Auf der Flucht

Laut UNO sind seit Ende 2022 weit über 100 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele, wie noch nie. Auch in zahlreichen biblischen Erzählungen ist Flucht ein wichtiges Thema. Das Elend von Flüchtlingen wird ebenso eindrücklich beschrieben, wie die Hoffnung auf ein Ende der Not.

Die berühmteste biblische Flucht-Erzählung ist der Exodus (Auszug) aus Ägypten:1 Aufgrund einer schweren Hungersnot waren die zwölf «Stämme Jakobs / Israels» als eine Art Wirtschaftsflüchtlinge nach Ägypten gezogen (Genesisbuch 42ff). Dort wurden sie, wie die Josefgeschichte exemplarisch erzählt, als Arbeitskräfte zuerst geschätzt. Doch ein neuer Pharao schürte die Angst vor Fremden und liess die Hebräer mehr und mehr unterdrücken. Er schreckte dabei selbst vor der Ermordung von Kindern nicht zurück (Exodusbuch 1). Dieser Pharao hat im Exodusbuch keinen Namen, was ein Zeichen dafür ist, dass er exemplarisch für die vielen Gewaltherrscher / Diktatoren der biblischen Zeit – und darüber hinaus – gelten kann.

Befreiung

Die Exoduserzählung formuliert die Erfahrung und den Glauben, dass Gott das Elend der Unterdrückten und Versklavten sieht und auf ihrer Seite steht. Und dass Gott die Befreiung aus der Sklaverei will. Aufgrund des Engagements vieler Frauen und danach des Moses, der Mirjam und der Zippora gelingt die Flucht aus Ägypten schliesslich. Manchmal geschieht ein solches Wunder: Die als unmöglich erscheinende Befreiung aus Not und Sklaverei wird geschichtliche Wirklichkeit. – Wäre das nur immer der Fall!

Edward Poynter: Israel in Ägypten, 1867 n. Chr.

Solidarität

Die Erfahrung, selbst Flüchtling gewesen und dadurch in die Sklaverei geraten zu sein, führt in manchen biblischen Texten zu Empathie und Solidarität gegenüber Flüchtlingen und zu einem besseren Schutz für Sklav:innen: Fremdenfeindlichkeit durchzieht leider die ganze Menschheitsgeschichte und war auch im Alten Orient das Übliche. Umso mehr sind jene Aussagen zu schätzen, die sich positiv für Fremde – meist Flüchtlinge wegen Kriegen und Hungersnöten – einsetzen. In der Torah finden sich mehrere Gebote, die das tun und mit der eigenen Erfahrung begründen, wie beispielsweise im Levitikus- und im Deuteronomiumbuch:

«33 Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. 34 Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin JHWH, euer Gott.» (Levitikus 19,33-34)

«18 Er [Gott] verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung - 19 auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.» (Deuteronomium 10,18-19)

In diese Richtung weitergedacht, muss ein Ende von jeder Sklaverei gefordert und entschieden darauf hingearbeitet werden. In Bezug auf die Sklaverei geschieht dies in der Bibel der damaligen Zeit entsprechend leider noch nicht. Immerhin betont die wahrscheinlich älteste Rechtssammlung im Alten / Ersten Testament vor allem das Recht von Sklav:innen und den Schutz von sozial Benachteiligten (vgl. das Bundesbuch, Exodus 21,1-23,33).

Flucht aufgrund von Eroberungen durch Grossmächte

Die Grossmächte von Ägypten bis Mesopotamien kämpften immer schon heftig um den Landstreifen Israel-Palästina. Alle wollten ihn beherrschen, weil er eine wichtige Handels- und Verkehrsroute war und mit zahlreichen alten Städten und Häfen Anschluss ans Mittelmeer bot. Nach der Herrschaft von Hetitern und Ägyptern eroberten und zerstörten die Assyrer das Nordreich Israel (722 v. Chr.): Unzählige Menschen wurden deportiert, einige Tausend flohen ins kleinere Südreich Juda, vor allem nach Jerusalem. Doch kurz darauf wurde auch Juda zerstört. Der assyrische König Sanherib rühmt sich, 46 Städte in Juda zerstört und 200’150 Menschen deportiert zu haben. Alle Menschen, denen es möglich war, werden zudem geflüchtet sein. Juda wurde von Jerusalem abgetrennt und unter die Vasallenschaft der Philisterstädte Aschdod, Ekron und Gaza gestellt. Auch wenn die Zahlen mit Vorsicht zu betrachten sind, weisen sie doch auf das Ausmass der Zerstörung hin. Nicht anders war es rund 200 Jahre später, als die Babylonier Israel-Palästina eroberten (597-539 v. Chr.): Tausende waren zur Flucht gezwungen, Tausende deportiert und getötet, der Tempel von Jerusalem zerstört. Eine letzte Welle der Eroberung und Zerstörung in biblischer Zeit geschah durch die Römer: 63 v. Chr. wurde Israel-Palästina und der Provinz Syria zugeordnet. 70 n. Chr. zerstörte Titus den Tempel von Jerusalem. 135 n. Chr. wurde Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht und als römische Stadt namens Aelia Capitolina aufgebaut. Die Provinz Judäa wurde von den Römern nun in Provinz Syria Palaestina umbenannt.

Aelia Capitolina auf der Mosaikkarte von Madaba (Jordanien), ca. 550 n. Chr.

Kriegstraumata und Friedenshoffnung

Auf dem Hintergrund solch gewalttätiger Grossmächte, die Israel-Palästina immer wieder mit ihren Armeen überrollten und unter ihre Herrschaft zwangen, ist es nicht verwunderlich, dass Kriegstraumata und Fluchterzählungen in den biblischen Erzählungen weit verbreitet sind. Und da gibt es, wie bei allen Kriegstraumatisierten, einerseits den Schrei und Wunsch nach Vergeltung, nach Rache (beispielsweise Psalm 83,5-11; Fremdvölkersprüche in Prophetenbücher). Aber es gibt andererseits auch den Aufruf zu Solidarität mit Kriegsflüchtlingen:

«14 Bringt dem Durstigen Wasser, Bewohner des Landes von Tema! Kommt dem Fliehenden entgegen mit Brot für ihn! 15 Denn vor den Schwertern sind sie geflohen, vor dem gezückten Schwert, vor dem gespannten Bogen, vor des Krieges Schwere.» (Jesaja 21,14-15).

Und es gibt drittens die Friedenshoffnung, dass «Schwerter zu Pflugscharen» geschmiedet werden (Micha 4,3; Jesaja 2,4), mit anderen Worten: Dass nicht in Kriege investiert wird, sondern in die Ernährung aller Menschen, auf dass gar keine Flucht mehr nötig werde.

Erzeltern als Flüchtlinge

Einen starken friedensfördernden Beitrag leisten meiner Meinung nach auch die Erzeltern-Erzählungen im Genesisbuch. Wie das Exodusbuch stellen die Erzeltern-Erzählungen eine Gründungserzählung für Israel/Juda dar. Beide Gründungserzählungen waren aller Wahrscheinlichkeit ursprünglich selbständige Erzählungen und wurden erst bei der Entstehung der Torah miteinander verbunden. Wie an anderer Stelle schon beschrieben, sind die Erzeltern-Erzählung zwar als Erlebnisse von Einzelpersonen formuliert, aber mit den Einzelpersonen sind Volksstämme oder ganze Völker gemeint: So steht beispielsweise «Jakob» für das ganze Nordreich Israel, «Abraham» für Juda und Israel, Hagar steht als Mutter von Ismael für die Ismaeliter:innen, ein starker beduinischer Stämme-Verbund im 8.-6. Jh. v. Chr. und so weiter.

Zu allen Erzeltern gibt es Erzählungen, die sie als Flüchtlinge beschreiben. Eine erste Flucht wird von Abraham und Sarah erzählt: Aufgrund einer grossen Hungersnot fliehen sie nach Ägypten (Genesisbuch 12,10-20). Sie vollziehen also das, was das ganze Volk gemäss dem Exodusbuch erlebte. Anders als im Exodusbuch aber, wird der ägyptische Pharao im Genesisbuch nicht als gewalttätiger Diktator beschrieben, sondern als grosszügiger, gerechter König, währenddem Abrahams Verhalten als unehrlich und feige beschrieben wird (er gibt seine Frau als Schwester aus). Damit werden Feindbilder abgebaut und Selbstkritik geübt: Es ist auch bei Ägypten mit gerechten, ehrlichen Menschen und Königen zu rechnen, und bei sich selbst (Abraham steht für Juda/Israel) mit Fehlverhalten. Implizit wird damit für eine Friedenspolitik mit Ägypten plädiert. Explizit geschieht dies in Bezug auf die Philister.

Der Pharao gibt Sara zurück an Abraham, Isaac Isaacsz, 1640 n. Chr.

Friedensverträge mit Erzfeinden

Dass sich gemäss der Genesiserzählung sowohl Abraham und Sarah als auch Isaak und Rebekka beim Philisterkönig Abimelech in Gerar aufhielten, war in biblischer Zeit hochbrisant und ist es auch heute angesichts des Nahost-Konfliktes und des Gaza-Krieges:2 Die Philister siedelten im 12. Jahrhundert v. Chr. an der Westküste Kanaans (heutiger Gaza-Streifen) an.3 In der Zeit, wurde auch der Name «Israel» historisch erstmals fassbar. In vielen biblischen Texten werden die Philister als Erzfeinde Judas/Israels beschrieben. Der legendenhafte Kampf zwischen David und Goliath steht symbolisch für die jahrhundertelange Feindschaft (1. Samuelbuch 17,1-58). Ganz anders im Genesisbuch: Hier ist es Abraham, der sich bei Philisterkönig Abimelech falsch verhält und erkennen muss, dass es bei den Philistern durchaus positiven Gottesglauben und Redlichkeit gibt (Genesis 20,1-34). Ebenso ergeht es Isaak (Genesis 26,1-35). Die Konflikte mit den Philistern werden im Genesisbuch als Konflikte um Wasser / Wasserrechte beschrieben («Brunnenstreitigkeiten») – auch das ein massgeblicher Konfliktpunkt bis heute. Die Lösung der Konflikte wird mit einer Gebietsaufteilung und mit Friedensbündnissen zwischen den dreien erreicht, sehr schön beschrieben zwischen Isaak und Abimelech. Der Philisterkönig Abimelech kommt mit Berater und Heerführer zu Isaak und spricht:

«28…Zwischen uns und dir sollte ein Eid stehen. Wir wollen mit dir einen Bund schließen: 29 Du wirst uns nichts Böses zufügen, wie auch wir dich nicht angetastet haben; wir haben dir nur Gutes erwiesen und dich in Frieden ziehen lassen. Jetzt bist du der Gesegnete Gottes. 30 Da bereitete er [Isaak] ihnen ein Mahl und sie aßen und tranken. 31 Früh am Morgen standen sie auf und leisteten einander den Eid. Isaak entließ sie und sie schieden von ihm in Frieden.»

Eine besondere Pointe der Erzählung folgt anschliessend: Isaaks Brunnen, der bisher trocken lag und kein Wasser hatte, führt direkt nach dem Friedenschluss Wasser! Der Name des Ortes Beerscheba wird auf diesen Friedenschluss zurückgeführt. Mit all dem bringt die Erzählung die Überzeugung zum Ausdruck: Durch gerechte Gebietsaufteilungen und durch Friedensschlüsse gibt es genügend Land wie auch genügend Ressourcen (Wasser) für alle.

Die Heilige Familie auf der Flucht, Kathedrale Saint-Lazare, Antun, 12. Jh. n. Chr.

Josef und Maria fliehen mit Jesus

Die Erzählung von der Flucht aus Ägypten des Exodusbuches wird auch im Matthäusevangelium aufgenommen und auf Jesus übertragen – allerdings in einer Umkehr der Perspektiven: Ein diktatorischer Herrscher, Herodes d. Gr., ist nun in Israel an der Macht, und er setzt seine Herrschaft mit aller Gewalt durch: Mit Unterstützung des römischen Senats war Herodes König von Juda geworden (40-4 v. Chr.). In einem blutigen Krieg eroberte er Jerusalem, was seiner Beliebtheit im Volk wenig zuträglich war. Während seiner Herrschaft liess Herodes zahlreiche Paläste und Burgen errichten und baute den Jerusalemer Tempel massiv aus. Die Bauwerke des Herodes fanden weite Beachtung im römischen Reich, – doch sein Leben verlief weiterhin blutig: So liess er etwa seine zweite Frau Mariamne wegen angeblicher Untreue hinrichten – selbst hatte er jedoch insgesamt zehn Frauen. Seine Nachfolge versuchte er in seinem Sinne zu regeln und liess kurz vor seinem Tod drei seiner Söhne wegen Hochverrats hinrichten. – Es verwundert nicht, dass das Matthäusevangelium von diesem König in Anlehnung an die Exoduserzählung die Erzählung vom Kindermord zu Bethlehem entwarf (Matthäusevangelium 2): Aus Angst vor einem «neuen König» lässt Herodes Kinder ermorden. Der sogenannte Kindermord von Bethlehem ist eine Übertragung der analogen Erzählung vom Pharao in Ägypten im Exodusbuch. Das ist eine massive Kritik an Herodes und seinem Machtapparat in Israel zur Zeit Jesu, und es ist auch eine Erneuerung des Exodusglaubens: Jesus teilt das Schicksal seines jüdischen Volkes mit seiner Flucht nach Ägypten.

Gottes Solidarität verlangt nach unserer Solidarität

Die grössten biblischen Erzählungen bezeugen den Glauben und die Hoffnung, dass Gott für die Menschen in Elend und Not, für die Hungernden, die zur Flucht Gezwungenen, die Entrechteten und Ausgebeuteten einsteht, für sie Partei ergreift, mit ihnen solidarisch ist. Ethische Gebote der Torah wie des neuen Testaments (z.B. Matthäusevangelium 25,31-46) fordern von gläubigen Menschen ebenfalls die Solidarität mit allen Mitmenschen, insbesondere mit sozial Benachteiligten, wozu Flüchtlingen ganz besonders gehören.

  1. Es wird hier der biblischen Erzählung gefolgt. Für einen Überblick zu den vielen Fragen in historischer Hinsicht vgl. André Flury: Erzählungen von Schöpfung, Erzeltern und Exodus, Zürich 2018, 290-297.
  2. Dieser ist ausgebrochen mit dem Terrorangriff der Hamas am 07.10.2023 auf Israel mit über tausend Opfern aufseiten Israels sowie 240 Menschen, die als Geiseln verschleppt wurden, und dem nachfolgenden Angriff Israels auf die Hamas im Gaza-Streifen mit zehntausenden zivilen Opfern. Der Gaza-Krieg tobt auch beim Schreiben dieser Zeilen (08.06.2024) noch und ist eine humanitäre Katastrophe, in der Millionen Palästinenser:innen innerhalb des Gazastreifens zur Binnen-Flucht gezwungen sind.
  3. Vgl. Carl Ehrlich: Philister, auf: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/30904/ (08.06.2024).

     

    Bildnachweise: Titelbild: Honoré Daumier: Die Flüchtlinge, 1848-1855. Wikimedia Commons/Wikiart / Bild 1: Edward Poynter: Israel in Ägypten, 1867 n. Chr. Wikimedia Commons/ Bild 2: Aelia Capitolina auf der Mosaikkarte von Madaba (Jordanien), ca. 550 n. Chr. Wikimedia Commons / Bild 3: Der Pharao gibt Sara zurück an Abraham (Farao geeft Sara aan Abraham terug), Isaac Isaacsz, 1640 n. Chr., Öl auf Leinwand. Wikimedia Commons / Bild 4: Die Heilige Familie auf der Flucht, Kathedrale Saint-Lazare, Antun, 12. Jh. n. Chr. Wikimedia Commons

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