Filme zeigen das Unsichtbare

Glauben bezieht sich auf eine Wirklichkeit, die nicht sichtbar ist. Filme zeigen das Unsichtbare hinter den Dingen. So ist auch das Locarno Film Festival ein Ort, wo Glauben auf der Leinwand stattfindet.

Filme und Kunst allgemein zeigen oft Dinge, die man nicht direkt sehen kann – Gefühle, Gedanken oder Hoffnungen. Auch wenn wir im Kino konkrete Bilder sehen, geht es dabei oft um etwas, das tiefer liegt: das Unsichtbare wird sichtbar. Ein Film erzählt zwar eine Geschichte mit Bildern. Doch diese Geschichte berührt innere Zustände wie Liebe, Angst, Freundschaft oder Ungerechtigkeit.

Von Jean-Luc Godard stammt der berühmte Satz: «Film ist 24-mal Wahrheit pro Sekunde.». Der Satz stammt aus einer Zeit, in der auf Zelluloid gedreht wurde und dabei 24 Bilder pro Sekunde durch die Kamera liefen. Für Godard hatte jedes einzelne Bild seine eigene Wahrheit. Der deutsche Regisseur Rainer Werner Fassbinder hat den Satz später umgekehrt zu: «Film, das ist 25-mal in der Sekunde Lüge.» Und der österreichische Meister des abgründigen Kinos, Michael Haneke, machte daraus: «Film ist 24-mal Lüge pro Sekunde, aber vielleicht im Dienste der Wahrheit.» – Diesen Regisseuren geht es dabei nicht nur um Wahrheit und Lüge. Sie wollen die Wahrheit der Bilder hinterfragen. Das ist im Zeitalter der digitalen KI-Bilder eine der wichtigsten Aufgaben eines Filmschaffenden.

Ausschnitt aus dem Film Akiplėša (Toxic) von Saulé Bliuvaité

Hinter die Leinwand schauen

Ein Film kann zeigen, warum Menschen handeln, wie sie handeln. Er hilft uns, die Beweggründe zu verstehen, die oft verborgen bleiben. Dabei nutzt der Film Bild, Ton, Stille und Bewegung. So werden wir als Zuschauende eingeladen, tiefer zu gehen – über das Leben, über sich selbst und über andere nachzudenken. Das gilt für Film, Literatur und auch für andere Formen der Kunst.

Bevor ein Film auf der Leinwand zu sehen ist, gibt es ein Drehbuch. Dieses Drehbuch muss verfilmt werden, damit der Film lebendig wird. Und erst, wenn Menschen den Film anschauen, bekommt er seine volle Bedeutung. Denn ein Film kann nur wirken, wenn jemand ihn sieht, hört und auf sich wirken lässt. Jede:r Zuschauer:in nimmt etwas anderes wahr, je nach der eigenen Lebenserfahrung. Unsere Aufgabe als Zuschauende ist es, genau hinzuhören und wahrzunehmen, was der Film uns sagen will.

Preisverleihung der ökumenischen Jury am Locarno Filmfestival für den Film Akiplėša (Toxic) von Saulé Bliuvaité

Preis der ökumenischen Jury von Locarno

Ein gutes Beispiel dafür ist der Film Akiplėša (Toxic) von Saulé Bliuvaité aus Litauen. Dieser Film hat 2024 den Preis der ökumenischen Jury in Locarno bekommen – und auch den Goldenen Leoparden, den Hauptpreis. Er erzählt von jungen Mädchen, die unter dem Druck leiden, in ein Schönheitsideal zu passen. Sie streben eine Model-Karriere an. Sie trainieren und hungern, um in das Ideal zu passen. Sie werden von einer Welt bewertet, die nur auf Geld schaut und Menschen wie Ware behandelt. Der Film zeigt aber auch den Mut dieser Mädchen, ihre Freundschaft, ihren Willen zur Freiheit. Obwohl die Geschichte in Litauen spielt, betrifft sie uns alle – denn ähnliche Kämpfe gibt es überall auf der Welt, auch bei uns.

Film zeigt Leiden und Hoffnung

Ein solcher Film öffnet uns die Augen. Er zeigt nicht nur das Leiden der Mädchen, sondern auch die Hoffnung. Er kann uns helfen, mehr Mitgefühl zu entwickeln. Und er erinnert uns an eine andere Art von Schönheit: nicht die sichtbare, äussere, sondern eine, die aus dem Inneren kommt – aus Liebe, Glaube und Mut.

Ausschnitt aus dem Film Akiplėša (Toxic) von Saulé Bliuvaité

Die christlichen Kirchen sind am Filmfestival Locarno präsent, weil sie genau an diesem Austausch mit der Kultur, mit den Filmen und Filmschaffenden interessiert sind. Die ökumenische Jury sucht seit mehr als fünfzig Jahren nach Filmen, die menschliche Werte vertreten. Filme, die spirituelle oder religiöse Dimensionen erforschen. Da gibt es Filmschaffende, die uns das Unsichtbare der Welt erschliessen und damit einen Blick hinter die offensichtlichen Dinge werfen.

Für Christinnen und Christen ist das sehr bedeutsam. Denn unser Glaube schaut genau auf das, was oft verborgen bleibt. Christus hat jedem Menschen eine unantastbare Würde gegeben. Darum sollen auch wir Menschen achten, die am Rand stehen, die verletzt oder übersehen werden. Ein Film wie der Preisträger von Locarno kann uns helfen, mit dem Herzen zu sehen – und dadurch dem Evangelium näher zu kommen.

Das Locarno Film Festival fand vom 6.-16.08.2025 statt: www.locarnofestival.ch.1

  1. Bildnachweise: Titelbild und Bilder 1 und 3: Auszüge aus dem Film Akiplėša (Toxic) von Saulé Bliuvaité / Bild 2: Preisverleihung der ökumenischen Jury am Locarno Filmfestival für den Film Akiplėša (Toxic) von Saulé Bliuvaité

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