Sprechende Steine

Es kommt immer häufiger vor, dass Kirchengebäude aufgegeben werden müssen. Sie werden profaniert, umgenutzt oder abgerissen. Dies ist für Gemeindeglieder oftmals ein schmerzlicher Prozess. Grund genug zu fragen, was Kirchenräume uns bedeuten, welche Möglichkeiten sie bieten, aber auch wo ihre Grenzen liegen.

Kirchen faszinieren mich. Wenn ich unterwegs bin und eine Kirche oder Kapelle erblicke, suche ich sie auf und freue mich, wenn sie geöffnet ist. Ob ich dann den schattig-kühlen, bergenden Raum einer romanischen Kirche, eine lichtdurchflutete Barockkirche oder einen nüchternen modernen Kirchenkomplex betrete – es begegnet mir jeweils eine ganz andere Welt.

Haus der Menschen und Haus Gottes

Kirchenräume erzählen Geschichten, sie erzählen vom Leben und Glauben derer, die die Kirche gebaut und den Raum gestaltet haben, die früher und heute darin beten und feiern.

Die Notre Dame in Paris während ihrem Wiederaufbau

Räume, die regelmässig für Gebet oder Gottesdienst genutzt werden, strahlen oft eine besondere Atmosphäre aus, eine kaum beschreibbare Dichte und Intensität. In ihnen wenden sich Gläubige in Sorge und Dankbarkeit, in Trauer und Freude an Gott, sie geben durch Musik, Sprache, Bilder, Gesten und Riten ihrem Glauben und Hoffen Gestalt – mancherorts seit Jahrhunderten. Hier erfahren sie Gemeinschaft und gegenseitige Ermutigung, hier begehen sie biografisch bedeutsame Momente wie Taufen, Trauungen, Begräbnisse. Ein solcher Ort wird mit Bedeutung «aufgeladen». Die Gläubigen erleben ihn als von Gottes Gegenwart erfüllten Raum, als Ort, wo Gott «wohnt», als «Haus Gottes» – über die Zeit der Feier und des persönlichen Gebetes hinaus.

Man kann zu einem Kirchenraum eine Beziehung entwickeln fast wie zu einem lebendigen Wesen. Es erstaunt darum nicht, dass die Umnutzung eines solchen Raumes oftmals ein schwieriger Moment des Loslassens darstellt und mit Emotionen verbunden ist, geht die Veränderung doch mit einem Verlust an Identifikationsmöglichkeit und Beheimatung einher.

Zeugen des Glaubens

Kirchenräume bergen nicht nur kunsthistorische, sondern auch geistliche Schätze.1

Wenn wir in Kirchen beten, die Menschen schon lange vor uns gebaut haben, mag uns manches am Raum und seiner Ausstattung fremd erscheinen, weil es nicht unseren Glaubensvorstellungen und unserer Weltsicht entspricht oder schlichtweg weil sich die Ausdrucksformen und die Bildsprache im Laufe der Zeit verändern. Die Fremdheit eines Raumes regt aber auch an, eigene Glaubensüberzeugungen zu relativieren und zu erweitern, von der Glaubenssicht früherer Generationen zu lernen. Ähnliches gilt für moderne Kirchenbauten, die uns auf den ersten Blick fremd erscheinen.2

Gleichzeitig muss das, was der Raum zum Ausdruck bringt, nach theologischen Kriterien beurteilt werden. Ein bestehender Raum darf ausserdem zugunsten der aktuell feiernden Gemeinde sensibel umgestaltet werden;3 nur dann wirkt er belebt und nicht museal.

Die Kirche Saint Jacques in Leucate, Frankreich: Moderner Kirchenbau wird mit antiken Säulen kombiniert

Alte und neue liturgische Raumkonzepte

In Westeuropa herrscht seit der Antike der Kirchentyp des Langbaus nach dem Vorbild der römischen Basiliken vor. Der oftmals nach Osten gerichtete Bau lässt sich theologisch als Wegekirche deuten: Die Gemeinde ist ausgerichtet auf den kommenden Christus und – zumindest im übertragenen Sinn – zu Christus hin unterwegs.

Heute noch bildet der Grossteil der Kirchenräume die im Mittelalter entstandene kirchliche Ständeordnung ab: Die Kirche ist unterteilt in den Raum für die Kleriker oder Ordensleute (Altar- oder Chorraum) und in den Raum für die Laien (Kirchenschiff). Die beiden Räume waren bis ins 20. Jahrhundert hinein klar getrennt durch Stufen oder Schranken wie Chorgitter, Lettner oder Kommunionbank. Dem Altarraum kam als dem eigentlichen liturgischen Raum eine besondere «Heiligkeit» zu. Entsprechend war er nur Personen des geweihten Standes zugänglich.

Im Zuge der Liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts wurde diese Trennung aufgebrochen. Man schuf Raumkonzepte, bei denen die Gemeinde sich im Kreis oder Halbkreis um den Altar (und Ambo) versammelt. Damit sollte zum Ausdruck kommen, dass Christus die Mitte der Gemeinde bildet (vgl. Matthäusevangelium 18,20). Die Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965) bestätigte die Überwindung der Raumtrennung: Der ganze Kirchenraum ist Feierraum, Raum des Gebetes und der Liturgie; in ihm gibt es verschiedene Funktionsorte: der Altar für die Eucharistie, der Ambo für die Verkündigung, der Taufstein für die Taufe, der Tabernakel für die Anbetung des Allerheiligsten usw. Die Kirche als Einheitsraum entspricht der wiedergewonnenen theologischen Erkenntnis, dass alle Gläubigen aufgrund ihrer Taufe Träger:innen der Liturgie, mit anderen Worten: zur Teilnahme an der liturgischen Feier «berechtigt und verpflichtet» sind.4

Die bis heute – auch in modernen Kirchen – vorherrschende Unterscheidung zwischen Altarraum und Kirchenschiff und die damit verbundene Gegenüberstellung von Handelnden und Zuschauenden ist gerade im Kontext von Machtmissbrauch und Klerikalismus kritisch zu hinterfragen.5 Ein mögliches alternatives Raumkonzept für die liturgische Feier ist das sogenannte Ellipsenmodell, bei dem Altar und Ambo die zwei Brennpunkte bilden, um die sich die Gemeinde versammelt (Communio-Raum).6 Bei dieser Raumdisposition entsteht in der Mitte zwischen den Brennpunkten ein Leerraum, der bewusst freigehalten wird. Er symbolisiert die Unverfügbarkeit Gottes, von dem wir uns kein Bild machen sollen. Hier in diesem Freiraum „ereignet“ sich Gott unter uns und bleibt doch verborgen.

Aus Anlass eines Familiengottesdienstes wurde der Raum der Kirche Bruder Klaus Zürich temporär nach dem Ellipsenmodell eingerichtet

Spirituelle, erhebende Räume

Menschen prägen einen Raum, aber auch umgekehrt gilt: Räume prägen Menschen. Die Dichte eines Raums, in dem gebetet und Gottesdienst gefeiert wird, kann Nahrung sein für die eigene Spiritualität. Der gestaltete Raum, der uns umgibt, bildet den Rahmen, der uns zum Gebet einlädt, er erleichtert das Ruhigwerden, die aufmerksame Präsenz, er kann bergend sein und Heimat bieten.

Gleichzeitig ermöglicht das (oftmals fremde) Äussere, dem wir uns aussetzen, uns selber zu übersteigen, mehr zu werden, als wir von uns aus sein können.7

Kirchenräume wollen erhabene und erhebende Räume sein, spirituelle und inspirierende Orte. Sie weisen auf das Unverfügbare im Leben hin, auf Gott als den ganz anderen.

Sie gehören zu den wenigen öffentlichen Orten in unserer Gesellschaft, an denen es keinen «Konsumzwang» gibt, an denen keine Leistung erwartet wird, wo wir einfach da sein dürfen, ohne eine bestimmte Erwartung erfüllen oder einem Anspruch gerecht werden zu müssen. Kirchenräume sollen in jeglicher Hinsicht Obdach bieten jenen, die Schutz suchen.8

All dies macht gesonderte, nur für Gebet und Gottesdienst reservierte Räume auch heute wertvoll, selbst für Menschen, die wenig oder keinen Bezug zum christlichen Glauben haben.

Lebendige Steine

Kirchen sind Stein gewordener Glaube. Oder: versteinerter Glaube? – Bei aller Faszination für Kirchenräume und -gebäude: Sie sind nicht wesentlich für ein lebendiges Christentum. Wichtiger als die Kirche aus Stein ist die Kirche, die aus lebendigen Steinen besteht.

Christ:innen können grundsätzlich überall und zu jeder Zeit beten und Gottesdienst feiern; sie sind dazu nicht an bestimmte Orte und Räume gebunden.

Der Raum lässt sich kurzzeitig und vorübergehend einrichten, er kann während eines Gottesdienstes wechseln, etwa bei Stationsgottesdiensten und Prozessionen; der Gottesdienst kann auch unter freiem Himmel stattfinden.

Feier „draussen vor der Kirchentür“ des Netzwerkes Gleichberechtigung.Punkt.Amen

Die im Namen Jesu Christi versammelte Gemeinde selbst bildet einen Raum, in dem sich Gottesbegegnung ereignen kann. Sie versteht sich als «Tempel Gottes» (1. Korintherbrief 3,16f) und «Haus Gottes» (1 Timotheus 3,15; Hebräerbrief 3,6); jedes Glied ist ein «lebendiger Baustein», der zum Aufbau eines «geistigen Hauses» beiträgt (1. Petrusbrief 2,5).

Die ersten Christ:innen versammelten sich in den privaten Häusern ihrer Mitglieder. Erst ab dem 3. Jahrhundert nutzten sie separate Räumlichkeiten und eigene Gebäude für die Liturgie.

Dies geschah weniger um Gottes als um des Menschen willen. Denn wie für das Wohnen, Arbeiten, Essen oder Schlafen richtet der Mensch – an die Koordinaten von Raum und Zeit gebunden und sich daran orientierend – auch eigene Orte für das Beten und den Gottesdienst her und gestaltet sie auf besondere Weise. Das Wort «Raum» ist verwandt mit dem Verb «räumen». Raum ist nicht einfach vorgegeben, er muss geschaffen werden. Erst durch das Räumen, das Platzmachen entsteht Raum.9

Wohnung Gottes unter den Menschen

Wenn die Kirche Kirchen baut und weiht, dann nicht darum, weil Gott ihr an einem Ort verfügbar sein soll, oder weil Gott nur in der Kirche gegenwärtig wäre.

Das Aussparen eines Raumes dient dazu, bei den Gläubigen und in der Öffentlichkeit das Bewusstsein der bleibenden Nähe Gottes wachzuhalten. Lebendige, einladende Kirchenräume sind stumme Zeugen dafür, dass Gott Wohnung genommen hat unter den Menschen. Die Welt ist das eigentliche Haus Gottes, hier wirkt er Segen, sofern die Menschen ihm einen Platz einräumen, ihm Raum geben, «Gott einen Ort sichern» (Madeleine Delbrêl). Die Menschen sehnen sich nach Sicherheit, doch es gibt keinen sicheren Ort in dieser Welt, wenn er nicht von Gott erfüllt wäre.10

Kirche und Welt, Gottesdienst und Leben sind aufeinander bezogen. Darum können Christ:innen auch ausserhalb der Kirchenräume beten und Gottesdienst feiern. Letztlich soll ihr ganzes Leben Gottesdienst sein. Damit die Welt als Ganze wohnlich wird für alle.

  1. «Living stones» – «lebendige Steine» heisst ein internationales Projekt, bei dem junge Menschen spirituelle Kirchenführungen anbieten. Es gibt sie in über 30 Städten; vgl. etwa den Bericht aus Luzern: https://www.kath.ch/newsd/in-der-luzerner-jesuitenkirche-sprechen-die-steine/ (21.05.2024).
  2. Vgl. etwa: Andreas Nentwich / Christine Schnapp: Modern in alle Ewigkeit. Eine Reise zu den schönsten modernen Kirchenbauten der Schweiz. Bern, Zytglogge Verlag 2019.
  3. Bei Renovationen und Umbauten gilt heute der Grundsatz, dass Veränderungen reversibel sein müssen, d.h. sie müssen wieder rückgängig gemacht werden können.
  4. Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie «Sacrosanctum Concilium», Art. 14.
  5. Vgl. zum Fragenkomplex: Gottesdienst und Macht. Klerikalismus in der Liturgie. Hg. v. Stefan Böntert u.a. Regensburg: Pustet 2021.
  6. Albert Gerhards / Thomas Sternberg: Communio-Räume. Auf der Suche nach der angemessenen Raumgestalt katholischer Liturgie. Regensburg: Schnell & Steiner 2003.
  7. Vgl. Fulbert Steffensky: Der Seele Raum geben. Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung, in: ders., Schwarzbrot-Spiritualität. Stuttgart: Radius-Verlag, Neuausgabe 2006, 25-51.
  8. Vgl. die Tradition des Kirchenasyls.
  9. Vgl. Martin Stuflesser: «Wenn Steine sprechen …» Antwortversuche auf die Frage: Was ist ein liturgischer Raum?, in: Anzeiger für die Seelsorge 118 (2009) 5-9; URL: https://www.herder.de/afs/themen/kunst/wenn-steine-sprechen-antwortversuche-auf-die-frage-was-ist-ein-liturgischer-raum/ (21.5.2024).
  10. Vgl. den online-Beitrag von Martin Erdmann, veröffentlicht am 05.04.2021, URL: https://www.katholisch.de/artikel/29352-gott-einen-ort-sichern (21.05.2024).

     

    Bildnachweise: Titelbild: Eine Steinmauer mit Wörtern darauf. Unsplash@lesargonautes / Bild 1: Die Notre Dame in Paris während dem Wiederaufbau. Unsplash@taybun / Bild 2: Die Kirche Saint Jacques in Leucate, Frankreich: Moderner Kirchenbau wird mit antiken Säulen kombiniert. Unsplash@tonio77 / Bild 3: Bildlegende: Aus Anlass eines Familiengottesdienstes wurde der Raum der Kirche Bruder Klaus Zürich temporär nach dem Ellipsenmodell eingerichtet. Foto: Antonia Manderla / Bild 4: Feier „draussen vor der Kirchentür“ des Netzwerkes Gleichberechtigung.Punkt.Amen. Foto: kathbern

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