Dialog und Geschwisterlichkeit stehen quer in unserer Zeit, in der aktuell wieder eine Ordnung des Stärkeren etabliert wird. Nichtsdestotrotz erinnerte der verstorbene Papst Franziskus unermüdlich daran, im Wissen, dass nur auf diesen Wegen eine Zukunft in Menschlichkeit und Frieden möglich sein wird. Der Bischof von Rom knüpfte damit an das vor 60 Jahren zu Ende gegangene Konzil an.
Das Konzil als Wagnis des Dialogs
Kardinal König beschrieb die katholische Kirche in den Jahrzehnten vor dem Konzil im Rückblick als ängstlich. Sie habe sich gefürchtet vor Fragen und ihrer Dynamik, einseitig Normen betont und gemeint, als Kirche für alles eine fertige Antwort zu haben, so dass sich Fragen erübrigten.1 Eine Kirche aber, die das Suchen und Fragen der Menschen ignoriert und Dialog negiert, verliert ihr Herz. Das von Papst Johannes XXIII. einberufene Konzil (1962-1965) brach in die geschlossene Fraglosigkeit ein und öffnete die Fenster weit. Die Kirche wurde wieder zu einem Raum, in dem man atmen kann.

Das Konzil verstand Kirche neu als eine Gemeinschaft unterwegs und sah sich selbst, die institutionelle katholische Kirche, als Teil eines grossen pilgernden Gottesvolkes. Sie begriff sich nicht mehr nur als (be)lehrende Kirche, sondern auch als lernende Gemeinschaft2
und bestimmte das Verhältnis von Kirche und Welt dialogisch. So bilanzierte der hochbetagte Kardinal König, selbst ein Konzilsteilnehmer:
«Das Konzil hat das alles geändert. Wir glauben nicht mehr, dass es ausserhalb der Kirche keine Wahrheit gibt, heute weniger denn je; wir sind ein wenig bescheidener geworden. Die letzte Wahrheit ist Gott allein. Durch den Dialog suchen wir die göttliche Wahrheit in unseren Mitmenschen – die alle Geschöpfe Gottes sind.»3
Mit rund 2500 Bischöfen und Kardinälen war die Konzilsversammlung in sich ein Grossereignis des Dialogs. Und die wachsende, aber noch kleine Zahl von Kirchenvertretern aus Afrika, Asien und Lateinamerika brachte die Welt in ihrer kulturellen Vielfalt ansatzweise ins Spiel.
Was heisst Dialog?
Dialog ist kein Wettstreit. Es geht nicht darum, Recht zu behalten und seine Meinung durchzusetzen, sondern aufeinander zu hören, sich einzugeben, vermeintliche Wahrheiten abzubauen und so gemeinsam voranzuschreiten. Ziel ist es, in einem offenen Prozess zu einem vertieften Verständnis und einer grösseren Erkenntnis zu finden. Neben der Lernbereitschaft ist die respektvolle Haltung dem anderen gegenüber wesentlich. Papst Paul VI., der in seinem Antrittsschreiben die Konzilsversammlung zum Dialog einlud, sprach gar von Freundschaft und Dienst am anderen:
«Noch bevor man spricht, muss man auf die Stimme, ja sogar das Herz des Menschen hören; man muss ihn verstehen und, soweit möglich, achten und, wo es stimmt, ihm auch Recht geben [là où il le mérite, aller dans son sens]. Wir müssen Brüder der Menschen werden… Das Klima des Dialogs ist die Freundschaft, ja der Dienst.»4

Die Bereitschaft, in einer solch dialogischen, d.h. offenen, interessierten und wertschätzenden Haltung auf andere zuzugehen, findet ihre Begründung im Glauben. Als Christinnen und Christen sind wir zu einer geschwisterlichen Haltung aufgerufen; der Glaube drängt und motiviert zum «Dienst am Nächsten». In diesem Sinne ist Dialog auch immer mehr als Gespräch.
Als Dialogpartner:innen kommen im Konzil die Mitgläubigen wie auch die Andersgläubigen und die Menschen ohne Glauben in den Blick.
Interreligiöser Dialog
Die Konzilserklärung «Nostra Aetate. Über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen» wird von manchen als ein Wunder bezeichnet.5 Damit spielen sie auf den Entstehungsprozess des Textes an: Dass die Erklärung zustande kam trotz der Schwierigkeiten und trotz der Versuche, bis zuletzt den Dialog durch Verleumdung und antisemitische Aktionen zu sabotieren. Andererseits wird damit auch ausgedrückt, dass Nostra aetate ein Neuanfang ist, den man als geistgewirkt bezeichnen darf. Die katholische Kirche revidierte ihre Haltung und ihr Verhältnis zu den Religionen, insbesondere zum Judentum, und stellte es auf einen neuen Boden.6
In Nostra aetate begegnet die katholische Kirche den Religionen mit einer Haltung der Achtung und Ehrfurcht:
«Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.»7

Das Konzil hält fest, dass Religionen Wahres und Heiliges beinhalten, ja, dass sich Religionen einer authentischen Erfahrung mit dem Göttlichen verdanken. Das Gottesverhältnis wird nicht nur einzelnen Menschen zugesprochen. Es sind die Religionen mit ihren Traditionen und Riten, die als Ort der göttlichen Gnade gesehen werden. Diese Anerkennung gründet u.a. in einer heilsgeschichtlichen Sicht. Die Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt nicht erst mit Abraham oder Mose. Im Zeugnis der anderen Religionen kommt uns Gottes Geist entgegen. Da Religionen auch Menschenverachtung und Gewalt transportieren, ist und bleibt das Kriterium Christus, wie das Konzil formuliert. Damit ist nicht gemeint, dass die katholische Kirche nur das anerkannt, was mit dem Eigenen übereinstimmt, sondern dass der Massstab für das Wahre und Heilige in den Religionen – das Christentum miteingeschlossen –, die menschliche Würde ist.
- Vgl. Franz König / Jacques Dupuis SJ: Unterwegs zu einem Dialog der Religionen, in: Stimmen der Zeit 4/2008, S. 232–244.
- Vgl. die Pastoralkonstitution «Gaudium et Spes. Über die Kirche in der Welt von heute», Nr. 44. https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html
- Franz König / Jacques Dupuis SJ: Unterwegs.
- Enzyklika Ecclesiam suam 87 von Papst Paul VI., zitiert nach Felix Körner SJ: Das Dialogverständnis der katholischen Kirche. Eine theologische Grundlegung, in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 101 (2017), S. 78-93, hier 79f. Körner bezeichnet die Enzyklika als Magna Charta des Dialogs der katholischen Kirche.
- Vgl. Andreas Renz: Die katholische Kirche und der interreligiöse Dialog. 50 Jahre «Nostra aetate»: Vorgeschichte, Kommentar, Rezeption, Stuttgart 2014, S.125ff.
- Andreas Renz weist darauf hin, dass die Erklärung als einziges Konzilsdokument keine kirchlichen Dokumente zitiert, sondern allein biblisch argumentiert. Vgl. Andreas Renz: 50 Jahre «Nostra aetate», S. 127.
- Erklärung «Nostra Aetate. Über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen», Nr. 2
https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_ge.htmlBildnachweise: Titelbild: Mehrere Frauen machen Herzen mit ihren Händen. Unsplash@melissaaskew / Bild 1: Eine Gruppe ist auf einer Wanderung. Unsplash@lukeporter / Bild 2: Aus einer Hand mit einem Herz fliesst eine Wolke mit Herzen, Sternen und Blumen. Wandmalerei. Unsplash@kpypla / Bild 3: 4. Interreligiöses Gebet für den Weltfrieden in Assisi am 27. Oktober 2011. Wikimedia Commons: Stephan Kölliker
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