«gestorben für uns»

Am Karfreitag richtet sich der gläubige Blick auf das Kreuz: Hier ist der Gottessohn einen Verbrechertod gestorben, hier versöhnt sich Gott mit der Menschheit, hier findet Erlösung statt. Doch wie kann durch den Tod eines Menschen die gesamte Menschheit erlöst werden? Warum «braucht» Gott zur Versöhnung den Tod seines Sohnes? Und wieso wird Jesu Kreuzestod auch als «Opfer» umschrieben?

Der Tod Jesu als historisches Ereignis

Die Deutung des Todes Jesu als Opfer hat sich namentlich in der westlichen Kirche durchgesetzt. Der Weg dahin war jedoch alles andere als geradlinig und eindeutig. Am Anfang des christlichen Glaubens stand das Entsetzen und die Ratlosigkeit der Jünger:innen Jesu über den Ausgang seines irdischen Lebens. Mit dem Tod am Kreuz schien seine Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes durchkreuzt. Mit Jesus starben am Kreuz die Hoffnungen vieler auf eine baldige Änderung der gesellschaftlichen und politischen Zustände. Die Hinterbliebenen hatten nun zwei Optionen: entweder zurückzugehen in das vorherige Leben und die Zeit mit Jesus «ad acta» zu legen, oder aber den Tod am Kreuz so zu deuten, dass ihm trotz aller Sinnlosigkeit ein Sinn zu entnehmen ist. Die Erfahrung zahlreicher Anhänger:innen Jesu, dass sein Tod nicht das Ende besiegelte und dass Jesus von Gott auferweckt wurde und lebt, bewegte sie dazu, den zweiten Weg zu beschreiten.

Historisch lässt sich das Geschehene wie folgt zusammenfassen: Jesu Verkündigung des Reiches Gottes wurde von der jüdischen Obrigkeit wie auch von der römischen Besatzungsmacht als Infragestellung der ohnehin schon fragilen politischen und religiösen Ordnung gesehen. Als Jesus dann im Tempel in Jerusalem aktiv störend in das kultische Treiben eingriff (vgl. Matthäusevangelium 21,12), sah sich die jüdische Tempelbehörde gezwungen einzugreifen, um im pulsierenden Zentrum des kultischen Lebens keinen Aufruhr aufkeimen zu lassen. Jesus wurde dem römischen Präfekten Pontius Pilatus ausgeliefert und von ihm als politischer Unruhestifter zum Tode verurteilt. Römische Soldaten vollstreckten an ihm die Kreuzigung, welche als eine Todesstrafe der Römer galt.

Der Tod Jesu als sühnendes Opfer

Diese Geschehnisse mussten nachträglich in einen möglichst stringenten Zusammenhang gebracht werden.1 Die Deutung des Kreuzestodes als stellvertretendes Sühnopfer, welche sich in der weiteren christlichen, v.a. abendländischen Tradition durchsetzte, hat ihre biblischen Wurzeln in den Schriften des Apostels Paulus. Paulus kannte Jesus nicht persönlich, er war bei der Kreuzigung nicht dabei und fand erst einige Jahre nach diesen Geschehnissen zum christlichen Glauben. Um die Bedeutung Jesu und seines Sterbens zu veranschaulichen, zog er eine Parallele zu dem, was sich jährlich beim grossen Versöhnungstag «Jom Kippur» abspielte: Gott wendet sich den Menschen (wieder) zu. Als jüdisch sozialisierter Mann war für Paulus der Tempel – genauer das Allerheiligste – Ort der Gottesbegegnung und der Versöhnung von Gott und Menschheit. Als christlich glaubender Mensch verortete Paulus Gottes Gegenwart in der Person Jesu Christi. So deutete er das Ereignis der Kreuzigung Jesu entlang des Rituals vom grossen Versöhnungstag: Durch das Blut eines Opfers werden die Menschen von aller Sünde gereinigt und von allem befreit, was sie von Gott trennt. Während im jüdischen Tempelkult jedoch nur ein dazu bestimmter Priester einmal im Jahr unter Beachtung zahlreicher Vorschriften das Allerheiligste im Tempel betreten darf, ist Jesu Kreuz vor aller Augen aufgerichtet, und Gott wird hier für jede und jeden zugänglich. Der Hinweis auf den Vorhang des Tempels, welcher im Moment des Todes Jesu zerreisst (vgl. Matthäusevangelium 27,51), macht diese Veränderung der Verhältnisse deutlich.

Im Bild vom Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, hat sich die kultische Deutung des Todes Jesu weiter in die christliche Tradition eingeschrieben. Doch begegnet das sündentragende Lamm Gottes so nicht in den Schriften des Alten Testaments. Die Rede vom «Lamm Gottes» nimmt Bezug auf das Paschalamm, welches am Vorabend des Exodus aus Ägypten – und in Erinnerung daran später jährlich – geschlachtet und gegessen wurde. Dieses Lamm nahm jedoch keine Sünden hinweg. Es diente dem zur Flucht aufbrechenden Volk als Stärkung. Eine besondere Funktion hatte darüber hinaus sein Blut: Mit diesem sollten die Türpfosten der Häuser bestrichen und kenntlich gemacht werden, so dass die darin Versammelten vor Unglück verschont blieben (vgl. Exodusbuch 12).

Anders als das Lamm wird im Alten Testament dem sogenannten «Gottesknecht» zugeschrieben, dass er Sünden anderer trägt und dadurch sühnt. Diese nicht näher beschriebene Gestalt begegnet beim Propheten Jesaja als eine Person, welche stellvertretend Schuld auf sich nimmt (vgl. Jesaja 53,4-5). Wenn Jesus nun als «Lamm Gottes» beschrieben wird, das die Sünden der Welt trägt, so wurden in diesem Bild zwei unterschiedliche jüdisch-alttestamentliche Traditionen miteinander verschmolzen: das geschlachtete Tier und das schuldtilgende Leiden.

Der Tod Jesu als Schicksal des gerechten Propheten

Nicht nur Motive aus dem Tempelkult spielten bei der neutestamentlichen Deutung des Todes Jesu eine Rolle. Wo Jesu Schicksal mit dem Leiden des bereits erwähnten Gottesknechts in Verbindung gebracht wurde, stellte man Jesus in die Tradition alttestamentlicher Propheten (vgl. etwa Lukasevangelium 11,49-50): Häufig hat das Volk an ihnen Anstoss genommen, wenn sie in Gottes Namen Botschaften überbrachten. Es kam vor, dass Propheten sogar verfolgt und umgebracht wurden, wenn sie die herrschenden Machtverhältnisse als gottwidrig entlarvten. In diese prophetische Tradition lässt sich auch Jesus einordnen: Mit seiner Botschaft provozierte er Widerstand – insbesondere bei den Eliten. Wird Jesus in der Rolle eines gerechten Propheten gesehen, so kann dies die Bedeutung seines Todes relativieren: Nicht erst das Sterben, sondern das gesamte Sein, Tun und Leiden des gottgesandten Propheten ist für die Menschen offenbarend, sühnend und erlösend.

Der Tod Jesu als Lösegeldzahlung

Jesu Tod wird im Neuen Testament an einer Stelle auch als «Lösegeld» beschrieben (vgl. 1 Timotheus 2,6). Mit diesem Bild wird an eine alttestamentliche Praxis erinnert: Wenn ein Mann sich verschuldet, kann ein Verwandter ihn von seinen Schulden freikaufen und so «erlösen». Das stellvertretende Einstehen eines Menschen für einen anderen lässt sich anhand dieses Motivs bei Jesus auf die gesamte Menschheit ausweiten.

Die Deutung des Todes Jesu als Lösegeldzahlung hat in der weiteren Geschichte des Christentums teils skurrile Formen angenommen. So entwickelte im 3. Jh. n. Chr. etwa Origenes die These, dass durch die Sünde der Menschen der Teufel Anrecht auf deren Seelen erhalten hätte. Gott musste mit Jesus als Lösegeld beim Satan die menschlichen Seelen wieder freikaufen. Aus heutiger Sicht ist an dieser Theorie vor allem der Gedanke befremdlich, dass der Teufel Gott gegenüber solche Macht hat, dass er ein derartiges Lösegeld fordern kann.

Der Tod Jesu als Folge seines Lebens

Jesus selbst hat (s)einen Sühnetod nicht als Bedingung für die Versöhnung mit Gott gesehen. Ihm ging es in seinem Leben darum, den Menschen zu verkündigen, dass die Zeit erfüllt und das Reich Gottes nahe ist (vgl. Markusevangelium 1,15). Schon vor seinem Tod konnte Jesus den Menschen ihre Sünden vergeben und sie heil werden lassen (vgl. etwa Markusevangelium 2,5). Auch im Gebet, das Jesus seine Jünger:innen lehrt, richtet sich die Bitte um Vergebung direkt an den Vater (vgl. Matthäusevangelium 6,12). Dass Gott Schulden vergeben kann, setzt nicht den Tod des Sohnes voraus. Man könnte sogar sagen, dass Jesus mit seiner Verkündigung die damals gängige Opferlogik überwinden wollte. Indem er die Menschen wissen und erfahren liess, dass Gott sich ihnen bedingungslos zuwendet, sprach er sich auch gegen eine kultische Hierarchie aus: Es braucht keine priesterliche Vermittlung, jede:r kann direkt mit dem «abba» kommunizieren. Der Weg zu Gott führt nicht über bestimmte Rituale, sondern über die Praxis von Recht und Gerechtigkeit in den Spuren Jesu. Dass dieser Weg durchaus lebensgefährlich sein kann, zeigt sich an Jesu eigenem Schicksal: Wer sich mutig und konsequent einsetzt für die Armen und Unterdrückten, riskiert Verfolgung, Ächtung und sogar den Tod.

Der Tod Jesu als Ort der Offenbarung Gottes

Jesus hat den Tod am Kreuz nicht gesucht, vielmehr war dieser Konsequenz seines gewaltlosen Einsatzes für das Gute. Die feste Zuversicht, dass Gottes Zusage wahr und sein Reich tatsächlich im Anbrechen ist, lässt jedoch über den irdischen Tod hinaus hoffen. Jesu Sterben wird so – wie bereits sein Leben – zum Zeichen der absoluten und unbedingten Liebe Gottes: Der Name Jesu «Immanuel» (Gott mit uns, vgl. Matthäusevangelium 1,23) erweist sich bis in den Tod hinein als tragende Botschaft für die gesamte Menschheit. Und weil Gott selbst am tiefsten Punkt menschlicher Existenz gegenwärtig ist, kann sogar das Sterben vom Leben künden, welches stärker ist als der Tod. In diesem Sinne ist Jesus als Mensch «mit uns» gestorben, als Sohn Gottes «für uns».

Vom Glauben an die Auferweckung Jesu her bedeutet der Kreuzestod nicht das Ende – im Gegenteil: Im Tod am Kreuz bewahrheitet sich Jesu Botschaft vom nahen Gott, der mitgeht und mitträgt noch in der dunkelsten Stunde des Lebens. Das Kreuz lässt erahnen, dass Gott nichts Menschliches fremd ist und dass seine schöpferische Lebenskraft über den menschlichen Horizont hinauswächst und da einen Neubeginn schafft.

  1. Vgl. zum Folgenden auch: Lucia Kremer/Daniel Lanzinger: Opfer, in: Christine Büchner/Gerrit Spallek (Hg.): Auf den Punkt gebracht. Grundbegriffe der Theologie, Ostfildern 2017, 187-205.

     

    Bildnachweise: Titelbild: Edvard Munch, Golgotha. Öl auf Leinwand (1900), (Ausschnitt) Munch-Museum Oslo. Wikimedia / Bild 1: Ein eisernes Kreuz an einer Sandsteinwand in Rom. Unsplash@gabiontheroad / Bild 2: Ein Lamm steht im Licht. Unsplash@tototosia / Bild 3: Lösegelszahlung. Eine Geldrolle wird überreicht. Unsplash@gooner / Bild 4: die Dornenkrone uns das Kreuz. Das Kreuz ist leer. Unsplash@smaelparamo

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