Waschti und Ester: Frauenverachtung und Judenfeindschaft widerstehen

Sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch, Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden bis hin zur staatlich organisierten Vernichtung – das Buch Ester ist mit seinen Themen erschreckend aktuell. Die Hauptfigur ist Ester, eine Jüdin, die zur Gemahlin des persischen Königs aufsteigt und der es mit Mut und Tatkraft gelingt, eine tödliche Bedrohung von ihrem Volk abzuwenden. Ihr vorangestellt wird Waschti, die sich entschieden dem Machtmissbrauch des Königs widersetzt.

Das Buch Ester ist neben den Büchern Rut und Judit eine der drei biblischen Schriften, die den Namen einer Frau als Titel tragen. Es erzählt die märchenhafte Geschichte einer jungen Jüdin, die als Waise in der persischen Residenzstadt Susa bei ihrem Cousin Mordechai lebt und zur Königin aufsteigt. Ihre Geschichte nimmt eine dramatische Wendung, als der mächtige Haman, ein Günstling ihres königlichen Gemahls, im gesamten Reich die Vernichtung aller Jüdinnen und Juden anordnen lässt. Der Grund: Mordechai, Esters Cousin, hatte sich geweigert, sich vor ihm huldigend niederzuwerfen. Per Los (pur) wird der Tag des Pogroms festgelegt. Die einzige Chance auf Rettung liegt bei Ester, der Königin und Jüdin. Todesmutig wagt sie es, ungerufen beim König zu erscheinen. Es gelingt ihr, die mörderischen Absichten Hamans aufzudecken und ihn auszuschalten. Ein Gegen-Dekret gibt den Jüdinnen und Juden die Möglichkeit, sich gegen diejenigen zur Wehr zu setzen, die den Vernichtungsplan Hamans in die Tat umsetzen wollen. Es ist damit leider auch eine Geschichte von Gewalt und Gegengewalt. Dennoch: Im Zentrum steht die Rettung der tödlich bedrohten Jüdinnen und Juden. Zur Erinnerung an diese Rettung wird das Purim-Fest eingesetzt, das «Fest der Lose», das im Judentum bis heute gefeiert wird.1

Purim-Aufführung im Jüdischen Theater in Warschau, Polen.

Eine typische Geschichte

Das Buch erzählt nicht eine einmalige historische Begebenheit, sondern eine typische Geschichte, in der typische, zum Teil stark überzeichnete Figuren auftreten. Das Esterbuch ist also kein Geschichtswerk, sondern eine romanhafte Erzählung, ein kunstvolles literarisches Werk. Es spielt am Hof eines persischen Königs namens Ahasveros, der mit Xerxes I. gleichzusetzen ist und 485–465 v. Chr. regierte. Das Buch ist zwar durchaus vertraut mit Gegebenheiten des persischen Reiches; doch spricht vieles dafür, dass es erst nach dem Ende der persischen Herrschaft über Juda entstanden ist. Als wahrscheinliche Entstehungszeit gilt die hellenistische Zeit ab ca. 300 v. Chr., als Juda unter der Herrschaft der Nachfolgereiche Alexanders des Grossen stand und Jüdinnen und Juden immer wieder bedrängende Erfahrungen von Unterdrückung und gewaltsamen Übergriffen machen mussten. In diese Zeit hinein spricht das Buch:

«Der jüdische Erzählerkreis, aus dem die Estergeschichte stammt und der sie weitergibt, will im Gewand einer in persischer Zeit spielenden dramatischen Geschichte jüdischen Menschen politische und religiöse Orientierung geben für ihre eigene Zeit, das hellenistische Zeitalter des 3. bis 1. vorchristlichen Jahrhunderts.»2

Das Buch ist in drei Fassungen überliefert: einer kürzeren und vermutlich älteren hebräischen Fassung sowie zwei längeren griechischen Fassungen. Die Bibelausgaben der Kirchen der Reformation bieten die kürzere hebräische Fassung und geben die griechischen Erweiterungen zum Buch gesondert als «Zusätze zu Ester» wieder. Die katholische Einheitsübersetzung hingegen bietet die längere Fassung der Septuaginta, kennzeichnet aber die griechischen Erweiterungen mit einer Buchstabenzählung der Verse, so dass zwischen den hebräischen und den griechischen Textpassagen unterschieden werden kann.

Ester-Schriftrolle, 1750 n. Chr.

Widerstand gegen sexualisierte Gewalt

Das Buch setzt nicht mit Ester ein, sondern mit Waschti, die vor Ester die Gemahlin des persischen Königs war. Sie betritt die Erzählung im Rahmen einer Machtdemonstration des persischen Königs, der zunächst 180 Tage lang ein gigantisches Festmahl für alle Mächtigen seines Reiches gibt und dabei seine Macht und seinen Reichtum zur Schau stellt. Anschliessend gibt er sieben Tage lang ein weiteres Festmahl für die Bewohner seines Palastes, während seine Gemahlin, Königin Waschti, ihrerseits ein Festmahl für die Frauen des Palastes ausrichtet. Nach reichlichem Weingenuss kommt der König am letzten Tag seines Festgelages auf die Idee, den anwesenden Festgästen seine schöne Frau Waschti vorzuführen. Dabei soll sie das königliche Diadem tragen, das Zeichen ihrer Königswürde – und gleichzeitig das Zeichen dafür, dass sie das «Glanzstück» der Macht des Königs ist. Doch nun geschieht, was niemand erwartet hätte: Waschti weigert sich, sich auf diese Weise zur Schau stellen zu lassen. Warum sie dies tut, wird nicht gesagt. Doch ihre Weigerung erzürnt den König so sehr, dass er Waschti als Königin verstösst.

Interessant ist die Begründung: Wenn andere Frauen von Waschtis Weigerung hören, würden sie ebenfalls anfangen, sich ihren Ehemännern zu widersetzen (Esterbuch 1,17–18). Damit geriete die gesellschaftliche Ordnung ins Wanken, die auf dem Gehorsam der Frauen gegenüber ihren Ehemännern beruht. Selbstbewusste Frauen, die den Gehorsam verweigern – hier konkret: die gegenüber entwürdigenden Übergriffen Grenzen setzen und sich nicht zum Objekt machen lassen –, sind offenbar eine grosse Gefahr. Waschti bezahlt mit dem Verlust ihrer Stellung als Königin einen hohen Preis. Nach dieser Episode verlässt sie die Bühne der Erzählung. Leserinnen und Leser erfahren nicht, was mit ihr geschieht. Aber ohne ihr «Nein!» wäre die folgende Geschichte um Ester nicht möglich geworden.

Bis heute kennen wir das: Mächtige Männer, die sich mit schönen Frauen als Statussymbolen umgeben und dafür bewundert werden. Übergriffiges Verhalten, meist (aber nicht immer) von mächtigen Männern gegenüber abhängigen Frauen (oder Männern), das von der Umgebung (oft Männerseilschaften) als «normal» angesehen, toleriert oder gedeckt wird. Frauen (oder andere abhängige Nichtmächtige), die das Spiel nicht mitspielen und mit dem Verlust der beruflichen Stellung, der Karriere, des Verdienstes oder des Ansehens bezahlen. Machtstrukturen, in denen selbstbewusste Frauen, die Machtmissbrauch entlarven, als Bedrohung angesehen und diffamiert, gemobbt oder hinausgedrängt werden. Das Esterbuch entlarvt in seinem ersten Kapitel solche Machtstrukturen durch eine teilweise karikierende Erzählweise. Und es wird deutlich: Solche Strukturen verändern sich nur, wenn Frauen und auch Männer anfangen, «nein» zu sagen.

Waschti verweigert den Befehl des Königs, Edwin Long, 1879 n. Chr.

Widerstand gegen die Bedrohung jüdischen Lebens

Nachdem Waschti abgesetzt ist, braucht es eine neue Königin. Damit beginnt die Geschichte der Ester, und es ist zunächst ebenfalls eine Geschichte sexualisierter Gewalt. Denn um eine Königin für den König auszuwählen, werden «alle» schönen jungen Frauen aus allen Provinzen des Riesenreiches in den Königspalast von Susa gebracht, um dort ein Jahr lang einer Schönheitskur unterzogen zu werden, bevor sie dem König für eine Nacht zugeführt werden (Esterbuch 2). Grotesker ist Sexismus kaum darzustellen.

Auch die Jüdin Ester ist unter den jungen Frauen, die in den Königspalast gebracht werden. Sie gewinnt die Gunst eines mächtigen Eunuchen und am Ende auch die Gunst des Königs, so dass sie zur neuen Königin erkoren wird – ein märchenhafter Aufstieg für die Angehörige einer Minderheit im persischen Grossreich. In dieser Phase der Erzählung widersetzt sich Ester der frauenverachtenden Praxis der Mächtigen nicht, und sie verbirgt zunächst auch ihre jüdische Herkunft. Ihre Stunde kommt erst, als ihr Volk durch die Machenschaften des zweitmächtigsten Mannes im Reich, Haman, tödlich bedroht wird: Dieser hatte angeordnet, alle Jüdinnen und Juden in allen Provinzen des Reiches umzubringen. Um den Tag des Pogroms festzulegen, hatte er das Los (pur) werfen lassen.

Es ist Mordechai, der Ester dazu bewegt, sich für die Rettung ihres Volkes einzusetzen. Es bedarf einiges an Mut und taktischem Geschick, um dies zu bewerkstelligen; denn eigentlich darf sie nicht ungefragt vor dem König erscheinen und riskiert, indem sie sich über dieses Verbot hinwegsetzt, ihr Leben. Doch sie findet Gnade beim König und kann am Ende die Machenschaften Hamans aufdecken und erwirken, dass nicht die Jüdinnen und Juden umgebracht werden, sondern Haman mit seiner ganzen Familie, und dass sich alle Jüdinnen und Juden gegen ihre Verfolger nun ihrerseits mit tödlicher Gewalt zur Wehr setzen dürfen.

Kein Zweifel: Ester wird wie ein «weiblicher Josef» (vgl. Genesis 37–50) als Retterin ihres Volkes gezeichnet. Sie kämpft gegen Haman, der mit der Bezeichnung als Agagiter (Esterbuch 3,1) mit Agag, dem König der Amalekiter, in Verbindung gebracht wird, die als die Todfeinde Israels gelten (Exodus 17,8–16; 1. Buch Samuel 15). Ihr gelingt es, die Vernichtung ihres Volkes abzuwenden und für die Jüdinnen und Juden im persischen Reich ein Leben in Sicherheit zu erwirken. Doch lässt der Schluss des Buches Leserinnen und Leser mit ambivalenten Gefühlen zurück. Hätte es nicht genügt, den Vernichtungsbeschluss gegen die Jüdinnen und Juden auf gewaltlose Weise rückgängig zu machen? Weshalb wird darüber hinaus noch von der tödlichen Gewalt der Jüdinnen und Juden gegen ihre Verfolger erzählt? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Vielleicht legt die Überlegung von Marie-Theres Wacker eine Spur zum Verstehen der Erzählweise: Mit Kapitel 8 wäre ein gewaltfreies Ende des Esterbuches denkbar gewesen. Das Kapitel 9 erinnere demgegenüber daran, dass ein gewaltfreies Happy End Gefahr gelaufen wäre, «die Brutalität realer Verhältnisse zu verharmlosen.»3

Esther und Mordechai schreiben den ersten Purimbrief, Aert de Gelder, 1675 n. Chr.

Das Purim-Fest

Das Buch endet mit der Einsetzung des Purim-Festes (Esterbuch 9,20–32). Bis heute wird es im Judentum im Frühjahr, am 14. bzw. 15. des Monats Adar, einen Monat vor Pesach, als Fest der Befreiung von Verfolgung gefeiert. In der Synagoge wird die Ester-Rolle zum ersten Mal am Abend des 14. Adar und ein zweites Mal am Morgen des 15. Adar vorgelesen, wobei die Lesung immer dann, wenn der Name Haman genannt wird, mit lärmenden Ratschen unterstrichen wird. Die Festbräuche zeigen, dass nicht die Vergeltung an den Feinden, sondern die Freude über die Errettung gefeiert wird.

Die Themen, die im Esterbuch zur Sprache kommen, haben bis heute nichts an Relevanz verloren. Es lohnt sich also, noch heute die Geschichte von Waschti zu erzählen, die sich dem übergriffigen König widersetzt und sich nicht zum Objekt machen lässt, und die Geschichte von Ester, die Judenfeindschaft aufdeckt und mutig und klug die Rettung ihres Volkes bewerkstelligt.

  1. Informativ und zugleich gut verständlich ist das Büchlein von Marie-Theres Wacker: Ester. Jüdin, Königin, Retterin, Stuttgart: Katholisches Bibelwerk e.V. 2006; vgl. auch Esther Brünenberg-Bußwolder: Ester / Esterbuch, in: WiBiLex. Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Dezember 2006: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/17832/ (05.11.2025).
  2. Marie-Theres Wacker: Ester. Jüdin, Königin, Retterin, Stuttgart: Katholisches Bibelwerk e.V. 2006, S. 10.
  3. Marie-Theres Wacker: Ester. Jüdin, Königin, Retterin, Stuttgart: Katholisches Bibelwerk e.V. 2006, S. 36.

     

    Bildnachweise: Titelbild: Zeichnung von Ester und Mordechai in der Dura-Europos Synoagoge, Syrien, aus dem 3. Jh. n. Chr. Wikimedia Commons / Bild 1: Purim-Aufführung im Jüdischen Theater in Warschau, Polen. Wikimedia Commons: Henryk Kotowski / Bild 2: Ester-Schriftrolle, 1750 n. Chr. Handgeschrieben auf Pergament; Tinte, Gouache, Gold- und Silberfarbe. Befindet sich im Israel Museum, Jerusalem. Wikimedia Commons / Bild 3: Waschti verweigert den Befehl des Königs, Edwin Long, 1879 n. Chr. Wikimedia Commons / Bild 4: Esther und Mordechai schreiben den ersten Purimbrief, Aert de Gelder, 1675 n. Chr. Öl auf Leinwand. Befindet sich im Museo Nacional de Bellas Artes, Buenos Aires

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Kommentare

Ein Kommentar zu “Waschti und Ester: Frauenverachtung und Judenfeindschaft widerstehen

  1. 22.11.25

    Đồng hồ thế giới

    Das Esterbuch, ein klassischer Text über Macht und Mut, bietet auch heute noch lehrreiche Beispiele. Waschtis mutige Nein! gegen den König ist ein Vorbild für alle, die sich nicht als Statussymbol missbrauchen lassen wollen. Ester selbst zeigt, wie man auch aus der Minderheit eine Königin werden kann – vorausgesetzt, man hat die richtigen Verbindungen im Palast. Die Frage, ob Gewalt gerechtfertigt ist, bleibt aber auch heute diskussionswert. Das Buch regt dazu an, selbstbewusst zu sein, aber vielleicht auch, den richtigen Zeitpunkt für den Purim zu wählen. Und ja, die Lesung der Ester-Rolle mit Ratschen ist definitiv ein Highlight beim Fest.

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