«Schwerter zu Pflugscharen»

Sie heissen Dmitrij, Marina oder Swetlana. Sie wissen, dass ihnen Geld- und Haftstrafen drohen, dass sie Gesetze brechen und doch stehen sie da, um gegen den Krieg zu protestieren, den ihre Regierung führt. Dann und wann hören wir in diesen Monaten in den Medien von diesen – meist ganz einfachen – Menschen, die aus tiefer Betroffenheit und in einer Klarheit Zeichen des Protests gegen Krieg und Zerstörung setzen.

Es sind Aktionen eines radikalen Widerstandes, die grossen Respekt verdienen. In diesem Beitrag geht es weder um den Krieg in der Ukraine noch um die aktuellen ethischen Debatten pro und contra Waffenlieferungen. Im Fokus sollen Menschen stehen, die für den Frieden radikale Wege des zivilen Ungehorsams gehen und ein Prophetenwort, das die christlichen Friedensbewegungen über Jahrzehnte geprägt hat.

Friede und Gerechtigkeit

Im biblischen Buch Micha (wie auch bei Jesaja1) steht ein Wort, das lange weit über den kirchlichen Kontext hinaus bekannt war:

«Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Und ein jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt ihn auf.» (Micha 4,3)

Pflügen nach alter Art

Das kleine Prophetenbuch Micha, das über Jahrhunderte gewachsen ist, besteht aus nur sieben Kapiteln. Die ersten und ältesten enthalten vor allem Prophezeiungen des Untergangs, der Zerstörung und Ausbeutung der Schwächsten. Micha ist ein Prophet in Zeiten des Krieges2  – das assyrische Reich ist gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. auf dem Vormarsch. Zu den Unheilworten gesellen sich nach der Zerstörung Jerusalems Heilsworte, die eine neue Zukunft eröffnen sollen. Zu ihnen gehört das Wort von Verlernen des Krieges und einer Welt ohne Schrecken. Es findet sich dazu bei Micha eine frühe Formulierung eines ethischen Imperativs:

«Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und Gott von dir erwartet: nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.» (Micha 6,8)

Das Buch Micha skizziert eine Welt, die auf Recht und Gerechtigkeit gründet und eine friedliche Koexistenz der vielen Nationen ermöglicht. Es ist eine starke Vision, die in der gesamten Bibel Nachhall findet. Ein Zweites ist interessant bei Micha: es sind nicht die Reichen und Mächtigen, die Autoritäten der Stadt, die die Wende herbeiführen. Die Hoffnung auf Frieden, das Neue, wächst von unten.

Die Pflugscharbewegung

Das Wort «Schwerter zu Pflugscharen» entwickelte in der Friedensbewegung des 20. Jahrhunderts eine starke Kraft. Christliche wie nichtchristliche Aktivist:innen in verschiedenen Ländern folgten dem Ruf, auch gegen staatliche Autoritäten. In der DDR der 1980er Jahre tauchte im Kontext der Friedensdekade ein Aufnäher mit dem Bild des Umschmiedens auf; tausendfach getragen wurde er zum Markenzeichen einer jugendlichen Friedenbewegung, die gegen die Aufrüstung in Ost und West protestierte; der Aufnäher wurde schliesslich als Wehrkraftzersetzung und Friedensfeindlichkeit (!) von der Regierung verboten.3

Ab 1980 Symbol der DDR-Friedensbewegung.

Bei uns weit weniger bekannt ist die US-amerikanische Pflugscharbewegung, die bis heute aktiv ist. 2018 drangen drei Frauen und vier Männer in den Militärstützpunkt Kings Bay ein, wo sechs Atom-U-Boote stationiert waren, um auf die Gefahr von Atomwaffen hinzuweisen.4 Sie zerstörten symbolisch Kriegsgerät, indem sie auf einen Metallschrein hämmerten, und verklebten ein Verwaltungsgebäude. Für ihre Aktion «Pflugschar 7», die auch Gebet und Schriftlesung einschloss, wurden sie mit bis zu 33 Monaten Gefängnis bestraft. Die sieben Aktivist:innen gehörten zu den Catholic Workers5 und hatten teilweise schon bei der ersten Pflugscharaktion von Philipp Berrigan 1980 mitgewirkt. Sie sind der Tradition des christlichen Anarchismus zuzuordnen, der herrschafts- und staatskritisch denkt und handelt.

Ein Akt des Glaubens

Eine atomar bewaffnete Welt bringt grosse Gefahren mit sich.6 Mit ihrem Widerstand, der stets gewaltlos ist, wollen die Aktivist:innen der Pflugscharbewegung auch eine kritische Öffentlichkeit und eine Debatte schaffen, die es in den USA zu den Atomwaffen kaum gibt. Sie sind überzeugt, dass es keinen Frieden geben wird, ohne dass die Menschen persönliche Verantwortung für die Waffen übernehmen. Durch ihre Bereitschaft, Gesetze zu brechen, tragen sie diese Verantwortung in die Gerichtsäle hinein. Ihr primäres Motiv aber, dies wird in den Plädoyers hörbar, ist ein christliches. Sie handeln aus einer Glaubensverpflichtung heraus. Die 65-jährige Martha Henessy äusserte sich vor Gericht dazu mit diesen Worten:

Widerstand leisten!!

«Zum Atom-U-Boot- und Raketenstützpunkt der Tridents7 zu gehen, ist so ähnlich, wie wenn Jesus direkt gegen die Geldwechsler im Tempel vorgehen würde. ‹Schafft dies raus hier! Macht das Haus Gottes nicht zu einem Kaufhaus!› Unser Atomwaffenarsenal ist ein Diebstahl von den Hungrigen; es ruiniert wirtschaftlich und ökologisch und es ist rechtlich und moralisch nicht zu rechtfertigen. Jesus hat zu den Armen gepredigt, und der grösste Teil der Weltbevölkerung bleibt arm. Mein christlicher Glaube lehrt mich, mich nicht auf diese tödlichen Waffen zu verlassen, sondern unsere Abhängigkeit von Gott und unsere Liebe zueinander sichtbar zu machen und zu praktizieren. Trotz meiner Angst betrat ich den Militärstützpunkt als einen Akt des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.»8

Die Pflugscharbewegung und andere Aktivist:innen weltweit nehmen ein grosses Risiko auf sich, um ihren Weg des gewaltlosen radikalen Widerstands zu gehen. In einer Welt der geplatzten Träume halten sie trotz schwerwiegender persönlicher Konsequenzen an Gottes Traum einer friedlichen und versöhnten Welt fest. Sie leben den Traum und legen alle Rüstungen ab. Sie zeigen sich betroffen, verletzlich und lebendig. Und sie erinnern uns daran, dass auch der Friede seinen Preis hat und etwas von uns abverlangt.

  1. Vgl. Jesaja 2,4. Welche Textstelle die ältere ist, ist in der Exegese umstritten.
  2. Vgl. Dieter Bauer in: Bibel heute 52 (2016), S. 7-11 sowie Sophia Bietenhard: Das Buch Micha. Ruf nach Gerechtigkeit – Hoffnung für alle, in: Luise Schottroff/Marie-Theres Wacker (Hgg.): Feministische Bibelauslegung, Gütersloh: Chr. Kaiser 21999, S. 338-346.
  3. Vgl. dazu Jakob Frühmann/Cristina Yurena Zerr: Abrüstung von unten, in: Jakob Frühmann/Cristina Yurena Zerr (Hgg.): Brot und Gesetze brechen. Christlicher Antimilitarismus auf der Anklagebank, Wien-Berlin: mandelbaum 2021, S. 15-89 sowie Joachim Wanke: Ein Eigentor der Ideologie, in: Bibel heute 52 (2016), S. 24-25. Wanke weist auf die Ironie der Geschichte hin, dass der Aufnäher die Skulptur aus dem UN-Garten in New York zeigte, die 1959 die Sowjetunion den Vereinten Nationen schenkte.
  4. Zur Aktion in Kings Bay vgl. Jakob Frühmann/Cristina Yurena Zerr: Brot, S. 151-208. Ein Überblick über die Bewegung in den USA bietet im selben Band der Artikel von Riegle, vgl. Rosalie G. Riegle: Widerstand gegen Atomwaffen. Eine Einführung zur Pflugscharbewegung aus US-amerikanischer Perspektive, S. 90-128. Vgl. auch den National Catholic Reporter: https://www.ncronline.org/news/justice/despite-legal-setbacks-plowshares-7-hold-religious-freedom-defense (Zugriff 29.07.2022).
  5. Die Organisation geht auf Dorothy Day (1897-1980) zurück. Diese gründete zusammen mit Peter Maurin (1877-1949) «zum 1. Mai 1933, im Jahr der Grossen Depression, die Zeitschrift The Catholic Worker. Diese sollte Entrechteten, Arbeitslosen, Obdachlosen und Betroffenen der kapitalistischen Politik eine Stimme geben. Aus ihren Schriften und Manifesten wurde bald Praxis, und ein paar Jahre später lebten die Herausgeber*innen der Zeitung mit eben diesen Menschen in sogenannten Houses of Hospitality zusammen.» (Jakob Frühmann/ Cristina Yurena Zerr: Brot, S. 38f.) Die Pflugscharbewegung wurde 1980 mit einer ersten Aktion in Pennsylvania vom ehemaligen Jesuiten und Pazifisten Philipp Berrigan (1923-2002) und der früheren Ordensfrau Liz McAlister (*1939) gegründet. Sie führte bis heute mehr als 100 gewaltfreie Aktionen in 9 Ländern durch.
  6. Vgl. dazu die Website von ICAN, der internationalen Kampagne für ein völkerrechtliches Verbot von Atomwaffen, die 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde: www.icanw.org und www.icanswitzerland.ch.
  7. Die US-Raketen-U-Boote werden auch Tridents genannt, da sie mit Trident-II-Raketen bewaffnet sind, die je nach Beladung eine 1000 bis 5000mal höhere Sprengkraft aufweisen als die 1945 über Hiroshima abgeworfene Bombe. Die Aktivist:innen weisen darauf hin, dass Atomwaffen nicht erst töten, wenn sie abgefeuert werden, sondern schon der Abbau, das Testen und Lagern des radioaktiven Materials tötet. Alle Atomwaffentests wurden bisher in indigenen Gebieten durchgeführt.
  8. Martha Henessy: Statement zur Urteilsverkündung am 13. November 2020, in: Jakob Frühmann/Cristina Yurena Zerr: Brot, S. 193-199, hier 197. Clare Trady beschrieb ihre Motivation folgenderweise: «Ich sehe in den Tridents die ultimative Logik, den eigenen Willen über den Willen Gottes zu stellen, ich sehe sie als einen Verstoss gegen das Vertrauen in Gott, eine Verletzung der rechten Beziehung zu Gott und dem Nächsten und den Geringsten. […] und, wie das Banner, das ich getragen habe, besagt: ‹The Ultimate Logic of Trident is Omnicide›, was den Tod allen Lebens bedeutet. Dies ist ein unhaltbarer Kurs…» (Clare Grady: Statement zur Urteilsverkündung am 12. November 2020, in: Jakob Frühmann/Cristina Yurena Zerr: Brot, S. 179-189, hier 188).

     

    Bildnachweise: Titelbild: Statue «Lasst uns schlagen unsere Schwerter zu Pflugscharen» von Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch, Geschenk der Sowjetunion an die Vereinten Nationen 1959. Die Skulptur steht im Garten des UNO-Hauptquartiers in New York. Foto: upi/Alamy Stock Foto / Bild 1: Pflügen nach alter Art mit Pferden. Unsplash@@phineasadams / Bild 2: Ab 1980 Symbol der DDR-Friedensbewegung. Gezeigt wird die Skulptur «Schwerter zu Pflugscharen». Grafik Herbert Sander. Foto: Interfoto/Alamy Stock Foto / Bild 3: Tausende von Demonstranten kamen am Samstag, den 11. Februar 2017, zum Ocean Beach in San Francisco, um eine Anti-Trump-Botschaft zu senden: „Resist!!“ („Widerstand leisten“). Unsplash@punttim.

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