Wie kann die bald kommende 13. AHV-Rente fair finanziert werden? Wie sollte ein Bildungssystem aussehen, das allen Kindern und Jugendlichen Chancen auf ein selbstverantwortlich geführtes Leben eröffnet? Sollten Superreiche besonders besteuert werden? Wie kann sichergestellt werden, dass randständige Menschen bei Gericht genauso für ihre Rechte kämpfen können wie prominente Bürger:innen?
Hinter diesen heiss diskutierten Themen, ja letztlich hinter allen grossen Streitfragen unserer Gesellschaft, steckt eine Grundfrage: «Was ist gerecht?» Oder, abstrakter, was genau wird als Gerechtigkeit verstanden und erlebt? Diese Frage begleitet alle Menschen von der Wiege bis zur Bahre. Kinder klären sie auf ihre Weise beim Kampf um die Sandschaufel im Chindsgi. Erwachsene in ihrer stark reglementierten Arbeits- und Beziehungswelt. Und am Ende des Lebens stehen Senior:innen häufig vor einer eigentlich unlösbaren Frage, nämlich ihr Erbe nach gerechten Massstäben aufzuteilen. Ganz zugespitzt lässt sich durchaus sagen: Der einzige Bereich unseres Alltags, der nicht von Gerechtigkeitsfragen durchdrungen ist, ist derjenige der reinen, romantischen Liebe um ihrer selbst willen.
Der gerechte Gott – der gerechte Mensch
Diese erste Auslegungsordnung vermag uns auf die Spur zu bringen, warum Gerechtigkeit eines der grundlegenden religiösen Themen auch in der jüdisch-christlichen Tradition ist. So legt die Bibel eindrücklich Zeugnis davon ab, wie grundlegend sie das menschliche Zusammenleben prägt – und wer für sie verantwortlich ist. Mit Psalm 145 weiss die Bibel: „Gerecht ist der HERR auf all seinen Wegen und getreu in all seinen Werken.“ Verantwortlich für Gerechtigkeit und Recht sind im Denken der vorderorientalischen Welt, eigentlich in der Antike generell, also Gott (oder die Götter). Für das Volk Israel ist sein Gott der höchste Gerechte, er wacht über die Gesetze und ist barmherzig denen gegenüber, die sich an sie halten; die sie nicht befolgen, setzen sich seinem Zorn aus. Der ganzen Schöpfung ist das göttliche Gesetz förmlich eingeprägt; die Aufgabe des Menschen ist es anschliessend, Recht und Gerechtigkeit aus diesem göttlichen Gesetz herauszulesen und in richtiges Handeln zu übersetzen.
Mit dem Wissen um diese Zusammenhänge wird auch klar, warum im Alten Testament so ausführliche und alle Lebensbereiche umfassende Rechts- und Gesetzestexte enthalten sind. Ein Beispiel dafür ist folgende Rechtsnorm aus dem 5. Buch Mose, dem Deuteronomium, 25,13-16:
„13 Du sollst in deinem Beutel nicht zwei verschiedene Gewichte haben, ein größeres und ein kleineres. 14 Du sollst in deinem Haus nicht zwei verschiedene Efa haben, ein größeres und ein kleineres. 15 Volle und richtige Gewichte sollst du haben, volle und richtige Hohlmaße sollst du haben, damit du lange in dem Land lebst, das der HERR, dein Gott, dir gibt. 16 Denn alle, die so etwas tun, alle Betrüger, sind dem HERRN ein Gräuel.“
Dieser kurze Abschnitt formuliert eine Regel für das faire Zusammenleben (die Gewichte und Masse müssen stimmen, in agrarischen Gesellschaften mit Naturalwirtschaft eine überlebenswichtige Frage), aber zugleich wird diese Regel an der göttlichen Gerechtigkeit gemessen: Wer ungerecht handelt, ist in den Augen Gottes ein „Gräuel“ und ein Betrüger. Eine wichtige Warnung kommt noch hinzu, die hier zwar den Einzelnen anspricht, aber irgendwie doch das ganze Volk Israel mitmeint: Wenn Ihr Betrüger werdet, ist es schnell vorbei mit dem verheissenen Land. Ungerechtigkeit zerstört eine Gesellschaft und führt dazu, dass sie in ihrem Land nicht mehr länger überlebensfähig ist.

Stellvertreter Gottes auf Erden
Nach allgemeinem Verständnis in der altorientalischen Welt gibt es Menschen, die von Gott besonders zur Wahrung von Recht und Gerechtigkeit eingesetzt worden sind. Das sind die Könige eines Volkes, die idealerweise so gerecht sein sollten wie der Gott, von dem sie ihre Macht erhalten haben. Diese Könige sind die Stellvertreter Gottes, die in Wort und Tat für die Durchsetzung des göttlichen Rechts zuständig sind und damit gegen das kosmische Chaos ankämpfen, das sonst ausbrechen würde. Diese allgemein anerkannte Tatsache lässt verstehen, warum die Propheten Israels so zornig auf ihre Könige sind: Anstatt für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen, gefallen sie und die Oberschicht sich in Prunk und pompöser, aber hohler Grandezza. Propheten wie Hosea oder Amos stellen die Könige deshalb in Gerichtsreden vor die Wahl: „Entweder kehrt Ihr wieder zum Recht Eurer Väter zurück – oder Gott selbst wird über Euch zu Gericht sitzen!“ Doch heute wie vor zweieinhalbtausend Jahren: Reuige Umkehr zur Bescheidenheit ist eine Tugend, die bei den meisten Menschen nur wenig ausgeprägt ist.
Eine Hoffnung auf künftige Gerechtigkeit entsteht
Die Vorstellung, dass Gott und König jetzt für Recht und Gerechtigkeit sorgen müssen, entwickelt sich wegen der traumatischen Verluste der beiden Königreiche Israel und Judäa im 7. und 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende, wegen Exilserfahrungen und wegen fortdauernder Fremdherrschaften (fast zwangsläufig) zu einer glühenden Hoffnung weiter – einer Hoffnung auf das in Keimen bestehende, vollgültig aber erst noch kommende Reich Gottes, das von Jesus der armen Bevölkerung Galiläas verkündet wird. Mit römischer Fremdherrschaft, mit Rechtlosigkeit und mit der Pervertierung göttlicher Ordnung wird es in diesem Reich Gottes ein für allemal vorbei sein; die kosmische – gerechte! – Ordnung wird dann wieder vollständig hergestellt sein. Auf diesen Einbruch des Reiches Gottes steuern Christ:innen immer noch zu – und zugleich sind sie dazu angehalten, durch Taten und Tugenden der Gerechtigkeit an seiner Realisierung mitzuarbeiten.
Etwas aber hat sich grundlegend verändert: In unseren westlichen Gesellschaften der Gegenwart können die allgemein geltenden Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit nicht mehr mit Gott begründet werden. Das lässt sich auch leicht nachvollziehen, denn funktionieren würde dies ja nur dann, wenn alle den Glauben an einen Gott mit einer Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit teilen würden. Das hat schon in den letzten Jahrtausenden nicht sehr gut funktioniert (die Propheten können ein Lied davon singen), in unseren Ländern, in denen vielfältige Kulturen und Überzeugungen zusammenleben, ist dieses Ziel aber noch viel unerreichbarer.
Gerechtigkeit gottlos denken
Recht und Gerechtigkeit müssen in demokratischen Gesellschaften anders begründet werden. Und zwar so, dass ihrer Begründung alle zustimmen könnten, wenn sie sich möglichst neutral und vernünftig mit ihr beschäftigen würden: Ohne den eigenen Vorteil im Blick zu haben und ohne eine höhere Macht. Doch selbst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, ist es unserer Erfahrung nach doch schier unmöglich, eine geteilte Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit zu haben, auf die sich alle Menschen einigen können. Wie geht man mit dieser scheinbar unlösbaren Problemstellung um? Wie kann es gelingen, allgemeine Grundsätze der Gerechtigkeit und des Rechts zu entwickeln, ohne dabei auf die persönliche Tugend von allen Menschen vertrauen zu müssen?

Dieses Rätsel hat wie kein zweites die letzten fünfzig Jahre der politischen Philosophie und Ethik bestimmt. An ihrem Ausgangspunkt steht das Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ vom US-amerikanischen Philosophen John Rawls aus dem Jahr 1972. Seine geniale wie heiss diskutierte Lösung ist die eines Gedankenexperiments. Er bittet seine Leser:innen, sich folgendes vorzustellen: Was würde passieren, wenn wir alle zu einem grossen Meeting zusammenkämen, um gemeinsam über die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit abzustimmen? Keine Frage, das würde für ein grosses Chaos sorgen, denn die Vermögenden würden ihr Stück vom Kuchen behalten wollen, während die schlechter Gestellten ihre Situation gerne verbessern möchten. Rawls schlägt deshalb vor, dass der Weg zu diesem Meeting durch einen „Vorhang“ führen müsste (der berühmte „Veil of Ignorance“), der uns alles Wissen über unsere Lebenssituation, unsere Talente und unsere Lebensziele für die Dauer des Meetings rauben würde. Wir blieben in diesem Meeting allerdings moralisch denkende Menschen, die alle an den gleichen Rechten, Freiheit und Sicherheit interessiert sind. Und wir würden vor allem auch wissen, dass eine gut funktionierende Gesellschaft auf der Zusammenarbeit aller beruht.
Rawls nun ist der Ansicht, dass sich die Menschen in diesem Meeting auf zwei Grundsätze der Gerechtigkeit einigen würden. Der erste Grundsatz sieht vor, dass alle Menschen der in Frage stehenden Gesellschaft über die gleichen Grundrechte verfügen sollten. Das ist auch leicht nachvollziehbar, denn niemand würde wohl auf seine Bürgerrechte freiwillig verzichten wollen! Nachgeordnet ist ihm ein zweiter Grundsatz, der es nun wirklich in sich hat: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheit sind erlaubt, wenn sie den am wenigsten Begünstigten den grösstmöglichen Vorteil bieten. Dieses berühmte Differenzprinzip ist das Ergebnis des beschriebenen Vorhangs, der jedes Wissen über die tatsächliche Position in der Gesellschaft verhindert. Rawls fragt uns: Würdet Ihr nicht auch wollen, dass Ihr vorrangig am gesellschaftlichen Erfolg teilhaben dürft, wenn Euch das Leben auf der Grundlage reinen Zufalls – denn niemand kann bestimmen, in welche Familie oder Lebensumstände er hineingeboren wird – in eine missliche Ausgangslage befördert hat?
Anders gefragt: Würden wir nicht alle schon aus Eigenschutz Gerechtigkeitsgrundsätze wählen, die uns die bestmögliche Ausgangssituation bei kleinstmöglichem Risiko verschaffen würde? Rawls jedenfalls war sich sicher, mit seinem Gedankenexperiment die Grundlage einer fairen und solidarischen Form von Gerechtigkeit gefunden zu haben, die für alle zustimmungsfähig ist.
Übrigens hat seine Theorie auch in der christlichen Ethik viel begeisterte Zustimmung erfahren. Denn hier wie dort stehen weniger begünstigte Personen im Fokus der Gerechtigkeit, wenngleich natürlich mit unterschiedlichen Begründungen. Geht es im Christentum um eine vorrangige Option für die Armen, um die Botschaft Jesu Christi und die Zuwendung Gottes an die Rechtlosen und ungerecht Behandelten zu verdeutlichen, geht es John Rawls um das ganz praktische Funktionieren einer modernen Gesellschaft.
Doch gerade im Alltag kann uns das Gedankenexperiment John Rawls als Richtschnur bei der Beantwortung schwieriger Gerechtigkeitsfragen helfen. Mit seiner Hilfe können wir uns von unserer eigenen Lebenssituation distanzieren und uns ohne Schielen auf den eigenen Vorteil fragen, welche Lösung in dieser oder jenen Situation tatsächlich gerecht wäre. Zum Üben gebe ich Ihnen gerne einige Fragen an die Hand: Sollen Männer und Frauen unterschiedlich bezahlt werden dürfen? Soll der Staat Strategien zur Steuervermeidung ermöglichen? Sollen Privatschulen möglich sein? …
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