Mechthild von Magdeburg und das fliessende Licht

Das fliessende Licht der Gottheit ist eine Sprachschöpfung der Mystikerin Mechthild von Magdeburg (1207-1282/94). Das Licht wie auch das Fliessen sind Metaphern für die Unfassbarkeit Gottes. Zum anderen bringen sie eine wohltuende, heilende Kraft des Göttlichen zum Ausdruck. Du bist ein Leben meiner Lebendigkeit, schreibt Mechthild. Die Erfahrung, dass ihr eine Lebensmacht zufliesst, lässt sie mutig und widerständig die Umbrüche ihrer Zeit und ihres Lebens leben.

Ein bewegtes Leben

Mechthild kommt 1207 auf einer der vielen Burgen im Umland von Magdeburg zur Welt.1 Als Kind einer adeligen Familie wächst sie behütet auf, lernt Lesen und Schreiben, Sticken und Weben. Mit 12 Jahren, so erzählt sie später, hat sie ein Berufungserlebnis, das sie in Konflikt mit ihrer Familie bringen wird. Im Alter von 23 Jahren bricht Mechthild mit ihrem Leben als adelige Frau, sie verlässt den sicheren Raum der Burg und zieht in die Stadt, wo sie sich einer Beginengemeinschaft anschliesst. 30 Jahre lang lebt und arbeitet sie als Begine in Magdeburg. Mit 43 Jahren beginnt Mechthild nach langem Zögern ihre Gotteserfahrungen niederzuschreiben. Ihr Werk Das fliessende Licht der Gottheit entsteht in Etappen. Es löst einige Debatten aus und bringt die Verfasserin vermutlich gar vor Gericht. Wohl auch aus diesem Grund bricht Mechthild 1270 ein weiteres Mal auf. Sie verbringt den Lebensabend im Kloster Helfta, das ihr Schutz gewährt, aber auch ein neues Wirkungsfeld eröffnet. Sie wird den Nonnen zur angesehenen Lehrerin der Mystik.

Mechthild von Magdeburg, Kath. Pfarrkirche St. Gordian und Epimachus, Merazhofen, 1896 n. Chr.

Der vielliebe Gruss des Heiligen Geistes

«Ich tanze, Herr, wenn Du mich führest. Soll ich sehr springen, musst Du anfangen zu singen.» – Diesen wunderbaren Satz über den Tanz der Minne und der Erkenntnis, der Mechthilds Leben prägt, finden wir im vierten Buch des fliessenden Lichts der Gottheit.2 Von der Initialzündung ihrer Gottesbeziehung wissen wir allein, dass sie in der Pubertät Mechthilds liegt, in einer Zeit der Hellhörigkeit also, der feinen Wahrnehmung, dass das Gewohnte nicht mehr zu tragen vermag und Traditionen dem Leben nicht mehr gerecht werden. Mechthild erzählt in knappen Worten davon. Und auch hier tritt uns ein freundlicher Gott entgegen:

«in meinem zwölften Jahre [wurde ich] in überaus seligem Fliessen vom Heiligen Geiste gegrüsst… Der vielliebe Gruss kam alle Tage und machte mir herzlich leid aller Welt Süssigkeit, und er wächst noch alle Tage.»3

Hildegund Keul weist in ihrer Mechthild-Biografie darauf hin, dass die kurzen Verse mit dem zentralen Wort vom Gruss an die Berufung Marias erinnern, wie sie das Lukasevangelium erzählt.4Beide Frauen erfahren Ansehen in den Augen Gottes und erringen einen Selbststand. Für beide wird der Gruss zum Wendepunkt; sie werden «über das hinausgeführt, was an Lebensperspektiven bisher auf der Hand lag und prägend war»5. Maria singt in ihrem grossen Gotteslob, dem Magnificat, dass Gott die Armen aus dem Elend erhebe und die Reichen leer ausgehen lasse. Mechthild wiederum zeigt ein feines Gespür für die Ungerechtigkeit am Hof, wo Wohlstand auf Leibeigenschaft und Herrschaft beruht. Sie zieht in die Fremde, um dem armen Christus zu folgen.

Holzschnitt mit der Darstellung einer Begine, 1489 n. Chr., Lübeck

Die Armutsbewegung der Beginen

Mechthilds Berufungserlebnis führt sie nicht in die Klausur eines Frauenklosters, sondern in die pulsierende Stadt Magdeburg. Städte versprechen im 13. Jahrhundert eine neue Freiheit, zeigen aber auch die Kehrseite der aufkommenden Geldwirtschaft: die bittere Armut vieler. Hier in Magdeburg schliesst Mechthild sich den Beginen6 an, einer Bewegung von Frauen, die aus einer religiösen Motivation heraus nach einem alternativen Lebensstil suchen:

«…damit wählte sie [Mechthild] jene für die religiöse Frauenbewegung des 13. Jahrhunderts typische neue Lebensform zwischen ‹Gottleben und Weltleben›. Der Einzug in die Beguinage – eine wirkliche Alternative zu den traditionellen Institutionen des monastischen Lebens einerseits, der Ehe andererseits – bedeutete weitgehende Ungesichertheit der gesellschaftlichen und kirchlichen Position.»7

Marianne Heimbach weist mit diesen Worten auf die Unruhe hin, die der Aufbruch der Frauen in die Ständeordnung der mittelalterlichen Gesellschaft bringt. Die Beginen verweigern sich der Dichotomie von weltlich und geistlich: sie wollen in der Welt nach dem Evangelium leben. Es gibt keine ewigen Gelübde und wenig Regeln in ihren Wohngemeinschaften, wohl aber leben sie arm und keusch und sind an ihrer Kleidung als fromme Frauen erkenntlich. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie meist mit dem Verkauf von Handarbeiten, zudem sind sie in Krankenpflege, Sterbebegleitung oder der Arbeit mit Prostituierten tätig. In einem Beginenhaus findet Mechthild also für 30 Jahre eine neue Heimat. Die Gemeinschaft bietet ihr als alleinstehende Frau nicht nur Schutz und Solidarität, sondern ist auch so etwas wie eine religiöse Lerngemeinschaft.8 Vor allem trifft sie hier auf eine Spiritualität, die einhergeht mit konkretem sozialem Engagement. Denn sie ist überzeugt: «Nur wer sich der bedrängenden Armut der anderen stellt, kann geistlich arm werden.»9

Das fliessende Licht der Gottheit

Die Literaturwissenschaftlerin Hildegard Elisabeth Keller beginnt ihren Aufsatz zu Mechthild im Katalog der Mystik-Ausstellung im Museum Rietberg mit folgenden Worten:

«Mystische Texte öffentlich zu machen, war im Spätmittelalter für Frauen wie Männer, für Beginen wie Angehörige eines monastischen Ordens, für Deutsch- wie für Lateinisch-Schreibende nicht risikolos.»10

Was bringt Mechthild dazu, zu schreiben? Man hat sie auch schon als dreifach Ungeeignete bezeichnet.11 Zwar kann sie lesen und schreiben, doch sie ist eine Frau, ohne Förderung und Schutzraum eines Ordens, auch fehlt ihr die scholastische Bildung. «Ich wurde von diesem Buche gewarnt, und man brachte folgendes vor: Wenn man es nicht zurückhielte, könnte ein Feuer es verzehren.»12  Es ist bemerkenswert, dass Mechthild sich trotz dieser Drohung zum Schreiben durchringt. Sie erfährt sich vom Göttlichen getröstet und bestärkt – «die Wahrheit kann niemand verbrennen!» –, und auch ihr Beichtvater, der Dominikaner Heinrich von Halle, rät ihr, das Schreiben nicht zu lassen. Ihre Schriften kommen in Umlauf und rufen Begeisterung wie Ablehnung hervor. Denn, so Hildegund Keul:

«Mit der Veröffentlichung ihrer Schrift bezieht Mechthild in einer Reihe strittiger Fragen Position: die Verwendung der Volkssprache, die Autorität der Frauen in Gottesfragen, die Armut des Evangeliums. Sie […] ist sich nach langem Ringen sicher, dass es sich lohnt, die anstehenden Konflikte zu führen.»13

 

«Du meine Augenweide»

Mechthild ist die erste auf Deutsch schreibende Mystikerin.14  Ihr Werk, das ganz unterschiedliche Textformate beinhaltet, fasziniert durch Bilderreichtum und kühne Formulierungen. Überwältigt von der Flut des göttlichen Lichts droht Mechthild zunächst zu verstummen. Sie ringt lange um eine Sprache, die es ihr ermöglicht, der Stummheit zu entkommen und die intensiven inneren Erfahrungen ins Wort zu bringen. Es gelingt ihr schliesslich mit Hilfe der Sprache des Eros. Die Liebeslyrik wird der Gottesbeziehung annähernd gerecht. Die Seele ist Gottes Geliebte, die umworben und liebkost wird: «Du schmeckst wie eine Weintraube, du duftest wie Balsam, du strahlst wie die Sonne, meine höchste Liebe wächst in dir.»15 Und die Seele antwortet auf das göttliche Liebesverlangen mit ebenso zärtlichen wie paradoxen Bildern:

«Du bist mein Spiegelberg,
meine Augenweide,
der Verlust meiner selbst,
der Sturm meines Herzens,
das Zusammenbrechen und das Entschwinden meiner Kraft,
meine höchst Sicherheit.»16

Mit der Liebesmystik schliesst sich gewissermassen ein Kreis in Mechthilds Leben, hat sie doch auf der Burg dem Minnegesang und seiner Poesie gelauscht. Frau Minne zeigt ihr Wege aus der Sprachlosigkeit. Ihr Bildervorrat ist unerschöpflich und Mechthild wird zur «Sangmeisterin» der Liebe. Und doch sind es letztlich Wege in die Stille:

«So warte ich mit Hunger und Durst, mit Jagen und mit Lust bis an die spielende Stunde, da aus deinem Munde fliessen die Wort, die niemand hört denn ich. So bin ich ganz von allem Kleid entkleidet, und lege still mein Ohr vor deinen Mund. Und begreife voll der Liebe Fund.»17

Mechthilds Schriften geraten für Jahrhunderte in Vergessenheit. Wiederentdeckt wird Das fliessende Licht der Gottheit im 19. Jahrhundert in der Stiftsbibliothek Einsiedeln.18 Einem breiteren Publikum bekannt wird Mechthild jedoch durch die kirchliche Frauenbewegung. Das diakonische und theologische Handeln der Mystikerin macht ein bedeutendes Stück Frauengeschichte sichtbar. Zudem stösst Mechthilds Sprache, die den Emotionen wie auch der Leiblichkeit Raum gibt, auf grosse Resonanz.

  1. Vgl. Hildegund Keul: Mechthild von Magdeburg. Poetin – Begine – Mystikerin, Freiburg 2007 und Johannes Thiele: Mechthild von Magdeburg, in: Johannes Thiele, Luise Schottroff (Hg.): Gotteslehrerinnen, Stuttgart 1989, 69-84.
  2. «Ich tanze, Herr, wenn Du mich führest. Soll ich sehr springen, musst Du anfangen zu singen. Dann springe ich in die Minne, von der Minne in die Erkenntnis, von der Erkenntnis in den Genuss, vom Genuss über alle menschlichen Sinne. Dort will ich verharren und doch höher kreisen.» (Das fliessende Licht der Gottheit I, 44, hier in der Übersetzung von Margot Schmidt, zit. nach Hans Christian Meiser: Deutsche Mystikerinnen. Ausgewählte Texte, München 1987, S. 99-121, S. 106) Seit 2010 liegt im Verlag der Weltreligionen eine zweisprachige Ausgabe vor mit einer Übersetzung von Gisela Vollmann-Profe (Hg.): Mechthild von Magdeburg. Das fliessende Licht der Gottheit, Berlin 2010.
  3. Das fliessende Licht IV,2, zit. nach Hildegund Keul: Mechthild, S. 33 / Gisela Vollmann-Profe: Mechthild, S. 61.
  4. Vgl. Hildegund Keul: Mechthild, S. 34ff.
  5. Hildegund Keul: Mechthild, S. 37.
  6. Vgl. Dorothee Sölle: Regellos und arm, verfolgt und frei. Die Beginen, in: Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand. «Du stilles Geschrei», Hamburg 1997, S. 212-217. Die Bewegung der Beginen entwickelt sich unabhängig von der romanischen Armutsbewegung eines Franziskus und Dominikus und breitet sich von Flandern und Brabant über das Rheinland nach Mitteleuropa aus. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts werden die Frauen zunehmend abhängig von den Dominikanern. Mechthilds geistlicher Begleiter und Unterstützer, Heinrich von Halle, ist ebenfalls Dominikaner. Bei der Kirchenleitung löst die Bewegung einige Irritationen aus. Sie reagiert mit verstärkter Kontrolle. In Magdeburg fordert der Erzbischof 1261 bei Androhung der Exkommunikation von den Beginen, sich dem zuständigen Pfarrer unterzuordnen. Vgl. Hildegund Keul: Mechthild, S. 110f.
  7. Marianne Heimbach: Mystik und Sozialethik. Beobachtungen im Werk Mechthilds von Magdeburg, S. 63. https://fis.uni-bamberg.de/server/api/core/bitstreams/2e24a3a8-8fbc-4d18-99ba-baf5fa690d10/content [Zugriff 12.4.2024]
  8. Vgl. Dorothee Sölle: Regellos und arm, S. 214.
  9. Hildegund Keul: Mechthild, S. 80. Den kirchlichen Amtsträgern gibt Mechthild denn auch den Rat, täglich die Kranken im Spital zu besuchen (vgl. Das fliessende Licht VI,1).
  10. Hildegard Elisabeth Keller: Vom Fliessen des göttlichen Lichts, in: Albert Lutz (Hg.): Mystik. Die Sehnsucht nach dem Absoluten, Zürich 2011, S. 69-73, hier S. 69.
  11. So der bedeutende Mystikexperte Bernhard McGinn, vgl. Hildegund Keul: Mechthild, S. 97.
  12. Das fliessende Licht der Gottheit II,26, zit. nach Gisela Vollmann-Profe: Mechthild, S. 137.
  13. Hildegund Keul: Mechthild, S. 127. Mechthild schreckt auch nicht davor zurück, die Kirchenführung zu kritisieren, die auf die Armuts- und Frauenbewegung allein mit disziplinierenden Mitteln zu reagieren weiss. Vgl. VI,21: «O weh, Krone der heiligen Geistlichkeit, wie bist du verlorengegangen! Fürwahr, du besitzt nur noch die Hülle deiner selbst, das ist die priesterliche Gewalt; damit kämpfst du gegen Gott und seine auserwählten Freunde. Darum wird dich Gott demütigen, ehe du dich versiehst.»
  14. Das fliessende Licht der Gottheit ist uns heute als Werk mit 7 Büchern überliefert. Vermutlich veröffentlichte Mechthild schon zu Lebzeiten Teile davon. «Das Original in Mechthilds mittelniederdeutscher Sprache ging verloren. Dank dem vitalen Interesse der sogenannten Basler Gottesfreunde blieb der Text selbst erhalten, und zwar in einer Übertragung ins Alemannische, die heute im Kloster Einsiedeln aufbewahrt wird.» (Hildegard Elisabeth Keller: Vom Fliessen, S. 70) Die erste Besitzerin war die Basler Begine Margaretha vom Goldenen Ring, die es nach ihrem Tod den Waldschwestern im Finstern Wald übergab, dem heutigen Benediktinerinnenkloster Au bei Einsiedeln.
  15. Das fliessende Licht I,16, zit. nach Gisela Vollmann-Profe: Mechthild, S. 37. Mechthild knüpft damit auch an das alttestamentliche Buch «Das Hohelied der Liebe» an.
  16. Das fliessende Licht I,20, zit. nach Gisela Vollmann-Profe: Mechthild, S. 39.
  17. Das fliessende Licht II,6, zit. nach Deutsche Mystikerinnen, S. 111.
  18. Vgl. Fussnote 14.

     

    Bildnachweise: Titelbild: Licht scheint ins Wasser. Unsplash@visuallert / Bild 1: Mechthild von Magdeburg. Kath. Pfarrkirche St. Gordian und Epimachus, Merazhofen, Stadt Leutkirch im Allgäu, Chorgestühl, 1896, Bildhauer: Peter Paul Metz. Wikimedia Commons / Bild 2: Holzschnitt mit der Darstellung einer Begine, 1489 n. Chr., Lübeck. Wikimedia Commons / Bild 3: Austeilen von Lebensmittel. Unsplash@jmuniz / Bild 4: Trauben, die von der Sonne beleuchtet werden. Unsplash@tomonine

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