Biblische Fluchtgeschichten

Die Bibel erzählt die Geschichte des Volkes Gottes als eine Geschichte von Flucht und Migration. Und sie leitet daraus interessante Regeln für das Zusammenleben ab. Denn wer selbst einmal fremd und bedroht gewesen ist, wird achtsam mit Fremden im eigenen Land umgehen.

«Mein Vater war ein heimatloser Aramäer …», so beginnt ein grosses Bekenntnis im Buch Deuteronomium. Die Israelit*innen sollen es sprechen, wenn sie die Erstlingsfrüchte im Tempel darbringen. Das Bekenntnis geht noch weiter. Der heimatlose Aramäer …

«… zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde zu einem grossen, mächtigen und zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Ewigen, dem Gott unserer Väter, und der Ewige hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis …»
(Deuteronomium 26,5-7)

Das Motiv des «heimatlosen Aramäers» ruft die Erzählungen über die Erzeltern in Erinnerung, deren Wurzeln nach dem Buch Genesis in Ur in Chaldäa (Mesopotamien) sowie in Haran (im heutigen türkisch-syrischen Grenzgebiet) lagen, das als «aramäisch» galt. Schon Abrahams Vater Terach sei aus Ur aufgebrochen und habe sich in Haran niedergelassen (Genesis 11,31), von wo schliesslich Abraham mit seiner Familie auf den Ruf Gottes hin aufgebrochen sei, um in das Land Kanaan zu ziehen, das Gott ihm versprochen habe (Genesis 12,1-5).

Das Buch Genesis erzählt weiter, dass sowohl Abrahams Sohn Isaak als auch dessen Sohn Jakob keine Frauen aus Kanaan geheiratet, sondern sich Frauen aus ihrem Herkunftsland und ihrer Ursprungsfamilie in Haran geholt hätten: Rebekka, Lea und Rahel.

Dabei habe sich das Leben im versprochenen Land durchaus nicht immer als leicht erwiesen: Schon Abraham habe aufgrund einer Hungersnot in Kanaan nach Ägypten ausweichen und dort eine Zeit lang als Fremder leben müssen (Genesis 12,10), und auch sein Sohn Isaak sei wegen einer weiteren Hungersnot als Wirtschaftsflüchtling ins Philisterland gezogen, um dort sein Überleben zu sichern (Genesis 26,1-6). Isaaks Sohn Jakob sei dann schliesslich erneut mit seinen Söhnen und deren Familien nach Ägypten ausgewandert, wo sie zunächst Zuflucht vor der Hungersnot in Kanaan fanden, in späterer Zeit aber, wie der Anfang des Buches Exodus erzählt und es das Bekenntnis aus dem Buch Deuteronomium zusammenfasst, hart bedrängt, versklavt und mit dem Tod bedroht wurden, so dass sie in ihrer Not Gott um Rettung angerufen hätten.

Eine Geschichte von Migration und Flucht

Die Bibel erzählt also von Anfang an die Geschichte des Volkes Gottes als eine Geschichte von Migration, Flucht – und Befreiung. Es kommen alle Motive darin vor, die wir bis heute aus Migrations- und Fluchtgeschichten kennen: Der Aufbruch aus der Heimat und der Versuch, die Verbindung zur Herkunftsfamilie durch Heirat und Familiennachzug aufrecht zu erhalten; das Leben als Fremde in einem Land, das anders funktioniert als das, was man bislang kannte, und damit verbunden: Versuche zur Anpassung oder auch bewusste Abgrenzung, Erfahrungen von Gastfreundschaft ebenso wie Ablehnung, friedliches Zusammenleben ebenso wie Konflikte. Die biblischen Erzählungen sparen auch Themen wie wirtschaftliche Notlagen nicht aus, und sie zeigen die Erzeltern mit ihren Familien als Flüchtlinge, die vor dem Hunger in andere Länder fliehen müssen.

Jēkabs Kazaks, «Flüchtlinge»

Drastisch zeigt das Buch Exodus, in welch bedrohliche Situation eine Minderheit kommen kann, wenn in einem Land plötzlich die Angst vor Überfremdung überhandnimmt und alles unternommen wird, um die Minderheit zu unterdrücken. So sagt der ägyptische König zu seinem Volk:

«Seht nur, das Volk der Israeliten ist grösser und stärker als wir. Gebt Acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen es tun können, damit es sich nicht weiter vermehrt. Wenn ein Krieg ausbricht, könnte es sich unseren Feinden anschliessen, gegen uns kämpfen und aus dem Lande hinaufziehen.»
(Exodus 1,9-10)

Die Folgen sind mörderisch und reichen von Unterdrückung und Entrechtung, Versklavung und unmenschlichen Arbeitsbedingungen bis hin zur Ermordung der Nachkommenschaft.

Die biblischen Erzählungen zeigen aber auch: Gott wird als eine*r erfahren, der*die das Schreien der Bedrängten hört und ihre Not sieht, sich auf die Seite Unterdrückten stellt und sie schliesslich aus dem «Sklavenhaus Ägypten» in die Freiheit führt. Davon erzählen dramatisch die Bücher Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium, sparen dabei aber auch nicht mit Kritik an den Israelit*innen und ihren Anführer*innen, die sich der neuen Freiheit noch nicht wirklich gewachsen zeigen – aber das wäre ein anderes Thema.

Das eigene Land als Geschenk

Israel und Juda erzählen die eigene Geschichte als eine Migrations- und Fluchtgeschichte. Wie zentral diese Motive für das Selbstverständnis Israels und Judas waren, zeigt das zu Beginn des Artikels zitierte Glaubensbekenntnis aus dem Buch Deuteronomium. Wer in dem Moment, in dem er die ersten Früchte einer Ernte im Tempel darbringt, in dieser Weise auf die eigene Geschichte schaut, ist sich bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, an diesem Ort zu leben, sondern dass dies ein Geschenk ist. Und wer sich in dieser Weise als von Gott aus der Sklaverei befreit versteht, wird das Leben als Antwort auf diese Befreiung gestalten. Dies zeigen die beiden Fassungen des Dekalogs (der «zehn Gebote»), die zunächst die grosse Befreiungstat Gottes ins Gedächtnis rufen und wie eine Folge daraus oder Antwort darauf sodann das Verhalten der Menschen thematisieren:

«Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst …» (Exodus 20,2-3; Deuteronomium 5,6-7)

 

Tiepolo, Die Flucht nach Ägypten

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch die Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige. So wird deutlich gemacht, wie sehr das Leben im versprochenen Land ein Geschenk ist, und dass Israel und Juda nur im Land bleiben können, wenn sie «tun, was gut ist in den Augen des Ewigen» – so wird es fast refrainartig immer wieder wiederholt. Diese Bücher zeigen aber auch auf Schritt und Tritt, dass Israel und Juda über weite Strecken nicht dazu in der Lage waren. So kam es, wie es in den Augen der Verfasser und Redaktoren dieser Bücher kommen «musste»: Im Jahr 720 v. Chr. wurde das Nordreich Israel von den Assyrern ausgelöscht, im Jahr 587 v. Chr. das Südreich Juda von den Babyloniern erobert, Jerusalem mit dem Tempel zerstört und die Oberschicht nach Babylon verschleppt. Dies waren schmerzhafte Einschnitte in der Geschichte Israels und Judas, die tiefgreifende Reflexionsprozesse in Gang setzten: Wie konnte es so weit kommen? Was haben wir falsch gemacht? Wo war und wo ist Gott in alledem?

Mit diesen Ereignissen begann aber auch das, was sich in den folgenden Jahrhunderten als jüdische Diaspora zunächst in Mesopotamien und Ägypten, später auch in anderen Regionen im Mittelmeerraum entwickeln sollte. Denn die Geschichte zeigt: Auch als die Nachkommen der verschleppten Jerusalemer Oberschicht nach dem Ende der babylonischen Herrschaft nach Jerusalem hätten zurückkehren können, zogen die meisten von ihnen das Leben in Babylon einer Rückkehr nach Jerusalem vor. Man hatte sich in der Fremde eingerichtet und profitierte vom Leben in der Metropole Babylon. Schon der Prophet Jeremia hatte die Verschleppten ermutigt, sich auf eine lange Zeit in Babylon einzurichten und das Leben entsprechend konstruktiv und auf Zukunft ausgerichtet zu gestalten:

«Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte! Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, damit sie Söhne und Töchter gebären! Ihr sollt euch dort vermehren und nicht vermindern. Suchet das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Ewigen; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl!»
(Jeremia 29,5-7)

Wer gehört «zu uns»?

Es ist kaum verwunderlich, dass in solchen Zeiten von Zerbruch und Neuorientierung auch die alten Traditionen der Erzeltern und des Auszugs aus Ägypten nochmals neu erzählt und dabei für die eigene Zeit neu interpretiert wurden. Und ebenso wenig kann es verwundern, wenn dabei durchaus unterschiedliche Folgerungen für das Zusammenleben im Land gezogen wurden.

Da sind die einen, die für strikte Abgrenzung von den anderen Völkern plädieren. «Zu uns» kann nach deren Auffassung in Juda nur gehören, wer von judäischen Eltern abstammt. Ehen mit Angehörigen «anderer Völker» werden strikt abgelehnt. Diese Position vertreten zum Beispiel die Bücher Esra und Nehemia.

Es gibt aber auch andere, für die dies offenbar zu eng ist. Dazu gehört das Buch Rut. Es erzählt als Gegengeschichte zu Esra und Nehemia von einer judäischen Familie aus Betlehem, die als Wirtschaftsflüchtlinge nach Moab kommen. Dort finden sie zwar Aufnahme, doch der Vater und die Söhne sterben, so dass am Ende nur die Mutter übrig bleibt, die mit ihrer moabitischen Schwiegertochter Rut nach Betlehem zurückkehrt. Der Text wird nicht müde, die Vorzüge der moabitischen Schwiegertochter zu preisen, die für die Schwiegermutter mehr wert sei als sieben Söhne (Rut 4,15). Die Moabiterin Rut findet nicht nur einen judäischen Ehemann in Betlehem, sondern wird sogar zur Ahnfrau des Königs David, der damit, so der ironische Schluss der Geschichte, von einer «Ausländerin» abstammt (Rut 4,18-22). Rut darf in Juda dazugehören, nicht weil sie von judäischen Eltern abstammt, sondern weil sie die Werte und Optionen Judas teilt (Rut 1,16).

Schutz für die Fremden

Wenn die eigene Frühgeschichte als Geschichte von Migration, Flucht und Befreiung erzählt wird und man am eigenen Leib Krieg und Verschleppung erfahren hat, kann das nicht ohne Auswirkungen auf die Sozialgesetzgebung bleiben. So stehen die Fremden ebenso wie die Witwen und Waisen in der Bibel unter dem besonderen Schutz Gottes und werden daher auch der Fürsorge Israels anempfohlen:

«Gott verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.» (Deuteronomium 10,18-19)

Als Begründung, warum man auf die Fremden achtgeben soll, wird auf die eigene Erfahrung in Ägypten verwiesen. Daraus werden besonders im Buch Deuteronomium, aber auch in anderen Gesetzessammlungen besondere Schutzmassnahmen für die Fremden abgeleitet: Sie sollen eine gesicherte Grundversorgung erhalten, ihr Lohn soll ebenso wie der Lohn von einheimischen Tagelöhner*innen vor Sonnenuntergang ausbezahlt werden, Überlebensnotwendiges darf auch von ihnen nicht als Pfand genommen werden, sie dürfen Nachlese auf den Feldern halten, und auch sie kommen wie einheimische Verschuldete in den Genuss des Schuldenerlasses in jedem siebten Jahr und so weiter.

Christoph Büchel, «Barca Nostra», havariertes Flüchtlingsschiff, hunderte Menschen starben. Biennale Venedig 2019

Dahinter steht die Überlegung: Wer einmal erfahren hat, wie gefährdet man als Fremde*r in der Fremde sein kann, wird dafür sorgen, dass Fremde im eigenen Land in Sicherheit leben können. Denn das weiss schon die Bibel: Die Anlässe dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen und Zuflucht in einem anderen Land suchen, reichen von wirtschaftlicher Not über Perspektivenlosigkeit bis hin zu tödlicher Bedrohung aus politischen Gründen oder einfach, weil man einer unliebsamen Minderheit angehört. Die Menschen, die sich auf den Weg machen, sind so verschieden wie Menschen nun einmal sind. Ja, sie bringen Fremdes mit und werden das Land, in das sie kommen, auch verändern. Und ja, sie bringen neben ihren Traumata auch Probleme und Konflikte mit. Was die allermeisten aber vor allem mitbringen, ist die Hoffnung auf ein Leben in Frieden, Sicherheit und Würde. Dafür können die biblischen Texte die Aufmerksamkeit ebenso schärfen wie dafür, dass es auch für «uns» ein grosses Geschenk ist, in Frieden und Sicherheit leben zu können. 1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Julie Ricard, unsplash / Bild 1: aude-andre-saturnio-unsplash / Bild 2: Jēkabs Kazaks, «Flüchtlinge», Öl auf Leinwand 1917 – Detail, Sammlung Lettisches Nationales Kunstmuseum in Riga. Gemeinfrei / Bild 3: Giambattista Tiepolo, Die Flucht nach Ägypten, ca.1767-70, Öl auf Leinwand, Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon / Bild 4: Strassenmalerei in Venedig, Niemand ist illegal, kr / Bild 5: Max Bohme, unsplash / Bild 6: «Barca Nostra», vor Lampedusa havariertes Flüchtlingsschiff, beim Unglück starben hunderte Menschen. Der Künstler Christoph Büchel schleppte das Wrack zur Biennale nach Venedig. Ausgestellte auf dem Gelände des Arsenale 2019.

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