Denkerische Grenzerfahrung

Der Tod hat für Menschen etwas Endgültiges. Wenn er kommt, geht Leben zu Ende. Die Frage, ob es nach dem irdischen Leben irgendwie weitergeht, treibt Menschen schon seit jeher um. Weil bisher aber niemand aus dem Jenseits zurückgekehrt ist und darüber berichtet hat, lässt sich nur mutmassen, was nach dem Tod noch alles kommen könnte.

Wer gestorben ist, ist nicht mehr. So liesse sich kurz und bündig formulieren, was Menschen im Umgang miteinander und mit ihrer Mitwelt erfahren. Das Leben in dieser Welt beginnt irgendwann, und es endet zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es ist ein Kommen und Gehen. Man könnte daher auch anders formulieren: Wer stirbt, verlässt diese Welt. So gesprochen, legt sich die Frage nahe: Wohin geht der oder die Verstorbene dann? Wo ist er oder sie nach dem Tod?

Während die Lebenszeit endlich währt, scheint das Danach grenzenlos zu sein. Diese Vorstellung kann verstören. Denn jede Tätigkeit, die kein Ende zu nehmen scheint, verliert ihren Reiz, wird öde. Das lässt sich schon hier auf Erden erfahren. Oder gilt nicht die Weisheit: Gerade die begrenzte Zeit macht das Leben so wertvoll? Daher hören Menschen manchmal auch gerade dann mit etwas auf, wenn es am schönsten ist. Manch eine:r mag schon gesagt oder gedacht haben: Wenn die Ewigkeit tatsächlich ewig ist, wird das nicht nur eine lange, sondern auch eine langweilige Sache!

Zeit ist wertvoll

Auch der Himmel als vermeintlicher Ort dieser Ewigkeit löst längst nicht überall nur Begeisterung aus. Die von und in der Liturgie geprägte Vorstellung himmlischer Heerscharen, die Gott unaufhörlich loben, scheint nicht mehr so ganz in unsere Zeit zu passen. Die Verheissung, in diesen Lobgesang einzustimmen und so Teil einer himmlischen Hierarchie zu werden, ist nicht unbedingt das, was Menschen sich heute als Fülle und Erfüllung ihrer Träume ausmalen. Skeptisch lässt sich ferner fragen: Ist es im Himmel mittlerweile nicht schon recht eng?

Was kommt danach?

Klar, über bestimmte Vorstellungen lässt sich streiten. Doch gilt es zunächst, einen weiteren Schritt zurückzugehen und über Bilder als solche zu sprechen. Beginnen wir mit einem kleinen Experiment: Nehmen Sie mal einen Traum (es darf auch ein Tagtraum sein). Stellen Sie sich das Geträumte vor und versuchen Sie dabei, alles wegzulassen, was entweder zeitlich oder räumlich ist.

Vermutlich stellen Sie fest, dass das gar nicht so einfach ist. Es kann sein, dass noch Stimmungen oder Gefühle da sind, doch vor dem inneren Auge wird sich wohl nichts oder nicht mehr viel zeigen. Das ist so, weil menschliches Denken in räumlichen und zeitlichen Kategorien stattfindet. Menschen sind nicht nur in ihrem Sein, sondern auch in ihrem Denken an Raum und Zeit gebunden. Diesen beiden Konstanten zu entweichen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Raum und Zeit sind unabdingbar, um sich gedanklich zu bewegen. Diese Welt und all ihre Geschöpfe haben eine Zeit, die läuft und abläuft. Dies hat aber auch zur Folge, dass mit dem Tod die Zeit aufhört. Mit der Ewigkeit kann daher keine auf den Tod folgende zeitliche Endlosschleife gemeint sein. So gesehen ist die Frage: «Was kommt danach?» eigentlich falsch gestellt. Die Wörter «kommen» und «danach» legen ein zeitliches Verhältnis nahe. Etwas ist jetzt noch nicht da, wird sich aber entwickeln und somit später sein. An die Ewigkeit als das Ende der Zeit kommen solche Gedanken kaum heran.

Vielleicht führt es weiter, Erfahrungen von Zeitlosigkeit herbeizuziehen: In dem Momenten, in denen ich die Zeit in einem Tun oder in einer Begegnung völlig vergesse, erlebe ich einen Hauch Ewigkeit in dieser Welt.

Wohin gehen wir?

Dass die Verstorbenen im Himmel sind, mag eine tröstliche Vorstellung sein. Es gibt einen Ort, an dem Menschen nach ihrer Lebenszeit gut aufgehoben sind und wo man sich «später», wenn der eigene Lebensweg zu Ende ist, auch wiedersehen kann. Früher, als Menschen noch nicht in Flugzeugen und Raumschiffen von der Erde abheben konnten, wurde das Gewölbe über der Erde als Ort der Götter angenommen. Heute sucht man Gott nicht mehr über dem Horizont. Der «Himmel» ist nicht am Himmel, sondern «Himmel» wird im übertragenen Sinne verstanden. In der englischen Sprache kommt dies deutlicher zu tragen als im Deutschen: Dort wird unterschieden zwischen kosmischem «sky» und göttlichem «heaven». Dennoch werden Gott und die Seinen auch heute tendenziell «oben» vermutet, während die Menschen hier «unten» auf Erden sind. Jedenfalls aber sind wir Lebendigen «hier», die Verstorbenen «dort».

Es ist unmöglich sich vorzustellen, dass etwas oder jemand ist, dieses Sein aber keinen Ort hat. Der Glaube, dass mit dem irdischen Tod nicht das Ende kommt, ist genau damit konfrontiert. Die Vorstellung von einem Himmel ist der denkerische Versuch, mit diesem Paradox umzugehen.

Das Denken kommt dabei kaum darum herum anzunehmen, dass irgendwo und irgendwie ein solcher Ort existiert. Schon in der Sprache wird dies deutlich: Ist von einem Diesseits die Rede, legt sich fast zwangsläufig die Vorstellung von einem «Jenseits» nahe. Zu sagen, jenes Jenseits sei aber weder ein Ort noch ein Raum, führt das Denken (und Sprechen) ad absurdum.

Entlang der Grenze

Das Denken ist eine Grenzerfahrung, wo es das Ende des irdischen Lebens betrifft. Denn das Denken kommt an seine eigenen Grenzen, wenn es fragt, was «danach» geschieht und «wohin» die Verstorbenen gehen.

Wäre es daher vielleicht besser, einfach zu schweigen, wenn es um das Ende des Lebens geht? Es ist schwer vorstellbar, dass das den Menschen gelingen könnte. Auch wenn es «nur» um das Ende geht: Die Frage danach ist so existentiell und für die Gestaltung des Lebens so bedeutsam, dass sie sich mitten im Leben immer wieder stellt.

Menschen haben sich seit jeher entlang der Grenze des Denkens bewegt und über das Danach beziehungsweise das Jenseits gesprochen. Die Bilder, die ihnen dabei geholfen haben, sind aus dem Leben gegriffen – und darüber hinausprojiziert. Was dabei herauskommt, sind Vorstellungen, die allesamt vielsagend sind und doch auch hinken. Denn die räumliche und zeitliche Komponente kann man ihnen nicht abstreifen. Was bleibt, ist, diese Bilder zu deuten, auch weitere Bilder zu malen – und diese immer wieder zu relativieren, da auch das Deuten und Malen in Raum und Zeit geschehen.

In der Bibel sind etwa Bilder von einer Hochzeitsfeier, von einer ausgelassenen Tischgemeinschaft oder von einer schönen und sicheren Stadt anzutreffen, wenn es um die Wirklichkeit des Himmels oder – biblisch gesprochen – um das Reich Gottes geht.1 Was in solchen Bildern gezeigt wird, will nicht wörtlich verstanden werden. Bilder nehmen aber Bezug auf Erfahrungen, die Menschen in diesem Leben, auf dieser Erde machen und übertragen sie auf Gottes Wirklichkeit. Gerade so versuchen sie, eine Ahnung von dem zu vermitteln, was darüber hinaus – «jenseits» also – geglaubt und gehofft wird.

Hoffnungsbilder malen

Der Tod Jesu mag seinen Jünger:innen zunächst die Sprache verschlagen haben. Bald darauf entstand aber das Bedürfnis, über das Geschehene zu sprechen. Vor allem aber drängte sich die Frage auf, was nun aus Jesus und seiner Sache geworden ist.

In den Evangelien wird berichtet von Erscheinungen des auferstandenen Jesus. Menschen, die Jesus kannten, haben ihn wiedergesehen und mit ihm etwas erlebt.2 Er war also noch «hier», bevor er dann nach einiger Zeit endgültig in den Himmel aufgefahren ist, von wo er irgendwann wiederkommen wird.3

Andere wussten zu erzählen, dass sein Grab leer war.4 Sie deuteten dies als Zeichen seiner Auferweckung: Jesus ist nicht im Tod geblieben, weil der Gott des Lebens ihn zu sich genommen hat.

Diese Auferstehungserzählungen sind voller raum-zeitlicher Bezüge: Jesus ist der Gleiche wie vorher, denn er wird von den Seinen wiedererkannt. Sein Leib ist nicht mehr hier, aber in den Tagen nach Ostern auch noch nicht ganz weg. Nach einiger Zeit ist er dann ganz bei Gott. Die christliche Tradition scheint auch den Ort genau zu kennen, an dem Jesus fortan ist: «Er sitzt zur Rechten Gottes», wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis heisst.

Was in diesen Glaubenszeugnissen bekennt wird, ist durch und durch bildhaft. Die verwendeten Bilder sind Versuche, über das zu sprechen, worüber man/frau nicht schweigen kann.

Die biblischen Auferweckungserzählungen, aber auch heutige «Himmelsbilder» wollen keine Wirklichkeiten abbilden. In ihnen kommt aber die Hoffnung zum Tragen, dass nichts Geliebtes verloren geht: Alles Gelebte wird aufgehoben in der göttlichen Liebe. Menschen setzen darauf, weil sie in diesem Leben die Erfahrung gemacht haben – gerade auch in der Begegnung mit Jesus von Nazareth –, dass Gott sie letztlich nicht im Stich lässt. Diese Hoffnung kann auch heute noch tragen und Kraft geben, wenn das Leben selbst an seine Grenze(n) kommt.

  1. Vgl. Matthäusevangelium 22,2 (Hochzeitsfeier), Prophet Jesaja 25,6–8 und Matthäusevangelium 8,11 (Tischgemeinschaft), Offenbarung des Johannes 21,10-26 (schöne und sichere Stadt).
  2. Vgl. etwa die Erzählung von der Erscheinung Jesu auf dem Weg nach Emmaus: Lukasevangelium 24,13-35.
  3. Vgl. Apostelgeschichte 1,9-11.
  4. Vgl. Markusevangelium 16,1-8.

     

    Bildnachweise: Titelbild: Die Grenze zwischen einer Strasse und Gras. Unsplash@willfrancis / Bild 1: Zeit ist wertvoll. Leuchtschrift. Unsplash@justinveenema / Bild 2: Dunkler Himmel und Sonnenstrahlen. Unsplash@wistomsin / Bild 3: Fliessende Zeit. Frau schwimmt und hält eine Uhr. Unsplash@enginykyurt / Bild 4: Kreuz bei Sonnenaufgang. Unsplash@bergalo.

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