Spuren ins Leben

Dass Jesus von Nazaret von der römischen Besatzungsmacht am Kreuz hingerichtet wurde, gehört zu den historisch am besten bezeugten Fakten des Lebens Jesu. Seine frühen Anhänger*innen haben diesen furchtbaren Tod weder verschwiegen, noch beschönigt oder verdrängt. Vielmehr haben sie versucht, ihm einen Sinn abzugewinnen und zu zeigen, wie Jesus dennoch als Sohn Gottes verstanden werden kann.

Im Lesejahr B bilden die Texte des Markusevangeliums den roten Faden durch die Kar- und Ostertage. Das Markusevangelium ist das älteste unserer Evangelien und wurde wahrscheinlich in Rom geschrieben, unmittelbar nach der blutigen Niederschlagung des jüdischen Aufstands durch die Römer im Jahr 70 n. Chr.1 Es ist zwar das kürzeste der vier neutestamentlichen Evangelien, doch es steckt voller Kraft. Das zeigt sich gerade in den Passions- und Ostererzählungen.

Ein erschütternder Schrei …

Schon das Bild, das der Markusevangelist vom Sterben Jesu zeichnet, ist kühn. Es zeigt Jesus in seiner Todesstunde im Ringen mit Gott und einer abgrundtiefen Klage:

«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Markusevangelium 15,34)

Dann verstirbt Jesus mit einem erneuten erschütternden Schrei. Ein Jesus in absoluter Verlassenheit und Dunkelheit, im Leiden und Schmerz  – kaum auszuhalten in dieser Wucht.

Beim Weiterlesen deutet sich allerdings an: Das war nicht das Ende. Der Vorhang im Tempel wird zerrissen, von oben bis unten (Markusevangelium2 15,38). Diskret wird durch diese passivische Formulierung angedeutet, dass Gott selbst hier am Werk ist. Und wer, wenn nicht Gott selbst, wird sichtbar, wenn der Vorhang vor dem Allerheiligsten sich auftut? Ist er also doch anwesend, gerade hier, am dunkelsten Punkt eines menschlichen Lebens? Wird er also sichtbar gerade hier, im Schmerz, im Leiden und im Sterben? Der Text ist weit davon entfernt, die Frage laut und eindeutig zu beantworten. Aber er legt eine brüchige Spur, der Leser*innen tastend folgen können.

… und ein erschütterndes Bekenntnis

Die nächste Szene zeigt einen römischen Hauptmann, einen der Folterknechte also, die Jesus ans Kreuz geschlagen hatten. Ausgerechnet aus seinem Mund hören wir einen mehr als erstaunlichen Satz:

«Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.» (Markusevangelium 15,39)

Mehr lässt sich nicht sagen. Weniger darf nicht gesagt werden, jetzt. Der, der hier diesen furchtbaren Tod stirbt, ist Gottes Sohn. Grösser könnte der Gegensatz kaum sein. Doch für Markus geht es darum, Jesus als Gottessohn mit diesem Tod am Kreuz zusammenzudenken. Wer Jesus wirklich ist, versteht nach Markus nur, wer Kreuz und Tod mitzudenken wagt. Deshalb lässt er im ganzen Evangelium alle voreiligen Titelzuschreibungen an Jesus zurückweisen. Jetzt aber muss dieser Satz gesagt werden. Denn er hält auch das Kreuz aus und blickt in den Abgrund des Todes.

Frauen halten aus

Wenn dieses Bekenntnis ausgerechnet von einem Römer gesprochen werden muss: Wo sind die Anhänger*innen Jesu? Sie haben ihn verlassen und sind geflohen, «alle», heisst es anlässlich der Verhaftung Jesu (Mk 14,50–52).

Nun stellt sich heraus, dass das «alle» verfrüht war. Einige Frauen sind noch da und halten aus. Leser*innen erfahren erst jetzt, dass sie schon in Galiläa dabei waren und Jesus «nachgefolgt» sind (Mk 15,40f). Jüngerinnen also im besten Sinne des Wortes, die das Markusevangelium erst an dieser Stelle sichtbar macht, die aber den gesamten Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem mitgegangen waren, wie der Text sagt, und die deshalb die ganze Zeit über mitgedacht und mitgelesen werden müssen bei der Gruppe der Jünger*innen Jesu. Jetzt tun diese Frauen das, was es noch zu tun gibt: Sie bleiben da. Sie schauen hin. Sie halten aus.

So klein ist die Gruppe dieser Jüngerinnen nicht. Es sind viele:

«Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren» (Markusevangelium 15,41).

Drei (oder vier?) von ihnen werden mit Namen genannt: Maria aus Magdala, Maria, die des Jakobus des Kleinen und die Mutter des Joses (sind das zwei Frauen?), und Salome. Es sind die Namen, an die sich Leser*innen von jetzt an halten können. Mit diesen Frauen beobachten Leser*innen, dass der Leichnam Jesu von Josef von Arimathäa in einem Felsengrab bestattet wird (Mk 15,42–47). Mit diesen Frauen halten sie nach dem Karfreitag die Sabbatruhe. Und mit ihnen finden sie sich ganz früh am Morgen des ersten Tages der Woche auf dem Weg zum Grab.

Schlafende Bewacher am Grab. Kapitell in der Kirche Saint-Austremoine in Issoire

Die Botschaft von der Auferweckung Jesu

Was nun im Markusevangelium 16,1–8 erzählt wird, beinhaltet nichts weniger als die zentrale Botschaft des Christusglaubens: Dieser Jesus aus Nazaret, den die Römer nach einem Unrechtsprozess als politischen Unruhestifter kreuzigen liessen, ist nicht im Grab geblieben, sondern Gott hat ihn auferweckt. Dieses grosse Bekenntnis wird am Schluss der Erzählung formuliert, in der Rede der Engelsgestalt, wenn den Frauen verkündet wird, dass derjenige, den sie im Grab suchen, nicht hier sei (Mk 16,6–7).

Mit dieser Botschaft steht diese Geschichte auf dem Boden der jüdischen Hoffnung auf eine Auferweckung der Toten durch Gott. Diese Hoffnung war erst im Laufe der letzten zwei- oder dreihundert Jahre vor der Zeitenwende entstanden. Eigentlich war es auch mehr eine Option, ein trotziges Bestehen darauf, dass Gottes Gerechtigkeit und Treue auch zerbrochenes und gescheitertes Leben umfassen müsse. Daran wollte man angesichts von erfahrenem Unrecht und erlittener Gewalt festhalten: Dass Gott für seine Gerechten Gerechtigkeit schaffen würde – wenn nicht vor dem Tod, dann eben jenseits der Todesgrenze. Damit das Unrecht nicht das letzte Wort behalte. Im Rahmen dieser Hoffnung konnten die Freund*innen Jesu auch ihre Erfahrungen zwischen Karfreitag und Ostern interpretieren und zum Schluss kommen: Auch Jesus wurde von Gott auferweckt.

Marco Basaiti. Venedig, um 1500: Cristo morto tra due angioletti. Öl auf Leinwand.

Neu sehen lernen

Der Text zeigt die Frauen, wie sie nach dem Sabbat ganz früh am Morgen zum Grab gehen. Sie tun das, was jetzt noch möglich ist: Ihrem ermordeten Freund eine letzte Ehre erweisen. Ein Zeichen der Verbundenheit gegen die Brutalität des Todes setzen. Einander inmitten der Verwüstungen unterstützen und etwas zu tun beginnen. Es ist eine brüchige Spur von Leben.

Wir als Leser*innen werden mit den Frauen durch den Text geführt. Mit ihnen sind wir zu Beginn noch ganz auf das Grab fixiert und nehmen kaum wahr, dass eigentlich schon die Sonne aufgeht – womit der Markusevangelist vielleicht schon ganz leise andeutet, dass es nicht beim Dunkel des Todes bleiben würde. Mit den Frauen werden wir dann auch mit der phantastischen Wendung konfrontiert, die die Erzählung nimmt. Als die Frauen nämlich «hinblickten» (Mk 16,4), sehen sie, dass alles ganz anders ist, als sie es sich vorgestellt hatten: Der Stein ist weg, und statt des gefolterten Körpers des Hingerichteten finden die Frauen im Grab einen jünglingshaften Gottesboten, der behauptet, Jesus sei auferweckt worden.

Damit sprengt die Geschichte endgültig das, was sich nach unserer Erfahrung erwarten lässt. Offenbar geht es um Erfahrungen, für die uns die Sprache und auch die Kategorien fehlen. Das zeigt sich auch im «Erschrecken» der Frauen (Mk 16,5.8). Solche Worte verwendet die Bibel immer dann, wenn das Göttliche sich im Leben von Menschen bemerkbar macht. Hier kommen also Erfahrungsdimensionen und Sprachlogiken ins Spiel, die auf einer anderen Ebene liegen als derjenigen von historischer Faktizität und naturwissenschaftlich Nachvollziehbarem.

«Er wurde auferweckt!» (Markusevangelium 16,6)

Das ist zunächst nicht mehr als eine Behauptung. Aber es ist eine Behauptung, die sich der römischen Gewaltlogik widersetzt. Kreuzigungen sollten die Verurteilten völlig vernichten und andere Menschen abschrecken, es ihnen gleichzutun. So ist die Behauptung «er wurde auferweckt» ein kostbarer Satz inmitten der übermächtigen Gewalt: Der Gekreuzigte konnte nicht völlig vernichtet werden. Da sind noch Menschen, die sich nicht abschrecken liessen, an ihm festzuhalten. So etwas kann wohl nur von einem Gottesboten behauptet werden. Und wer es hört, ahnt, dass es mehr geben muss als das, was unsere täglichen Erfahrungen und ihre Zwangsläufigkeiten uns weismachen wollen.

Das erstaunliche Ende

Eigentlich könnte nun alles gut sein. Doch das Markusevangelium erzählt, dass die Frauen das Grab fluchtartig verliessen und niemandem etwas erzählten. Denn sie waren «ausser sich vor Zittern und Ekstase» (Mk 16,8), so übersetzt die Bibel in gerechter Sprache treffend, was wohl nur schwierig auszudrücken war.

Mit diesem Schweigen und Ausser-sich-Sein der Frauen endet das Markusevangelium in seiner ursprünglichen Fassung. Was danach in den Bibelausgaben zu lesen ist, sind Hinzufügungen aus dem zweiten Jahrhundert, die diese Offenheit offenbar nicht mehr ausgehalten haben (Mk 16,9–20). Der ursprüngliche Markusschluss in 16,8 aber lässt ahnen, dass es angesichts solcher Botschaften und Erfahrungen erst einmal keine Sprache gibt oder geben kann. Jeder Leser, jede Leserin muss eine eigene Sprache dafür erst nach und nach selbst finden.

Spuren führen ins Leben

Doch wieder legt das Markusevangelium Spuren, denen Leser*innen tastend folgen können und sollen. Diese Spuren führen nach Galiläa: «Dort werdet ihr ihn sehen», hören die Frauen in 16,7. Leser*innen des Markusevangeliums wissen, dass in Galiläa die ganze Sache mit Jesus angefangen hatte. Dort spielen all die vielversprechenden Geschichten von den Heilungen, von grenzüberschreitenden Mahlgemeinschaften und einem Leben in Fülle für alle. Hier ist etwas zu spüren von einer lebendigen und verbindenden Kraft, die das Leben verändert. Wenn das Buch mit der Erfahrung von Ostern nochmals von vorne gelesen wird, werden diese Geschichten zu Auferstehungsgeschichten.3 An diese Geschichten von Hoffnung und Sinn gilt es also anzuknüpfen. Diesen Weg gilt es weiter zu gehen. «Dann werdet ihr ihn sehen.»

Galiläa ist für die Jünger*innen Jesu auch ihre Heimat. In Galiläa leben und arbeiten sie, dort sind ihre Familien. Steht Galiläa also auch für den Alltag? Mit den Jüngerinnen am Grab werden wir als Leser*innen dorthin verwiesen. Damit erhält die Geschichte eine überraschende und im wahrsten Sinne des Wortes «nahe liegende» Wendung. Das tägliche Leben, die Arbeit, der Alltag wird zum Ort, an dem sich die Auferstehungsbotschaft als tragfähig erweisen muss4: in geglückten Begegnungen, sinnvoller Arbeit, geheiltem Schmerz und neuer Kraft – überall dort, wo zu erleben ist, dass der Tod nicht das letzte ist, was es zu sagen gibt.

Am Schluss des Markusevangeliums steht also ein grossen Bekenntnis zu Gottes Leben schaffender Macht, seiner Gerechtigkeit und Treue. Es führen von hier aber auch Spuren in das Leben jedes einzelnen Menschen. Auferstehung ist nicht einfach eine Wahrheit, die geglaubt werden muss und damit abgehakt werden kann. Vielmehr steckt darin eine Kraft, die das Leben verändern kann. Das Markusevangelium erzählt nicht zu Ende, wie dies alles passiert, sondern es lässt die Frauen tief aufgewühlt und «ausser sich» zurück. Es ist an den Leser*innen, den eigenen Weg nach Galiläa und in Galiläa zu gehen und zu erfahren, was es heisst, der Kraft der Auferstehung zu trauen.

  1. Vgl. ausführlich zum Markusevangelium Sabine Bieberstein: Jesus und die Evangelien (Studiengang Theologie II,1), Zürich 2015, S. 39–111.
  2. folgend abgekürzt mit Mk
  3. Vgl. Detlef Hecking: Neue Anfänge, immer wieder – Auferstehungs-Wege im Markusevangelium und die Botschaft im leeren Grab. Bibelarbeit zu Mk 16,1–8, in: Sabine Bieberstein (Hg.): Auferstehung (FrauenBibelArbeit 29), Stuttgart 2012, 45–53.
  4. Vgl. Hermann-Josef Venetz: Er geht euch voraus nach Galiläa. Mit dem Markusevangelium auf dem Weg, Freiburg Schweiz 2005 (Neuausgabe 2017).

     

    Bildnachweise. Titelbild: Ray Hennessy, unsplash.org / Bild 1: Der gerissene Vorhang. Foto:  fotokomplizin, photocase.de / Bild 2: Ehemalige Benediktinerabteikirche Saint-Austremoine im französischen Issoire. Chorkapitelle zum Leidensweg Christi. Kapitel 3: Schlafende Bewacher am Grab. Foto: Hervé Lenain, Alamy Stock Foto / Bild 3: Marco Basaiti. Venezia 1470/75-1530 (?): Cristo morto tra due angioletti. Öl auf Leinwand. Galerie dell’Accademia di Venezia. Foto: kr / Bild 4: Ruinen in Pompeij. Foto: Nitsch, Alamy Stock Foto / Bild 5: Annaia, photocase.de

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