Auffahrt als Anlass, Väter zu feiern

In Deutschland fallen Auffahrt und «Vatertag» zusammen, dabei gibt es zwischen beiden Festen inhaltlich keinen direkten Bezug. Lässt sich dennoch eine Verbindung herstellen? Ein Blick auf Väter in der Bibel zeigt: Die biblischen haben mit den heutigen Vätern mehr gemeinsam, als man zunächst ahnen könnte.

Was feiern wir an Auffahrt?

40 Tage nach Ostern ist Christi Himmelfahrt, auch Auffahrt genannt. Das Fest findet immer an einem Donnerstag statt und ist ein landesweit gesetzlich verankerter Feiertag. Aber was feiern wir da eigentlich? Diese Frage zu beantworten, fällt auch praktizierenden Christ:innen nicht immer leicht.

Die Bibel berichtet von der Himmelfahrt Christi im Lukas-Evangelium (Lk 24,50–53) und in der Apostelgeschichte (Apg 1,9ff.).  Hier wird sie als sichtbares Entschwinden Jesu vor den Augen seiner Jünger:innen beschrieben. Auch die Aufnahme in den Himmel findet Erwähnung, jedoch als ein den Menschen verborgenes Geschehen.

Dass die Himmelfahrt Christi im Neuen Testament ansonsten nicht thematisiert wird, deutet darauf hin, dass sie nicht von Anfang an zur Jesus-Überlieferung gehörte. Sie kam wohl erst später hinzu, mit dem Ziel, eine theologische Erkenntnis zu vermitteln.

Bei der Himmelfahrt geht es nicht um ein wörtlich genommenes «Abheben» Jesu in und über die Wolken, sondern um eine «Erhöhung» im übertragenen Sinne. Jesus wird in den Himmel aufgenommen, das heisst, er hat Teil an der Herrschaft Gottes und ist ihm so nahe wie niemand sonst.

In den Anfängen des Christentums wurde die Aufnahme Jesu in den Himmel mit Ostern oder Pfingsten mitgefeiert. Christi Himmelfahrt als eigenständiges Fest existiert erst seit Ende des 5. Jahrhunderts. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird anlässlich des Festes nicht nur die Erhöhung und Wiederkunft Christi betont, sondern auch seine bleibende Anwesenheit in der Gemeinde. 1

links: Die Reidersche Tafel, eine Elfenbeinschnitzerei aus dem Jahr 400, gilt als eine der ältesten Darstellungen von Christi Himmelfahrt. rechts: Darstellung Christi Himmelfahrt im Rabbula-Evangeliar, entstanden im Jahr 586.
links: Die Reidersche Tafel, eine Elfenbeinschnitzerei aus dem Jahr 400, gilt als eine der ältesten Darstellungen von Christi Himmelfahrt. rechts: Darstellung Christi Himmelfahrt im Rabbula-Evangeliar, entstanden im Jahr 586.

«Er sitzt zur Rechten des Vaters»

In meiner deutschen Heimat hat das Himmelfahrtsfest in den vergangenen Jahren eine neue Bedeutung bekommen, die den religiösen Bezug zunehmend verdrängt. Im Volksmund ist der Himmelfahrts- zum «Vatertag» geworden, der als Pendant zum Muttertag gefeiert wird. An diesem Tag ziehen Männergruppen mit einem Bollerwagen oder Schubkarren auf eine Wanderung und konsumieren dabei häufig beträchtliche Mengen Alkohol.

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße bekundete vor ein paar Jahren gegenüber der «Neuen Osnabrücker Zeitung» zwar, solange es nicht ausarte, sei gegen ein solches Feiern an Himmelfahrtstag aus seiner Sicht nichts einzuwenden. Von christlicher Seite wird die Verbindung der beiden Feste zuweilen dennoch kritisch beäugt.

«Er sitzt zur Rechten des Vaters», heisst es im Glaubensbekenntnis über Jesus. Diese «Vater-Nähe» feiert der Himmelfahrtstag. Das ist aber wohl auch der einzige inhaltliche Bezug, der sich zwischen Himmelfahrts- und Vatertag herstellen lässt. Ausserdem gab es am Himmelfahrtstag schon im Mittelalter Prozessionen durch Felder und Wiesen, allerdings nicht begleitet durch Bier oder Wein, sondern durch Gebete um eine reiche Ernte. Im Luzernischen haben solche Umritte am Himmelfahrtstag bis heute Tradition.

Die Kombination der beiden Feste kann darüber hinaus aber Anlass geben, einmal auf Väterfiguren in der Bibel zu schauen. Der evangelische Theologe Uwe Birnstein hat vor einigen Jahren ein lesenswertes Buch mit 20 Portraits über Väter in der Bibel geschrieben. Seine These: Auch wenn die meisten biblischen Väter mit Blick auf die Kinderziehung heute kaum mehr als Vorbild gelten könnten, so seien ihr Nachdenken über die Vater-Rolle, ihre Ängste und Nöte, Sehnsüchte und Träume von denen der heutigen Väter gar nicht so weit entfernt. 2

Der Auffahrtsumritt in Beromünster, LU, 2025. © Pius Muff

Der «Stammvater» Abraham

Zwei von Birnstein portraitierte Väter der Bibel seien an dieser Stelle herausgegriffen. Zum einen Abraham, der «Stammvater» von Judentum, Christentum und Islam: Seine Geschichte ist voller Dramatik und Ambivalenzen, stösst ab und fasziniert, erschreckt und beeindruckt. Die Vaterschaft bleibt Abraham zunächst verwehrt, seine erste Ehe mit Sara bleibt kinderlos. Doch Gott verheisst ihm eine grosse Kinderschar: «Ich will dich zum grossen Volk machen und will dich segnen und dir einen grossen Namen machen, und du sollst ein Segen sein», heisst es im ersten Buch Mose (1. Mose 12,2).

Auf Vorschlag seiner Frau Sara geht er zu seiner Magd Hagar und zeugt mit ihr ein Kind. Es ist nachvollziehbar, dass diese Situation bei Sara dann doch Eifersucht hervorruft und Abraham in ein Wechselbad der Gefühle führt – glücklich über die Nachkommenschaft, aber im Konflikt zwischen Sara und Hagar.

Mit dem Sohn Ismael leben sie dreizehn Jahre zu viert zusammen. Schliesslich gebiert auch Sara noch einen Sohn, Isaak, und wieder gibt es Streit. Abraham steht zwischen den Frauen und zwischen den Söhnen – und vor Herausforderungen, wie Birnstein schreibt, die wohl auch heutigen Vätern in Patchwork-Familien nicht fremd sind.

Dann erhält Abraham Anweisungen von Gott: Den einen Sohn soll er mit dessen Mutter wegschicken, den anderen soll er opfern. Abraham folgt beiden Anweisungen. Er schickt Ismael und Hagar in die Wüste. Isaak muss nicht sterben, dafür sorgt Gott im letzten Moment. Die letztere Geschichte zählt zu den bekanntesten der Bibel, aber auch zu den verstörendsten und interpretationsbedürftigsten. Birnstein deutet sie als Aufforderung an alle Väter, über ihre Machtposition und ihren Glauben nachzudenken und als Appell, trotz allen Glaubens die eigenen Gefühle und den Verstand nicht zu vergessen.

Der Vater des «verlorenen Sohnes»

Eine andere sehr bekannte Vater-Geschichte ist die des Vaters des «verlorenen Sohnes», von dem Jesus in einem Gleichnis im Lukas-Evangelium erzählt (Lk 15, 11–32): Ein wohlhabender Mann hat zwei Söhne. Der Jüngere bittet den Vater, den ihm zustehenden Erbteil schon zu Lebzeiten zu bekommen. Mit dem Geld zieht der Sohn fort. Der Vater lässt ihn gehen, ohne ihm Ratschläge zu erteilen. Der Sohn sucht sein Glück, doch er scheitert und kehrt voller Scham heim. Der Vater aber empfängt ihn mit offenen Armen, voller Liebe und Freude.

Jesus ging es bei dem Gleichnis nicht um Väter und ihre Söhne, sondern um seine eigene Haltung gegenüber Sünder:innen und Randständigen. Das Gleichnis lässt sich mit Birnstein aber auch in der Vater-Sohn-Perspektive lesen. Fragen des Loslassens, des Zurückstellens sich aufdrängender Gefühle und des Zugehens auf andere, insbesondere die eigenen Kinder. Der Vater aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn taugt insofern sehr wohl als Vorbild für heutige Väter – auch wenn sein Verhalten schon fast übermenschlich erscheint.

Vatersein ist kein paradiesischer Zustand

Zu Beginn seines Buches blickt Birnstein auf Adam. Dieser wird erst nach Verlassen des Paradieses Vater. «Vatersein ist kein paradiesischer Zustand», schreibt Birnstein denn auch. Vatersein ist nie reines Glück, sondern immer auch anstrengend und herausfordernd – selbst das lässt sich schon in der Bibel nachlesen.

Väter zu feiern, ist also allemal berechtigt. Dies an Auffahrt zu tun, dagegen keinesfalls zwingend.

Von Generation zu Generation, Väter als wichtige Bezugspersonen sollen gefeiert werden, ob an Auffahrt oder zu einem anderen Anlass. ©iStock
  1. Vgl. Franz, Ansgar, Art. Himmelfahrt Christi, in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg u.a.1996, 122–124.
  2. Vgl. auch zum Folgenden: Birnstein, Uwe, Väter in der Bibel. 20 Portraits für unsere Zeit, Freiburg i. Br.: Herder 2015.

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