«Aufgefahren in den Himmel…»

«Aufgefahren in den Himmel…», so heisst es über Jesus Christus im Glaubensbekenntnis. Gefeiert wird diese Glaubensaussage vierzig Tage nach Ostern im Fest «Christi Himmelfahrt» oder auch «Auffahrt». Was bedeutet dieses Fest?

Der Evangelist Lukas ist der einzige unserer Evangelisten, der von einer «Himmelfahrt» Jesu erzählt. Am Schluss seines Evangeliums schreibt Lukas, dass der Auferstandene den Jünger:innen in Jerusalem erschienen sei. Danach, so sagt er, habe der Auferstandene die Jünger:innen hinaus auf den Ölberg geführt:

«Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, verliess er sie und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in grosser Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.» (Lukasevangelium 24,50-53)

Ausblick vom Ölberg auf Jerusalem

Mit dieser eindrücklichen Szene endet das Lukasevangelium. Und mit dieser Situation beginnt die Apostelgeschichte. Hier erzählt Lukas, der Auferstandene sei den Seinen vierzig Tage lang erschienen, habe sie über das Reich Gottes belehrt und mit ihnen Mahl gehalten. Nachdem er ihnen den Beistand der Heiligen Geistkraft verheissen und sie als Zeug:innen ausgesandt hatte, heisst es:

«Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weissen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.» (Apostelgeschichte 1,9-11)

Erfahrungen der Jüngerinnen und Jünger

Es ist schon ein «starkes Stück», was Lukas da erzählt. Nicht nur, dass Jesus von den Toten auferweckt wurde und den Seinen erschien. Vielmehr soll er auch in den Himmel aufgenommen worden sein. Vielen Menschen ist diese Vorstellung sicher vertraut und gehört zu den Selbstverständlichkeiten ihres Glaubens. Andere tun sich schwerer damit und fragen, wie man das heute wohl verstehen könnte. Schnelle und einfache Antworten kann es da allerdings kaum geben.

Eines zeigt sich aber bald: Alle die Erzählungen und Bilder der Evangelien, die davon handeln, dass Jesus nicht im Grab geblieben ist, sondern dass er von Gott auferweckt wurde und sich von den Seinen sehen liess, sind Erzählungen und Bilder von Erfahrungen, die die Jünger:innen nach dem Karfreitag machten. Es sind Erfahrungen, die sie zur Überzeugung brachten, dass Unrecht, Gewalt und Tod nicht das letzte Wort behalten hatten, sondern dass Gott Leben schaffend eingegriffen hatte: Der Gekreuzigte wurde auferweckt, und er lässt sich als Lebendiger erfahren, neu und anders zwar, aber so, dass es das Leben und die Sicht auf die Welt von Grund auf verwandelt.

Zu solchen Erfahrungen und Überzeugungen gehören auch die Erzählungen von der Aufnahme Jesu in den Himmel. Die Erzählungen wählen die Perspektive derer, die zurückbleiben, also die Jünger:innen. Es geht nicht um ein Erlebnis des Auferstandenen, sondern um Erfahrungen der Jünger:innen. Auf ihren Erfahrungen beruht unser Glaube bis heute.

Auffahrt Christi

Leben schaffendes Handeln Gottes

Ein zweites: Es geht um Gottes Leben schaffendes Handeln. Das zeigen die Formulierungen im Passiv: Jesus «wurde zum Himmel emporgehoben» (Lukasevangelium 24,51), er «wurde vor ihren Augen emporgehoben» (Apostelgeschichte 1,9). Genauso heisst es in den Geschichten über die Auffindung des leeren Grabes, die Markus, Matthäus und auch Lukas erzählen: «Er wurde auferweckt» (Lukasevangelium 24,6). Auch wenn die meisten gängigen Übersetzungen an dieser Stelle aktivisch formulieren: «Er ist auferstanden», gilt es doch festzuhalten, dass im Griechischen hier ein Passiv steht: «Er wurde auferweckt»

Dies ist eine Ausdrucksweise, die Bibelleser:innen aus zahlreichen Texten des Ersten Testaments kennen. Stets geht es dabei um Gottes Handeln. Es ist eine diskrete, verhüllende Ausdrucksweise, die Gott nicht direkt nennt. Doch ist geübten Leser:innen klar: Es ist niemand anderes als Gott, der tätig ist. Er ist es, der den Gekreuzigten auferweckt; er ist es auch, der den Auferweckten in den Himmel emporhebt, und er ist es, der ihn in den Himmel aufnimmt.

Spätestens hier wird klar: Es geht um Aussagen des Glaubens. Wenn auf diese Weise von Gottes Handeln die Rede ist, dann sollen Dinge ins Wort gebracht werden, die mit menschlichen Kategorien kaum auszudrücken sind. Darum sollten wir auch nicht von einem «historischen Ereignis» sprechen. Es ist ein Geschehen, das weit über das Historische hinausgeht. Solche Geschehnisse können nur in Bildern und Gleichnissen ausgedrückt werden, und Bilder und Gleichnisse werden immer mehrdeutig bleiben.

Erleuchteter Jesus in der Sacre Coeur Basilika, Paris

Vorstellungen aus dem Ersten Testament

Bei dem, was Lukas erzählt, kann er auf Bilder aus dem Ersten Testament zurückgreifen. Hier gibt es die Vorstellung, dass bestimmte Personen, an denen Gott besonderen Gefallen gefunden hat, «entrückt» wurden. Einer von ihnen ist Henoch, über den gesagt wird:

«Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.» (Genesis 5,24)

Die antike griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel, die Septuaginta, interpretiert dies so:

«Und Enoch gefiel Gott und er war unauffindbar, weil Gott ihn (an einen anderen Ort) versetzt hatte.» (Genesis 5,24, griechische Übersetzung der Septuaginta)

Im Neuen Testament würdigt der Hebräerbrief Henoch als Vorbild des Glaubens:

«Aufgrund des Glaubens wurde Henoch entrückt, sodass er den Tod nicht schaute; er wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; vor der Entrückung erhielt er das Zeugnis, dass er Gefallen gefunden habe bei Gott.» (Hebräerbrief 11,5)

Auch über Elija wird im zweiten Buch der Könige erzählt, dass er nicht eines natürlichen Todes gestorben sei, sondern dass er mit einem feurigen Wagen mit feurigen Pferden im Wirbelsturm zu Gott entrückt wurde (2 Königebuch 2,11). Und auch diese Geschichte ist aus der Perspektive des zurückbleibenden Elischa erzählt, der zudem die Geistbegabung des scheidenden Elija erbt. An die Figur des Elija haben sich ebenso wie an die Henochfigur Erwartungen geknüpft, dass sie einst wiederkehren würden:

«Bevor aber der Tag des Herrn kommt, der grosse und furchtbare Tag, sehr, da sende ich zu euch den Propheten Elija.» (Maleachi 3,23)

An solche Vorstellungen kann Lukas anknüpfen, wenn er von Jesu Aufnahme in den Himmel erzählt. Aber es wird auch deutlich: Bei Jesus geht es noch um mehr.

Eine göttliche Würde für das Leben und Sterben Jesu

In der Erzählung von der Aufnahme Jesu in den Himmel am Ende des Lukasevangeliums heisst es, die Jünger:innen seien vor Jesus niedergefallen. Das ist ein Ausdruck tiefer Verehrung, vielleicht so, wie man dies in der Gemeinde des Lukas in Gottesdiensten praktiziert hat. Der 2021 verstorbene Neutestamentler Hermann-Josef Venetz hat das, was damit zum Ausdruck gebracht wird, vor Jahren in einem Artikel für das Berner Pfarrblatt so ausgedrückt:

«Die Jüngerinnen und Jünger fallen anbetend nieder, weil sie Gott am Werk sehen. Jesus ist nun bleibend bei Gott. Was er gesagt und getan hat, sein Leben und Sterben sind endgültig bei Gott aufgehoben. Das gibt aber auch allem, was Jesus gesagt und getan hat, seinem Leben und Sterben eine göttliche Würde, unüberbietbar und endgültig.»1

Damit wird auch klar, weshalb im weiteren Text von der «grossen Freude» der Jünger:innen die Rede ist. Es geht zwar um einen Abschied. Doch geht es auch um einen Prozess des Verstehes: Dass Jesus nicht gescheitert ist, auch wenn er diesen furchtbaren Kreuzestod gestorben ist. Dass vielmehr Gott hinter ihm steht, dass Gott ihn rehabilitiert und erhöht hat. Dass Gott damit all das bestätigt, was Jesus gesagt und getan hat: wie Jesus sich Menschen zugewandt und sie gesund gemacht hat; wie er die Dämonen, diese zerstörerischen Mächte, die Menschen nicht leben lassen, in die Flucht geschlagen hat; wie er Feste gefeiert hat, um das Gottesreich spürbar werden zu lassen; wie er Gleichnisse erzählt und neue Perspektiven gegeben hat; aber auch, wie er zum Opfer von Gewalt und Willkür wurde und ans Kreuz geschlagen wurde; wie er Leid durchlebte und eines grausamen Todes starb. Noch einmal soll dazu Hermann-Josef Venetz wiedergelesen werden:

Nonnen beten in einer Kirche

«Von daher die Freude, die kaum noch überboten werden kann. Was Jesus gesagt und getan hat, wird seine bleibende Gültigkeit haben heute und morgen und bis zum Ende der Zeiten. Weil dieser Jesus bei Gott ist, endgültig und unwiderruflich, wird auch die Hoffnung der Glaubenden unzerstörbar sein.»

Die Himmelfahrt Jesu und unsere Hoffnung

Himmelfahrt hat also zutiefst mit unserem Leben und unserer Hoffnung zu tun. Wie die Jünger:innen in der Erzählung des Lukas dürfen auch wir darauf vertrauen, dass Gott selbst den Weg Jesu bestätigt hat. Nun ist es an uns, diesen Weg Jesu weiterzugehen und seinen Anliegen in unserer heutigen Zeit ein Gesicht zu geben. So wie die Jünger:innen nach der Erzählung der Apostelgeschichte nicht bei der aussergewöhnlichen Erfahrung stehen geblieben sind, sondern zurückgegangen sind in die Stadt Jerusalem, ins Leben und in den Alltag und dort angefangen haben, Worte und Taten für ihren Glauben zu finden. Was dies konkret bedeutet, wird zu jeder Zeit und an jedem Ort anders aussehen. Immer muss es sich aber an den Worten und Taten Jesu messen lassen.

  1. Hermann-Josef Venetz / Sabine Bieberstein: Artikelserie zum Credo, veröffentlicht im Berner Pfarrblatt im Frühjahr 2000.

     

    Bildnachweise: Titelbild: Friedensdemonstration für die Ukraine, Foto: kr / Bild 1: Ausblick vom Ölberg auf Jerusalem. Unsplash@robertbye / Bild 2: Die Auffahrt Christi in der Auferstehungskirche in Savannah, USA. Unsplash@dcemr_e / Bild 3: Der erleuchtete Jesus in der Sacre Coeur Basilika, Paris. Unsplash@sleblanc01 / Bild 4: Nonnen beten in einer Kirche. Unsplash@matcfelipe

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