Kirche gemeinsam gestalten

Kirchgemeindeversammlungen sind eine Möglichkeit, dass Gemeindemitglieder sich aktiv einbringen und wichtige Fragen des Gemeindelebens mitgestalten können. Das ist durchaus biblisch. Die neutestamentlichen Schriften machen deutlich, wie die frühen Gemeinden ihre Entscheidungen miteinander trafen und wie sehr es darauf ankam, dass sich möglichst viele beteiligen konnten.

Ein faszinierendes Bild von den Anfängen der «Urgemeinde» in Jerusalem zeichnet der Evangelist Lukas in seinem zweiten Band, der Apostelgeschichte. Er setzt mit seiner Erzählung unmittelbar nach Ostern ein, als der Auferstandene den Jünger*innen 40 Tage lang erscheint, sie belehrt und mit ihnen Mahl hält. Nach der Aufnahme des Auferstandenen in den Himmel ist es dann an den Jünger*innen, den Weg weiterzugehen und die Gemeinschaft zu gestalten. Sie mussten buchstäblich alles neu erfinden: wie man den Christusglauben miteinander lebt und feiert, wie man sich als Gemeinschaft Strukturen und Ausdrucksformen gibt, wie man den Alltag gestalten kann inmitten einer Umgebung, die nach ganz anderen Regeln funktioniert als denen des Christusglaubens, wie man die Botschaft Jesu praktizieren und das heisst: untereinander solidarisch sein kann. Und so weiter.

Probleme gemeinschaftlich anpacken

Nach dem Bild, das Lukas zeichnet, werden all diese Fragen gemeinschaftlich angegangen. Das beginnt schon in Apostelgeschichte 1,15-26, wenn es darum geht, den Kreis der Zwölf nach dem Verrat und dem Tod des Judas wieder zu vervollständigen. Dazu wird eine Vollversammlung der Gemeinde einberufen. Hier wird die Sachlage vorgestellt, es werden transparente Kriterien für die Wahl benannt und geeignete Kandidaten – leider keine Kandidatinnen – gesucht, es wird gemeinsam gebetet und dann das Los geworfen, und einer der beiden Kandidaten wird fortan zum Zwölferkreis gezählt.

Auch bei der Lösung sozialer Probleme wird die ganze Gemeinschaft aktiv (Apostelgeschichte 6,1-7). Als es darum geht, die Versorgung der Witwen des griechischen Teils der Gemeinde zu gewährleisten, die bislang übersehen worden waren, wird kurzerhand ein neues Gremium erfunden, weil das für die Lösung der anstehenden Fragen sinnvoll erscheint. Auch dazu wird die Gemeinde zusammengerufen, es wird ein Vorschlag eingebracht, wie das Problem gelöst werden kann, es wird ein Gremium gewählt, das sich dieser Aufgabe annehmen soll, und unter gemeinsamem Gebet und Handauflegung werden die Mitglieder des Gremiums in ihre neue Aufgabe eingesetzt. Dass es ein solches Gremium zuvor noch nie gegeben hatte, stört offenbar niemandem. Viel wichtiger scheint dagegen, dass getan wird, was notwendig ist, um die Not zu beheben.

Besonders eindrücklich ist in Apostelgeschichte 15 ein «synodaler Weg» bei der Lösung brennender Fragen beschrieben: In der Gemeinde von Antiochia waren Konflikte um die Frage aufgetreten, ob sich Männer, die nicht aus dem Judentum stammten und zum Glauben an den Messias Jesus kamen, nach jüdischem Brauch beschneiden lassen sollten. Um das Problem im Konsens mit der Jerusalemer Gemeinde zu lösen, sendet die Gemeinde von Antiochia eine Delegation nach Jerusalem, wo sie von der dortigen Gemeinde sowie von den dortigen Leitungsgremien, den Aposteln und Ältesten, empfangen wird. Die Sache wird beraten, es kommt sogar zu einem heftigen Streit, aber es gibt auch konstruktive Plädoyers, und schliesslich bringt Jakobus einen Kompromissvorschlag ein. Daraufhin beschliessen die Leitungsgremien gemeinsam mit der ganzen Gemeinde, eine Delegation aus Jerusalem zur Gemeinde in Antiochia zu senden, um ihr den Lösungsvorschlag zu unterbreiten. Dabei weiss man sich so sehr im Einklang mit der Heiligen Geistkraft, dass man formulieren kann:

«Der Heilige Geist und wir haben beschlossen …» (Apostelgeschichte 15,28)

Ein Modell für spätere Zeiten

Das klingt nun alles sehr ideal. Dass es durchaus nicht immer optimal zuging in Jerusalem und Antiochia, lässt Lukas an verschiedenen Stellen ebenfalls durchblicken. Und ob sich das alles wirklich genau so abgespielt hat, steht nochmals auf einem anderen Blatt. Sicher ist aber: Lukas gestaltet ganz bewusst dieses Modellbild von den Anfängen in Jerusalem und Antiochia. Modelle sind immer dazu da, um etwas besonders deutlich zu zeigen.

Lukas schrieb für Leser*innen, die etwa 50 Jahre nach den erzählten Ereignissen lebten und an einem ganz anderen Ort – vielleicht Kleinasien, Griechenland oder Rom? – versuchten, die Botschaft Jesu im Alltag zu praktizieren und Wege als Gemeinde zu finden. Ihnen führt Lukas anhand seines Modells vor Augen, wie es gehen könnte: Anstehende Fragen sind am besten gemeinsam anzugehen, verschiedene Perspektiven sind anzuhören, man darf auch streiten, aber immer mit Argumenten und immer im Rückbezug zum Kern der Botschaft und des gemeinsamen Glaubens, im Vertrauen auf die Heilige Geistkraft, die Lösungswege erkennen lässt, die dann mit Einfallsreichtum und Erfindungsgeist beschritten werden können.

Lukas hält all das für möglich, und er hält es für nötig, um sowohl als Gemeinde nach innen, als auch nach aussen in der Gesellschaft bestehen zu können und das Evangelium tatsächlich «bis an die Grenzen der Erde» zu bringen, so wie es der Auferstandene zu Beginn des Buches aufgetragen hatte (Apostelgeschichte 1,8).

Die Praxis Jesu als Vorbild

Damit Gemeinde auf diese Weise gestaltet werden kann, braucht es möglichst viele engagierte Menschen, die sich einbringen, Verantwortung übernehmen und mitgestalten. Lukas rechnet damit, dass es solche Menschen gibt.

Eine Voraussetzung dafür ist für ihn das Wirken der Heiligen Geistkraft, das Lukas in seinem Buch durchgehend sichtbar macht. Dass diese Geistkraft nicht nur in den herausragenden Protagonist*innen am Werk ist (dort schon auch und ganz besonders), sondern in vielen verschiedenen Menschen an verschiedenen Orten, macht Lukas ebenso deutlich.

Eine zweite Voraussetzung ist in der Praxis Jesu zu finden. Lukas hatte schon in seinem ersten Band, dem Lukasevangelium, gezeigt, wie Jesus Menschen mit Vollmacht ausstattete und sie befähigte, das Gleiche zu tun wie er selbst: So sendet Jesus zweiundsiebzig Jünger*innen aus, um das anbrechende Gottesreich zu verkünden und Kranke zu heilen (Lukasevangelium 10,1-12), und er gab ihnen auch die Vollmacht, Dämonen in die Flucht zu schlagen (Lukasevangelium 10,19). In ähnlicher Weise werden auch die Zwölf ausgesandt und mit Vollmacht ausgestattet (Lukasevangelium 9,1-6). Jesus wird also als einer gezeigt, der sein Charisma mit den Jünger*innen teilt und sie an seiner Vollmacht teilhaben lässt. So befähigt er Menschen, eben das zu tun, was er selbst tut: das anbrechende Gottesreich verkünden und es erfahrbar zu machen, indem Menschen geheilt und Dämonen in die Flucht geschlagen werden.

Damit befindet sich Lukas ganz in Übereinstimmung mit dem ältesten unserer Evangelien, dem Markusevangelium (vgl. Markusevangelium 6,7-13), das eine wichtige Vorlage für das Lukasevangelium bildete. Es wird deutlich: Zur Praxis Jesu gehörte es, Macht zu teilen, Menschen teilhaben zu lassen und sie zu befähigen, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Alle werden einbezogen

Auch in den Gemeinden des Paulus lässt sich Ähnliches beobachten. Diese Gemeinden waren von allen Getauften getragen, die ihre spezifischen Kompetenzen in die Gemeinden einbrachten. Grundlage von allem ist nach Paulus die Taufe:

«Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.» (1 Korintherbrief 12,13)

Alle Getauften sind demnach Träger*innen des Heiligen Geistes. Das wiederum hat konkrete Auswirkungen. Denn die Geistkraft materialisiert sich in konkreten Gaben, die sie schenkt. «Charismen» nennt Paulus diese Begabungen, Fähigkeiten oder auch Kompetenzen, die von den Einzelnen in die Gemeinde eingebracht werden.

Wie viele dieser Charismen Paulus in den Gemeinden wahrnehmen kann, zeigt er in zwei Listen (Römerbrief 12,4-8; 1. Korintherbrief 12,4-11.28-30). Paulus hebt hervor: Sie haben alle ihren Ursprung in der Geistkraft, und in ihnen wirkt die Kraft Gottes. Damit können all die verschiedenen, vielfältigen Begabungen wahrgenommen und gewürdigt werden. Gleichzeitig kann die Zusammengehörigkeit all dieser Verschiedenheiten plausibel gemacht werden; denn alle Getauften bilden den Leib des Christus:

«Ihr aber seid der Leib des Christus und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.» (1. Korintherbrief 12,27)

Jedes einzelne Glied ist notwendig für einen lebendigen Leib des Christus. Da gibt es keine Wichtigen und Unwichtigen; denn es braucht alle, damit der Leib funktionieren kann und der Christus wahrhaft erlebbar und erfahrbar werden kann. Wenn so auf Menschen geblickt wird, können Fähigkeiten, die vorhanden sind, wertgeschätzt werden, und das Potential, das in den verschiedenen Begabungen liegt, kann zur Entfaltung kommen.

Dabei ging es nicht um Befugniszuteilungen, dass etwa nur bestimmte Menschen – zum Beispiel weisser, einheimischer oder männlicher Natur – bestimmte Charismen haben und ausüben dürften. Vielmehr zeigt allein schon die Grussliste im Römerbrief (Römerbrief 16,1-16), dass verschiedenste Menschen, Frauen ebenso wie Männer, Sklav*innen ebenso wie Freigeborene, Menschen jüdischer wie nichtjüdischer Herkunft, solche Charismen bis hin zur Leitung und Verkündigung ausgeübt haben (vgl. auch Galaterbrief 3,26-28).

«Ekklesia» heisst Bürgerversammlung

Alle diese geistbegabten Getauften kamen zusammen in der «Ekklesia». Das ist das griechische Wort, das wir heute als «Gemeinde» oder auch «Kirche» übersetzen. Eine der Wurzeln dieses Begriffs liegt im Ersten Testament: In der griechischen Übersetzung der Hebräischen Bibel, der Septuaginta, wird damit die Versammlung des Volkes Gottes bezeichnet.

Im griechischen Kulturraum konnte man dieses Wort allerdings nicht hören, ohne an das demokratische Erbe der Versammlung der freien, stimmberechtigten (männlichen) Bürger einer Stadt zu denken, die ebenfalls «ekklesia» genannt wurde. Diese Bürgerversammlungen regelten die Belange einer Stadt, es gab Debatten, gemeinsame Entscheidungen und Wahlen. Wenn die ersten christgläubigen Gemeinden sich diese Selbstbezeichnung wählten, stellten sie sich bewusst in diese demokratische Tradition.

Es gibt allerdings einen bedeutenden Unterschied zwischen den Bürgerversammlungen der griechischen Städte und den Gemeinden des Messias Jesus: Zu diesen Gemeinden gehörten explizit alle Getauften, also auch Frauen, versklavte Menschen, Freigelassene und Nicht-Einheimische (vgl. Galaterbrief 3,26-28).

Der 1. Korintherbrief lässt erkennen, dass es regelmässige Vollversammlungen gab (1 Korintherbrief 14,23), der 2. Korintherbrief deutet Mehrheitsentscheidungen an (2 Korintherbrief 2,6). Alle brachten sich mit ihren speziellen Charismen ein. Das führte zwar mitunter zu etwas turbulenten Zusammenkünften, wie das 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs ahnen lässt, so dass Paulus sich um ein strukturiertes Nacheinander all der Beiträge bemühen muss. Es bleibt aber dabei, dass alle zu Wort kommen und sich einbringen können.

Synodale Prozesse

Ein Blick auf die ersten Gemeinden zeigt also, wie viel in Bewegung war. Um all die Herausforderungen zu meistern, waren alle gefragt. Schon von Jesus lässt sich das Teilen von Macht und die Befähigung aller zur Verantwortungsübernahme lernen. Die Gemeinden des Paulus lebten davon, dass alle ihre Charismen einbringen konnten und dass man sich in dieser Verschiedenheit als «Leib des Christus» fühlte. Die Apostelgeschichte zeigt, wie Probleme gemeinsam angegangen und dabei auch neue Wege erfunden werden können. «Synodale Prozesse» nannte man das damals noch nicht. Aber praktiziert hat man es.1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Ennio Leanza, Keystone / Bild 2: iStock, Halfpoint / Bild 3: iStock, fizkes / Bild 4: Mr. Nico, photocase.de / Bild 5: iStock, ALotOfPeople / Bild 6: iStock, South_agency / Bild 7: iStock, franckreporter

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