Die Stadt: Ein guter Ort zum Leben? Eine Spurensuche, auch in der Bibel

Lesen Sie doch einmal die folgenden Namen und schliessen Sie danach die Augen:

Paris – London – New York – Tokyo – …

Wahrscheinlich hat dies in Ihrer wie in meiner Fantasie ein Feuerwerk an vielfältigen Bildern, Vorstellungen, Geräuschen, Emotionen gezündet. Vielleicht haben Sie an die Wahrzeichen dieser Städte (Eiffelturm, Freiheitsstatue …) gedacht, an pittoreske Altstädte und moderne, prächtige Architekturen, an bunte Menschenscharen, «typische» Lebensarten, einmalige Stadtansichten, spannende Arbeitsmöglichkeiten usw. Diese Liste liesse sich noch sehr lange fortsetzen – und leicht liesse sich mit ihrer Hilfe argumentieren, dass ein schönes, attraktives, interessantes und gutes Leben vor allem in Städten geführt werden kann.

Venedig

Die äusserst anziehenden Vorstellungen von den Weltstädten, die auch in unseren Breitengraden mit Namen wie Zürich, Wien, Berlin oder Bern immer wieder neue Nahrung erhalten, haben in den letzten Globalisierungsjahrzehnten jedoch zu beträchtlichen Problemen geführt. Denn Städte – und nicht nur die oben genannten globalen Megacitys! – ziehen neben irgendwann wieder abreisenden Touristen auch viele Menschen an, die dauerhaft bleiben wollen, die aus der Attraktivität der Städte sich neue Impulse für ihr Leben und Arbeiten erhoffen oder die sich nach dem dynamischen Puls urbaner Quartiere mit ihren vielfältigen kulturellen Angeboten sehnen. Die Folgen sind bekannt: Wuchernde Agglomerationen, unüberschaubare Verkehrsnetze, Touristenströme, teils höhere Kriminalität, Umweltverschmutzung sowie die Verdrängung von Natur … dies alles wird seit Jahren in der medialen Öffentlichkeit heiss diskutiert.

Warum haben die Städte aber dennoch noch nie ihre Attraktivität verloren? Warum ziehen sie trotz ihrer Schattenseiten immer wieder Menschen in ihren Bann?

Vielleicht, weil sich eben auch nicht leugnen lässt: Es sind eher die urbanen Räume, die durch das Zusammenkommen von unterschiedlichen Menschen mit ihren oft widerstreitenden Vorstellungen Dynamik, neue Ideen und schliesslich Innovation erzeugen. Auf den Punkt gebracht:

Ein Reiz der Stadt ist der des fortlaufenden Wandels – ein Wandel, der durch die Spannung und Reibung von vielen Menschen auf engem Raum erzeugt wird, die alle für sich ein gutes Leben erhoffen und es mit- und gegeneinander führen wollen.

Diese Seite von Städten hat immer schon zur Stellungnahme von verschiedener Seite herausgefordert – und wenig überraschend ist darunter auch die Bibel, die einige der schärfsten Verurteilungen – aber auch Wertschätzungen! – urbanen Lebens kennt. Einige Beispiele sollen dies nun unterstreichen, bevor es anschliessend noch einige Schlaglichter auf aktuelle Problemlösungsstrategien zu den Fragen eines guten Lebens in der Stadt zu werfen gilt.

Jerusalem

Bereits im ersten Buch der Bibel, der «Genesis», finden sich einschlägige Kommentare zum urbanen Lifestyle und seinen Schattenseiten: In der Erzählung vom «Turmbau zu Babel» versucht sich der Mensch als Hochbauingenieur an die Stelle Gottes zu setzen – sehr zu dessen Missfallen. Seine Strafe folgt auf den Fuss: Die «babylonische Sprachverwirrung» verhindert in der Vorstellungswelt der Bibel fürderhin eine gemeinsame Kommunikationsgrundlage aller Menschen, aber für uns heute veranschaulicht diese Erzählung eher die Wirkung der Städte als attraktive «Melting Pots» für Menschen aller Sprachen und Kulturen, und das bereits in der frühen Antike.

An den Städten Sodom und Gomorra, die sprichwörtlich für die dunkel-abweisenden, auch erotisch aufgeladenen Seiten der Städte stehen, exerziert Gott wenig später ein weiteres Exempel seiner ambivalenten Haltung gegenüber Städtern: Beide werden zerstört, weil sich in ihnen nicht einmal zehn Gottesfürchtige finden lassen und ihre Einwohner Gebote der Gastfreundschaft mit Füssen treten.

Sinnbildlich stehen Städte in der Bibel aber vor allem für ungerecht erworbenen Wohlstand und Luxus, den Gott durch seine Propheten verurteilen lässt. Der Prophet Amos klagt die mit ihrem Reichtum protzende Oberschicht Samarias folgendermassen an:

«Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern. Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde und Mastkälber aus dem Stall. Ihr grölt zum Klang der Harfe, ihr wollt Lieder erfinden wie David. Ihr trinkt den Wein aus großen Humpen, ihr salbt euch mit dem feinsten Öl und sorgt euch nicht über den Untergang Josefs. Darum müssen sie jetzt in die Verbannung, allen Verbannten voran. Das Fest der Faulenzer ist nun vorbei. Gott, der Herr, hat bei sich selbst geschworen […]: Ich verabscheue Jakobs Stolz und hasse seine Paläste; die Stadt und alles, was in ihr ist, gebe ich preis.» (Amos 6,3-8).

Babel

Übertroffen wird diese Brandrede des Amos noch von seinem Kollegen Ezechiel, der Gott seine Stadt Jerusalem in einer hochgradig sexuell aufgeladenen Sprache verfluchen und demütigen lässt, weil sie sich durch die Verehrung fremder Götter von ihm abwendet (Ezechiel 16). Überhaupt: Stichwort Jerusalem! Der Davidstadt des Königtums Israel kommt eine ganz herausragende, aber auch wieder ambivalente Stellung zu. Sie ist der städtische Augenstern Gottes und Fixpunkt der Königsideologie, später aber auch Ort der Kreuzigung Jesu und mit Paulus noch später Ausgangspunkt der christlichen Mission in die ganze Welt. In der Vision des «himmlischen Jerusalems» lockt am Schluss der Bibel die Johannesoffenbarung mit der Gleichsetzung einer Stadt mit dem Reich Gottes – eine höhere Wertschätzung von Urbanität als diese lässt sich wohl kaum ausdrücken!

Im Gegensatz zu diesen urbanen Utopien frühchristlicher Zeiten war die Jesusbewegung zunächst keineswegs auf die Städte Israels fokussiert, sie war vielmehr ein Landphänomen. Dies lässt sich wunderbar an den landwirtschaftlich geprägten Gleichnissen sowie den Jüngerinnen und Jüngern Jesu nachvollziehen, die sich vor allem aus der ländlichen Unterschicht rekrutieren. Das Landei Jesus nähert sich im Bericht der Evangelisten (Johannes ist hier die Ausnahme) der Hauptstadt Jerusalem nur sehr zögerlich und langsam an – und er tritt mit seiner Tempelaktion in die Fussstapfen früherer Propheten Israels. Vermutlich war diese Aktion gegen die Geldwechsler und Händler im Tempel auch die Ursache für seine Verurteilung zum Kreuz. Wichtiger Merksatz, gültig zu allen Zeiten: Verärgere nicht die Wächter der städtischen Finanzflüsse!

Die frühen Christen in den entstehenden Gemeinden blühen demgegenüber erst durch die Netzwerke und Verkehrswege der antiken Städte richtig auf. Da, wo Menschen zusammenkommen, lässt sich missionieren, lassen sich Menschen für den Glauben gewinnen, nimmt dieser schliesslich Einfluss über die engen Grenzen des Judenchristentums hinaus. Das Christentum ist dadurch von frühester Jugend an eine Stadtreligion. Verflogen ist für einmal das biblische Spannungsverhältnis, das gegenüber den Städten immer wieder ins Wort gebracht wurde. In der christlich gewordenen Spätantike sind es angesichts dieser Entwicklung folgerichtig – und für uns heute irritierend – die weitläufigen Landstriche fernab der christlichen Städte, in denen die Menschen noch lange dem «alten» Glauben an die Göttergestalten der griechischen und römischen Mythologie anhängen…

Bern

Viel gäbe es über die zahlreichen Häutungen der Städte und ihre Weiterentwicklung seit der Spätantike zu sagen. Halten wir aber doch zunächst einmal fest, was Städte seit biblischen Zeiten bis heute so reizvoll und gleichzeitig so anstrengend macht: Sie sind Experimentallaboratorien des menschlichen Zusammenlebens, in denen der Takt und die Themen der öffentlichen Debatten und Meinungen vorgeben werden. Sind Städte aber damit auch herausragende Orte für ein gutes Leben? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, aber ein Versuch könnte in folgende Richtung gehen: Die drängenden Probleme einer Zeit werden häufig zuerst in den Städten als solche identifiziert und aus ihnen kommt meistens auch ein erster Lösungsimpuls – wie das Christentum in gewisser Weise in der Antike auch eine attraktive «Lösung» gegen die antike, menschenverachtende «Sklavenhalterkultur» war.

Gegen die eingangs erwähnten, scheinbar unlösbaren Probleme urbaner Welten in der Gegenwart werden in diesem Experimentallabor auch heute eine ganze Menge von Ansätzen ausprobiert, die für sich genommen vielleicht nur wenig Einfluss und Kraft haben, gemeinsam aber die Stadt und ihre Bewohner möglicherweise so verändern, dass sie künftig eine neue Form von gutem Leben ermöglichen. Das Teilen von Autos, Velos, Gärtchen oder Werkzeugen, neudeutsch «Sharing Economy» genannt, bringt Menschen zusammen, hilft Ressourcen sparen und Müll vermeiden. Neue Parkanlagen, begrünte Hochhausdächer und «Urban Gardening» helfen die Sommerhitze regulieren oder leisten einen eigenen Beitrag zum ökologischen Landbau, der hier zum Stadtbau wird. Eine Förderung von tageszeitabhängiger Mobilität (teurer zu den Stosszeiten, günstiger zu den Nebenzeiten) hilft Staus abzubauen und die Luftqualität zu verbessern. Begegnungsflächen in den Quartieren ermöglichen es, mit seinen Nachbar*innen ins Gespräch zu kommen und gesichtslosen Beton- und Asphaltflächen neues Leben einzuhauchen.

Tokyo

Neben solchen technischen Lösungen noch viel wichtiger aber ist Folgendes: Ein gutes Leben in den Städten stellt sich nicht von allein eine, sondern es braucht eine Menge Solidarität und Fürsorge, um das Leben in diesen Experimentallaboratorien menschlichen Daseins mindestens erträglich zu machen. Respekt und Rücksichtnahme, Gastfreundschaft und Gerechtigkeit sind dabei Haltungen, die sich aus biblisch-christlicher Sicht zudem aufdrängen. Dass unsere Städte zu himmlischen Jerusalemen werden ist zwar nicht zu erwarten – aber wenn sie für Menschen lebenswert bleiben oder noch lebenswerter werden, dann wäre schon viel erreicht. 1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Strassenzene in Berlin. Foto: Napri, Photocase / Bild1: Strassenszene in Venedig. Kr / Bild 2: Damaskustor in Jerusalem. Foto: iStock, Jacek_Sopotnicki / Bild 3: Turm zu Babel. Bild: iStock, egal / Bild 4: Demonstration in Bern. Kr / Bild 5: Tokyo, Foto: iStock, Kayoko Hayashi

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