Ein Ereignis des Heiligen Geistes

Vor 60 Jahren, am 8. Dezember 1965, endete das Zweite Vatikanische Konzil. Die Mehrheit der katholischen Christinnen und Christen weltweit gehört heute zu den Nachgeborenen. Welche Bedeutung hatte das Konzil und ist es heute noch aktuell?

Am Konzil (1962-1965) nahmen rund 2500 Bischöfe aus allen Kontinenten teil. Sie versammelten sich in den drei Jahren zu zehn öffentlichen Sitzungen und verabschiedeten vier grosse Dokumente, sogenannte Konstitutionen, drei Erklärungen und neun Dekrete.1 Vorbereitungskommissionen legten Textentwürfe vor, die nicht selten von der Versammlung verworfen wurden. Das Konzil war ein enormer Kraftakt, aber auch ein Aufeinanderhören und gemeinsames Voranschreiten. Aus diesem Grund wird es auch als ein Ereignis des Heiligen Geistes bezeichnet.
Die Dokumente wurden alle mit grosser Zustimmung verabschiedet. Die Polarisierungen traten erst nach dem Konzil zutage, als sich Bewegungen gründeten, die jegliche Öffnung der katholischen Kirche ablehnten und Religionsfreiheit und Ökumene negierten, wie beispielsweise die Piusbruderschaft mit ihrem Gründer Erzbischof Marcel Lefebvre (1905–1991). Auch die vernachlässigten und verdrängten Themen des Konzils holten die katholische Kirche in den Folgejahren ein, so die sogenannte Frauenfrage, verheiratete Priester, fehlende Rechte der Gläubigen.2

Konzilssitzung im Petersdom (1962), gemeinfrei / Public Domain, Wikimedia Commons

Ein menschenrechtliches Statement

Einen religionsgeschichtlichen Meilenstein setzte die Anerkennung der Religionsfreiheit: die Konzilsversammlung lehnte jeden äusseren Zwang in religiösen Angelegenheiten ab und erklärte Religions- und Gewissensfreiheit als in der Würde der menschlichen Person begründet.3 Dies war ein Paradigmen­wechsel, stellte die katholische Kirche doch bis dahin die Wahrheit über die Person. Eine wichtige Rolle in der Diskussion spielten die nordamerikanischen Bischöfe, die auf positive Erfahrungen mit Religionsfreiheit verweisen konnten. Im Gegensatz zu Europa, wo die Säkularisierung mit religionsfeindlichen Tendenzen verbunden war, erfolgte die Trennung von Kirche und Staat in den USA ohne Verdrängung von Religion. Die Anerkennung der Religionsfreiheit, so argumentierten die Befürworter, dispensiere nicht von der Wahrheitssuche und der Orientierung am Guten. Doch sie schütze Personen und Gemeinschaften vor staatlicher Gewalt und sichere der menschlichen Freiheit den notwendigen Raum. In diesem Sinn kommentiert Margit Eckholt den Konzilbeschluss und seine Bedeutung:

«Das Recht der Religionsfreiheit steht in keinem Zusammenhang mit der Wahrheit oder Falschheit einer Religion; damit ist der Weg frei, allen religiösen Gemeinschaften gleiche Rechte zuzusprechen.»4

Nicht aus der Zeit genommen

Auch im kirchlichen Selbstverständnis dachte das Konzil neu (biblischer!) und stellte entscheidende Weichen. So deutete es in den ersten Abschnitten der Kirchenkonstitution Lumen Gentium Kirche als Volk Gottes5 und als Zeichen und Instrument6 der Einheit mit Gott und unter den Menschen. Kirche ist nach dem Konzil eine dynamische Grösse und findet sich auf dem Weg durch die Zeit mit dem Judentum verbunden. Gegründet im Auftrag, das Evangelium des menschen­freundlichen Gottes zu verkünden, lernt die Kirche zudem, in den anderen Kirchen und Gemeinschaften wie auch in allen Menschen guten Willens Weggefährt:innen zu sehen. Nicht im Rückzug auf sich selbst, sondern nur in wacher Zeit­genossenschaft, im Erkennen der Zeichen der Zeit, kann Kirche das Evangelium verstehen und Zukunft schaffen. So beginnt die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes mit den pro­gram­ma­tischen, berühmt gewordenen Worten:

«Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, insbesondere der Armen und Bedrängten, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.»7

Wie gross die damit eingeforderte Erneuerung des kirchlichen Denkens und Handelns war, mag man vielleicht im Blick auf das Schicksal der französische Arbeiterpriester ermessen. Seit den 1940er Jahre gingen französische Priester  ̶  ermutigt oder gar gesandt von der Kirche  ̶  als Arbeiter in Fabriken und auf Baustellen, um bei den Menschen zu sein. 1954 wurde die Bewegung vom Vatikan zerschlagen, um die Integrität und Würde des Priestertums zu bewahren. Die Arbeitswelt, so wurde damals argumentiert, sei nicht mit dem Priestersein vereinbar.8

Für eine dienende und arme Kirche

Überzeugt, dass eine reiche Kirche die Zeichenhaftigkeit der Kirche pervertiert und den mitleidenden und befreienden Gott verdeckt, schloss kurz vor dem Ende des Konzils eine Gruppe von 40 Bischöfen den sogenannten Katakombenpakt, den später weitere 500 Bischöfe unterzeichneten. In der Domitilla-Katakombe verpflichteten sich die Bischöfe in 13 Punkten, arm zu leben und sich auf die Seite der Bedrängten zu stellen:

«Wir werden uns bemühen, so zu leben wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel […]. Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung […] und in unseren Amtsinsignien».

«Für den apostolischen Dienst an den wirtschaftlich Bedrängten, Benachteiligten und Unterentwickelten werden wir alles zur Verfügung stellen, was notwendig ist an Zeit, Gedanken und Überlegungen, Mitempfinden oder materiellen Mitteln, ohne dadurch anderen Menschen und Gruppen in der Diözese zu schaden.»9

In Lateinamerika entstand in den folgenden Jahren eine Kirche der Armen und die Befreiungstheologie. Der Konzilsaufruf zum Aggiornamento (Verheutigung) wurde hier ganz anders aufgenommen als in Europa. Es wurde nicht so sehr die Ämterfrage oder die liturgische Erneuerung diskutiert, sondern vorrangig die Soziallehre von Gaudium et Spes rezipiert. Die zunehmende Verelendung der Massen war das Zeichen der Zeit, aus dem heraus das Evangelium neu gelesen wurde.

Und heute?

Die von Papst Franziskus einberufene Weltsynode (2021-2024) stellt sich klar in die Tradition des Konzils und steht ein für eine partizipative und geschwisterliche Kirche.

«Im synodalen Prozess wurde evident, dass die Stimme des Volkes Gottes weltkirchlich nicht allein durch Amtsträger als Repräsentanten der Ortskirchen vertreten sein kann. Darum mutierten die bisherigen Bischofssynoden zu Synoden mit nicht bischöflichen Teilnehmenden.»10

Zugleich zeigte sich im gemeinsamen Unterwegssein, wie hoch der Lernbedarf ist und dass Strukturen, Prozesse und Verantwortlichkeiten verbindlich geklärt werden müssen.

Zwei weitere Stichworte des Konzils bleiben virulent[noteVgl. Margit Eckholt: 60 Jahre Zweites Vatikanum. Ekklesio­genese im Zeichen von Synodalität und Interkulturalität, in: Stimmen der Zeit 150 (2025), S. 757-766.[/note]: das Hören auf die «Zeichen der Zeit» und die Menschenrechte. Eine menschenrechtliche Perspektive prägte viele Stellungnahmen der Kirche in den letzten Jahrzehnten. Der Blick ging jedoch meist nach aussen. Gerade in bezug auf die stillgelegte «Frauenfrage» wird das Innen und die Geschlechtergerechtigkeit zum Thema. Frauen als andere Wesen, wie sie in der Theologie der Frau von Johannes Paul II. oder teilweise auch bei Papst Franziskus aufscheinen – das genügt schon lange nicht mehr. Mit der Kirche des globalen Südens werden Fragen der Inkulturation, der Religionsfreiheit und des interreligiösen Dialogs an Gewicht gewinnen. Auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialismus und den Machtasymmetrien in der globalisierten Welt und Kirche werden relevant und Gestalt und Verkündigung der Kirche prägen.

 

  1. Zu den vier Konstitutionen, in den die Kirche grundlegende Aussagen über ihre eigene Verfasstheit macht,zählen: Über die heilige Liturgie (Sacrosanctum Concilium, 1963), Über die Kirche (Lumen Gentium, 1964), Über die göttliche Offenbarung (Dei Verbum, 1965) und Über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et Spes, 1964). Erklärungen verabschiedete sie zur christlichen Erziehung, zum Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen und zur Religionsfreiheit (alle 1965).
  2. Vgl. Urban Fink: Konzilsrezeption in gewaltiger Umbruchszeit, in: Schweizer Kirchenzeitung 193 (2025), S. 304-305, und Eva-Maria Faber: Lange Inkubationszeit und hoher Lernbedarf, in: SKZ 193, S. 306f.
  3. Vgl. Über die Religionsfreiheit (Dignitatis humanae), Link
  4. Die Tür ist geöffnet. Das Zweite Vatikanische Konzil – eine Leseanleitung aus Frauenperspektive, Münster 2013, S. 113. Zu Nostra Aetate und dem Verhältnis zu den nicht christlichen Religionen vgl. Elisabeth Zschiedrich: Heil, auch ausserhalb der Kirche, www.glaubenssache-online.ch
  5. Vgl. Über die Kirche (Lumen Gentium), Nr. 2 und 9. Link
  6. Vgl. Über die Kirche (Lumen Gentium), Nr. 1: «Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heisst Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.»
  7. Über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et Spes), Nr. 1. Link : https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html
  8. Die Arbeiterpriester, 1943-1954, in: Michel Clévenot: Prophetie im Angesicht der Katastrophe. Geschichte des Christentums im XX. Jahrhundert, Luzern 1999, S.160-170.
  9. Vgl. Die Tür ist geöffnet, S. 74f.
  10. Eva-Maria Faber: Lange Inkubationszeit, 306f.

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