Leere

In der Liturgie der Tage vom Hohen Donnerstag bis Ostersonntag, den heiligen drei Tagen, gibt es diesen besonderen Moment: Am hohen Donnerstag, nach dem Abendmahl, wird die Kirche bzw. der Altarraum leer gemacht. Da wird das Brot, das man soeben noch geteilt hat, hinausgetragen, der Tabernakel (das Allerheiligste) wird geräumt und steht leer und offen da, die Kerzen werden hinausgetragen, das Altartuch wird entfernt…

Leere

Wo der Tod ins Leben greift, breitet sich Leere aus. Die Liturgie nimmt die Leere des Kreuzes auf und ermöglicht Anteilnahme, ermöglicht, den Weg der Leere mitzugehen. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mit verlassen?» (Markusevangelium 15,34) Hinausgetragen werden nicht nur der Schmuck und die Kerzen und somit alles, was wir als angenehm empfinden – es fehlt auch die Musik und bald schweigen die Glocken –, sondern auch alle Zeichen der Präsenz Gottes. Alle zeichenhaften Orte werden entblösst. Die inszenierte Leere symbolisiert die Brüchigkeit des Lebens und die Verwundung des Glaubens. Verbunden damit zeigt sich in der liturgischen Handlung eine Bemerkung zum Raum der Kirche: Es sind das Bitten und Rufen, das Ersehnen wie auch das Empfangen Gottes, die Kirche zu einem sakralen Raum machen. Gesten der Macht und des Verfügenwollens sind deplatziert. Mit dem Ritual der Entleerung ruft die Kirche sich gewisser­massen selbst in Erinnerung, dass Gott nichts Besitzbares ist; dass sie glaubt, ohne zu besitzen.

Ehemalige Abteikirche Notre Dame in Payerne

Gründender Verlust

Kirche gründet in einer Verlusterfahrung. Der französische Historiker und Jesuit Michel de Certeau (1925-1986) spricht von einem «gründenden Bruch», der in den Erzählungen um die Hinrichtung und Auferstehung Jesu sichtbar wird.1 Er erkennt darin eine grundlegende Struktur christlicher Gotteserfahrung:

«Der Gott meines Glaubens hört nicht auf zu betören und die Sehnsucht, ihn zu fassen, ins Leere laufen zu lassen. Er betört, denn nichts von dem, was ich weiss, ist er. Er lässt ins Leere laufen; denn ich erwarte ihn nicht da, wo er kommt. Begegnungen, Ereignisse, Veränderungen verhüllen und offenbaren ihn. In der Bewegung von so vielen verschiedenen Geschichten ist er derselbe, der darin immer als der Andere aufersteht.»2

Allegorie des Glaubens. Dama velata. Marmor. Antonio Corradini, Venedig um 1700

Certeau bezieht sich in seinen Ausführungen in besonderer Weise auf die biblische Erzählung von den Frauen am leeren Grab3 und die Emmaus-Jünger im Lukasevangelium, aber auch auf die Himmelfahrt, die von einer «Entrückung» Jesu spricht.4 Jesus, so Certeau, ist der, der uns fehlt – in einem doppelten Sinn: er stirbt, er ist nicht mehr da… und dieses Fehlen wird für die, die ihm freundschaftlich verbunden sind, zu einem Vermissen. So lässt die Trauer Maria von Magdala zum Grab gehen (vgl. Johannesevangelium 20). Sie findet jedoch nicht, was sie sucht. Der Ort, der ihr eine Verbindung zu Jesus verspricht, ist leer. Doch da widerfährt ihr Unerwartetes. Sie findet sich beim Namen gerufen, erkennt im «Fremden» Jesus und wird auf den Weg geschickt.

Geheimnisvolle Gegenwart

Die Erfahrung des Ostermorgens legt einen Boden, auf dem sich gehen lässt und bleibt doch unfassbar und geheimnisvoll. Die Gegenwart des Auferstandenen, die Maria Magdalena erfährt, wird sogleich wieder aufgebrochen. Noli me tangere! Ich bin es, doch: «Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.» (Johannesevangelium 20,17). Wie ein roter Faden zieht sich der Entzug durch die Jesus-Geschichte. Er wirkt Wunder und entzieht sich der Menge; er stirbt und ist nicht im Tod; er zeigt sich als Auferstandener und wird in den Himmel entrückt; er ist nicht im Himmel, er kommt wieder. Der Abschied ist notwendige Bedingung für sein Kommen.

«Von irgendwoher und als Unbekannter kommt der Herr in seinem Haus und bei den Seinen an. ‹Ich komme wie ein Dieb› (Offb 16,15; 3,3) Wer an ihn glaubt, ist immer wieder eingeladen ihn als einen anzuerkennen, der weit weg wohnt oder von irgendwoher kommt: ein[e] verkannte[r] Nachbar[in] oder ein fremdgewordener Bruder, Seite an Seite in derselben Strasse, in Gefängnissen eingeschlossen, in Sozialbauten untergebracht, ignoriert, schemenhaft, aus einer anderen Welt.»5

Bern, 20. März 2020. Pandemie

Gott bleibt in der Fülle unserer Erfahrungen und Beziehungen der Unbekannte. Dies lehrt uns schon Mose und das Erste Testament. Gott ist immer schon vorübergegangen; man erkennt Gott nur «von hinten».

Hinausgehen – die Arbeit des Glaubens

Für Michel de Certeau wird Unterwegssein zur Chiffre für das Christsein. Den unbekannten Gott finden wir im Aufbruch. Certeau vergleicht die Gläubigen in der säkularen Welt von heute gern mit den Emmaus-Jüngern. Unterwegs auf den Strassen dieser Welt sind sie eingeladen, Gott da zu entdecken, wo sie ihn bis jetzt noch nicht wahrgenommen haben, oder wo nach der herrschenden Meinung Gott nicht sein kann. Wie die Emmaus-Jünger sind sie in Gefahr, sich einzuschliessen und Gott auszusperren.

Mario Macilau. Fotografie. Pavillon des Heiligen Stuhles. Kunstbiennale Venedig 2019

«Für sie sollte es nötig werden, […] das Brot zu teilen und darin Jesus zu erkennen.»6
«Christus will ‹weitergehen›. Er gehört nicht ihnen, sondern den anderen; allen».

Der Glaube öffnet und holt heraus aus den engen kulturellen und sozialen Grenzen. Der unbekannte, je grössere Gott sprengt jedes sich Einrichten in einem Gedanken, einer Gruppe, einem Ritual. Gott führt auf Abwege – immer tiefer hinein, immer weiter hinaus.

«Die Gläubigen arbeiten also daran, dass ein Tor sich öffne in Bekanntes oder Unbekanntes, aber ohne dass sie im Voraus wissen, wo und wie.»7

Die Anstrengung des Glaubens besteht darin, der Sehnsucht Raum zu geben.

 

  1. Michel de Certeau: Der Fremde oder Einheit in Verschiedenheit, Stuttgart 2018. Sowie das von Andreas Falkner herausgegebene Buch Michel de Certeau: Täglich aufbrechen zu den anderen. Reflexionen zur christlichen Spiritualität, Würzburg 2020.
  2. Michel de Certeau: Der Fremde, S. 10.
  3. Die Frauen am Grab werden in allen vier Evangelien erwähnt. Zum Markusevangelium 16 vgl. Sabine Bieberstein: https://glaubenssache-online.ch/2021/03/24/spuren-ins-leben
  4. Vgl. Lukasevangelium 24,50-53 und Apostelgeschichte 1,9-12. Vgl. dazu Michel de Certeau: Die Himmelfahrt (Meditation), in: Täglich aufbrechen, S. 105-113.
  5. Michel de Certeau: Der Fremde, S. 39.
  6. Michel de Certeau: Der Fremde, S. 39.
  7. Michel de Certeau: Der Fremde, S. 44

     

    Bildquellen: Alle Bilder Archiv Glaubenssache online

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