Bedenke, Mensch…

Der Beginn der Fastenzeit steht im Zeichen der Asche. Sie wird den Gläubigen im Gottesdienst auf das Haupt gestreut. Über Vergänglichkeit, Umkehr … und was die Asche mit einem mythologischen Vogel zu tun hat.

An allem, was auf der Erde existiert, nagt der Zahn der Zeit. Was entsteht und wächst, zerfällt auch wieder und wird früher oder später zu Staub. Der Gottesdienst an Aschermittwoch ruft diese unbequeme, oftmals verdrängte Wirklichkeit in Erinnerung: «Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.»

Die Asche, mit der die Gläubigen bezeichnet werden, ist eine Form von Staub. Sie entsteht durch das Verbrennen der Zweige des vorjährigen Palmsonntags. Das Feuer beschleunigt den Prozess des Zerfalls, darum ist Asche ein eindrucksvolles Zeichen von Vergänglichkeit und Tod.1

Staub und Atem

Die liturgische Begleitformel zur Aschenauflegung zitiert Genesis 3,19. Nach biblischem Verständnis ist der Mensch ein «Erdling», von Gott aus Erde (adama, hebräisch = Ackerboden) geformt und mit Lebensatem eingehaucht (vgl. Genesis 2,7). Alle Geschöpfe sind fortwährend auf den Lebensatem Gottes angewiesen. Wenn dieser fehlt, zerfallen sie zu Staub (vgl. Psalm 104,29).

Gott gibt das Leben und nimmt es wieder zurück (vgl. Hiob 1,21), tut das aber nicht willkürlich. Es gefällt Gott nicht, dass wir sterben. 2Gott will, dass wir leben. Der Verlust des Lebens wird biblisch als Zorn Gottes gedeutet (vgl. etwa Psalm 90,7), die Ursache aber liegt im Menschen selbst. Die Rückkehr zum Staub, das Getrenntsein vom Lebensatem ist die Folge davon, dass sich die Menschen von Gott als ihrer Lebensquelle abwenden, dass sie «nach ihren eigenen Plänen» handeln (Psalm 81,13). Der Tod erscheint als Folge von Ungehorsam und Schuld.

Hiob in seiner Not.

Tod und Schuld

Die Bibel stellt einen Zusammenhang her zwischen Tod und Schuld, den zu erkennen heutigen Menschen nicht unbedingt leichtfällt. Tod und Schuld sind lebensfeindliche Mächte, die von Gott trennen. Beide aber gehören zur Existenz des Menschen und verweisen auf seine Begrenztheit und Verletzlichkeit.

Gerade für den neuzeitlichen Menschen, für den Unabhängigkeit und individuelle Selbstbestimmung wichtig sind, ist der Tod eine Beleidigung. Darum meidet er es, mit ihm konfrontiert zu werden; er sucht nach Wegen, möglichst lange zu leben und will auf die eine oder andere Weise Unsterblichkeit erlangen. Er lebt in den Tag hinein, als würde er ewig leben. Er plant sein Leben, als hätte er es selbst in der Hand. Umso schwieriger fällt ihm der Umgang mit Verlust und Tod im eigenen Umfeld. Wer aber den Tod verdrängt, neigt dazu, eigene Schuld zu leugnen, sich selbst reinzuwaschen und Schuld auf andere abzuschieben.

Das Aschenzeichen an Aschermittwoch lädt demgegenüber ein, sich der Wirklichkeit von Tod und Schuld zu stellen.

Demut

Die Elemente Staub, Asche und Erde als Kennzeichen für Mensch und Tier (vgl. Kohelet 3,20) durchziehen die ganze Bibel.

Biblische Menschen, die in Not oder Trauer sind oder die ihre Schuld erkennen und bereuen, streuen sich Asche auf ihr Haupt (z. B. Josua 7,6; Offenbarung 18,19), setzen sich in den Staub oder gehen in «Sack und Asche» (z. B. Daniel 9,3, Esther 4,17k; Matthäus 11,21 par). Sie anerkennen damit ihre Begrenztheit und Schuldfähigkeit, ihre Vergänglichkeit und ihre Angewiesenheit auf Gott.

Ihr Verhalten ist eine Geste der Selbsterniedrigung, der Demut. Das lateinische Wort für Demut humilitas bedeutet von seinem ursprünglichen Wortsinn her: Erdverbundenheit (von lateinisch: humus = Erde).

Umkehr

Die Fastenzeit lädt zur Umkehr ein, zur Änderung von bestimmten Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen. Darum steht an ihrem Beginn als alternatives Begleitwort bei der Aschenausteilung der Ruf: «Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.» Das Zitat gehört zur Kernbotschaft der Verkündigung Jesu (vgl. Markus 1,15).

«Umkehr» bedeutet nicht allein Verzicht und Einschränkung, sie will ein Schritt zu grösserer Freiheit sein: Wir sollen uns abwenden von der ängstlichen Sorge um uns selbst, von Selbstrechtfertigung und Selbstverteidigung, und uns je neu auf Gott verlassen, uns auf Gott als Quelle des Lebens ausrichten. Für Christ:innen hat Umkehr bei der Taufe begonnen und ist eine Lebensaufgabe: im täglichen Leben mit Gott rechnen, statt allein auf eigene Kräfte bauen.

Die Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904-1964) schreibt: «Bekehrung …  ist ein entscheidender Augenblick, der uns abkehrt von dem, was wir über unser Leben wissen, damit wir Aug in Auge mit Gott, von Gott erfahren, was er davon hält und daraus machen will.»3

Die Hinwendung zu Gott bedeutet nicht eine Abwendung von den Menschen. Vielmehr ist gemeint, mit Gott, durch Gottes Augen, auf das eigene Menschsein und auf die Mitmenschen zu schauen und deren ganze Wahrheit zu erkennen: dass wir von Gott geliebte und erlöste Geschöpfe sind. Das ist der Glaube an das Evangelium, zu dem uns Jesus ruft. Er befreit von dem verzweifelten und aussichtslosen Versuch des Menschen, sich gegen die Wirklichkeit des Todes abzusichern und der Macht des Bösen aus eigener Kraft Herr zu werden.

Neue Erde

Asche ist in der Bibel ein Bild für Sterblichkeit, Schuldanerkennung und Umkehr, sie steht infolgedessen aber auch – wie in anderen Religionen und Kulturen – für die Möglichkeit eines Neubeginns.

Auf einem Mosaik in der Apsis der Basilika Santa Prassede in Rom (9. Jh.) ist auf einer Palme ein Phönix dargestellt. Es handelt sich um einen Vogel aus der altägyptischen bzw. altgriechischen Mythologie. Von ihm heisst es, dass er am Ende seines Lebens sich selbst verbrennt, um aus der Asche neu zu erstehen. Der geheimnisvolle Vogel steht für Transformation und Neubeginn nach Krise, Zerstörung oder Niederlage. Er lebt heute noch in der Redewendung «wie Phönix aus der Asche». Die Christ:innen der Frühzeit sahen im Phönix ein Symbol für Christus, den «neuen Adam» (vgl. 1. Korintherbrief 15,45).

Der Phönix auf der Palme.

In der christlichen Liturgie weist ein Detail auf die Dimension der Neuwerdung hin: Die Palmzweige, die im Vorjahr an Palmsonntag für die Darstellung des Einzugs Jesu in Jerusalem Verwendung fanden, werden in der Regel im Feuer der Osternacht verbrannt. Daraus wird die Asche für Aschermittwoch gewonnen. Die Asche entsteht also an einem Neubeginn: am Osterfeuer als Zeichen für Christus, der aus dem Tod erstanden ist.

Wenn wir an Palmsonntag Jesus mit Palmzweigen als König bejubeln, wissen wir zwar bereits um sein Leiden und Sterben. Trotzdem sind die Zweige, die später verbrannt werden, eine Mahnung, nicht zu früh zu jubeln. Erlösung ist nicht ohne Tod zu haben. Auch als Getaufte werden wir nicht verschont, sondern gehen den Weg Jesu aus der Begrenztheit und Vergänglichkeit des irdischen Daseins zur Fülle eines neuen ewigen Lebens.

Die Asche wird zu einem Zeichen der Hoffnung auf Auferstehung, denn wenn Himmel und Erde vergehen, erwarten wir «einen neuen Himmel und eine neue Erde» (2. Petrusbrief 3,13).

  1. Zur Asche als liturgischem Zeichen siehe: Gestalt des Gottesdienstes. Sprachliche und nichtsprachliche Ausdrucksformen (Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft, Band 3), Regensburg, 2. durchgesehene und ergänzte Auflage 1990, S. 282f; Kilian Wenk: Kein nutzloser Überrest, auf: (https://www.liturgie.ch/hintergrund/liturgische-zeichen/naturgaben/1554-asche (27.1.2026).
  2. In Todesanzeigen findet sich gelegentlich die Formulierung: «Gott, dem Herrn, hat es gefallen, N.N. aus dem Leben zu nehmen». Dagegen protestierte u.a. der reformierte Theologe Kurt Marti mit einem Gedicht aus seinen «Leichenreden»: «dem Herrn, unserem Gott, hat es ganz und gar nicht gefallen …»; vgl. etwa Isolde Karle, Gott hat es nicht gefallen, auf: https://zeitzeichen.net/node/8834 (27.1.2026).
  3. Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Strasse. Ein Lesebuch. Hg. v. Annette Schleinzer, Oberpframmern, Neue Stadt, 3. Aufl. 2022, S. 39.

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