theologie, Philosophie oder Astronomie bezeichnet. In unserem Text werden sie als aufmerksame und gelehrte Sterndeuter gekennzeichnet. Ihre Herkunft «aus dem Osten» eröffnet einen weiten geographischen Horizont und kennzeichnet die Magier als Nichtjuden. Dass über ihre genaue Herkunft hier nichts gesagt ist, hat in der späteren Auslegung den Raum für vielfältige Ausdeutungen geöffnet, bis dahin, dass sie etwa ab dem 15. Jahrhundert den drei damals bekannten Erdteilen Asien, Afrika und Europa zugeordnet wurden.2

Ausgerechnet im Munde dieser Nichtjuden aber findet sich ein Titel für Jesus, der für das Matthäusevangelium von zentraler Bedeutung werden wird: der neugeborene «König der Juden». Und ausgerechnet diese Nichtjuden tun das, was sich gegenüber einem König gebührt: Sie huldigen ihm, das heisst, sie fallen vor ihm nieder und erweisen ihm Ehre (Matthäusevangelium 2,2.11). Auf diese Weise führt Matthäus von Anfang an Fremde als positive Erzählfiguren in sein Werk ein. Sie erkennen, wer Jesus wirklich ist.

Wer ist der wahre König?

Zunächst kommen die Magier mit ihrer Huldigungsabsicht allerdings noch nicht zum neugeborenen Messiaskind, sondern zum König Herodes der Grosse (40-4 v. Chr.) nach Jerusalem. Damit wird ein spannungsvoller Kontrast zwischen den verschiedenen Königen eröffnet: zwischen dem neugeborenen König der Juden auf der einen Seite – und dem König Herodes auf der anderen Seite. Matthäus signalisiert durch seine Erzählung aber eindeutig, wer der wahre König ist.

Ein erstes Zeichen dafür ist der Stern, von dem sich die Magier leiten lassen und der sie schliesslich zum richtigen Ort führt. Das Motiv des Sterns verweist erstens zurück auf die Weissagung des ausländischen Propheten Bileam im Alten/Ersten Testament:

«[…] Ein Stern wird aufgehen in Jakob, ein Zepter wird aufstehen aus Israel […]» (Numeribuch 24,17)

Diese Weissagung wurde in frühjüdischer Zeit (3.-1. Jh. v. Chr.) auf den erwarteten Messias bezogen. Matthäus könnte also das Sternmotiv aufgegriffen haben, um den Davidsohn Jesus als Messias zu kennzeichnen.

Der Stern lässt sich aber auch in antiken Herrscherdarstellungen finden. Seit dem hellenistischen König Alexander dem Grossen (333-323 v. Chr.) liessen sich griechische, römische und sogar jüdische Herrscher bis hin zu König Herodes von Judäa mit einem Stern über ihrem Haupt darstellen.

Ein zweites Zeichen dafür, wer nach dem Matthäusevangelium der «wahre» König ist, ist die Art und Weise, wie Matthäus den Königstitel verwendet: Zu Beginn der Erzählung wird Herodes noch als König bezeichnet (Matthäusevangelium 2,1.3.9). Aber im Laufe der Erzählung verliert sich dieser Titel: Schon in 2,7 steht nur noch sein Name, und nachdem Herodes in 2,9 zum letzten Mal mit dem Königstitel bedacht worden war, heisst er von da an nur noch «Herodes» (Matthäusevangelium 2,12.13.15.16.19.22). Er wird in der Erzählung auch hart kritisiert: Denn er lässt sich im Unterschied zu den Fremden nicht in Bewegung setzen, um den wahren König zu finden, und das, obwohl ihm die Schriftgelehrten den richtigen Schrifttext vorgelesen hatten, der den Weg nach Betlehem weisen würde. Stattdessen setzt er, vergleichbar dem ägyptischen Pharao in der Exodus-Erzählung, eine wahrliche Todesmaschinerie in Gang, um seinen potentiellen Konkurrenten auszuschalten.

So macht Matthäus unmissverständlich deutlich: Der wirkliche König ist Jesus, der Sohn Davids, und daher empfängt er am Ende der Episode die Huldigung, die einem König angemessen ist, sowie Geschenke, wie sie sich für einen König gehören: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Wie aus den Magiern Könige wurden

In der späteren christlichen Auslegungsgeschichte wurden aus den Magiern bekanntlich die «Heiligen drei Könige», als die wir sie heute noch kennen. Das hat seinen Grund in der Schlussszene unserer Erzählung. Hier greift Matthäus als guter Kenner der Schriften auf Motive aus dem Alten/Ersten Testament zurück. Denn nach Psalm 72,10f.15 kommen Könige von überallher und bringen dem Jerusalemer König Geschenke und speziell Gold. Nach Jesaja 60 werden Völker und Könige aus Midian, Efa, Saba und anderen Orten mit Kamelen, die mit Gold und Weihrauch beladen sind, nach Jerusalem kommen und ihre Geschenke darbringen:

«1 Steh auf, werde licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir. 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde, und Dunkel die Völker, doch über dir geht strahlend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Nationen wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz […] 6 Eine Menge von Kamelen bedeckt dich, Hengste aus Midian und Efa. Aus Saba kommen sie alle, Gold und Weihrauch bringen sie und verkünden die Ruhmestaten des Herrn.» (Jesaja 60,1-3.6)

Matthäus lässt seine Magier solche königlichen Geschenke bringen. Das hat die Auslegung des Textes beflügelt, die Sterndeuter als Könige zu verstehen.

Dass es in der westlichen christlichen Tradition drei Könige geworden sind, hängt mit der Dreizahl der Geschenke in Matthäus 2,11 zusammen. Ausserdem sind in Jesaja 60,6 drei Länder genannt. So wurden aus einer nicht genannten Anzahl von Sterndeutern des Matthäusevangeliums in späterer Zeit die drei Könige aus verschiedenen Ländern. Diese Zahl hat sich in der westlichen Kirche schliesslich durchgesetzt, wenngleich in manchen Traditionen auch andere Zahlen genannt wurden. In der östlichen kirchlichen Tradition sind es hingegen meist zwölf Magier, die mit grossem Gefolge nach Jerusalem ziehen.

Auch die Geschenke wurden schon bald mit einem tiefergehenden Sinn versehen:

«Schon im 3. Jh. hatte Origenes den Geschenken der Magier jeweils einen besonderen Sinn zugeordnet, was zahlreiche Theologen übernahmen. Im Gold sah man das Königtum Christi, im Weihrauch seine Gottheit und in der Myrrhe, dem Duftharz, mit dem man die Körper der Toten einbalsamierte, eine Ankündigung seines Todes.»3

Wie es hingegen zu den Namen kam, die zumindest im kirchlichen Westen ab dem Mittelalter verbreitet waren – Kaspar, Melchior und Balthasar –, lässt sich leider kaum mehr im Einzelnen nachvollziehen. Eines der ältesten erhaltenen Zeugnisse dafür ist ein Mosaik in der Kirche Sant’Apollinare in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert.

Basilika Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna: Balthassar, Melchior und Gaspar.

Erzählungen voller Theologie, die das Leben verändern

Noch vieles liesse sich über die Anfangsgeschichten des Matthäusevangeliums sagen, über den Kindermassenmord zu Betlehem, die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr nicht nach Betlehem, sondern nach Nazaret. Aber schon an dieser Stelle zeigt sich: Diese Erzählungen stecken voller Theologie. Sie kleiden die Bedeutung Jesu in Geschichten, die unter die Haut gehen. Matthäus wagt es, Fremde als positive Erzählfiguren zu zeigen, die als erste die Bedeutung Jesu erkennen. Und er zeigt, dass nicht der ach-so-mächtige König Herodes der wahre König ist, sondern das neugeborene Kind. Beides stellt so manches auf den Kopf, was unsere Welt und unser Handeln bis heute scheinbar unhinterfragbar bestimmt.

  1. Vgl. ausführlich Sabine Bieberstein: Jesus und die Evangelien (Studiengang Theologie 2,1), Zürich 2015, S. 142-155.
  2. Sehr schöne Bilder und Traditionen rund um die «Heiligen drei Könige» sind in der Zeitschrift «Welt und Umwelt der Bibel» Nr. 46 (4/2007, Themenheft «Weihnachten») zu finden.
  3. Tobias Nicklas: Die Karriere der Weisen, in: Welt und Umwelt der Bibel 46 /4/2007), S. 24-26, hier S. 26.

     

    Bildnachweise. Titelbild: Drei Mönche in einem Boot, Skutarisee, Montenegro, Foto: istankov, iStock / Bild 1: photocase,pixelputze / Bild 2: Niemand ist illegal, Gasse in Venedig, Foto: kr / Bild 3: Sonnenuntergang über dem Lido in Venedig. Foto: kr / Bild 4: Alessandro Vecchi, Alamy Stock Foto / Bild 5: Basilika Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna, Italien: Die drei weisen Männer, die drei Magi (Balthassar, Melchior und Gaspar). Detail aus dem Mosaik «Maria und das Kind, umgeben von Engeln» (vollendet um das Jahr 526 durch den so benannten «Meister von Sant’Apollinare»). Foto: wikimedia commons

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