GOTT – weiblich gedacht

Die jüdisch-christliche Tradition kennt das Bilderverbot: Gemäss den 10 Geboten sollen Menschen sich kein Bildnis von Gott machen. Spätestens seit Michelangelos monumentaler Darstellung «Erschaffung Adams» ist die Vorstellung geläufig, dass es sich beim Schöpfergott und Ursprung allen Seins um eine männliche, alte und doch äusserst vitale Gestalt handelt.

Michelangelo, Die Erschaffung Adams, um 1510 n. Chr.

Bilder von Gott

Bilder bilden ab. Sie stellen das Abwesende dar oder halten einen vergangenen Moment «für die Ewigkeit» fest. Über ein Bild kann man sich das ferne Meer im eigenen Wohnzimmer vor Augen führen, ein Foto lässt zurückblicken in die Zeit der eigenen Kindheit. Bilder sind nicht die Sache selbst, sondern nur ein Abbild davon.

Dieser Zugang zu Bildern, der uns heute geläufig ist, unterscheidet sich von der Bedeutung, die Bilder im Kulturraum des Alten Orients hatten. So zeugen etwa auch die Schriften des Alten Testaments von der Vorstellung, dass ein Bild das Dargestellte repräsentiert: Der abwesende Herrscher, König oder Kaiser, ist in seinem Bildnis gegenwärtig. So kann er in allen Teilen seines Gebiets präsent sein – und überall verehrt werden. Ebenso glaubte man die Gottheiten in den Götterbildern präsent. Die Überzeugung, dass das Bild einer Person für diese Person steht, führt dazu, dass man mit Bildern interagieren kann: Der oder die Abgebildete wird über das Bild angefleht und um Rat gefragt, das Bild selbst wird als Repräsentation einer Person verehrt und angebetet. Gegen diese kultische Praxis wendet sich das alttestamentliche Bilderverbot: Gott, Schöpfer und Ursache allen Seins, lässt sich nicht in den Rahmen eines Bildes bringen. Es geht nicht an, der Materie, aus der ein Bild oder eine Statue besteht, Ehre zu erweisen – so der Gedanke hinter dem Gebot, das Mose dem Volk vom Sinai überbringt. Entsprechend lesen wir in der neuen Einheitsübersetzung: «Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde» (Exodusbuch 20,4). Es wird nicht verboten, sich eine Vorstellung von Gott zu machen, wohl aber sollen es die Menschen lassen, ein Bildnis anzufertigen und dieses – wie üblich – kultisch zu gebrauchen.1

Gott im menschlichen Körper – und in männlichen Rollen

Auf dem Hintergrund der vielen altorientalischen Götterbilder erstaunt es nicht, dass auch das Alte Testament verschiedenste Umschreibungen Gottes kennt, die sich am menschlichen Körper orientieren und Gott – dem Wort von der Gottebenbildlichkeit des Menschen folgend – eine bestimmte Gestalt zuschreiben.

In den Blick kommt kein Wesen «von Kopf bis Fuss». Vielmehr werden einzelne Körperteile wie etwa Kopf und Fuss im Hinblick auf ihre Funktion mit Gott in Verbindung gebracht: Vielerorts wird berichtet, dass Gott Eingeweide hat, also die grosse Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl. Auch eine Nase, mit der man (zornig) schnauben kann, und ein Gesicht, das sich im Idealfall freundlich zuneigt, ist Gott eigen. Dass Gott Ohren hat, verweist auf die Möglichkeit, Gott zu begegnen, die eigenen Anliegen vorzubringen und darin ge- und erhört zu werden. Die Hand oder der Arm Gottes ist ein Hinweis auf Handlungsfähigkeit und Macht, während die Rede von einem Herzen Gottes Denken und Pläneschmieden ins Wort oder eben ins Bild fasst.2

Die biblischen Texte bieten kein Gesamtbild von Gott. Die einzelnen Körperteile stehen für sich und sagen etwas aus über die jeweilige Rolle, die Gott gegenüber den Menschen einnimmt. Von primären Geschlechtsorganen Gottes ist nirgends die Rede. Ein bestimmtes biologisches Geschlecht wird Gott also nicht zugeschrieben. Weil viele soziale Rollen in der altisraelischen Gesellschaft von Männern besetzt waren, lag es jedoch nahe, Gott männlich zu denken: als König, der in seinem Gebiet um Frieden besorgt ist, als Richter, der sich für Gerechtigkeit in zwischenmenschlichen Verhältnissen einsetzt oder als Vater, der einer Hausgemeinschaft vorsteht und für Schutz und Erhalt der Familie einsteht.

Heute leben wir in einer Zeit, in der die meisten sozialen Rollen nicht mehr direkt mit dem männlichen Geschlecht verbunden sind. Vom biologischen Geschlecht hängt in der Regel nicht mehr ab, ob eine Person eine bestimmte Rolle in der und für die Gesellschaft übernehmen kann. Und so stellt sich die Frage, ob es nicht angemessen wäre, auch das von maskulinen Attributen bestimmte jüdisch-christliche Gottesbild weiter und vielfältiger zu denken?

Ein Experiment

Der Einladung zu einem Gottesdienst der besonderen Art bin ich vor einiger Zeit gefolgt. An jenem Sonntag sollten im bekannten und vertrauten Rahmen einer Eucharistiefeier bewusst weibliche Gottesbilder Raum bekommen. Mit grosser Neugierde habe ich mich an besagtem Sonntag in die Kirche gesetzt. Für mich war dieser Gottesdienst zunächst theologisch interessant: Wie ist es dem Vorbereitungsteam gelungen, das männlich geprägte Gottesbild aufzubrechen? Wird in Gebeten und liturgischen Formeln tatsächlich konsequent die grammatikalisch weibliche Form verwendet? Werde ich die gewohnte Sonntagsliturgie in dieser Form noch wiedererkennen?

Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Der Gottesdienst bildete ein stimmiges Ganzes. Ich fand mich in Vertrautem wieder und wurde doch auch heilsam aus der sprachlichen Routine gebracht. Allerdings geschah etwas mit mir, das ich nicht erwartet hatte: In mir kam während dieser Feier etwas zum Klingen, das ich von sonntäglichen Gottesdienstbesuchen sonst so nicht kannte. Gott «erschien» mir irgendwie anders – weiter und näher zugleich. Vertraute Gebete mit geändertem grammatikalischem Geschlecht hatten eine Wirkung auf mich. Das «Durch sie und mit ihr und in ihr» in der Schlussdoxologie des Hochgebets klang völlig fremd – und doch absolut vertraut. Gott explizit im Bild der Mutter anzusprechen, verstärkte in mir in diesem Moment die Ahnung göttlicher Zärtlichkeit.

Harmonia Rosales, The Creation of God, 2017

Einem biologischen Geschlecht lässt sich Gott nicht zuordnen. Gott ist nicht nur «der Herr», Gott ist auch «die Ewige». Und noch viele andere Namen und Zuschreibungen können Gott für uns zugänglich machen. Keine Bezeichnung allein vermag jedoch, Gott zu fassen.

Leerstellen

Aufgrund ihrer Erfahrungen und Hoffnungen schrieben Menschen Gott bestimmte Rollen und Fähigkeiten zu. Gottesbilder entstanden, die ausgehen von der Erfahrung des menschlichen Körpers in all seinen Funktionen und Bezügen. Im biblischen Gotteskörper gibt es allerdings auch Leerstellen. Diese Leerstellen bieten Raum, eigene, heutige Vorstellungen ins jüdisch-christliche Gottesbild zu integrieren.

Was geschieht, wenn wir vertraute Gebete sprechen und bekannte Lieder singen, dabei aber die Gottesbezeichnungen umformulieren? Der «Vater» kann so zur «Mutter» werden, der «Herr» zur «Freude», der «Herrscher des Himmels» zum «Ziel allen Lebens». Der sprachlichen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Sowohl die jüdische Tradition als auch die Bibel in gerechter Sprache kennen diese Kreativität im Hinblick auf neue Sprechweisen.

Es kann sein, dass die von uns so gesprochenen und gesungenen Texte uns selbst ansprechen. Es kann sein, dass in uns Ungeahntes zum Schwingen gebracht wird. Und es kann sein, dass wir plötzlich noch eine andere Seite Gottes erahnen. Probieren Sie es aus!

  1. Vgl. dazu auch Angela Büchel Sladkovic: Wie kommen Bilder ins Christentum? auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/01/09/wie-kommen-bilder-ins-christentum/ (18.01.2021).
  2. Vgl. Gerlinde Baumann: Das göttliche Geschlecht, in: Hedwig-Jahnow-Forschungsprojekt (Hg.): Körperkonzepte im Ersten Testament. Aspekte einer Feministischen Anthropologie, Stuttgart 2003, S. 220-247.

     

    Bildquellen: Titelbild: adam-le-sommer, unsplash.org / Bild 1: Die Erschaffung Adams, Fresko von Michelangelo, um 1510, Sixtinische Kapelle Vatikan, wikimedia commons / Bild 2: complize, photocase.de / Bild 3: zVg, Symbole für verschiedene Geschlechtlichkeiten / Bild 4: «The Creation of God», Öl auf Leinwand. Werk der US-Künstlerin Harmonia Rosales. Foto: instagram.com/honeiee.

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Kommentare

3 Kommentare zu “GOTT – weiblich gedacht

  1. 29.01.21

    Suter Franziska

    Ich kann mir Gott nicht weiblich vorstellen und möchte auch nicht, dass er es ist!

  2. 22.03.21

    romuald grondé

    gott in seiner seinsweise ist mehr,anders als nur: menschlich, weiblich ,er ist viel- saitig und viel-seitig,nicht umsonst sind auch tiere wie adler oder vogel,mutterhenne oder löwe ebenso symbole.gott ist,bleibt:un-fassbar,eben :ein geheimnis der erfahrung,des glaubens……nur durch seine zugesagte eben-bild-lichkeit zum menschen ist etwas gemeinsames da….das in uns schlummert,lebt,wächst das göttliche….meine ich!aber immerbleibt er auch d e r , d i e, d a s ganz fremde, andere , neue und wichtig:dynamisch lebendige!!!!

  3. 01.03.22

    Esther Gisler Fischer

    Danke Frau Senn für diese Einblicke! Schade, erwähnen Sie nicht die Arbeiten von Prof. Dr. Sivia Schroer, welche doch an der Uni Bern Altes Testament lehrt; grad‘ vor Ihrer Haustüre! Sie hat mir während meiner Zeit an der ‚Alma Mater Friburgensis‘ alternative Gottesbilder näher gebracht, welche ich in der Liturgie immer wieder verwende: Gott als ‚Frau Weisheit‘, als Hausfrau. Schechina, die ‚EInwohnung‘ Gottes.
    Ihr gemeinsames Werk mit ihrem Mentor und Doktorvater Otmar Keel ‚Eva-Mutter alles Lebendigen‘ zeigt die ikonografische Entwicklung von Göttinendarstellungen im Altertum bis hin zu Maria: https://www.bibelwerk.ch/d/m67091
    2017 gabs eine bemerkenswere Ausstellung im jüdischen Museum Hohenems: https://www.jm-hohenems.at/ausstellungen/rueckblick/die-weibliche-seite-gottes

    Und ach ich habe mich mal schreibend dem Thema gewidmet:
    https://www.diesseits.ch/das-menschenrecht-sich-gott-anders-vorzustellen/

    Freundlich grüsst Sie
    Esther Gisler Fischer.

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