Fällt das Stichwort «synodale Kirche», denken viele an «Gemeinsam beraten und entscheiden», an die Notwendigkeit von Reformen oder an eine zuhörende Kirche, die «ganz Ohr» ist. Zur Synodalität gehört aber auch das gemeinsame Gebet. Ein Gebet, das vieles enthält, worauf es auf synodalen Wegen ankommt, ist das Vaterunser.
Synodal Kirche sein heisst bekanntlich, als Getaufte «gemeinsam» (griechisch: syn) auf dem «Weg» (griechisch: hodos) zu sein. Eine seit den Anfängen der Kirche zentrale Art und Weise, die eigenen Schritte und Suchbewegungen auf diesem Weg mit Gott und zu Gott auszurichten, ist das Vaterunser-Gebet. Wer genau hinhört, kann entdecken, dass es vieles von dem enthält, worauf es auf synodalen Wegen ankommt.
«Vater unser …»
Ein Stück «Synodalität» steckt schon in der Anrede. Wer «Vater unser» sagt, sagt gleichzeitig Beziehung und Verbundenheit mit Gott und untereinander. Menschen, die Gott als «Vater» oder «Mutter» ansprechen, sind als Geschwister unterwegs, allesamt Söhne und Töchter Gottes – und damit alle gleichwürdig und gleichwertig, so unterschiedlich sie sein mögen.
«… im Himmel»
So viel Nähe, Vertrauen und Beziehung in der Vater-Anrede zum Ausdruck kommt, so deutlich signalisiert das «im Himmel» die Unverfügbarkeit Gottes, seine Entzogenheit. Auch eine synodale Kirche hat Gott nicht «zur Hand» und schon gar nicht «im Griff». Mit Gott und zu Gott auf dem Weg sein, heisst mit einem Geheimnis unterwegs sein und damit leben, dass der nahe Gott zugleich der ferne Gott ist, über den die Kirche nicht verfügen kann. Auch in einer synodalen Kirche heisst «Glauben nichts anderes, als die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten» (Karl Rahner).
«Geheiligt werde Dein Name»
Das «werde» wie auch das «komme» und «geschehe» in den ersten drei Bitten hat einen doppelten Sinn. Es ist gleichzeitig ein sogenanntes «Passivum Divinum», bittet also, Gott selbst möge dafür sorgen, dass sein Name heilig sei, sein Reich komme, sein Wille geschehe. Und gleichzeitig ist es die Bitte darum, selbst befähigt zu werden, sich aktiv an der Verwirklichung dieser Bitten zu beteiligen.
Dabei ist mit dem «Namen» Gottes die Art und Weise gemeint, wie er sich den Menschen zu erkennen gibt und wirkt: Als «Ich bin da», als Befreier aus der Sklaverei, als Trösterin, als für Recht und Gerechtigkeit Besorgte, als auf den Schrei des leidenden Volkes Hörende und in all dem als die Heilige, von dem die Bibel sagt, sie «wohne im unzugänglichen Licht». Wer hingegen Gott für eigene oder «kirchliche» Interessen instrumentalisiert, missbraucht dessen heiligen Namen. Alle, die synodale Prozesse mitgestalten, tun gut daran, sich dessen bewusst zu sein.
«Dein Reich komme»
Synodale Wege sind keine Wege nach (n)irgendwo, sondern Wege in der Nachfolge Jesu. Er hatte die Vision, dass Gottes Reich schon im Hier und Jetzt anfanghaft erfahrbar wird und dass alles andere dem Einsatz für Gottes neue Welt und seine Gerechtigkeit unterzuordnen ist. Die Gottesherrschaft, um die es Jesus ging, hat mit von Über- und Unterordnung geprägten, machtförmigen Herrschaftsformen nichts zu tun, im Gegenteil. Es gibt in ihr weder Titel noch Hierarchien. Sie lebt von Geschwisterlichkeit und Solidarität. Glaubwürdig um das Kommen des Reiches bitten kann nur, wer sich für eine Kirche und eine Gesellschaft einsetzt, die schon anfang- und wenigstens bruchstückhaft verwirklicht, was im Reich Gottes gelten wird. Dem Ziel einer synodalen Kirche kommt nur näher, wer schon hier und heute synodal entscheidet und handelt.
«Dein Wille geschehe»
«Synodal Kirche sein» heisst insbesondere, gemeinsam nach der Absicht Gottes für die je konkrete Situation zu suchen, hörend und unterscheidend. Die Bitte, Gottes Wille möge sich zeigen und nicht nur im Himmel, sondern schon hier und jetzt zur Geltung kommen, ist daher zentral.
Im Kontext des synodalen Ringens um eine zeitgemässe Kirchengestalt ist Frage nach Gottes Willen nicht abstrakt, sondern ganz konkret: Ist es wirklich Gottes Wille, dass das Weiheamt Männern vorbehalten bleibt? Entspricht unser Umgang mit den Kirchenfinanzen dem Willen Gottes, wie er sich in der Botschaft Jesu zeigt? Was bedeutet die Ausrichtung am Willen Gottes, wenn unsere Vorstellungen vom «richtigen», dem Evangelium entsprechenden Weg in bestimmten Fragen auseinander gehen?
«Unser tägliches Brot gib uns heute …»
Nach den ersten drei «Du»-Bitten eröffnet die Bitte um das tägliche Brot die Reihe der drei «Wir»-Bitten. Sie handelt vom Hunger. Dabei geht es nicht um «meine» private, sondern um «unsere» gemeinsame Hoffnung, dass das Brot für alle reicht. So wie von Jesus erzählt wird, dass er an keiner Not vorüberging, kann eine Kirche nicht «synodal» sein, ohne sich des Hungers der Menschen anzunehmen, solidarisch zu teilen und die Bitte um das Kommen des Reiches mit jener um das tägliche Brot zu verknüpfen. Eine synodale Kirche im Sinne des Vaterunsers ist eine geerdete, der Welt zugewandte und für die konkreten Nöte der Zeit sensible Kirche.

«… und vergib uns, wie auch wir …»
Synodale Kirchenmenschen sind keine fehlerlosen oder «unfehlbaren» Heiligen. Sie werden aneinander schuldig, bedürfen der Vergebung und der Versöhnung. Das Vaterunser bindet Gottes Vergebung und das Einander-Vergeben aneinander. Vergebung Gottes gibt es nicht an zwischenmenschlicher Vergebung vorbei. Und wer Vergebung erfahren und angenommen hat, wird seinerseits fähig, grossherzig zu verzeihen.
Eine synodale Kirche bedarf einer Kultur der Vergebung, welche die menschliche Herzenshärte, aber auch die Unbarmherzigkeit der Kirche im Umgang mit «irregulären» Lebensformen überwindet. Das setzt das Anerkennen der eigenen Fehlbarkeit voraus. Konflikte und Verletzungen müssen besprechbar sein und tatsächlich besprochen und bearbeitet werden. Auch hier gilt das eucharistische Prinzip: «Nur was auf den Tisch kommt, kann verwandelt werden».
«Und führe uns nicht in Versuchung…»
Die Gefährdungen auf synodalen Wegen sind zahlreich: Die Verlockung der Macht und der Machtspiele, das Verwechseln der eigenen Vorlieben mit dem Willen Gottes, das Sich-im-Kreis-drehen, Beschweigen von Problemen, weil Besprechen heissen würde, eigenes Versagen oder Nicht-Wissen einzugestehen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr Gleichgesinnter, einander darin zu bestärken, Positionen zu besetzen, statt Prozesse auf den Weg zu bringen, den «Balken im eigenen Auge zu sehen» und Lagerdenken zu überwinden.
«…sondern erlöse uns von dem Bösen»
Solange eine «synodale Kirche» eine Kirche «hier auf Erden» ist, ist die Bedrohung durch das Böse eine Realität. Selbst was in bester Absicht geschieht, kann sich als lebensfeindlich und zerstörerisch erweisen. Und so unerlässlich die eigene Verantwortungsübernahme ist, so wichtig ist auch das Bewusstsein, dass Menschen stets gefährdet und bedroht sind, als einzelne, als Gemeinschaften, als Kirche. Die Bitte, vor überfordernden Situationen verschont zu bleiben, ist die Kehrseite der Bitte, dass Gottes Wille nicht nur im Himmel geschehe, sondern schon auf Erden. Und zugleich ist sie das Eingeständnis, nicht allem gewachsen zu sein.
Das Vaterunser an den Anfang, in die Mitte oder an das Ende einer synodalen Begegnung oder einer Sitzung zum Thema «Synodalität» zu stellen, kann mehr als eine Verlegenheitslösung sein, wenn dabei die Aufmerksamkeit bewusst auf eine oder zwei in der jeweiligen Situation wichtige Formulierungen gerichtet wird.
Literaturhinweise:
Ermes Ronchi, Vater unser im Himmel. Neue Zugänge, München 2020.
Hermann-Josef Venetz, Das Vaterunser. Oder: Worauf es ankommt, Freiburg/Schweiz 2013.
Jean Zumstein, Das Unservater heute lesen, Zürich 2023.
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