Dass die römisch-katholische Kirche eine Reform braucht, bezweifelt kaum jemand. Sogar die Kirche selbst sagt es – auf Latein: Ecclesia semper reformanda. Doch was genau soll sich ändern? Erst wenn man den Begriff hinterfragt, gewinnt die Forderung an Schärfe.
Der allgemeine Sprachgebrauch
Die Forderung nach «Reformen» ist allgegenwärtig: Die Schule, die Gesetzgebung, eine Währung, ein Land, der Kulturbetrieb – alle sollen sich «reformieren». Zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören auch die Abgrenzung zwischen «Reform» und «Revolution» und die Gegenüberstellung von «Reformern» und «Konservativen». Bei diesen Unterscheidungen schwingen Fragen mit: Wie tiefgreifend sollen die Veränderungen sein? Ist das Ziel Rückbesinnung auf den Ursprung oder Ausrichtung auf künftige Herausforderungen?
Die Kirchensprache
Das Zweite Vatikanische Konzil hält fest: Die Kirche sei «zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Busse und der Erneuerung» (LG 8). Prägend wurden auch die Begriffe «aggiornamento» («Verheutigung») und «ad fontes» («zurück zu den Quellen»). Sie stecken das Spannungsfeld ab: Reform meint Besinnung auf den jesuanischen Ursprung – und zugleich Aufmerksamkeit für die «Zeichen der Zeit».
Der spezifische Gehalt von Re-Form
Die Vorsilbe «re» bedeutet einerseits «zurück»: Re-Form als Rückkehr zur ursprünglichen Form. Etwas, das aus der Form geraten ist, «wieder in Form bringen». Andererseits drückt «re» im Lateinischen eine verstärkte Intensität aus: Re-Form meint dann, etwas zu seiner «eigentlichen» Form zu bringen.
«Form» meint hier nicht alltagssprachlich körperliche Fitness oder eine Kuchenform. Es handelt sich hier um einen Begriff aus der Philosophie des Aristoteles: Form als «Inbegriff der Bestimmtheit» eines Seienden. «Erst die Form, die die Materie durchdringt, garantiert die Erkennbarkeit des Seienden»1. In diesem Sinn ist Re-Form als Vorgang zu verstehen, der etwas zu einer eigenen Bestimmung bringt, sein eigentliches Wesen erkennbar macht.
Zudem ist das lateinische re-formare ein Lehnwort zur Übersetzung eines griechischen Verbs (meta-phorein), das «umgestalten» bedeutet. Im Römerbrief (12,2) schreibt Paulus «gestaltet euch um durch die Erneuerung» und plädiert damit für «eine zukunftsorientierte Umgestaltung, die die Gemeinde im hier uns jetzt fordert»2.
Der Begriff der «Reform» enthält also eine dreifache Zielbestimmung: Die Treue zum Ursprung, die Besinnung auf das eigentliche Wesen und den Auftrag, und die Ausrichtung auf die Zukunft.

Gegenstände von Kirchen-Reform
Im Zusammenhang mit der Schärfung des Begriffs «Kirchenreform» ist weiter zu berücksichtigen, dass die Kirche eine komplexe, mehrdimensionale Wirklichkeit ist. Entsprechend vielfältig können die Erwartungen sein: Eine andere Sprache und Liturgie, eine Weiterentwicklung der kirchlichen Glaubenslehre, der Menschenbildes oder der Moral, eine Änderung der Verfassung und der Ämterstruktur, eine Aktualisierung des Kirchenrechts auf der Basis der Menschenrechte, eine neue Kultur des Miteinanders, eine Vertiefung der Spiritualität, die Aufarbeitung von Missständen, die das Wesen und den Auftrag der Kirche verdunkelt und verraten haben …
Zwischen diesen Bereichen gibt es zahlreiche Überschneidungen und wechselseitige Abhängigkeiten. Trotzdem ist es wichtig, Reformvorstellungen zu präzisieren und damit auch zu adressieren. Denn «von der Basis» «von unten» oder «vor Ort» lässt sich manches verändern, aber nicht alles. Und ebenso wenig kann «Rom» jene Reformen «von oben» her durchziehen, die einen Mentalitätswandel erfordern. Und wer «alles auf einmal» will, erreicht oft weniger als wer sich beschränkt.
Formen der Kirchen-Reform
Ein Blick in die Geschichte und in die Gegenwart der Kirche zeigt denn auch, dass Reformen von unterschiedlichen Orten ausgingen und auch sehr unterschiedlich verlaufen sind.
Manche Anstösse kamen von besonders engagierten Gruppen, die einzelne Anliegen in den Mittelpunkt stellten, eher am Rand der Kirche standen und häufig verdächtigt wurden, mehr Schaden anzurichten als Nutzen zu stiften. So prägten beispielsweise neu entstehende Ordensgemeinschaften ein diakonisches und solidarisches Bild von Kirche. Spirituelle Aufbrüche sowie Mystikerinnen und Mystiker sensibilisierten für die Kraft von individuellen Glaubenserfahrungen, soweit sie auch den Blick für die Realität schärfen. Die Befreiungstheologie verknüpfte Glaubensfragen viel intensiver als bisher mit Gerechtigkeitsfragen.
Andere Reformen wurden nach tiefgreifenden Krisen, intensiver theologischer Vorarbeit und in Auseinandersetzungen mit den aktuellen Herausforderungen von Konzilien und Synoden beschlossen und anschliessend in langen Umsetzungsprozessen vor Ort realisiert. Wieder andere wurden unter äusserem Druck unausweichlich.
Für die spezifische Frage der kirchlichen Lehre und Dogmatik hat Michael Seewald aufgezeigt, dass es drei unterschiedliche Formen der Entwicklung gibt.
- Den «Autokorrekturmodus», in dem die Veränderung deklariert wird. So erklärte Papst Franziskus im Jahr 2018 die bisher in besonderen Fällen erlaubte Todesstrafe durch eine Änderung des Katechismus für unzulässig. Ausgerechnet der als konservativ geltenden Papst Pius XII. betonte: «alle wissen, dass die Kirche, was sie festgelegt hat, auch verändern und abschaffen kann»3.
- Als «Obliviszierungsmodus» wird der weitaus häufigere Fall bezeichnet, in dem die Lehre durch «bewusstes Vergessen» korrigiert wird. So wurde zum Beispiel die frühere Lehre, dass alle Menschen biologische Kinder von Adam und Eva waren (sogenannter «Monogenismus») stillschweigend fallen gelassen, weil sie als Begründung für die Lehre der Erbsünde nicht mehr als notwendig und mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft unvereinbar erschien4.
- Ebenfalls häufiger als explizite Selbstkorrektur ist der «Innovationsverschleierungsmodus», beispielsweise im Zusammenhang mit der Religions- und Gewissensfreiheit. Im 19. Jahrhundert wurden diese samt den Menschenrechten von Päpsten als «Wahnsinn» und «pestartiger Irrtum» bezeichnet, während das Zweite Vatikanische Konzil sie anerkannte und «das neu entstandene Bewusstsein für die unverlierbare Würde der menschlichen Person» (DiH 1) als «erfreuliches Zeichen der Zeit» (DiH 15) bezeichnet5.
«Synodalität» als «Reform der Reformen»?
Papst Franziskus und synodale Aufbrüche in Ortskirchen – etwa in Lateinamerika6 oder beim synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland7 – haben einen weltkirchlichen synodalen Prozess8 angestossen, der als «Synodalisierung»9 bezeichnet wird und sowohl die Welt- als auch die Ortskirchen10 transformieren soll. Diese Entwicklung ist wichtig – sofern sie mit Energie und Offenheit angegangen wird, breit und vielfältig, von den Verantwortlichen aktiv unterstützt. Dann wird sie – mit Michael Seewald – zur «Arbeit der Kirche an der eigenen Form»11

Gleichzeitig droht «Synodalität» zum «Container-Begriff» zu werden, der verschleiert, dass je nach Thema Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Methoden nötig sind.
Damit der synodale Prozess zur fruchtbaren Arbeit der Kirche an der eigenen Form werden kann, ist es angesichts dieses Risikos unabdingbar, dass alle sich – auch selbstkritisch! – in Erinnerung rufen, was «Re-Form» im Kern ausmacht: Treue zum Ursprung, die Besinnung auf Wesen und Auftrag der Kirche sowie die Ausrichtung auf die Zukunft.
- Michael Seewald, Reform. Dieselbe Kirche anders denken, Freiburg i. Br. 2019, 111.
- A.a.O., 116.
- A.a.O., 83.85.
- A.a.O., 87.ff.
- A.a.O., 96ff.
- Vgl. z.B. Rafael Luciani, Unterwegs zu einer synodalen Kirche. Impulse aus Lateinamerika, Luzern 2022.
- Vgl. https://www.synodalerweg.de.
- Vgl. https://www.synod.va/en.html.
- Paul M. Zulehner/Peter Neuner/Anna Hennersperger (Hg.), Synodalisierung. Eine Zerreissprobe für die katholische Weltkirche? Expertinnen und Experten aus aller Welt beziehen Stellung, Ostfildern 2022.
- Für die Schweiz vgl. https://synodal.ch.
- Seewald (Anm. 1), 111ff.
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