Elisabet – sagen, was zu sagen ist

In der Kunstgeschichte hat Elisabet einen festen Platz: Unzählige Gemälde zeigen sie im Gegenüber zu Maria, meist herzlich zugewandt oder innig vertraut, wie sie die Mutter Jesu als «gebenedeit unter den Frauen» preist. Vielen Menschen sind diese Worte aus dem Rosenkranzgebet vertraut. Was sagt die Bibel noch über diese Frau, der solch prophetische Worte in den Mund gelegt werden?

Nur das Lukasevangelium erzählt von Elisabet, der Mutter von Johannes dem Täufer. In den anderen Evangelien ist nichts über sie zu finden. Was im Lukasevangelium erzählt wird, ist allerdings erstaunlich genug. Denn Lukas erzählt parallel zur Geschichte um die Geburt Jesu von einer zweiten besonderen Geburt: der Geburt von Johannes dem Täufer. Und wie die Geburt Jesu wird auch die Geburt des Täufers durch einen Engel verheissen; nur geht die Verheissung nicht wie bei Maria an die Mutter des Kindes, sondern an den Vater Zacharias. Dieser wird gleich zu Beginn der Erzählung gemeinsam mit seiner Frau Elisabet vorgestellt:

«Es gab in den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa, einen Priester namens Zacharias, der zur Abteilung des Abija gehörte. Seine Frau stammte aus dem Geschlecht Aarons; ihr Name war Elisabet. Beide lebten gerecht vor Gott und wandelten untadelig nach allen Geboten und Vorschriften Gottes. Sie hatten keine Kinder, denn Elisabet war unfruchtbar und beide waren schon in vorgerücktem Alter.» (Lukasevangelium 1,5-7)

Ein Engel besucht Zacharias im Tempel, Domenico Ghirlandaio 1480

Das Schicksal der Kinderlosigkeit

Priester war man nach ersttestamentlicher Vorstellung nicht aufgrund Berufung und Ausbildung, sondern durch Geburt und Abstammung aus einer priesterlichen Familie. Wie Zacharias stammt auch Elisabet aus einer priesterlichen Familie: aus dem «Geschlecht Aarons». Das ist eine würdevolle, prominente Herkunft. Elisabet trägt sogar den Namen von Aarons Frau (Exodusbuch 6,23), und dieser Name kann übersetzt werden als «mein Gott ist Fülle». Entsprechend würdevoll werden beide charakterisiert: Sie sind gerecht und leben tadellos vor Gott. Nur eines fehlt: Kinder. Dabei sind sie schon in vorgerücktem Alter, was nichts anderes heissen soll, als dass die Zeit, in der noch Kinder zu erwarten wären, bereits vorbei ist. Welch ein Kontrast zur «Fülle», die mit dem Namen von Elisabet anklingt!

Kinderlos zu sein, war zu diesen Zeiten ein schweres Schicksal. Denn Kinder sollten nicht nur die Eltern im Alter versorgen, sondern darüber hinaus nach deren Tod ihr Gedenken wahren. Ohne Kinder gab es keine Zukunft. Der Grund für die Kinderlosigkeit wurde immer bei den Frauen gesucht, so wie es auch hier heisst, dass Elisabet unfruchtbar war. Medizinisch wusste man es noch nicht besser, doch trafen die Folgen dieses Denkens die Frauen mit ungleich härterer Wucht als die Männer. Wenn eine Frau keine Kinder bekam, konnte sie von ihrem Mann entlassen werden – mit entsprechend gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen.

Vorbilder aus dem Ersten Testament

Ein hochbetagtes, gerechtes, aber kinderloses Paar – eine unfruchtbare Frau: Wer das Erste Testament kennt, kann bei dieser Beschreibung von Zacharias und Elisabet sogleich an verschiedene Erzählungen denken. Die bekannteste ist vermutlich die von Abraham und Sara, denen lange Zeit Kinder versagt bleiben, und auch hier ist es Sara, die als unfruchtbar beschrieben wird (Genesisbuch 11,30). Auch die Stammmütter Rebekka und Rahel teilen Saras Schicksal der langen Kinderlosigkeit, bevor am Ende durch Gottes Erbarmen doch noch Kinder geboren werden (Genesisbuch 25,21; 29,31; 30,1), und ähnlich ist es bei der Frau des Manoach, der Mutter des Simson (Richterbuch 13,2), und Hanna, der Mutter des Propheten Samuel (Erstes Samuelbuch 1,2). Immer geht es bei diesen Geschichten auch um die Zukunft des Volkes Israel, und immer greift Gott rettend ein, so dass ein Kind geboren wird und es eine Zukunft geben kann.

Sara und Abraham, James Jacques Joseph Tissot ca. 1896–1902

All das klingt an, wenn Lukas auf diese Weise von Zacharias und Elisabet erzählt. Er ruft die Hoffnung in Erinnerung, dass Gott die Not dieses Paares und mehr noch: die Not des ganzen Volkes beseitigen werde. Tatsächlich erhält auch Zacharias vom Engel Gabriel die Verheissung, dass seine Frau wider alle Erwartung noch einen Sohn gebären werde. Und dieser Sohn ist von grosser Bedeutung nicht nur für seine Eltern, sondern für die Zukunft des ganzen Volkes:

«Du wirst dich freuen und jubeln, und viele werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird gross sein vor Gott. Wein und berauschende Getränke wird er nicht trinken und schon vom Mutterleib an wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein. Viele Kinder Israels wird er zum Herrn, ihrem Gott, hinwenden. Er wird ihm mit dem Geist und der Kraft des Elija vorangehen, um die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zu gerechter Gesinnung zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen.» (Lukasevangelium 1,14-17)

Ganz kurz nur wird am Ende der Erzählung im Lukasevangelium notiert, dass Elisabet tatsächlich schwanger wird, nachdem Zacharias nach dem Ende seines Tempeldienstes nach Hause zurückgekehrt war:

«Bald darauf wurde seine Frau Elisabet schwanger und lebte fünf Monate lang zurückgezogen. Sie sagte: Gott hat mir geholfen; er hat in diesen Tagen gnädig auf mich geschaut und mich von der Schmach befreit, mit der ich unter den Menschen beladen war.» (Lukasevangelium 1,24-25)

Aus der Perspektive Elisabets ist eine grosse Last und Schmach als Kinderlose von ihr genommen. Die Worte, die ihr Lukas dafür in den Mund legt, sind an die Worte angelehnt, die Rahel nach der Geburt ihres Sohnes Josef spricht (Genesisbuch 30,23). Wieder ist die Erzählung also nach einem ersttestamentlichen Vorbild modelliert, und Leser:innen ahnen schon, dass es hier um etwas ganz Besonderes geht.

Der Grund, warum Elisabet sich fünf Monate verborgen hält, liegt in der Anlage der Erzählung des Lukas. Denn nach Ablauf dieser fünf Monate kommt der Engel Gabriel «im sechsten Monat» nach Nazareth zu Maria, um nun ihr die Geburt ihres Sohnes anzukündigen (Lukasevangelium 1,26). Und das Zeichen, das der Engel Maria zur Bekräftigung gibt, ist nichts anderes als die Schwangerschaft Elisabets, von der Maria demnach auf keinem anderen Wege als durch den Engel erfahren haben konnte.

Maria besucht Elisabet, Psalter von Eleonore von Aquitanien ca. 1185

Prophetin der neuen Zeit

Mit den fünf Monaten von Elisabets Verborgenheit beginnt damit eine andere, neue Zeit zu laufen, die nicht nach den Herrschaftsjahren von Kaisern und Königen gezählt wird (wie noch zu Beginn der Erzählung mit der Zeit des Königs Herodes), sondern nach Schwangerschaftsmonaten. In dieser neuen Zeit beginnt ganz leise Anderes, Neues, Unglaubliches zu wachsen. Noch ist es verborgen, doch bald schon wird es sichtbar sein.

Zu Künderinnen und Interpretinnen der neuen Zeit werden im Lukasevangelium die beiden schwangeren Frauen, die einander in der nächsten Erzählung begegnen (Lukasevangelium 1,36-56). Denn nachdem Maria die Verheissung der Geburt ihres Kindes erhalten hat, macht sie sich «in diesen Tagen» auf den Weg zu Elisabet. Sie eilt durch das ganze Land von Nazareth nach Judäa ins Haus des Zacharias – und begrüsst Elisabet.

Doch was für eine prophetische Kraft steckt in der Begegnung dieser beiden schwangeren Frauen! Denn nicht nur hüpft bei dieser Begegnung das Kind, von dem bereits in der Geburtsverheissung gesagt wurde, dass es mit Heiligem Geist erfüllt sein werde, in Elisabets Bauch und eröffnet damit den grossen Jubel dieser Szene, sondern Elisabet wird darüber hinaus mit Heiliger Geistkraft erfüllt und ruft mit lauter Stimme hinaus, was sich hier ereignet. Sie, die mit Schmach Beladene, die Verborgene, tritt plötzlich hervor und ins Zentrum der Erzählung.

Mit Geist erfüllt und mit lauter Stimme rufend, das erinnert an die ersttestamentlichen Prophet:innen, die kraftvoll und mit Vollmacht ausgestattet sagen, was Sache ist. Ebenso prophetisch benennt Elisabet nun die Bedeutung Marias und ihres Kindes:

«Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?» (Lukasevangelium 1,43)

Und ebenso prophetisch antwortet Maria mit ihrem Lied, dem Magnificat, in dem sie auf den Punkt bringt und deutet, was sich in der Geburt Jesu im Tiefsten ereignet: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen, die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Im Kommen Jesu wendet sich Gott seinem Volk zu und «allen, die ihn fürchten» (Lukasevangelium 1,50). Ihnen allen – und allen voran den Armen und Erniedrigten – schenkt er sein Heil.

Maria schreibt das Magnificat, Sandro Botticelli ca. 1483

Eine Frau sagt «nein!»

«Drei Monate» bleibt Maria bei Elisabet, bevor sie sich wieder auf den Heimweg macht. Und wer zählen kann, weiss, was als nächstes geschehen muss:

«Für Elisabet aber erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt.» (Lukasevangelium 1,57)

Die nach menschlichem Ermessen ganz unwahrscheinliche Geburt findet also wirklich statt, ein Sohn wird geboren, Nachbarn und Verwandte freuen sich mit Elisabet und Zacharias, nach der Tradition wird das Kind am achten Tag beschnitten, und nach der Tradition soll ihm der Name seines Vaters gegeben werden. An dieser Stelle aber muss Elisabet beherzt widersprechen: Ihr Sohn soll den Namen Johannes erhalten, so wie es der Engel gesagt hatte.

In diesem «Nein» kommt eine Kraft zum Ausdruck, wie sie sich schon in der Begegnung mit Maria gezeigt hatte. Jetzt muss Elisabet erneut ihre Stimme erheben. Denn offenbar soll jetzt nicht alles seinen Gang gehen, wie es schon immer gegangen ist. Das Kind soll nicht den Namen des Vaters erhalten. Traditionelle Ansprüche sollen sich nicht fortsetzen. Vielmehr soll das Kind einen Namen erhalten, der Programm ist und der zusammenfasst, was jetzt geschieht: Johannes – Gott hat sich erbarmt.

Wenn Gott sich den Menschen zuwendet, dann soll es offenbar nicht mehr so weitergehen wie bisher. Die alten Ansprüche, die sich von den Vätern auf die Söhne übertragen, haben ausgedient. Wenn Gott den Menschen eine Zukunft eröffnet, dann soll da offenbar ein anderer Name stehen: Der Name des Erbarmens Gottes. Diese grosse Zusage des Erbarmens Gottes steht nun wie ein Vorzeichen vor allem Weiteren, was das Lukasevangelium erzählt.

Aber: Es bedarf des beherzten «Nein!» der Elisabet, um dieser Zusage Gottes zum Durchbruch zu verhelfen, dem Erbarmen Gottes Raum und dem Neuanfang eine Chance zu geben.

Elisabet steht ein für etwas, was sie als richtig erkannt hat. Ihr Kind soll nicht dafür hergegeben werden, dass in der Welt alles so weiter geht wie bisher. Natürlich haben Väter, das soll keinesfalls abgestritten werden, meist die allerbesten Absichten mit ihren Söhnen und wollen mit ihnen an einer guten Zukunft bauen. Doch mit seiner kleinen Szene der Namensgebung baut Lukas eine Unterbrechung ein und eine Irritation, die dazu zwingt, innezuhalten und über scheinbar unhinterfragbare Abläufe nachzudenken. Offenbar soll etwas anders werden, und dafür müssen alte Selbstverständlichkeiten hinterfragt und gängige Denkmuster durchbrochen werden.

Die Geburt Johannes des Täufers, ca. 1450

Wer hat das Sagen?

Allerdings trauen die Leute nach der Erzählung des Lukasevangeliums nicht den Worten der Elisabet, sondern suchen Bestätigung bei ihrem Mann Zacharias. Als Frau gehört Elisabet offenbar nicht zu denen, die das Sagen haben, und als solche hat sie es schwer, Gehör zu finden, auch wenn das, was sie zu sagen hat, noch so berechtigt ist. In diesem Fall hat sie Glück, und Zacharias unterstützt ihr «Nein». Was aber wäre aus ihren Worten geworden, wenn Zacharias auf den alten Traditionen beharrt hätte?

Natürlich erzählt das Lukasevangelium davon, wie sich das Neue durchsetzt und Gottes Erbarmen Raum findet. Es zeigt aber auch, dass es Menschen wie Elisabet braucht, die im Denken und Reden eigene Wege gehen, sich alten Selbstverständlichkeiten entgegenstellen und so der neuen Zeit Gottes eine Chance geben. Solche Menschen, die angesichts der grossen Herausforderungen und Krisen der Gegenwart Neues denken und beherzt sagen, was zu sagen ist, brauchen wir heute nötiger denn je.1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Glasmalerei-Panel mit der Heimsuchung. Farbiges Fenster, 1444 Deutschland, Metropolitan Museum of Art. Wikimedia Commons. / Bild 1: Fresken in der Tornabuoni-Kapelle in Florenz. Verkündigung an Zacharias. Domenico Ghirlandaio 1480. Wikimedia Commons. / Bild 2: Abram’s Counsel to Sarai (Abrams Ratschlag an Sarai). James Jacques Joseph Tissot ca. 1896–1902, Arbeiten auf Papier – Aquarelle und Gouachen, The Jewish Museum New York. Wikimedia Commons. / Bild 3: Bilder aus dem Leben Christi – Die Heimsuchung, Maria trifft die heilige Elisabeth – Psalter der Eleonore von Aquitanien ca. 1185, Koninklijke Bibliotheek Den Haag. Wikimedia Commons. / Bild 4: Madonna del Magnificat (Madonna des Magnifikats), Sandro Botticelli ca. 1483, Tempera auf Holz, Uffizien Florenz. Wikimedia Commons. / Bild 5: Geburt von Johannes dem Täufer, Orthodoxe Ikone ca. 1450, Eremitage-Museum, Sankt Petersburg. Wikimedia Commons.

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