Stufen des Glaubens

Der Glaube eines Menschen ist nichts Starres. Er ist vielmehr ein lebenslanger Prozess: So wie sich unsere denkerischen Fähigkeiten, unser soziales und ethisches Bewusstsein, ja unsere ganze Persönlichkeit ein Leben lang entwickeln, so ist auch der Glaube ein lebenslanger Prozess des Lernens und Wachsens.

Der amerikanische Theologe und Entwicklungspsychologe James W. Fowler leistete Pionierarbeit, indem er bei mehreren hundert Personen auf empirische Weise untersuchte, wie sich der Glaube im Laufe des Lebens entwickeln und verändern kann.1 Fowler nahm bei seinen Untersuchungen zum Glauben auch den Dialog mit der Forschung anderer Bereiche auf: Unter anderem mit den Forschungen zur Persönlichkeitsentwicklung des Psychologen Erik H. Erikson, mit den Untersuchungen zur Entwicklung des logischen Denkens von Jean Piaget oder mit der Frage nach der Entwicklung unseres ethischen Bewusstseins und Urteilungsvermögens von Lawrence Kohlberg. Diese Forschungen werden von Fowler in einen Zusammenhang mit der Entwicklung des persönlichen Glaubens gesetzt.

Es ist Fowler sehr bewusst, dass die Art und Weise des Glaubens einerseits immer individuell und kulturell geprägt ist. Andererseits hält er daran fest, dass es auch allgemeinmenschliche Entwicklungen gibt, die zumindest bei vielen Menschen sehr ähnlich verlaufen. Gleiches lässt sich auch von der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen sagen.

Persönlichkeitsentwicklung

Gemäss Erik H. Erikson erstreckt sich die Persönlichkeitsentwicklung (Ich-Entwicklung; Identitätsbildung) des Menschen über acht Lebensphasen.2 In jeder Lebensphase gibt es typische Krisen und Konflikte und ringen gegensätzliche «Pole» miteinander. Beim Säugling ringt das Urvertrauen mit dem Urmisstrauen: Wenn ein Säugling Zuwendung, Liebe und Schutz erfährt sowie Nahrung und Fürsorge bekommt, entwickelt sich in der Regel ein starkes Urvertrauen. Im reifen Erwachsenenalter ab etwa 60 Jahren ringen dann häufig Integrität und Verzweiflung miteinander. Integrität setzt sich durch, wenn es zu einer Versöhnung mit dem Leben kommt, mit all seinen Hochs und Tiefs, mit dem Gelungen und dem Misslungenen. Verzweiflung macht sich breit, wenn das eigene Leben als verpasst oder sinnlos angesehen wird. Bereits diese beiden Lebensphasen zeigen, wie sehr die Persönlichkeitsentwicklung mit der Entwicklung des je persönlichen Glaubens zusammenhängen: Vertrauen ist eine der wesentlichsten Komponenten des Glaubens ebenso wie Integrität, welche für Echtheit, Wahrhaftigkeit und die Versöhnung mit sich und dem Leben insgesamt steht.

Fowlers Untersuchung weisen auf sechs Entwicklungsphasen des Glaubens hin. Natürlich können diese noch viel weiter differenziert werden und je nach kulturellen oder zeitgeschichtlichen Umständen würden sich auch zusätzliche oder andere Ergebnisse zeigen. Dennoch sind Fowlers Untersuchungen nach wie vor sinnerhellend. Auch weil er bei seinen Befragungen in den verschiedenen Lebensphasen nach weiteren Komponenten des Glaubens sucht: Wo sind die Grenzen des sozialen Bewusstseins? Wen respektieren Menschen in den verschiedenen Lebensphasen als Autorität. Und besonders aufschlussreich für den Glauben: Wie entwickelt sich das Symbolverständnis im Leben eines Menschen? Im folgenden kleinen Überblick kann ich nicht auf alle Komponenten und Differenzierungen eingehen, sondern lediglich versuchen, Fowlers Stufen des Glaubens mit konkreten Beispielen auch aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen (v.a. in religiöser Erwachsenenbildung) zu folgen.

Frühe Kindheit (ca. 2-6-jährig): intuitiv-projektiver Glaube

Das soziale Bewusstsein in der frühen Kindheit ist zumeist bezogen auf die Familie beziehungsweise die primären Bezugspersonen: Jene Menschen, die sich um einen kümmern, die für einen sorgen. Sie bilden den Rahmen (die Grenze) des sozialen Bewusstseins. Sie werden auch als Autoritäten respektiert, da das Kind von ihnen abhängig ist. Ihr Vorbild hat einen starken Einfluss auf die Entwicklung des Glaubens eines Kindes. Was sie als religiös erleben oder nicht erleben, prägt sie meist ein Leben lang.

In Bezug auf die Persönlichkeit des Kindes ist es eine gesunde Entwicklung, wenn ein starker Wille zur Autonomie und wenn phantasievolle Initiativen vorhanden sind (selber machen, selber können, Trotzphasen) anstelle von Selbstzweifeln oder Schuldgefühlen, weil man es noch nicht so gut kann, wie die Erwachsenen.

Das Symbolverständnis ist magisch-numinos: Vor einem Plüschtier-Wolf kann sich ein Kind ebenso sehr fürchten, wie vor einem realen Wolf. Es bereitet einem Kind in dem Alter meist keine Schwierigkeiten, an Gott zu glauben – oder an eine Fee, den St. Nicolaus, das Christkind… je nach Ritualen und Familientraditionen, die dem Kind begegnen. Daher ist es entscheidend wichtig, dass ein Kind tragfähige religiöse Bilder, Erzählungen und Rituale kennenlernt, und keine billigen, oberflächlichen. Einem Kind sollte man inhaltlich nichts anderes sagen als das, was man selber als erwachsener Mensch reflektiert glaubt oder nicht glaubt. Und wenn man auf eine Frage keine Antwort weiss, so soll man auch das ehrlich sagen.

kreativ-phantasievoll

Wie kreativ und phantasievoll der Glaube in diesem Alter sein kann, erlebte ich bei unserer damals dreieinhalbjährigen Tochter. Eines Abends, als ich sie zu Bett brachte. Da sagte sie unvermittelt: «Papa, ich habe Bauchweh. Du musst zu Gott beten, dass das Bauchweh weg geht.» Ich überlegte in Sekundenbruchteilen, was wohl nun «stufengerecht» ist (was ihrem Alter, ihrer Vorstellungswelt entspricht). Dann legte ich die Hand auf ihren Bauch, massierte ein wenig und betete: «Guter Gott, nimm du Madeleine das Bauchweh weg, damit sie gut schlafen kann.» Einige Minuten später fragte ich: «Ist es jetzt besser?» Sie antwortete: «Ja», und schlief friedlich ein.

Am nächsten Abend brachte meine Frau unsere Tochter zu Bett. Wiederum sagte sie: «Mama, ich habe Bauchweh. Du musst zu Gott beten, dass das Bauchweh weg geht.» Meine Frau – sie ist reformierte Pfarrerin – wusste nichts vom vorherigen Abend und antwortete: «Ach, ich weiss nicht, ob das geht. Weisst, du: Gott kann nicht einfach alles wegnehmen, was uns weh tut.» Darauf Madeleine prompt: «Doch, beim Papa konnte es Gott.»

Die unterschiedlichen Antworten lösten in unserer Tochter offenbar einen Denkprozess aus. Einige Monate später sagte sie beim Frühstück: «Gestern Abend hatte ich Bauchweh. Aber dann konnte ich trotzdem schlafen, obwohl ich gar nicht betete – Gott merkte es einfach selber!»

Tja, «wenn ihr nicht werdet wie die Kinder» (Matthäusevangelium 18,3), kann man da nur sagen.

Kindheit (ca. 7-12-jährig): mythisch-wortwörtlicher Glaube

In der Schulzeit reift die menschliche Persönlichkeit weiter: Es gilt, sich Kompetenzen anzueignen, es gilt, durch konkretes Lernen und Werken selbstbewusst zu werden und das Gefühl von Minderwertigkeit gegenüber den Erwachsenen oder anderen zu überwinden. Als Autoritäten werden Träger:innen von Autoritätsrollen anerkannt: Plötzlich ist die Meinung des Kindergärtners oder der Lehrerin wichtiger als jene der Eltern. Im religiösen sind es die Pfarrerin, der Religionslehrer oder die Heilige Schrift, denen Vertrauen in Bezug auf Glaubensaussagen entgegengebracht wird.

Der Glaube ist üblicherweise mythisch-wortwörtlichen: Alles scheint noch irgendwie möglich. Wenn die biblische Erzählung von der Schöpfung in «sieben Tagen» oder von Adam und Eva gehört werden, so werden diese meistens irgendwie mythisch für möglich gehalten (vgl. Genesisbuch 1-2). Manchmal gibt es kreative Einsichtigen, wie: «Gott hat uns alle gratis erschaffen.» Und wenn Jesus in einer Erzählung übers Wasser geht (Markusevangelium 6,45-52), so scheinen da halt besondere Kräfte zu wirken (Harry Potter lässt grüssen).

Auch religiöse Symbole verstehen Kinder in diesem Alter mythisch-wortwörtlich: Wenn beispielsweise ein Kind ein Halskettchen mit einem Kreuzchen geschenkt bekommt, so ist damit häufig das Gefühl und der Glaube verbunden: Wenn ich dieses Kreuzchen trage, dann geht es mir gut, dann bin ich beschützt. – Bei diesem wie auch bei anderen Beispielen zeigt sich, dass die Entwicklungen nicht schematisch nach Altersstufen ablaufen. Es gibt ja durchaus viele Erwachsene, welche in dieser Weise an eine magische Wirkung von Symbolen im Sinne eines Talismans glauben: Wenn wir beispielsweise sehen, wie häufig sich Fussballer bekreuzigen (oder wie andere zuerst mit dem linken Fuss aufs Feld hüpfen), so dürfte beim einen oder andern ein solch mythisches oder magisch-wortwörtliches Verständnis im Hintergrund.

Kinder beginnen erst nach und nach religiöse Erzählungen und Symbole zu befragen und zu hinterfragen. Sie merken dann zum Beispiel, dass eine Prüfung gut lief, obwohl sie das Kreuzchen nicht trugen – oder umgekehrt: Obwohl sie es trugen, lief alles schief. Das kritische Hinterfragen, das Zweifeln und Infragestellen gehören zentral zu einem verantwortungsbewussten, reflektierten Glauben. Wo dies nicht geschieht, bleibt der Glaube meist oberflächlich-naiv, eng oder fundamentalistisch.

Pubertät (ca. 13-21-jährig): synthetisch-konventioneller Glaube

Das Befragen und Hinterfragen tritt in der Pubertät für gewöhnlich verstärkt auf. Es ist natürlich und wichtig, dass man sich von den Eltern abgrenzen lernt, um selbständig zu werden. Meist werden starke bis radikale Positionen bezogen. Als Autoritäten gelten Gruppen, mit deren Mitgliedern man gleiche Ansichten teilt und zudem persönlich geschätzte Repräsentant:innen für Werte und Glaubensfragen: Ein führender Wissenschaftler, der «beweist», dass es Gott gar nicht geben kann oder dass Gott eine mathematische Formel ist. Oder umgekehrt: Ein Prediger oder Bischof, der in der Tatsache, dass alle Menschen genetisch zu rund 99,9% übereinstimmen, einen «Beweis» für ein einziges, allererstes Menschenpaar (Adam und Eva) sieht. In der Erzählung, in der Jesus übers Wasser geht, sehen die einen den «Beweis» dafür, dass die Bibel nicht wahr ist. Die andern beharren darauf: «Das muss man einfach glauben! Das ist halt ein Wunder. Denn so steht es in der Bibel.» – Zwischen verschiedenen Arten von «Wahrheiten» unterscheiden weder die einen noch die andern.

In der Persönlichkeitsentwicklung ringen Identität und Rollen-Konfusion miteinander (Wer bin ich wirklich?). In vermeintlich starken oder radikalen Positionen findet man – eine Zeit lang – Identität. Manche Jugendlichen wenden sich diesem Alter einer Freikirche oder engen religiösen Bewegung zu.

Junges Erwachsenenalter (ca. 21-35-jährig): individuierend-reflektierender Glaube

Im jungen Erwachsenenalter geschieht ebenfalls sehr viel in der Persönlichkeitsentwicklung. Gemäss Erikson ringen die «Pole» Intimität und Isolation miteinander. Das Vertrauen gegenüber äusseren Autoritäten schwindet. Man wird selbständig. Das eigene Urteil und ideologisch kompatible Gruppen mit ihren selbstgewählten Werten und Normen und werden als Autoritäten akzeptiert.

Manchmal kommt es zu einem gewissen Bruch mit den Eltern: «Du musst mir gar nichts mehr sagen!» Und auch zu einem Bruch mit den in der Kindheit überlieferten religiösen Traditionen und Haltungen. So gibt es in dieser Phase einige, die zur Kirche austreten. Einerseits wegen dem Fehlverhalten von Kirchenrepräsentanten. Andererseits auch, weil man (noch) keinen eigenständigen Zugang zu den biblischen Erzählungen und religiösen Ritualen gefunden hat – und für eine Gruppe, mit deren Werten und Vorstellungen man nicht völlig übereinstimmt, will man keine Steuern bezahlen. Andere wiederum, deren Eltern teils nicht religiös waren, finden einen selbständigen Zugang zur Religion. Während man sich früher von den Eltern abgrenzen konnte, indem man aus der Kirche austrat, kann man sich heute von ihnen abgrenzen, indem man in die Kirche eintritt.

Während in den bisherigen Lebensphasen die Kraft im religiösen Symbol selbst gesehen wurde, wird nun das Symbol von seiner Bedeutung getrennt: Es ist nicht mehr so, dass die Kraft im Kreuzchen selbst liegt (wenn ich das Kreuzchen trage…). Das Kreuzchen ist ja «nur» ein Stück Metall. Das Kreuzchen bedeutet nur, dass ich an Jesus und an Gott glaube, wenn ich es trage. Selbst hat es keinen tieferen Wert.

Je mehr sich ein Mensch auch als junger Erwachsener mit dem Glauben beschäftigt, desto mehr kann sich ein breiteres und tieferes Glaubensverständnis entwickeln.

Erwachsenenalter (ca. 35-60-jährig): verbindender Glaube

Im Erwachsenenalter ringen gemäss Erik H. Erikson in der Persönlichkeitsentwicklung die «Pole» Generativität und Stagnation miteinander.3 Generativität meint bei Erikson in erster Linie das Erzeugen und verantwortungsbewusste Aufziehen von Kindern. Generativität kann aber auch umfassender verstanden werden: Das gegenseitige Angewiesensein und Verantwortlichsein der Generationen. Für Menschen anderer Generationen Verantwortung übernehmen, für Kinder, für betagte Menschen, auch die eigenen Eltern, das Tätigsein im Carebereich usw. Noch weiter verstanden geht es bei der Generativität um eine schöpferische Tätigkeit, sei es im Beruf oder in einem sozialen Engagement.

In vielem geht es dabei um das Suchen nach Sinn. Wenn sich jemand Kinder wünscht und bekommen kann, so führt das meist zu einem Staunen über das Wunder des Lebens, das einem in einer neuen Dimension als sinnvoll erscheint. Wenn jemand keine Kinder möchte oder keine Kinder bekommen kann, so wird vielleicht noch stärker nach dem Sinn des Lebens gesucht. Wofür bin ich da? Was macht mich aus?

Zur Sinnsuche hinzu kommen vielfältige Lebenserfahrungen: berufliche, zwischenmenschliche, persönliche Lebenserfahrungen. Es gibt Erfüllendes im Leben und es gibt Brüche im Leben. Die eigenen Eltern werden alt und sterben – und es stellt sich die Frage: Was gibt meinem eigenen Leben Sinn und Halt?

Durch all das kann sich der Glaube im reiferen Erwachsenenalter zu einem «verbindenden Glauben» entwickeln. Das Symbol und seine Bedeutung kommen wieder zusammen: Ein Kreuzchen wird nicht mehr wie ein Talisman getragen. Das Kreuzchen wird vielmehr in Verbundenheit mit den Menschen, die es uns schenkten, getragen, in Verbundenheit mit allen Menschen, die an Jesus Christus glauben, in Verbundenheit mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu.

Wenn die Symbole mit dem Symbolisierten wieder zusammenkommen, können wir in einer tieferen Weise glauben, mit einer «zweiten Naivität», wie es der französische Philosoph Paul Ricœur ausdrückt. 4 Diese zweite Naivität hat die ganze historische Kritik mitvollzogen: Es ist klar, dass die meisten biblischen Erzählungen nicht als historische Tatsachenberichte geschrieben wurden, sondern als eine Sinndeutung der Geschichte und des Lebens. Es geht ihnen um die bleibende Bedeutung des Geschehenen. Mythen werden mit einer zweiten Naivität in ihrer urtümlichen Weisheit und Wahrheit/Wahrhaftigkeit erkannt und interpretiert.

Wenn wir die Erzählung von Adam und Eva als Beispiel nehmen, so werden die beiden nicht mehr historisch als erstes Menschenpaar missverstanden. Es wird vielmehr erkannt, dass Adam und Eva in der biblischen Erzählung Urbilder des Menschseins sind: Mit der Erzählung von Adam und Eva wird über das Menschsein und die Beziehung von uns Menschen zueinander und zu Gott reflektiert. Es werden Überzeugungen formuliert, was uns Menschen immer schon ausmacht. Beispielsweise das ständige Fragen nach dem, was gut ist für das Leben und nach dem, was hinderlich ist für das Leben («Erkenntnis von Gut und Böse»).

Bei der Erzählung, in der Jesus übers Wasser geht, wird erkannt, dass dieses «Wasser» konkret «das Meer von Galiläa» ist (der See Gennesaret), und als Meer häufig ein Symbol ist für das Urchaos. Zurzeit Jesu befindet sich das Land Israel / Judäa seit Jahrzehnten im Chaos von Bürgerkrieg und aktuell im Chaos der brutalen römischen Besatzungsmacht. Alles, was wir von heutigen Kriegen und Bürgerkriegen kennen, bestimmt die Lebenswelt Jesu und des Neuen Testaments. Wenn nun erzählt wird, dass Jesus über das Meer von Galiläa gehen kann, so wird damit der Glaube zum Ausdruck gebracht, dass Jesus über dem Chaos steht, dass er nicht untergeht im Hass, in der Verzweiflung und der Gewalttätigkeit vieler Menschen seiner Zeit. Auf den heutigen persönlichen Glauben bezogen, stärkt diese Erzählung die Hoffnung: Auch unser Gottvertrauen hilft, nicht im auch heute oft erfahrenen Chaos des Lebens, der Gesellschaft, der Welt unterzugehen.

In einer zweiten Naivität können wir beim Abendmahl sagen und glauben: «Das Brot des Lebens / der Leib Christi.» In einer zweiten Naivität können wir uns vor dem Altar oder dem Tabernakel verneigen. In einer zweiten Naivität können wir zu den biblischen Schriften sagen: «Das Wort Gottes», im Wissen darum, dass alle Worte der Bibel von Menschen geschrieben wurden, dass es allesamt «Gottesworte in Menschenworten» sind. Solcher Glaube führt dazu, dass wir im betagten Alter einen universalisierenden Glauben erreichen können.

Reifezeit (ab ca. 60-jährig): universalisierender Glaube

In der Persönlichkeitsentwicklung ringen im reifen Erwachsenenalter ab etwa 60 Jahren häufig Integrität und Verzweiflung miteinander. Integrität setzt sich durch, wenn es zu einer Versöhnung mit dem Leben kommt, mit all seinen Hochs und Tiefs, mit dem Gelungen und dem Misslungenen. Verzweiflung macht sich breit, wenn das eigene Leben als verpasst oder sinnlos angesehen wird. Ein tragfähiger Glaube stellt eine starke Ressource dar für das Erreichen von Integrität.

Ein Glaube, bei dem ich trotz allem Unverständlichen im Leben – sei es im Universum, in der Natur, in der Menschheitsgeschichte oder in meinem ganz persönlichen Leben –, dass ich trotz alledem einen tiefen Glauben, ein starkes Vertrauen in die universale Gegenwart des guten Schöpfergottes finde.

Ich kann dann das Heilige zutiefst im Leben und Wirken des Jesus von Nazareth wahrnehmen. Zusätzlich dazu kann ich Heiliges auch in anderen ernsthaften Religionen wahrnehmen (vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Nostra Aetate). Mein Glaube ist so tief verwurzelt, dass ich beim andern Menschen seine tiefe Verwurzelung im Glauben voll und ganz anerkennen kann, auch wenn wir unterschiedlich Traditionen, Religionen haben.

Es gibt viele biblische Texte, die diese weite Sicht vertreten: Etwa, wenn es in der ersten Schöpfungserzählung heisst: Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes – unabhängig von Kultur, Religion und Herkunft (vgl. Genesisbuch 1,26-27). Oder wenn es im 1. Johannesbrief 4,16 heisst: «Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm und in ihr.»

Solcher Glaube hilft, sich und sein ganzes Leben anzunehmen, mit allem, was möglich war und auch mit allem, was unmöglich war, mit allem Schönen und Guten, mit allen Brüchen und allem Schweren und Unfertigen. Barmherzig und versöhnt zu werden mit sich und andern, mit dem Leben selbst.

Versöhnung

Eine besondere Herausforderung ist es für das Leben und den Glauben, einen Umgang mit dem Leid, mit Verletzungen und mit Schmerzvollem zu finden. Wenn ein Leben lang mit dem Glauben gerungen wird, kann sich Glaube durch alle Krisen hindurch vertiefen und auch in Not und Leid tragfähig werden. Meiner Erfahrung und Überzeugung nach, ist ein tragfähiger Glaube in der konkreten Ausdrucksform immer stark individuell geprägt. Jemand zündet vielleicht einfach eine Kerze an für seine Bitten beziehungsweise für Menschen, die einem am Herzen liegen und denen es nicht gut geht. Jemand betet in Krankheit und Not vielleicht: «Gott, steh‘ mir bei.» Jemand anderes: «Gott, nimmt die verfluchten Schmerzen von mir.» Und wieder eine andere Person: «Gott, dein Sohn hat Leid ertragen, so hilf mir, dass auch ich dieses Leid durchstehen.»

Der Apostel Paulus, dessen Leben und Glauben durch viele Brüche und Veränderungen geprägt war, formuliert angesichts von zahlreichen Leiderfahrungen die Überzeugung:

«Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn» (Römerbrief 8,38-39).

Und der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der im Widerstand gegen Hitler kämpfte, und dessen Glaube und Leben sowohl Widerstand wie auch Ergebung kannte, formulierte im Gefängnis kurz vor seiner Ermordung das unvergessliche Gebet:

«Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.»

Solcher Glaube ist ein Leben lang gewachsen und gereift, solcher Glaube ist universal und versöhnt, solcher Glaube trägt im Leben und im Sterben.

  1. Vgl. James W. Fowler: Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn, Gütersloh 2000 (engl.: Stages of Faith, New York 1981).
  2. Auch Eriksons Forschung ist auf seinem Gebiet bahnbrechend gewesen, vgl. u. a. die Aufsätze in Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt a. M. 1966 (engl.: Identity and the Life Cycle. Selected Papers, New York 1959).
  3. Auch Eriksons Forschung ist entwicklungspsychologischen Forschungen bahnbrechend gewesen, vgl. u. a. die Aufsätze in Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt a. M. 1966 (engl.: Identity and the Life Cycle. Selected Papers, New York 1959).
  4. Ricœurs Philosophie setzt die Entmythologisierung des Glaubens Rudolf Bultmanns voraus und geschieht im Erschrecken über den Holocaust und die Atombombenabwürfe des zweiten Weltkriegs. Vgl. u.v.a. Paul Ricœur: Phänomenologie der Schuld, Bd. 1: Die Fehlbarkeit des Menschen; Bd. 2: Symbolik des Bösen, Freiburg i.Br. / München 1971 (franz. Finitude et culpabilité, Paris 1968).

     

    Bildnachweise Titelbild: Menschen verschiedenen Alters. iStock / Bild 1: Statue aus Korea, Persönlichkeiten. unsplash@makruswinkler / Bild 2: Kleinkind mit Seifenblase. Unsplash@leorivas / Bild 3: Fussballspielende Kinder. Unsplash@alliancef / Bild 4: Teenager sitzen auf Baum. Unsplash@virgin / Bild 5: Junge Erwachsene stossen an. Unsplash@wildlittlethingsphoto / Bild 6: ein erwachsenes Paar. Unsplash@nikolasnoonan / Bild 7: Alte Männer beim Schach. Unsplash@vladsargu

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Kommentare

Ein Kommentar zu “Stufen des Glaubens

  1. 08.04.22

    Inken Schäppi

    Toller Bericht. Wenn es all diese Artikel in Buchform geben würde, würde ich gerade ein paar Exemplare kaufen!!

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