Die politische Instrumentalisierung biblischer Texte nimmt zu, besonders in den USA. Es ist Zeit, die freiheitliche Botschaft der Bibel neu zu entdecken.
Missbrauch biblischer Texte in der US-amerikanischen Politik
Manchmal findet die Bibel unerwartete Resonanz. Nicht immer kann man sich jedoch darüber freuen – wenn diese Resonanz die biblische Botschaft nämlich aufs Gröbste verzerrt. So zum Beispiel am 13. Januar 2026 in einem professionell produzierten Video, das auf X (vormals Twitter) gepostet wurde: Szenen wie aus einem Action-Film. Schwerstbewaffnete Spezialeinheiten, die sich aus Hubschraubern abseilen und wie im Häuserkampf vordringen, Türen aufsprengen, Menschen wegführen. Dazu in Frakturschrift der Text: „Selig, die Friedensstiftenden, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Matthäus 5,9“.1 Die Bergpredigt, die Friedensbotschaft Jesu par excellence, wird mit Waffen und Gewalt in ihr Gegenteil pervertiert.
Ein halbes Jahr zuvor, am 8. Juli 2025 auf Facebook: Männer in Kampfanzügen und Schnellbooten. Nachtsichtgeräte, Fahrzeuge und Menschen im Fadenkreuz. Dazu eine Männerstimme aus dem Off: „Hier ist ein Bibelvers, über den ich manchmal – oft – nachdenke: ‚Dann hörte ich die Stimme des Herrn, die sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Und ich sagte: Hier bin ich. Sende mich.‘“ 2 In diesem Video sind es Sätze aus der Berufungsvision des Propheten Jesaja (Jesaja 6,8), die zweckentfremdet werden.
Mit diesen Videos wirbt das US-amerikanische Ministerium für Innere Sicherheit (Department of Homeland Security) für seine Behörde „ICE“ (Immigration and Customs Enforcement/Durchsetzung von Einwanderungs- und Zollgesetzen). Das ist die Behörde, die seit Monaten durch Razzien und brutale Einsätze in den USA von sich reden macht und dabei im Januar 2026 in Minneapolis auch Renée Nicole Good und Alex Pretti erschossen hat, zwei unbescholtene amerikanische Bürger:innen.

Die Beispiele für die Verwendung – und den Missbrauch – biblischer Texte und Motive in politischen und gesellschaftspolitischen Debatten, besonders in den USA, liessen sich leicht erweitern. Peter Thiel beispielsweise, ein deutsch-amerikanischer „Tech-Milliardär“, Mitgründer von PayPal und Investor mit libertärer Ausrichtung, ist mit überaus fragwürdigen Vorträgen zu seinem biblisch-politischen, apokalyptischen Weltbild unterwegs. 3
Die Videos der Behörde Homeland Security und die Vorträge Peter Thiels, die hier nur exemplarisch herausgegriffen werden, sind mit sehr grossem wirtschaftlichem und politischen Einfluss „unterfüttert“. Teile der „MAGA“-Bewegung in den USA und wichtige Unterstützer von Donald Trump haben einen christlich-fundamentalistischen Hintergrund. Im Detail unterscheiden sich die Verwendung biblischer Texte in den erwähnten Beispielen zwar: Während die Videos der Homeland Security einzelne Bibelverse auf geradezu obszöne Weise in ihr Gegenteil verkehren und für durchsichtige politische Ziele missbrauchen, überträgt Peter Thiel ein randständiges biblisches Konzept, den „Antichristen“, in einen säkularen Kontext. Er entwirft damit eine umfassendere Deutung von Gegenwart und Zukunft. Beides hat gefährliche, ummittelbar wirksame politische Konsequenzen. 4
Warum ist das Missbrauch?
Warum ist es in den erwähnten Fällen – trotz aller Vielfalt, die Bibellektüre und -interpretationen haben können – so offensichtlich, dass hier eine grobe Verzerrung der biblischen Aussageabsichten, ja ein Missbrauch vorliegt? Was macht diesen Missbrauch aus? Das lässt sich v.a. an den Videos leicht aufzeigen. Wer Mt 5,9 („Selig die Friedensstiftenden“) aufschlägt und nur wenige Sätze weiterliest, stösst in den sog. „Antithesen“ der Bergpredigt darauf, wie Jesus das Tötungsverbot aus dem Alten Testament auf sehr absolute Weise aktualisiert und zur Versöhnung auffordert (Mt 5,21-26). Wenig später folgen in Mt 5,38-47 die herausfordernden Aufforderungen zum Gewaltverzicht und zur „Entfeindungsliebe“ (Hermann-Josef Venetz). Ausgerechnet die Bergpredigt positiv mit Waffen und Gewalt in Verbindung zu bringen, sollte den Protest jedes Menschen hervorrufen, der/die auch nur knapp etwas von der Botschaft Jesu und der Bibel gehört hat.

Auch beim Jesaja-Zitat im Homeland-Security-Video reicht schon der unmittelbar nächste Satz, um die Verfälschung gegenüber dem Bibeltext erkennen: Jesaja erhält in seiner Berufungsvision im 8. Jh. v. Chr. ja den – schwer verständlichen – Auftrag, dem Volk den klaren Blick auf die Situation zu trüben, bis das babylonische Exil eintritt (Jes 6,9-13). Jesajas Botschaft an Israel damals ist eine Gerichtsankündigung, wonach Gott sein Volk wegen seiner eigener Verfehlungen zur Rechenschaft zieht, und weit entfernt von einem Aufruf, das „Recht des Stärkeren“ durchzusetzen. Zunächst hilft also der biblische Kontext selbst bei einem angemessenen Verständnis der Verse und bei einem Ausschluss falscher, missbräuchlicher Interpretationen. Es bleiben trotzdem noch viele verschiedene Interpretation und Aktualisierung biblischer Texte möglich.
Ebenso wichtig für eine passende Interpretation ist der historische Kontext der Texte: Sowohl zur Zeit Jesajas wie auch zur Zeit Jesu war Israel von dominanten Grossmächten seiner Zeit militärisch und politisch bedrängt oder gar besetzt (Assur im 8. Jh. v. Chr., Rom im 1. Jh. n. Chr.). Jesaja und die Bergpredigt wurzeln somit beide in der Frage, wie eine kleine, bzgl. Macht und Einfluss massiv unterlegene Gruppe aufrichtig, in Treue zu sich selbst und zu Gott und dennoch in realistischer Einschätzung der politisch-militärischen Realität, leben und überleben kann. Diese an das eigene Volk gerichtete, selbstkritische Verkündigung zur Jagd auf Migrant:innen zu missbrauchen, verzerrt sie bis zur Unkenntlichkeit.
Diese beiden Grundregeln zur Auslegung und Aktualisierung biblischer Texte – Beachtung des literarischen, innerbiblischen sowie des historischen Kontextes und damit auch die Erhebung des ursprünglichen Sinngehaltes biblischer Texte – wurden schon vor über 30 Jahren in einem bis heute lesenswerten Dokument der Päpstlichen Bibelkommission festgehalten. 5Es würdigt die unterschiedlichsten Methoden von Bibellektüre, Interpretation und Auslegung von der historisch-kritischen Methode bis hin zu feministischen Zugängen und arbeitet die Chancen und Grenzen heraus, die die jeweiligen Methoden bieten. Nur eine einzige Methode lehnt dieses wichtige Dokument grundsätzlich ab: die fundamentalistische Bibelauslegung, mit der wir es in den erwähnten Beispielen zu tun bekommen haben. Zu dieser Methode schreibt die Päpstliche Bibelkommission:
„Der fundamentalistische Zugang ist gefährlich, denn er zieht Personen an, die auf ihre Lebensprobleme biblische Antworten suchen. Er kann sie täuschen, indem er ihnen fromme, aber illusorische Interpretationen anbietet, statt ihnen zu sagen, dass die Bibel nicht unbedingt sofortige, direkte Antworten auf jedes dieser Probleme bereithält. Ohne es zu sagen, lädt der Fundamentalismus doch zu einer Form der Selbstaufgabe des Denkens ein. Er gibt eine trügerische Sicherheit, indem er unbewusst die menschlichen Grenzen der biblischen Botschaft mit dem göttlichen Inhalt dieser Botschaft verwechselt.“ 6
Die Bibel zurückholen
Die Bibel ist frei für alle Menschen zugänglich, und die Zeiten, in denen Kirche und/oder ein Staat zu bestimmen versuchten, wie die Bibel gelesen und interpretiert werden darf – und auch: wie nicht – sind hierzulande glücklicherweise schon lange vorbei. Zugleich werden wir heute leider Zeuginnen und Zeugen davon, wie die Bibel erneut zur ideologischen Untermauerung nationalistischer, gewaltverherrlichender und fremdenfeindlicher Diskurse missbraucht wird, nicht nur in den USA.
Es ist Zeit, die Bibel nicht denjenigen Menschen, Parteien und Politikern zu überlassen, die sie missbrauchen. Es ist Zeit, an der Bibel festzuhalten und die Bibel zurückzuholen in eine aufgeklärte, freiheitliche Lektüre. Es ist Zeit, die biblischen Grundbotschaften von Solidarität, Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Hoffnung und Frieden neu zu entdecken. Anregungen, Hilfen und Methoden dazu gibt es viele, zum Beispiel auf den Webseiten der deutschsprachigen Bibelwerke. 7

[1] https://x.com/DHSgov/status/2011149634643902647?s=20, abgerufen 02.04.2026.
[2] https://www.facebook.com/watch/?v=573034619213993, abgerufen 02.04.2026.
[3] Nicolas Kilian: Peter Thiel. Warum die Welt bald untergeht, in: Die Zeit Nr. 48/2025 vom 28.11.2025, https://www.zeit.de/2025/48/peter-thiel-antichrist-donald-trump-j-d-vance-usa?state=80nRFkVuLcArlwRZ&session_state=95d0512c-81ec-4a0f-a8cf-539e9edd9216&iss=https://login.zeit.de/realms/zeit-online-public&code=5de7f086-c62e-4478-89d0-3227e4da5730.95d0512c-81ec-4a0f-a8cf-539e9edd9216.0b7ad105-8f18-4ecf-9e7d-0c0615835a2a (abgerufen 02.04.2026).
[4] Vgl. dazu die Diskussion auf feinschwarz mit Beiträgen von Wolfgang Palaver (17.11.2025, https://www.feinschwarz.net/in-den-spuren-carl-schmitts-peter-thiels-kampf-gegen-den-antichrist/), Florian Baab (02.01.2026, https://www.feinschwarz.net/thiel-und-die-apokalypse/) und Andrew Doole (13.03.2026, https://www.feinschwarz.net/der-antichrist/), abgerufen 02.04.2026.
[5] Die Intepretation der Bibel in der Kirche, 1993. Online zugänglich u.a. auf den Webseiten des Vatikan, der Deutschen Bischofskonferenz und der Bibelwerke, z.B. https://www.bibelwerk.de/fileadmin/verein/Bilder/Was_wir_bieten/Bibel/Die_Interpretation_der_Bibel_in_der_Kirche.pdf (abgerufen 02.04.2026).
[6] Die Interpretation der Bibel in der Kirche, S. 64.
[7] www.bibelwerk.ch; www.bibelwerk.de, www.bibelwerk.at.
- https://x.com/DHSgov/status/2011149634643902647?s=20, abgerufen 02.04.2026.
- https://www.facebook.com/watch/?v=573034619213993, abgerufen 02.04.2026.
- Nicolas Kilian: Peter Thiel. Warum die Welt bald untergeht, in: Die Zeit Nr. 48/2025 vom 28.11.2025, https://www.zeit.de/2025/48/peter-thiel-antichrist-donald-trump-j-d-vance-usa?state=80nRFkVuLcArlwRZ&session_state=95d0512c-81ec-4a0f-a8cf-539e9edd9216&iss=https://login.zeit.de/realms/zeit-online-public&code=5de7f086-c62e-4478-89d0-3227e4da5730.95d0512c-81ec-4a0f-a8cf-539e9edd9216.0b7ad105-8f18-4ecf-9e7d-0c0615835a2a (abgerufen 02.04.2026).
- Vgl. dazu die Diskussion auf feinschwarz mit Beiträgen von Wolfgang Palaver (17.11.2025, https://www.feinschwarz.net/in-den-spuren-carl-schmitts-peter-thiels-kampf-gegen-den-antichrist/), Florian Baab (02.01.2026, https://www.feinschwarz.net/thiel-und-die-apokalypse/) und Andrew Doole (13.03.2026, https://www.feinschwarz.net/der-antichrist/), abgerufen 02.04.2026.
- Die Interpretation der Bibel in der Kirche, 1993. Online zugänglich u.a. auf den Webseiten des Vatikan, der Deutschen Bischofskonferenz und der Bibelwerke, z.B. https://www.bibelwerk.de/fileadmin/verein/Bilder/Was_wir_bieten/Bibel/Die_Interpretation_der_Bibel_in_der_Kirche.pdf (abgerufen 02.04.2026).
- Die Interpretation der Bibel in der Kirche, S. 64.
- www.bibelwerk.ch; www.bibelwerk.de, www.bibelwerk.at.
Kommentare
Noch kein Kommentar