«Verstehst du auch, was du feierst?» – Von der Sprache in der Liturgie

Vor 60 Jahren ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Eine der bedeutsamsten Entscheidungen mit unmittelbaren Auswirkungen auf die religiöse Praxis war die Zulassung der Volkssprachen in der Liturgie. Trotzdem bleibt die Frage: Verstehen wir auch, was wir da feiern?1

Was uns heute selbstverständlich erscheint, war damals ein epochaler Schritt. Zwar gab es schon vor dem Konzil volkssprachliche Elemente in der Liturgie, etwa bei der Taufe oder der Trauung; im deutschen Sprachgebiet feierte man mancherorts sonntags eine deutsche Vesper. Seit Jahrhunderten aber erachtete die römische Kirche nur das Latein als der Liturgie würdig; es zählte zusammen mit Hebräisch und Griechisch zu den «heiligen Sprachen».

Dialog zwischen Menschen und Gott

Der Entscheid zugunsten der Volkssprachen war konsequent: Wenn alle, die zum Gottesdienst versammelt sind, die Liturgie mittragen, wenn sie «tätig, bewusst und voll» daran teilnehmen sollen, wozu sie, wie das Konzil sagt, «kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet» sind (Liturgiekonstitution Nr. 14), dann setzt dies voraus, dass sie verstehen, was gesagt wird, und dass sie die Möglichkeit haben, darauf in ihrer jeweiligen Sprache, ihrer Muttersprache, zu antworten.2 Es geht im Gottesdienst ja nicht darum, einen Text korrekt zu deklamieren oder ein sakrales Programm abzuspulen, sondern es geht um einen lebendigen Dialog, um die Begegnung zwischen Menschen und mit Gott.3

Kreativer Aufbruch

In den Jahren nach dem Konzil herrschte liturgische Aufbruchsstimmung. In den verschiedenen Sprachregionen übersetzten Liturgiekommissionen und andere Fachgremien die lateinischen Gebete und Riten der Liturgie in die Volkssprache oder schufen neue Gebete in der Volkssprache. Ein gelungenes Beispiel dafür ist das sogenannte «Schweizer Hochgebet», das 1974 anlässlich der Synode 72 der Schweizer Bistümer zunächst in deutscher Sprache verfasst wurde.4 Um Kindern das Verständnis der Messe zu erleichtern, erlaubte das Kindermessdirektorium5 altersgerechte Texte; 1975 erschienen die Hochgebete für Messfeiern mit Kindern. In Ländern ohne volkssprachliche Kirchenliedtradition entstand eine Vielzahl an neuen Gesängen.

Bleibende Distanz

Doch schon bald machte sich eine gewisse Ernüchterung breit. Es zeigte sich: Die Liturgie in der Volkssprache zu feiern, führt nicht automatisch dazu, dass die beteiligten Personen alles ohne Weiteres verstehen. Nicht wenigen blieb die Liturgie fremd.

Das liegt zunächst in der Natur der Sache. In der Liturgie soll und darf das Leben und die Glaubenssituation der Feiernden zur Sprache kommen. Gleichzeitig aber geht es um mehr: Wir feiern Liturgie nicht nur zur Bestätigung des eigenen Glaubens, sondern setzen uns im Gottesdienst je neu dem Anspruch des Evangeliums aus, um im Glauben zu wachsen. Wir stellen uns in die Gegenwart Gottes, der sich nach christlichem Verständnis in der Geschichte seines Volkes und besonders in Jesus Christus offenbart hat, der aber immer auch der ganz Andere und Unverfügbare bleibt. Diese Distanz zeigt sich nicht zuletzt auch in der liturgischen Sprache.

Biblische Sprache

Liturgie bleibt auch in der Volkssprache anspruchsvoll. Ihre Sprachspiele müssen erschlossen und eingeübt werden (etwa in der Katechese, in der Predigt, im Glaubensgespräch). Die zumeist biblischen Bilder, Motive und Begriffe stammen aus einer völlig anderen Kultur und werden immer ein Stück weit fremd bleiben. Doch sie sind für eine christliche Liturgie nicht aufgebbar. Wörter wie «Gnade», «Heil», «Barmherzigkeit», aber auch biografisch und kirchengeschichtlich belastete Begriffe wie «Sünde» oder «Opfer» lassen sich kaum eins zu eins ersetzen, ohne ihre Bedeutungsfülle zu schmälern und den Erfahrungsschatz von Generationen, den sie transportieren, zu verlieren.

Wir werden in der Liturgie immer wieder Wörtern und Formulierungen begegnen, die wir nicht unmittelbar verstehen, die uns befremden oder uns sogar anstössig erscheinen. Gerade dann bietet sich die Gelegenheit, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen und im Idealfall eine Dimension des Glaubens für uns neu zu entdecken.

Das Beispiel der Psalmen

Insbesondere die Psalmen können eine Brücke schlagen zwischen der Welt der Bibel und dem Denken und Empfinden von Menschen des 21. Jahrhunderts. In ihnen kommt die ganze Breite menschlicher Emotionen in kraftvoller Sprache zum Ausdruck, von Freude und Jubel bis zu Trauer und Klage.6 Andererseits bilden die Psalmen eine Art Quintessenz der biblischen Botschaft, sie gelten als Bibel im Kleinen. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Liturgie in Gebeten und Liedern häufig Psalmen zitiert oder paraphrasiert.

Psalmen-Gesangstafel in einer niederländischen Kirche

Liturgische Sprache im Spannungsfeld

Die Sprache der Liturgie muss vielfältigen Anforderungen genügen. Sie ist nicht Alltagssprache, sondern religiöse, biblisch inspirierte Sprache. Sie soll zugänglich sein, aber nicht banal, einfach7 und zugleich kunstvoll und tiefgründig, sie soll vertraut erscheinen und doch stets wie neu. Sie muss sich permanent dem Sprachempfinden heutiger Menschen anpassen und soll doch unverfälscht die in den biblischen Schriften überlieferte Frohe Botschaft verkünden.

  1. Vgl. die Frage von Philippus an den Äthiopier in Apostelgeschichte 8,30: «Verstehst du auch, was du liest?».
  2. Grundsätzlich lässt sich keine Sprachform als nicht liturgiewürdig bezeichnen, auch nicht der Dialekt, der zum Beispiel in der Schweiz eine wichtige Rolle spielt; vgl. https://www.liturgie.ch/hintergrund/liturgische-zeichen/wort-und-schweigen/53-dialekt-im-gottesdienst (03.09.2025).
  3. Vgl. zur Sprache in der Liturgie auch: https://www.feinschwarz.net/antiquierte-und-unverstandene-sprache-in-der-liturgie/ (03.09.2025).
  4. Zur Entstehung und weiteren Entwicklung des «Schweizer Hochgebetes» vgl. https://liturgie.ch/hintergrund/eucharistiefeier/eucharistiefeier/148-hochgebet-fuer-besondere-anliegen-schweizer-hochgebet (03.09.2025).
  5. Vgl. https://www.plus.ac.at/wp-content/uploads/2021/02/Direktorium_Kindermessen2.pdf (03.09.2025).
  6. Vgl. https://glaubenssache-online.ch/2022/10/05/worte-fuer-die-verwundungen-des-lebens/ (03.09.2025); oder: https://www.liturgie.ch/hintergrund/tagzeitenliturgie/235-psalmen (03.09.2025).
  7. Die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlichte 2024 «Zur Erprobung» ein «Hochgebet in leichter Sprache»; vgl. https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_alt/presse_2024/2024-023-Anlage2-Pressebericht-Hochgebet-in-Leichter-Sprache.pdf (03.09.2025).

     

    Bildnachweise: Titelbild: Menschen feiern an einem Holi-Festival. Unsplash@nqoe / Bild 1: Sprechblasen eines Chats. Unsplash@akurakuu_kuu / Bild 2: Coronaschild mit Hinweis auf 1.5m Abstand. Unsplash@waldemarbrandt67w / Bild 3: Psalmen-Gesangstafel in einer niederländischen Kirche. Unsplash@haberdoedas

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