«Reisesehnsucht, christlich»

Sommer ist Ferienzeit und die Zeit für Sehnsüchte: Dem vertrauten Umfeld für einige Wochen Adieu sagen. Die Seele baumeln lassen und andere Menschen, Kulturen und Landschaften sehen. Andere Düfte in die Nase bekommen. Neuen Boden unter die Füsse nehmen. Einfach das Leben geniessen.

Spanien. Tansania. Malediven. Neuseeland. – Sehnsüchte wie diese sind es, die uns wie Magnete in weit entfernte Länder ziehen. Zugleich speisen sie sich aus vielen Quellen: Eine Reise zur Lebenssteigerung, als Bildungserfahrung, zur Entspannung und zur Stärkung von Körper und Geist – diese Hoffnungen hallen immer noch in unserer Zeit nach als ferne Echos grossbürgerlicher Zeiten mit ihren «Grand Tours» durch Italien oder Griechenland («Kennst Du das Land, wo die Zitronen blüh’n?»). Die Tourismusindustrie füttert diese Sehnsüchte – keineswegs uneigennützig – ständig mit neuer Nahrung. Lockende Texte von Reiseunternehmen und -journalist:innen rücken Weltregionen in den Fokus, die vorher oft nicht einmal die Einheimischen als sehenswert erachtet hätten («Die Wüste ist unsere Leidenschaft»). Fotolawinen von «Influencer:innen» auf Social Media lassen uns neiderfüllt an fremdem Reiseglück teilhaben und nicht zuletzt verstehen es auch die zahllosen Reisebüros und Reise-Websites, unsere Sehnsüchte zu wecken («Kultur, mehr Luxus! – nach den Entbehrungen durch die Corona-Pandemie»).

Ngorongoro Krater, Tansania

Für die meisten Menschen früherer Zeiten wäre diese Sehnsucht nach dem Unbekannten unvorstellbar gewesen. Warum aber ist dies so gewesen? Ausser zu bestimmten Zeiten – den «Wanderjahren» der Ausbildung und des Studiums – wurde in den mitteleuropäischen Gesellschaften bis vor wenigen Jahrzehnten erwartet, dass man in seiner Heimat verwurzelt blieb und eine der konventionellen und anerkannten sozialen Rollen ausfüllte. Die «Fremde» war dadurch mit einer ungeheuren Spannung aufgeladen: Sie war das Gefährliche und zugleich Neugierig-Machende, sie war das Abstossende und gleichzeitig in höchstem Masse Faszinierende. Menschen, die aufgrund ihres Berufs ein heimatloses Leben verbringen mussten – Händler, einfache Handwerker –, wurden deshalb vielerorts höchst misstrauisch beobachtet, aber doch gleichzeitig auch als Boten fremder Sitten, Gebräuche und Nachrichten neugierig erwartet. Wie intensiv diese Ambivalenz aus Ablehnung und Neugierde gegenüber der Fremde in der Menschheitsgeschichte erlebt worden ist, verrät ein Blick in die Vokabelbücher klassischer Sprachen: «Xenos» (griech.) oder «Hostes» (lat.), beides bedeutet «Gast» und zugleich (!) «Feind». In unserem heutigen Sprachverständnis sind das anscheinend zwei sehr unterschiedliche Bedeutungsebenen. Aber selbst in modernen Sprachen lassen sich noch Reste dieser Spannung finden: Im Englischen gibt es sowohl den «host» als den Gastgeber, als auch die «hostility» als «Feindseligkeit». Im «Hospital» wird anschliessend behandelt, wer der Gastgeberin feindlich gegenübertritt…

Erfahrungen von der Sehnsucht nach der Fremde, gleichzeitig die Furcht davor und das Fremd-sein in allen beschriebenen Facetten sind tiefe menschliche Erfahrungen, die entsprechenden Widerhall in den Religionen und den Philosophien der Welt gefunden haben. Gehen wir deshalb von der Ebene der Sprache auf die Ebene der Theologie und Philosophie.

Sich zurechtfinden in der Fremde

Ein klärender Blick in die Bibel eröffnet – wie immer – ein facettenreiches Bild. Sie ist im Grunde ein Anti-Heimat-Buch, auch wenn die Sehnsucht nach «neuer» Heimat («Das Land der Verheissung» oder das «Königreich der Himmel») eines ihrer Hauptthemen ist. Die biblische Dramatik und Dynamik entfalten sich gerade dann, wenn sich Menschen mit grossen Erwartungen und mit Gottvertrauen auf den Weg in das grosse Unbekannte machen. Die rettende Bootstour von Noah und seinen Söhnen in der Arche, die grosse Freiheitserfahrung, die sich in der Erzählung vom Exodus des Volkes Israel unter der Leitung von Mose aus der Knechtschaft in Ägypten widerspiegelt, die Josephs-Novelle… immer wieder entdecken Menschen die unterstützende Hand ihres Gottes erst oder besonders dann, wenn sie in Bewegung sind und dabei oft überraschend gastfreundlich von fremden Menschen aufgenommen werden. Oder die Menschen, die gastfreundlich einen Fremden aufnehmen, werden selbst überreich dafür beschenkt (dazu lese man die Begegnung von Elia und der Witwe von Sarepta in 1. Kön 17,1-24).

Weniger gnädig berichten die biblischen Erzählungen dagegen von Menschen, die bleiben wollen, was und wo sie sind. Als das Volk Israel nach einer längeren Findungsphase so ist wie seine Nachbarn – also mit David über einen veritablen König und ein (wahrscheinlich eher bescheidenes) Staatsgebiet verfügt – verführt die neue Heimat dazu, an dem festzuhalten, was man hat. Nicht von ungefähr treten bald Mahner auf, die Israel wieder auf den rechten Pfad (!) zurückbringen wollen. Doch die raffende und genusssüchtige Oberschicht räkelt sich lieber auf Elfenbeinbetten (Am 6,4) als dass sie weiter Gottes Weg folgt und dabei Gerechtigkeit walten lässt.

Die Drohbotschaft der Propheten vom nahenden Untergang erfüllt sich nur allzu schnell. Die Verschleppungen der Oberschicht ins babylonische Exil ab dem Jahr 597 v. Chr. wird man zwar kaum als endlich gestillte Reisesehnsucht bezeichnen dürfen, aber doch wird diese erzwungene Reise in die Fremde eminent wichtig. Sie leistet nämlich etwas, das auch heute, mehr als 2500 Jahre später, eine Reise in die Fremde so überaus spannend macht: Sie schärft die eigene Identität, das eigene Selbstverständnis und die eigene Persönlichkeit.

Das Ishtar-Tor aus Babylon, heute im Pergamon Museum Berlin

Es ist nämlich die Kontrasterfahrung der «Fremde», die das Volk Israel nun mit Nachdruck danach fragen lässt, was denn das Besondere, das Eigene, das Wichtige ist. Etwas provokant formuliert: Davor war man ein «typisches» Land des Vorderen Orients, das sich in seiner Kultur letztlich nicht gross von seinen Nachbarn unterschied. Wie andere kleine Völker auch war man letztlich eine Verfügungsmasse in den ewigen Machtkämpfen der Grossreiche von Ägypten bis Assur. Nun aber wird den Israeliten klar, dass es ihr Gott ist, der jeden Unterschied macht. Diese Erfahrung führt schliesslich sogar dazu, dass vorliegende Überlieferungen zusammengestellt und in eine Art religiöse Biografie verwandelt werden: Ein Volk verfasst die Geschichte mit seinem Gott und legt damit vor sich selbst Zeugnis ab. In den Grundzügen entsteht damit die Bibel, wie wir sie heute kennen. Zugespitzt kann man also durchaus sagen, dass die Bibel echte Reiseliteratur ist. Sie dient der Selbstvergewisserung immer dann, wenn die eigene Identität prekär zu werden droht. Wenn sich das Wissen auflöst, was die eigenen Werte und Überzeugungen ausmacht.

Die vielleicht ein wenig eigenartig scheinende Bezeichnung der Bibel als «Reiseliteratur» erhält noch mehr Gewicht durch die Frohe Botschaft des Neuen Testaments. Dieses Buch entfacht eine regelrechte Reisedynamik. Denn von den Jüngerinnen und Jüngern von Jesus von Nazareth, die sich als Sendboten (Apostel) verstehen, wird es in die ganze Welt getragen. Noch interessanter: Das Neue Testament enthält einen christlichen «Verhaltenskodex», der selbst wiederum entschieden zur raschen Verbreitung der christlichen Botschaft beiträgt.

Gastfreundlichkeit

Die von Jesus gelehrte Nächstenliebe und besonders ihre Verschärfung, die «Feindesliebe» (Mt 5,44) richten sich an Menschen, die auf dem Weg sind und dabei auf andere Menschen treffen. «Ist dieser ein Freund?» «Ist dieser ein Feind?» «Ist er mein Gast oder bin ich seiner?» Aus christlicher Sicht sind diese Frage letztlich vollkommen bedeutungslos: Alle Menschen befinden sich letztlich auf einer Reise als «Volk Gottes», bei der wir Menschen Weggemeinschaften bilden, mal lose, mal enge. Diese Reise ist komplett kostenlos, aber keineswegs sinnlos. Sie gibt uns zahllose Gelegenheiten, im Austausch und in der Gemeinschaft mit anderen Menschen mehr über uns selbst zu erfahren. Denn dazu können letztlich alle Reisesehnsüchte führen: Dass man den Sinn der eigenen Existenz besser zu fassen zu bekommt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen beglückende und sinnstiftende Reiseerlebnisse und eine frohe Rückkehr zur eigentlichen Reise, dem Abenteuer des Lebens.1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Kompass, Kamera und Weltkarte. Unsplash@chrislawton / Bild 1: Der Ngorongoro Krater in Tansania. Unsplash@mariolagr / Bild 2: Eine Stadtkarte auf einem Smartphone. Unsplash@s_hietsch / Bild 3: Das Ishtar-Tor aus Babylon, heute im Pergamon Museum Berlin. Radomir Vrbrovsky, Wikimedia Commons / Bild 4: Kalktafel mit Wegweiser zu einem Hotel und Restaurant. Unsplash@jsnbrsc.

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