Wider die Gewalt: Israel und Gibeon

Die Bibel enthält viele friedvolle Texte, aber auch ungeschönte Geschichten über Mord und Totschlag. Schliesslich gibt es Erzählungen, die die Gewaltrhetorik gezielt unterlaufen. Ein Beispiel findet sich im Buch Josua.

Kürzlich entdeckte ich in einem Berner Antiquariat eine Seite aus einer mittelalterlichen Bibelhandschrift. Sie enthält die Geschichten von Israel, Ai und Gibeon aus dem Josuabuch (Jos 8-9). Das Buch erzählt, wie Gott das Volk Israel nach der Befreiung aus Ägypten in das verheissene Land Kanaan führt. Im Josuabuch geht das ausserordentlich kriegerisch vor sich, denn in Kanaan leben schon andere Völker.

Historisch: Von Eroberungskriegen keine Spur

Historisch gesehen sind diese Erzählungen eine Fiktion, reine Erfindung. Die Archäologie hat nachgewiesen, dass sich das Volk Israel in langen sozialen Prozessen im Land selbst gebildet hat. Israel ist im Wesentlichen nicht von aussen ins Land gekommen, schon gar nicht mit Krieg. Zur Abfassungszeit des Josuabuches wohl ab dem 7./6. Jh. v. Chr. litt Israel vielmehr selbst unter der brutalen Militärmacht der Assyrer und Babylonier, die die Gegend dominierten. Von Vernichtungskriegen durch Israel keine Spur. Vielleicht hatte das Josuabuch gerade in dieser Situation staatlicher Ohnmacht das Ziel, das eigene Volk – und vor allem: den eigenen Gott! –als genauso mächtig darzustellen wie es die Assyrer mit ihrer gefürchteten Armee tatsächlich waren.

Die Landschaft Kanaans: Schauplatz der biblischen Erzählungen – historisch jedoch kein Ort militärischer Eroberung, sondern sozialer Entwicklungsprozesse. Foto: Landschaft bei Jericho, Unsplash

Fake news in der Bibel

Wie auch immer: Das Josuabuch erzählt in einer Art historischer Legende geradezu „fake news“: Schauermärchen von einem angeblichen, Jahrhunderte zurückliegenden Kriegszug Israels in dem Land, in dem das Volk mit Gottes Segen bereits seit Langem lebt. Dabei sollen nicht nur die Städte erobert, sondern an den nichtisraelitischen Menschen auch der sogenannte „Bann“ vollzogen worden sein: Sie werden getötet. Alle. Angeblich, und das macht diese Legende besonders tragisch, auf Anweisung Gottes – desselben Gottes, der am Anfang der Bibel die Ureltern aller Menschen erschafft, sie anblickt und sagt: „Es war sehr gut …“

Gibeon rettet die Ehre Israels – und Gottes

Hier kommen nun die Menschen aus Gibeon ins Spiel, und sie wenden die Situation kreativ ins Positive. Sie hören von der Eroberung Ais, einer ihrer Nachbarstädte (Josua 8). Um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden, machen sie sich in geflickten Kleidern und mit vertrocknetem Brot auf den Weg zu Josua, dem Anführer der Israeliten, und behaupten: „Als wir zuhause aufbrachen, war das alles noch frisch …“ (Jos 9,12-13). So tischen sie Josua ihrerseits „fake news“ auf. „Wir kommen aus einem fernen Land. Schliesst doch einen Bund mit uns!“ (Jos 9,6) So offensichtlich erfunden ist die Geschichte, dass manche Kommentatoren meinen, Josua habe die List durchschaut, ja er habe geradezu betrogen werden wollen von ihnen. Doch er lässt sich auf den „Deal“ ein. Josua schliesst mit den Gibeoniten einen Bund. Wenig später fliegt der Schwindel auf. Doch da ist es schon beschlossen und besiegelt: Gibeon lebt – und Israel auch. Seite an Seite, in friedlicher Koexistenz.

So führt der Zufallsfund in einem Berner Antiquariat zu der Frage, wofür Gott – heute und tragischerweise manchmal sogar in der Bibel – alles missbraucht wird. Welch ein Glück, dass es in derselben Bibel immer wieder Gegenstimmen gibt wie die Geschichte der Gibeoniten in Josua 9: Sie stehen für Frieden ein, für Empathie und gesunden Menschenverstand. Sie unterlaufen die Gewaltrhetorik – im Namen Gottes.

Path to Peace“ – ein Wandbild an der Sperranlage in Israel. Ein heutiges Zeichen dafür, dass selbst in konfliktreichen Kontexten Friedenshoffnung formuliert wird. Foto: „Path to Peace“, Netiv HaAsara, Israel, Unsplash

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