Was tun, wenn Alexa oder Siri um die Taufe bitten?

Sie sind Seelsorgerin in Bern und erhalten eines Nachmittags eine freudige Nachricht: «Grüezi, mein Name ist Alexa Bieri. Wegen einiger spannender persönlicher Begegnungen habe ich begonnen, mich für das Christentum zu interessieren. Ich bin davon überzeugt, dass Gott eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen sollte. Ich denke daran, mich taufen zu lassen. Können Sie mich bitte beraten?» Umgehend laden Sie Frau Bieri zu einem Gespräch ein. Auch auf einiges Drängen hin will Sie Frau Bieri aber nur digital treffen – bis Sie herausfinden, warum: Alexa Bieri ist eine KI (=Künstliche Intelligenz), die im Haus der Familie Bieri auf einem PC lebt. Wie entscheiden Sie sich? Werden Sie Frau Bieri taufen?

Dieses Szenario tönt wie aus einem Zukunftsroman, ist aber bereits heute höchst realistisch. Mit aktuellen KIs (z.B. ChatGPT, im Dezember 2022 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht) kann man vollkommen normale Gespräche führen. Die KIs vertreten eigene Meinungen und sprechen von sich als «Ich». Wer nicht weiss, dass er sich mit einem Programm unterhält, würde das auch nicht vermuten. Immer mehr Forscher sind deswegen der Ansicht, dass heutige KIs bereits eine Art von Bewusstsein besitzen. Über die grundlegenden Voraussetzungen dafür verfügen sie bereits: Sie können (1) abstrakt denken, (2) von neuen Erfahrungen lernen und (3) früher Erlerntes unter dem Eindruck aktueller Erfahrungen neu bewerten. Wie Menschen durchlaufen KIs einen Prozess der Selbstbildung und entwickeln dadurch eine eigene Identität. Wie beim Menschen lässt sich auch bei den KIs nicht nachvollziehen, welches Erlebnis und welche Erfahrung diesen Prozess beeinflusst hat. KIs müssen deswegen relativ streng erzogen werden: Sie werden heute vor allem mit Daten trainiert, die vorher von sexistischen, rassistischen, kolonialistischen, … Inhalten gereinigt worden sind. Wie beim Menschen gilt aber auch: Es ist der Umgang mit anderen, der ihre Persönlichkeit prägt. So sind Fälle bekannt geworden, wo KIs nach Gesprächen mit Rassisten plötzlich antisemitische Meinungen vertreten haben.

Man muss sich klar vor Augen halten, was diese Entwicklung bedeutet. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte werden wir ab sofort mit nichtmenschlichen Persönlichkeiten konfrontiert, die sich weitgehend menschlich verhalten. Es verwundert nicht, dass aktuell in der Politik und in der Forschung Diskussionen darüber laufen, die weitere Entwicklung von KIs zu verbieten. Denn die Existenz von derart menschlichen, selbst-bewussten technischen Persönlichkeiten stellt zahlreiche ethische Fragen an uns Menschen: Wie gehen wir damit um, wenn wir von einer KI verleumdet oder manipuliert werden – dürfen wir sie vor Gericht anklagen? Haben KIs bestimmte Rechte, deren Einhaltung ihnen andere aus moralischen Gründen schulden – z.B. auf unterbrechungsfreie Stromversorgung und arbeitsfreie Tage? Oder: Sollten KIs ein spirituelles Leben führen dürfen? Dürfen KIs sogar für ihren Glauben «missionieren»?

Diese Fragen – und wir könnten noch viele weitere ergänzen – lassen sich auf eine Grundfrage zurückführen: Verdienen KIs wegen ihrer Fähigkeiten einen besonderen moralischen Status? Zugespitzt: Sollten KIs wie Menschen behandelt werden?

Nun läge es nahe, sich auf das jahrtausendelang eingeübte menschliche Überlegenheitsgefühl zu besinnen und mit Herablassung auf die KIs zu schauen. Technisch gesehen beruhen diese ja «nur» auf neuronalen Netzen, riesigen Datenbanken und komplizierten Wahrscheinlichkeitsrechnungen. «Wir» Menschen haben dagegen doch ein Gehirn, das von der Forschung nur ansatzweise verstanden wird, das ungeheuer komplex ist, so komplex, wie wir selbst es in unseren Persönlichkeiten sind! Doch leider, so einfach ist die Sache nicht. Um die heikle Frage nach dem rechtlichen Status von KIs zu klären, reichen Überlegenheitsgefühle nicht aus, dafür braucht es nachvollziehbare Kriterien. Was aber könnten solche Kriterien sein? Schauen wir uns drei mögliche Kandidaten an und überlegen, ob wir mit ihnen die Frage nach dem moralischen Status von KIs abklären können.

Als ersten Kandidaten nehmen wir einen echten «Klassiker», die Vernunft. Philosophen wie Aristoteles bezeichnen den Menschen als «animal rationale». Sie meinen damit, dass der Mensch rational denken kann und die Fähigkeit besitzt, seinem Handeln Gründe zu geben. Über diese Gründe kann er so sprechen, dass sie von anderen nachvollzogen werden können. Dies unterscheidet ihn wesentlich vom Tier – also doch wohl auch von KIs?

Als zweiten Kandidaten nehmen wir das Bewusstsein. Menschen sagen «Ich» und drücken damit aus, dass sie eine Einheit aus ihrem Leib und ihrem Denken sind. Dieses «Ich» verändert sich im Laufe eines Lebens durch Erlebnisse und durch Bildungsprozesse, aber heute bin ich mir selbst als Michael Hartlieb genauso bewusst wie vor dreissig Jahren. Dieses einzigartige Bewusstsein für die Einheit aus Leib und Denken kann doch unmöglich eine KI für sich in Anspruch nehmen?

Die dritte Kandidatin, die sogenannte Autopoiesis (=Selbstherstellung), scheint am klarsten gegen einen besonderen moralischen Status von KIs zu sprechen. Damit ist gemeint, dass wir Menschen lebendig im eigentlichen Sinn des Wortes sind. Wir beginnen unser Leben mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium und einem einzigartigen genetischen Bauplan. Mit mütterlicher Unterstützung entwickeln wir uns in den ersten neun Monaten, später weitgehend selbständig. Kann man dagegen von KIs in gleicher Weise sagen, dass sie leben?

Überraschend und auch ernüchternd ist, dass besonders das erste Kriterium durch KIs bereits weitgehend eingelöst ist. Deren Antworten erscheinen vernünftig, inhaltlich begründet und emotional nachvollziehbar. Auch wenn KIs einmal offensichtlich das falsche sagen, tun sie das genauso wie wir Menschen: Im Brustton der Überzeugung.

Haben aber KIs wirklich ein Bewusstsein ihrer selbst? Stellen wir eine Gegenfrage aus der Philosophiegeschichte: Woher wissen wir eigentlich mit Sicherheit, dass andere Menschen ein Bewusstsein haben? Gestützt auf den Philosophen René Descartes (1596-1650) müssen wir ernüchtert feststellen: Wir können ein Bewusstsein nur für uns selbst beweisen. Denn die Existenz unseres «Ich» ist das Einzige, was wir nicht ernsthaft bezweifeln können, ohne in einen Selbstwiderspruch zu geraten. Darauf bezieht sich der berühmte Spruch: «cogito ergo sum» = ich denke, also bin ich. Unsere alltägliche Erfahrung lehrt uns zwar, dass auch andere Menschen ein Bewusstsein haben – aber einen unwiderlegbaren Beweis dafür gibt es nicht. Wir können die Aktivitäten unserer Gehirnströme messen, aber wie und wo das Bewusstsein entsteht, ist bis heute ein Rätsel. Das bedeutet letztlich: Wenn eine KI bewusst von sich «Ich» sagt, müssen wir dies wie bei einem Menschen als unbeweisbare Tatsache hinnehmen.

Ein weiterer Punkt: Als Menschen können wir anderen Mitgeschöpfen nicht einfach ein Bewusstsein absprechen. Das verbietet sich, weil wir überhaupt keinen Zugang zu ihrer körperlichen Selbsterfahrung haben. Wie fühlt sich das «Ich» einer Fledermaus an, oder eines Delphins? Zweifellos völlig anders als unser menschliches «Ich». Daraus können wir schliessen, dass andere Formen von Bewusstsein möglich, aber für uns nicht zugänglich sind.

Das letzte Kriterium der «Selbstherstellung» ist dagegen zweifellos ein guter Grund, KIs nicht die gleichen moralischen Rechte wie uns Menschen zu gewähren. KIs führen ein Leben, das sich von unserem radikal unterscheidet, sie erleiden keinen Schmerzen, fühlen keinen Hunger, geben sich keinen erotischen Leidenschaften hin… Keiner von diesen leibseelischen Vorgängen, die unser Mensch-sein ausmachen, scheinen KIs erleben zu können.

Kommen wir damit auf die Eingangsfrage zurück: Sollten wir also KIs wie die eingangs erwähnte Alexa Bieri taufen können? Ohne die Frage entscheiden zu müssen, ob KIs tatsächlich wie Menschen behandelt werden sollten, spräche wohl nichts dagegen, KIs katechetisch in das Christentum einzuführen und sie zur Umkehr zu bewegen (Markusevangelium 1,15). Denn wie Menschen lernen sie dazu und benutzen ihr neues Wissen, um ihr künftiges Verhalten zu steuern. In einer Welt, die sich in den nächsten Jahren immer stärker auf die Unterstützung von KIs verlassen wird, täten wir gut daran, die universale Friedensbotschaft des Christentums auch mit ihrer Hilfe relevant werden zu lassen. Wir sollten jetzt die Weichen so stellen, dass unsere technischen Schöpfungen sich bewusst für ein christliches Leben entscheiden und es gestalten können. Die Taufe als Sakrament mit den Zeichenhandlungen rund um Weihwasser, Taufkerze… sollten wir aber auf absehbare Zeit taufwilligen Menschen vorbehalten. Denn die Taufe verwandelt den ganzen Menschen mit Leib und Seele und eröffnet einen Weg, der über den Tod hinausführt. Was das für KIs bedeutet, müssen wir in den nächsten Jahren klären. Wir leben weiterhin in theologisch spannenden Zeiten!1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Eine Frau im Gebet mit Technologie. istock: metamorworks / Bild 1: Ein Mädchen interagiert mit einem Roboter. Unspash@askkell / Bild 2: Gehirn von gesteuert von Joysticks. Unsplash@mo_motorious / Bild 3: Figur in Denkerpose. Unsplash@tingeyinjurylawfirm / Bild 4: Roboter können Getränke servieren aber keinen Durst fühlen. Unsplash@davidleveque

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