Im Januar 2026 bin ich mit meiner Familie auf dem Heimweg vom Wocheneinkauf. Das Radio läuft, die Familiengespräche plätschern so vor sich hin. Halb aufmerksam höre ich die Moderatorin, die einen Song von Nick Cave ankündigt. Der Song beginnt, und ich kann gar nicht glauben, was Cave singt: „I don’t believe in an interventionist God“ – frei übersetzt etwa: „Ich glaube nicht an einen Gott, der in den Lauf der Welt eingreift“.1
Zweifellos einer der ungewöhnlichsten Einstiege in einen Pop-Song überhaupt! Wo sonst Liebe, Eifersucht, Rivalität und Schönheit im Mittelpunkt stehen, geht es hier irgendwie um Philosophie und Theologie. Wie geht der Song nach diesem Einstieg weiter? „But I know, darling, that you do / But if I did I would kneel down and ask Him / Not to intervene when it came to you / Not to touch a hair on your head / To leave you as you are / And if He felt He had to direct you / Then direct you into my arms“ Wiederum frei übersetzt: „Aber ich weiss, meine Liebste, dass Du an einen solchen Gott glaubst. / Wenn ich es auch täte, würde ich niederknien und ihn bitten / sich nicht in Dein Leben einzumischen / Dir kein Haar zu krümmen / Dich so zu lassen wie Du bist / aber falls er Dich dennoch steuern wollte / dann umgehend in meine Arme“.
Der australische Sänger verhandelt hier offensichtlich an der Beziehung zu seiner Liebsten zwei tiefe, existenzielle Fragen, die sich wohl jeder moderne Mensch schon einmal gestellt hat: (1) Greifen für uns nicht erkennbare Kräfte in unser Leben ein, um bestimmte Ziele zu erreichen? Ist unser Leben womöglich sogar schicksalhaft vorausgeplant? – Dann hätte ich meinen Beruf ergriffen, meine Frau kennengelernt, meine Kinder auf diese und jene Art erzogen, weil es im „Plan aller Dinge“ genau so vorgesehen war. Stand heute (!) kann ich vielleicht sogar sagen, dass es „Gottes Plan“ gut mit mir gemeint hat. Allerdings: Was aber soll man einem Menschen, der schuldlos, jämmerlich und einsam im Krieg oder in der Gosse verreckt, über diesen „Plan aller Dinge“ sagen? Dass dieser Mensch einfach nur Pech gehabt hat? Ich würde jedenfalls nicht wollen, dass ein solcher Plan existiert, weil er mich zur Marionette fremder Mächte degradieren würde.

Oder, die zweite existenzielle Frage, die in Caves Song antönt: (2) Beruht unser Leben nur auf chaotischen Zufällen, die aus jedem Menschen sowohl eine Mutter Theresa als auch einen Adolf Hitler machen können? – Dann aber wäre alles, was wir als diese oder jene Person in unserem Leben tun – in ethischer und jeder anderen Hinsicht – letztlich vollständig irrelevant. Der Zufall ist nicht schöpferisch, nicht wertstiftend, sondern letztlich nihilistisch. Für den Schriftsteller Albert Camus ist der ständige Versuch des Menschen, in den Irrsinn des Zufalls einen Sinn hineinlesen zu wollen, nichts anderes als der Inbegriff der Absurdität. Allerdings ist zugleich festzuhalten: Das Leben ist eben doch auch auf Zufälle angewiesen, hätte es doch ohne jene keine Würze, bliebe berechenbar und letztlich vielleicht sogar belanglos. Ich will zwar keine Marionette sein – aber ganz sicher auch kein Sandkorn am Strand, das vom Chaoswasser wild hin und her geschleudert wird.
Sinnerfahrung durch eine Entscheidung zur Wahrhaftigkeit
In den dunklen Nächten der Sinnsuche nach dem eigenen Weg und einem tragenden Fundament ist man häufig genug mit dem Grauen des schier unendlichen Abgrunds konfrontiert, in den man von diesen Fragen gezogen wird. Ist alles festgelegt und fremdbestimmtes Schicksal? Oder ist alles Zufall und letztlich sinnlos? Ist meine Existenz überhaupt relevant?
Es ist atemberaubend, dass die Evangelien Jesus in gleicher Weise eine dunkle Nachtstunde der Orientierungslosigkeit und Sinnsuche zwischen den beiden genannten Polen durchleben lassen. Die Rede ist von der Nacht am Ölberg, die in der Passionsgeschichte so etwas wie den point of no return darstellt. Jesus hadert mit der Ausweglosigkeit seiner Situation, fragt nach dem Sinn seines Schicksals und, so dürfen wir in sein inneres Gespräch hineinlesen, ob es wirklich ihm als Jesus von Nazareth zugedacht ist.

In einem stark umstrittenen Jesus-Film von Martin Scorsese, „Die letzte Versuchung Christi (1988)“, wird dieser Zweifel des Menschen Jesu an den Zielen seines Daseins mit den Mitteln des Films plakativ (und teilweise ziemlich plump) durchgespielt. In einer Art kontrafaktischer Geschichtsschreibung erscheint Jesus am Kreuz ein Engel, der ihn von seinen Qualen erlösen möchte. Jesus steigt brav vom Kreuz herab und wählt für sich ein normales Leben in Galiläa inklusive Frau und Kindern. Als er ein alter Mann ist, erscheint Judas auf der Bildfläche, der Jesus wegen des Verrats seiner messianischen Bestimmung scharf anklagt. Jesus erkennt, dass ihn kein Engel vom Kreuz geholt hat, sondern dass dies Satan gewesen ist. Er entscheidet sich schliesslich doch noch für sein Martyrium und findet sich plötzlich wieder am Kreuz – sein bürgerliches Leben entpuppt sich als teuflische Vision, eben als „letzte Versuchung“, die alles ausgelöscht hätte, was seinem Leben bis zu diesem Zeitpunkt einen höheren Sinn verliehen hat.
Das zentrale Wort im vergangenen Abschnitt ist „Entscheidung“. Jesus entscheidet sich in der Ölbergstunde dafür, dem Willen des Vaters zu folgen. In dieser Entscheidung zeigt sich, dass er keine Marionette ist, die als eine Art göttlicher Roboter den Willen des Vaters ausführt. Jesus ist ein freier Mensch, der sich auch gegen den Willen des Vaters hätte entscheiden können (aber dann gäbe es heute vermutlich keine Evangelien, die vom Gott-Mensch Jesus Christus berichten würden). Diese willentlich getroffene Entscheidung beruht aber zugleich auch nicht auf einem bloss nihilistischen Zufall. Sie ist vielmehr die logische Konsequenz der lebensprägenden Beziehung Jesu zu seinem Vater, die sich in seinem Handeln, seinem Gebet und seiner Botschaft vom Reich Gottes ausdrückt. Jesus glaubt und vertraut seinem Vater, dass sein Leben einen Sinn hat – und entscheidet sich deshalb dafür, im wahrhaftigen „Ja“ zu sich selbst einen Weg weiter zu gehen, der ihn schliesslich bis ans Kreuz führt.

Ostern können wir in diesem Sinn als Plädoyer für sinnorientierte Lebensführung auf den Spuren der eigenen Biographie verstehen, die letztlich zum Heil führt. Ostern verdeutlicht uns, dass menschliches Leben weder schicksalhaft noch zufällig ist, sondern dass es durch das persönliche „Ja“ zum göttlichen Geschenk des eigenen Lebens, durch das „Ja“ zur eigenen Biographie, durch das „Ja“ zur eigenen Identität schlussendlich zur Erfahrung eines „guten Lebens“ führen kann – „gut“ verstanden hier als „wahrhaftig“.
Das liest sich ziemlich harmoniesüchtig und tönt nach billiger Beraterliteratur. Die Passionsgeschichte Jesu raut diesen Leseeindruck aber sehr stark an und gibt ihr einen säurigen Stachel. Amor fati – die Liebe zur Gestaltung des eigenen Schicksals bedeutet nämlich auch, den Entwicklungslinien der eigenen Biographie mit Leidenschaft – Passion! – dahin zu folgen, wo es unangenehm, vielleicht sogar gefährlich wird. Damit ist keineswegs gemeint, dass Christ:innen um des Leidens willen leiden sollten. Aber ziemlich sicher ist gemeint, dass sie Zeugnis (griechisch martyria) für das sehr christliche Verständnis ablegen können und sollten, dass der Lauf der Welt weder einer unabwendbaren, schicksalhaften Logik folgt noch unbeeinflussbaren Zufällen unterliegt.
Jesus zeigt uns, dass ein wahrhaftig geführtes Leben, das gegen Ungerechtigkeit die Stimme erhebt und auf Gott vertraut, den Lauf der Welt radikal umgestaltet. Damit hat er unserer wahnsinnigen, verrückten, liebenswürdigen, chaotischen Welt einen Weg zur Heilung abgerungen – den zu beschreiten auch wir eingeladen sind, um mit einem Leben in Wahrhaftigkeit die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
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