Altorientalische Schöpfungserzählungen

Immer schon fragen sich Menschen, woher eigentlich all das kommt, was ist: Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Und: Hat all das, was ist, eine Bedeutung? Altorientalische Schöpfungserzählungen sind dabei etwas ganz anderes, als die naturwissenschaftliche Forschung: Diese fragt nach dem Wie und Wann der Entstehung, Schöpfungsmythen fragen nach der Bedeutung, dem Wesen der bestehenden Welt, der selbst erfahrenen Wirklichkeit des Lebens.

Im gesamten Alten Orient und in der Antike gibt es zahlreiche unterschiedliche Schöpfungserzählungen mit vielfältigen Vorstellungen und Bildern.1 Die ausserbiblischen Schöpfungserzählungen sind teilweise viel älter als die Schöpfungserzählungen der Bibel, und es ist davon auszugehen, dass die Menschen, welche die Bibel schrieben, diese älteren Vorstellungen der Nachbarkulturen und -religionen kannten. Die altorientalischen Schöpfungserzählungen sind eine Art Gleichnisse, die man so einleiten müsste: «Mit der Welt ist es wie mit…». Sie werden daher auch Mythen (Singular: Mythos) genannt, die – richtig verstanden – die erfahrbare Wirklichkeit durch Erzählungen vom Anfang, von der Urzeit deuten wollen.

In the Beginning – Am Anfang

Mythen

Heute wird der Begriff «Mythos» meist negativ gebraucht. Zum einen wird der Ausdruck «Mythos» mit einem Lügengebilde gleichgesetzt, im Sinne von: Das hätte man gerne, dass es historisch so oder so gewesen wäre, aber die historische Wirklichkeit war eine ganz andere. Zum anderen wird «Mythos» in Bezug auf den Alten Orient oder die Antike abwertend verstanden im Sinne von: Die Menschen wussten es damals halt nicht besser.

Beide Abwertungen verkennen die Bedeutung und den Sinn altorientalischer und biblischer Mythen: Mythologische Erzählungen beschreiben die wahrgenommene aktuelle Wirklichkeit mit Bildern und Erzählungen «vom Anfang».2 Mythen sind keine naturwissenschaftlichen Erklärungen, wie die Welt oder der Mensch etc. entstanden ist, sie stellen vielmehr eine literarische Gattung dar: Mythen befragen, reflektieren und deuten das Leben und die erfahrbare Wirklichkeit auf eine bestimmte Art und Weise, nämlich mittels «Urgeschichten».

Reflexion menschlicher Erfahrungen

In diesen «Urgeschichten» werden menschliche Erfahrungen reflektiert. Mythen werden auch zu Hilfe genommen, um das Unbekannte des Ursprungs zu deuten. Nicht selten werden dazu menschliche Erfahrungen beschrieben und auf die Anfänge, die Entstehung von Welt, projiziert: So gab es im Alten Orient und in Griechenland die Vorstellung, dass die Welt vergleichbar zu den Menschen und Tieren durch Zeugung und Geburt entstanden war oder dass die Welt vergleichbar mit menschlichem Handwerk von Göttern getöpfert und geformt wurde – diese Vorstellung findet sich auch im biblischen Genesisbuch 2,4-24. Aber auch die Vorstellung, dass die Welt aus einem Kampf gegen das Urchaos heraus entstand, war verbreitet.

Etwas weniger anthropomorph, das heisst: weniger unmittelbar mit meiner menschlichen Erfahrung beschrieben, ist die Vorstellung, dass Gott durch sein Sprechen erschafft. Gott spricht: «Es werde…», und es wird. Solches Sprechen wird performative Rede genannt. Sie ist prominent in der ersten Schöpfungserzählung (Genesisbuch 1,1-2,4a), aber auch in Ägypten und Mesopotamien belegt.

Philosophisch-theologische Gleichnisse

Wie gesagt sind solche bildhaften Erzählungen nicht dümmlich oder naiv, sie sind vielmehr philosophisch-theologisch durchdachte antike Gleichnisse. Sie wollen formulieren, wie die Welt «im Prinzip» (lateinisch principium) ist, oder auch formulieren, wie wir uns die Welt «im Prinzip» wünschen und erhoffen. Der Vergleich der Welt mit Zeugung und Geburt kann etwa bedeuten: Mit der Welt ist es wie mit einer Geburt, mit all ihrem Schmerz und ihrer Freude; das Leben ist ein Werden (Geborenwerden) und Vergehen. Der Vergleich mit dem Töpfern bringt die Überzeugung zum Ausdruck: Die Welt ist nicht aus Nichts entstanden, es gibt eine höhere Macht, die alle Lebewesen – Pflanzen, Tiere, Menschen – wunderbar kunstvoll gestaltet hat. Der Vergleich mit dem Kampf besagt: Die Welt und das Leben sind ein ständiger Kampf zwischen Lebenszerstörendem und Lebensförderndem, zwischen Chaos und guter Ordnung, zwischen Finsternis und Licht usw.

Die Frage nach der Bedeutung

Schöpfungserzählungen wollen also etwas ganz anderes als die naturwissenschaftliche Fragestellung: Wenn wir heute naturwissenschaftlich davon ausgehen, dass es vor ungefähr 13 Milliarden Jahren einen «Big Bang», einen «Urknall», gegeben hat, aus dem heraus unser Sonnensystem entstanden ist, dann fragt die Naturwissenschaft, wie die Welt am zeitlichen Anfang (lateinisch initium) entstanden ist. Die Bibel und die altorientalischen Schöpfungserzählungen konzentrieren sich jedoch auf die Frage: Was hat es zu bedeuten, dass es eine Welt mit Leben, mit Pflanzen, Menschen und Tieren gibt? Was ist der Sinn? Wie ist diese Welt heute, wie ist der Mensch? Und sie fragen auch: Welche Welt wünschen wir uns? Und wie sollen wir uns verhalten?

Fragment des Atramchasis-Epos in Keilschrift, ca. 1646-1626 v. Chr.

Unterschiede zur biblischen Schöpfungserzählung in Genesis 1,1–2,4a

Es gibt nicht nur viele Ähnlichkeiten der altorientalischen Schöpfungsmythen zu biblischen Schöpfungserzählungen, es gibt auch Unterschiede, vor allem im Vergleich mit der ersten biblischen Schöpfungserzählung in Genesis 1,1–2,4a:

Im akkadischen Atramchasis-Epos (spätes 2. Jahrtausend v. Chr.) beispielsweise wird erzählt, die Götter seien der Arbeit müde gewesen und hätten den Menschen erschaffen, damit der Mensch ihnen die Arbeit abnimmt. Und im babylonischen Epos Enūma eliš (2. Jahrtausend v. Chr.) wird beschrieben, wie die Welt aus dem Chaos entstand, indem Marduk, der Hauptgott der Stadt Babylon, die Urgöttin Tiamat besiegt und ihren Körper teilt, um Himmel und Erde zu formen. Der Sieg des babylonischen Hauptgottes Marduk soll die Vorherrschaft beziehungsweise Weltherrschaft des babylonischen Königs legitimieren.

Im Unterschied dazu wird der Mensch in Genesis 1 als Ebenbild Gottes erschaffen: Das bedeutet, dass nach dieser biblischen Erzählung kein Mensch über anderen stehen soll, sondern alle Menschen die gleiche Würde haben und eine Art Stellvertreter:in Gottes auf Erden sind. Alle Menschen wird damit eine unerhörte Würde zugesprochen – die es in allen Zeiten und unbedingt zu schützen gilt.

  1. Vgl. z. B. Othmar Keel / Silvia Schroer: Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen, Göttingen 2002; für einen Überblick Annette Schellenberg: Schöpfung (AT), auf: https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/schoepfung-at [23.9.2025].
  2. Vgl. Hubert Irsliger: Mythos, auf: https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/mythos-at [23.9.2025].

     

    Bildnachweise: Titelbild: «Sternentstehung» von Arnold Benz / Bild 1: In the Beginning – Am Anfang. Zwei Hände halten die Erde. Kirchenfenster der Church of Our Savior, MCC (Metropolitan Community Church) in Boynton Beach, Florida. Wikimedia Commons: Deisenbe / Bild 2: Ein Töpferer bei der Arbeit. Unsplash@marcelodlt / Bild 3: Fragment des Atramchasis-Epos in Keilschrift (Akkadisch), ca. 1646-1626 v. Chr. Wikimedia Commons: Daderot

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