Der Herr der Rückkehr

In den Sommerwochen ist es wohl das wichtigste Smalltalk-Thema – sich nach den Reisezielen des Gegenübers zu erkundigen: «… und Ihr fahrt doch sicher wieder an die Atlantikküste, oder?» Zum guten Ton gehört es auch, sich beim nächsten Treffen über die Ferienerlebnisse zu informieren und sich begeistert über die Fotos zu zeigen, die man unterdessen auf Instagram gesehen hat. Man tauscht sich über lustige oder unerwartete Begebenheiten aus, teilt Tipps zu günstigen Hotels oder verteufelt den schlechten Service eines Restaurants… Diese Vorgänge sind so eingespielt und vorhersehbar, dass wir das eigentlich Erstaunliche an ihnen gar nicht mehr bemerken: Wie sehr Reisen zu unserem Alltag dazu gehören und eine gefahrlose Rückkehr wie selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Exotik ja – Gefahr nein

Dass dies keineswegs die menschlichen Erfahrungen aus Jahrtausenden widerspiegelt, haben wir bereits im ersten Teil zu den (biblischen) Rückkehr-Geschichten gesehen: Die «Heldenreise», die wir in ihren zahlreichen Variationen – in Geschichten, Filmen und sogar in der Musik – kennen und lieben, zeigt nämlich vorrangig die Gefahren einer Reise und, wenn alles gut geht, ihre lebensverändernde Kraft auf. Die Sehnsucht nach dieser Kraft ist uns zwar nicht verloren gegangen, wie der schöne Begriff «Fernweh» zeigt. Aber sie ist für die meisten von uns eingehegt auf einen Nervenkitzel, der bestenfalls im Sinne des Reiserechts versichert ist. Exotisch soll das Reiseziel sein, aber bitte ohne sich dabei den Magen verderben oder die Bekanntschaft mit Armut und (zu) wildem Getier machen zu müssen. Das ist aber gar nicht als wohlfeile Kritik am Massentourismus zu verstehen.

Wohl niemand würde sich freiwillig auf einen biblischen Kreuzfahrturlaub mit der «MS Arche Noah» einlassen oder das Wandererlebnis «Exodus aus Ägypten» mit 40 Jahren in der Wüste buchen; unser Reisen, unsere Sehnsucht auf Rückkehr sind nicht aus schreiender Not geboren. Ganz im Gegenteil sind sie der notwendig gewordene Ausgleich zu einem Leben, das in seiner zivilisatorischen Gleichförmigkeit und fast vollständigen Sicherheit nur wenige geduldete Möglichkeiten kennt, die eigenen Batterien abseits von Werk- und Schulbank wieder aufzuladen. Unter fast allen unseren Reisen könnte dementsprechend als Slogan stehen: «Deine Rückkehr von einer atemberaubenden Reise: Zu 100% sicher! (Denn wir brauchen Dich frisch und munter wieder zurück im Arbeitsleben)»

Eine Rückkehr: Kein Automatismus!

Doch mit diesen 100% ist es so eine Sache. Einige Erzählungen in der Bibel wollen deutlich machen, dass die Rückkehr (wie so vieles) in Gottes Hand liegt, nicht durch menschliches Tun erkauft, erzwungen oder garantiert werden kann – und dies häufig aus Gründen, die uns Menschen vor grosse Rätsel stellen. In diesem Sinne ist dieser Beitrag ein notwendiges Korrektiv zum 1. Teil, in dem «Rückkehr» als ein facettenreiches und sehr positives Grundthema der Bibel vorgestellt wurde. Sie bedeutet je nach Kontext eine Wiederherstellung der Beziehung mit Gott, die Ankunft in einem verheissenen oder Heiligen Land oder sogar – nach dem Tod – Rückkehr zu Gott selbst und zu seinem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.

Die folgenden Zeilen wollen nun aber zur Vorsicht mahnen: Eine solche Rückkehr ist kein Automatismus und auch nicht der garantierte Abschluss einer Pauschalreise namens menschliches Leben.

Kein Anspruch auf Sicherheit, es gelten die speziellen AGB Gottes! – dies macht die Bibel bereits in ihrer zweiten Geschichte klar. Was ist passiert? Kain kehrt vom Feld zurück, sein Bruder Abel aber nicht. Gott konfrontiert Kain mit dem ausbleibenden Bruder, aber Kain antwortet ausweichend mit einem der traurigsten Sätze der Bibel: «Bin ich der Hüter meines Bruders?» Zu diesem Zeitpunkt wissen wir Leser:innen längst, dass Abel erschlagen von des Bruders Hand in seinem Blut liegt, für ihn hat seine Lebensreise kein gutes Ende genommen. Was will uns die Geschichte sagen? Sie zeigt natürlich auf, dass Menschen grundsätzlich in der Gefahr stehen, sich von ihren Emotionen zu blindem Hass verleiten zu lassen (Genesis 4,5: «Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.»). Mehr noch steht aber eigentlich das Verhalten Gottes im Vordergrund – oder besser: Das irgendwie rätselhafte Verhältnis von Gott und Mensch. Das erfahren wir beim Blick auf die Vorgeschichte der Ermordung Abels: Kain wird als Ackerbauer vorgestellt, sein Bruder als Schafhirte. Beide bringen ein Opfer dar. Gott nimmt aber nur das Opfer von Abel an, nicht das von Kain. Gründe hierfür nennt die Bibel keine, und wir dürfen annehmen, dass der Opfergegenstand (Feldfrüchte oder Fleisch) für Gott keine relevante Rolle gespielt haben dürfte.

Kain und Abel bringen ihre Opfergaben, Joseph Vernet (1714–1789 n. Chr.)

Hier geht es auch ganz offensichtlich nicht darum, warum nun Gott den Abel seinem Bruder Kain vorzieht. Die Geschichte möchte vielmehr zeigen, dass Gott in Freiheit handelt und sich nicht durch ein bestimmtes Opfer zu einer bestimmten Handlung «gezwungen» sieht. Gott entscheidet frei über seine Sympathie und Antipathie, auch wenn uns das fürchterlich unfair vorkommt. Dass Abel nicht vom Feld zurückkehren kann, ist damit also nicht nur ein Charakterfehler des mordlüsternen Kains; es ist aus der Perspektive der Bibel ein mögliches Resultat, welches das Zusammenspiel eines freien Gottes mit freien Menschen und ihren individuellen Emotionen mit sich bringt.

Diese Ambivalenz zeigt sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte. Wir würden nun erwarten, dass Gott Kain für den Mord an seinem Bruder richtet. Doch genau dies geschieht nicht. Kain wird von Gott zwar verflucht und muss den Ackerbau aufgeben, aber Gott schützt ihn zugleich mit dem «Kainsmal» vor Verfolgung und Ermordung. Wir müssen mit unserer menschlichen Logik leicht ungläubig festhalten: Einer kehrt unschuldig nicht zurück und bleibt aus unserer Sicht ungesühnt, der andere kehrt zurück und darf sein Leben – wenn auch ich in neuer Form – weiterführen; es ist doch schon sehr merkwürdig mit diesem Gott! Positiv ausgedrückt: Der Mensch hat sein Schicksal nicht in seiner Hand, auch über die Art und Weise der Rückkehr verfügt nur einer – Gott.

Propheten: Ermöglicher der Rückkehr

Schauen wir noch auf eine weitere recht eindrückliche Rückkehr-Geschichte in der Bibel, nämlich diejenige von Moses. Eingebettet in die für Israel so überaus wichtige und identitätsstiftende Erzählung vom Auszug aus Ägypten ist seine Rückkehr in das verheissene Land kein triumphaler Einzug, sondern… sie findet überhaupt nicht statt! Keine Frage, das erscheint höchst unfair, zumal das Buch Deuteronomium festhält: «Mose war hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Sein Auge war noch nicht getrübt, seine Frische war noch nicht geschwunden.» (Deuteronomium 34,7) Die Bibel stellt Moses als einen Mann vor, der über Jahrzehnte gegen alle Anfeindungen und Aufstände an seiner Aufgabe festhält, das Volk Israel in das verheissene Land zu führen. Und nun darf er es nicht einmal betreten, sondern nur noch sehen? Wie können wir das einordnen? In einigen Kommentaren zu dieser Stelle kann man lesen, dass Moses seine Aufgabe vollbracht hätte und deswegen nun abberufen wird – im doppelten Wortsinne. Aber diese Vorstellung vermag nicht überzeugen. Sollten wir uns Gott etwa als Marionettenspieler vorstellen, der uns Menschen gemäss unserer Aufgaben im Weltentheater bewegt?

Salzburger Marionettentheater

Eine spannende andere Lösungsmöglichkeit für dieses Rätsel findet sich wenige Zeilen später: Moses wird dort als grösster Prophet Israels bezeichnet (Deuteronomium 34,10). Ein Prophet Israels ist jemand, der anderen durch sein Vorbild und seine Botschaft eine sichere Rückkehr ermöglicht – zurück in die Beziehung zu Gott, in das Gesetz Gottes, oder in diesem Fall: In das verheissene Land, das noch so viel mehr meint als einen geographischen Raum. Propheten sind Ermöglicher der Rückkehr mit sozusagen göttlichem Auftrag: Sie bringen Menschen auf den Weg und gehen ein Stück mit ihnen, damit jene selbständig zurück zu Gott finden. Dies eben hat Moses auf herausragende Weise geleistet.

Damit schliesst sich selbstverständlich kein Bogen zu unserem Erfahrungsraum, denn wir sind nicht wie das Volk Israel auf der Suche nach dem gelobten Land. Es öffnet sich aber eine Perspektive auf die Bedeutung des «prophetischen Amts», das wir Christ:innen mit unserer Taufe erhalten haben. Alle Christ:innen dürfen sich als Ermöglicher:innen von Rückkehr verstehen; wir sind im grossen Welttheater keine Statisten, die eine Rolle ausfüllen – sondern wir alle sind auf unserer ganz freien und persönlichen Heldenreise, um für andere und gemeinsam mit anderen eine grosse Reise inklusive Rückkehr auf Gott hin zu ermöglichen – inklusive uns selbst.

Wenn das mit der Bescheidenheit des bereits erwähnten Bilbo Beutlins gelingt und wir unsere eigene Lebensreise einmal mit «Hin und zurück» betiteln, dann ist dieses Vorhaben sicher nicht schlecht geglückt. In diesem Sinne sei Ihnen eine schöne Sommerreise und eine gesegnete Rückkehr gewünscht!1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Wohin führt seine Heldenreise? Persönlich, für andere und gemeinsam mit anderen… iStock/Juanmonino / Bild 1: Hotel und Kreuzfahrtschiffe auf den Bahamas. Unsplash@aeonzerox / Bild 2: Kain und Abel bringen ihre Opfergaben, Joseph Vernet (1714–1789 n. Chr.), Öl auf Leinwand, heute im Crocker Art Museum, Sacramento. Wikimedia Commons / Bild 3: Puppensiel im Salzburger Marionettentheater. Unsplash@freewalkingtoursalzburg

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