Hin und zurück

Echte Abenteuer sind immer auch eine Reise zu uns selbst. Ob im Märchen oder in der Bibel: Der Weg führt uns «hin und zurück» – und offenbart, dass die Rückkehr oft der wahre Anfang ist.

Was eine gute Geschichte ausmacht

Bilbo Beutlin ist nicht zu beneiden. Gandalf der Graue, Zauberer und Spezialist für Feuerwerke, empfiehlt ihn als «Meisterdieb» einer Bande von Zwergen, die ihn als Führer durch die unwegsamen Lande Mittelerdes für ihre Suche nach ihrer Heimat und nach dem verblassten Ruhm ihrer Vorfahren benötigen. Die Entscheidung Bilbos, tatsächlich die reichlich abgerissenen Zwerge zu begleiten, wird durch die Aussicht auf einen feuerspeienden Drachen am Ende des Abenteuers nicht eben erleichtert… So beginnt J.R.R. Tolkiens (1892-1973) berühmtes Buch «Der Hobbit», gefolgt später vom noch berühmteren «Herr der Ringe». In diesem spielt Bilbo nur noch eine Randrolle als ältlicher Zausel, der seine Memoiren verfasst. «Hin und zurück» (im englischen Original: «There and Back Again») – so nennt Bilbo in absurder Bescheidenheit (oder grandioser Selbstironie) seine Erinnerungen über die erlebten Abenteuer. Nur der/die Leser:in beider Bücher weiss, dass sich «Hin und zurück» keineswegs nur auf einen spontanen Gang zum Volg bezieht, um noch schnell ein Päckli Mehl zu kaufen. In diesem «Hin und zurück» verbirgt sich ganz im Gegenteil eine lebensverändernde, ja sogar schicksalsverändernde und viele Menschen betreffende Geschichte, die weit über Bilbos bescheidenen Anteil an ihr hinausreicht.

Wegweiser nach Mittelerde (Middle-Earth)

Dem Autoren Tolkien (übrigens bekennender Katholik) darf man unterstellen, dass er diesen Titel bloss imaginierter Memoiren mit einigem Bedacht gewählt hat, vielleicht sogar mit einem ganz, ganz leisen Verweis auf die Bibel. Denn auch die Bibel, so scheint es auf den ersten Blick, könnte man mit dem Titel «Hin und zurück» versehen: Zwar findet man in der Bibel keine Hobbits, Zwerge und Drachen, aber wie in jeder guten Geschichte gibt es ein «Hin» – jede Menge Reisen, spannungsvolle Erfahrungen und Abenteuer – und ziemlich häufig (nicht immer) auch ein «zurück» – eine Rückkehr von einer gefahrvollen Reise, aus einer Gefangenschaft, aus einem Exil in ein gelobtes Land. Eva und Adam, Noah, Abraham, Mose, Josef, Ruth – sie alle machen sich auf den Weg – nicht immer freiwillig – und träumen von einer Rückkehr in einen unerreichbaren Paradiesgarten, in eine dauerhafte Heimat oder zumindest in einen dauerhaften Frieden mit Gott.

Die Bibel – Eine Heldenreise mit glorreicher Rückkehr?

Wie banal, werden Sie jetzt vielleicht denken. Jede gute Geschichte baut doch darauf, dass an ihrem Beginn Menschen durch eine unvorhergesehene Wendung des Schicksals zu einem Aufbruch genötigt werden, sie vielen Gefahren trotzen müssen und sich dabei selbst verändern. Irgendwann werden sie schon wieder als Held:innen in ihre Heimat zurückkehren (wo sie übrigens oft gar nicht mehr erkannt werden, weil ihre Veränderung so vollständig ist), das kennt man doch zu Genüge!

Mit dieser Einschätzung hätten Sie auch gar nicht so unrecht: Dieses Schema aus «Aufbruch – Abenteuer – Verwandlung bzw. Entwicklung – Rückkehr» spiegelt so viele archetypische menschliche Erfahrungen und Identifikationsmuster wider, dass es weltweit in allen Mythologien, Epen und selbst Märchen zu finden ist. Zum Inhalt passend wird dieses Schema wissenschaftlich mit dem Oberbegriff «Heldenreise» oder «Heldenfahrt» bezeichnet. Hollywood wäre ohne es völlig orientierungslos, denn jeder Superheldenfilm basiert exakt auf diesem Schema des «Hin und zurück».

Aber auch wenn die Bibel in vielen ihrer Geschichten wie eine Heldenreise erscheinen mag, darf man sich nicht täuschen lassen: Wie so oft macht es uns die Bibel, macht es uns der Gott des jüdisch-christlichen Glaubens nicht ganz so einfach mit einfachen Erklärungen!

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes, Rembrandt, 1668 n. Chr.

Werfen wir doch zur Verdeutlichung einen Blick auf eine der bekanntesten Rückkehrgeschichten der Bibel, nämlich das «Gleichnis vom verlorenen Sohn» (Lukasevangelium 15,11-32). In diesem erzählt Jesus einer Gruppe von Schriftgelehrten von einem Mann mit zwei Söhnen, von denen einer sich sein Erbteil ausbezahlen lässt und in die Fremde geht. In einer «typischen» Heldenreise wäre damit der Moment gekommen, wo der zunächst selbstverliebte Sohn wilde Abenteuer erlebt, dabei geläutert wird, eine junge Prinzessin kennenlernt und wider jede Wahrscheinlichkeit ein halbes Königreich für sich gewinnt. Nicht so im Gleichnis. Der Sohn verprasst sein Vermögen, scheitert komplett mit seinen Plänen und lebt schliesslich in solcher Armut, dass ihm nur noch ein letzter Ausweg vor dem sicheren Hungertod bleibt: Er muss sich in Sack und Asche kleiden und vor das Angesicht seines Vaters treten. Also: Nichts ist es geworden mit dem erträumten grossspurigen Leben, unser trauriger Held kehrt zurück und erwartet völlig zu Recht, dass er nun der niederste Diener seines Vaters werden wird. Wir wissen, wie es ausgeht, der Vater nimmt den verlorenen Sohn – sehr zum Verdruss des daheimgebliebenen, vernünftigen und rechtschaffenen Sohnes – mit grösster Innigkeit wieder auf und lässt sogar noch ein Fest ausrichten. Die Pointe Jesu gegenüber den Schriftgelehrten ist damit eine doppelte: Es ist gar nicht so wichtig, wie der verlorene Sohn zurückkehrt, sondern dass er zurückkehrt!

Zugleich hat der rechtschaffene Sohn zu lernen, dass ihm eine Rückkehrerfahrung fehlt, die ihn die überbordende Freude seines Vaters hätte nachvollziehen lassen. Sein etwas moralinsaures Verhalten entlang der gesellschaftlichen Erwartungen und geltenden Gesetze verhindert, dass er wirklich mitfühlend wird für das Leid seines Bruders. Jesus gibt hier seinen Zuhörern nicht gerade durch die Blumen zu erkennen, was er von einer rechtschaffenen, aber blutleeren Treue zu Recht und Ordnung ohne Mitleid und Barmherzigkeit hält.

Hin, um dauerhaft zurück zu kommen

In diesem Gleichnis findet sich die Grundstimmung der Bibel, ja der christlichen Weltsicht zum Thema «Rückkehr» insgesamt angetönt. In der klassischen Heldenreise ist die Rückkehr ein Fall für den Epilog: Die Heldin oder der Held kehrt zurück, alle wundern sich über die erlebten Abenteuer, sie oder er lebt glücklich bis ans Ende ihrer/seiner Tage, Ende Geschichte. Im biblischen/christlichen Verständnis dagegen ist die Rückkehr kein Fall für den Epilog, sondern letztlich der eigentliche Schwerpunkt einer gelingenden Beziehung des Menschen zu Gott – nicht von ungefähr ist das Wortfeld «Rückkehr» einer der prominentesten und häufigsten in der Bibel. Rückkehr zu Gott – in gläubiger, ethischer, beziehungsmässiger und sogar in räumlicher Form – all das ist mitgedacht, wenn dieser Begriff fällt.

Dabei kann das Panorama gar nicht gross genug gewählt werden: Mit der Schöpfung der Welt und des Menschen als Gottes Ebenbild wird jener zugleich in die Freiheit entlassen, seine eigenen Wege zu gehen. Die Welt der Freiheit ist die Welt des Abenteuers, der unwiderstehlichen und zugleich der lebensfeindlichen Gefahren. In ihren Büchern und mit den Beispielen zahlloser Protagonist:innen – Einzelpersönlichkeiten, Prophet:innen, Gruppen und sogar Völkern – macht die Bibel deshalb deutlich, dass eine zu grosse Distanzierung von Gottes Idee der Schöpfung und von menschlichem Miteinander äusserst problematisch ist, Gott seinem Beziehungsangebot aber grundsätzlich die Treue hält – wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ernst gemeinte Rückkehr zu Gott und seinen Anliegen führt zur Barmherzigkeit, egal, wer da kommt und mit welchem «Rucksack» an Lebenserfahrungen auf dem Rücken.

Rückkehr ist in diesem Sinne auch nicht als Epilog einer Geschichte zu verstehen, sondern als eine dauerhafte Aufforderung; eine Aufforderung an alle Menschen, sich bei aller persönlichen Freiheit und Gestaltungskraft der lebensbejahenden Orientierung an der Bewahrung der Schöpfung und der menschlichen Solidarität zu entsinnen. Rückkehr ist – christlich gesehen – ein Lebensprozess, im Kleinen wie im ganz grossen. Denn die Bibel endet mit dem Hoffnungbild der «Rückkehr» der ganzen Schöpfung zu Gott und ihrem abschliessenden Heilwerden. Rückkehr ist kein Abschluss, sondern der Anfang von etwas ganz Neuem. Wenn das keine erfreulichen Aussichten sind. Hin – zurück – und weiter!

In diesem Sinne schauen wir uns in einem bald folgenden zweiten Teil zu den biblischen Rückkehrgeschichten einige weitere Beispiele an und fragen insbesondere auch danach, was Rückkehr scheitern lässt.1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Thomas Cole, the Return (die Rückkehr), Öl auf Leinwand 1837, National Gallery of Art Washington. Corcoran Collection / Bild 1: Wegweiser nach Middle-Earth (Mittelerde). Unsplash@jannerboy62 / Bild 2: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes, Rembrandt , 1668 n. Chr., Öl auf Leinwand, heute im Ermitagemuseum in St. Petersburg / Bild 3: Strassenschild. Unsplash@wilsonjim

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